Der Neue Merker

FRANKFURT: MEXICANISCHE NACHT

Frankfurt: „MEXICANISCHE NACHT“ 22.11.2016

Gabriela Montero- Carlo Miguel Prieto (c) AOF
Gabriela Montero, Carlos Miguel Prieto. Copyright: AOF
 
Zur musikalischen Reise in mittel- und südamerikanische Gefilde lud Pro Arte,  servierte dazu temperamentvolle Rhythmen deren Faszination man sich nur schwerlich entziehen konnte. Zu Gast war das Orquesta Sinfónica Nacional de México unter der Leitung seines Chefdirigenten Carlos Miguel Prieto – doch im Mittelpunkt des Interesses stand die international gefeierte Pianistin Gabriela Montero mit ihrem eigens komponierten und vor wenigen Monaten uraufgeführten „Latin Conerto“.
 
Auf die Frage nach ihrem Klavierkonzert, antwortet die Künstlerin: „Mein Konzert“ ist ein festliches, rhythmisches, dunkles und dramatisches Stück. Es ist in drei Sätze gegliedert Mambo – Andante moderato – Allegro venezolano und setzt gleichermaßen Virtuosität beim Solisten wie Orchester voraus.
 
Schon zur orchestralen Einleitung wird dem Hörer offenbar Gabriela Montero verfügt über ein sehr großes Wissen der Musikgeschichte und verleugnet zudem in keiner Weise ihre Verwurzelung zur musikalischen Folklore ihrer Heimat Venezuela. Mit Zwölftonmusik hat diese Komposition weniger gemein, viel mehr komponierte die Dame für die Ohren und ihre Klangvorstellungen bewegen sich vorwiegend im Rahmen der funktionellen Tonalität. Architektonisch bestens konstruktiv eröffnet Montero mit Mambo ein Kaskadenfeuerwerk pianistischer Virtuosität in umwerfend kolossalem Enthusiasmus.
 
In großen Phrasierungsbögen formt die Pianistin in gestalterischem Konzept das Andante moderato begleitet vom facettenreichen Sound des begleitenden Orquesta Sinfónica in seiner durchbrochenen Instrumentation. Keck dialogisierte die Solotrompete zuweilen mit dem Klavierpart. Miniaturen impressionistischer Ravel-Klänge schimmern durch den Melodienreichtum der Komposition. Es ist beeindruckend mit welcher Selbstverständlichkeit sich tänzerische Akkorde  aus Mambo, Salsa, venezolanischen Rhythmen im Wechsel verhalten-süffisant sich zu melodischer Gesamtlinie formen. Das gesamte Werk beinhaltet keine Solo-Kadenz und wird durchströmend im prächtigen Einklang des Orchesters musiziert.
 
Jazz-Elemente eröffnen den Klavierpart eingebettet in variable Synkopen des finalen Allegro venezolano  kraftvoll ungemein in orchestraler Korrespondenz  bewegt sich die Musik im Einklang der typisch südamerikanischen Elemente. Gabriela Montero interpretierte ihre Musik voller Charme, Poesie, Brillanz – sie beherrscht das ganze Spektrum des Klavier-Kosmos. Nachhaltig ihr bewundernswertes erfinderisches Talent in Verbindung pianistischer Mittel: Das macht auf Kommendes neugierig. Bravo !
 
Das Publikum war hingerissen und feierte die sympathische Künstlerin gebührend,  charmant plauderte  Gabriela Montero mit den Zuhörern,  fragte in einer Art Wunschkonzert was sie spielen sollte. Prompt kam der Wunsch „West Side Story“ aus den Reihen. Wenige Takte  erklangen im Original und sodann variierte Montero Themen als hätte es J.S. Bach komponiert, dabei entlud sich ein solistisches Brillant-Feuerwerk welches regelrecht den Atem verschlug. Ein Aufschrei der Begeisterung und Bravoorkan brach über Montero herein.
 
Die Einleitung dieses unvergleichlichen Konzertabends bildete jedoch der symphonische  „Huapango“ 1941 von José Pablo Moncayo komponiert, einem mexikanischen Volkstanz mit den typischen rhythmischen Elementen der Mariachi-Musik. Sorgfältig modellierte Carlos Pablo Prieto mit dem fulminant aufspielenden Orquesta auf bewundernswerte Weise Intellekt, Gefühl und Technik der Stilelemente dieser sinnlichen Komposition zum poetischen Spiel.
 
Ein weiteres Highlight des interessanten Konzertabends bildete die „Sinfonia India“ (Carlos Chávez) deren Motive aus Musik diverser Indianerstämme zugrunde liegen. Der Dirigent stellte zuvor diverse in der europäischen Tradition unbekannte Instrumente vor und meinte es gäbe noch mehr – aber die Zeit … Das Orchester ist durch einige Eingeborenen-Instrumente bereichert und beginnt mit der scharf rhythmischen Melodie der Huicholen, eine sehr schöne Yaqui-Melodie schließt sich an. Hornrufe beenden die Verarbeitung dieser Themen und leiten zur im Adagio vorgetragenen Melodie über. Darauf kommt es über Wendungen zur Adoption eines kompliziert akzentuierten Themas  der Insel Riborón, welches in  anschwellender Instrumentation mehrmals wiederkehrt und zum Finale führt. Selten wurden ähnlich erregende Töne komponiert und Prieto verband mit dem klangvollen Orquesta Sinfónica die bezaubernden Tönungen der Partitur auf bewundernswerte Weise.
 
Wie meist – das Beste zum Finale: „Noche de los Mayas“ des Komponisten Silvestre Revueltas,  1939 für den gleichnamigen Film geschaffen. Das Werk  gehörte zu den größten Erfolgen des Schöpfers und ist gleichzeitig Synonym für die Tragik seines kurzen Lebens.
Im ersten Teil des viersätzigen Werkes wähnte man sich in die Welt des südamerikanischen Kulturvolkes versetzt. Es beschwört im Molto sostenuto in schillernder Instrumentalkunst  von dem in allen Gruppen brillant musizierenden Orchester in bezauberndem Farbdiskant dargeboten, diese versunkende Volks-Dynastie.
 
Kriegerische  Blechformationen und Schlaginstrumente improvisieren im Scherzo „die Welt der Jaranas“, vermittelten dem Hörer akustische blutvolle Stimmungsbilder voll faszinierender Poesie im weichen Streicherklang und wiederum konträr ausufernd in imposanter großflächiger Orchestrierung.
 
Hörner blasen im Dialog der weichen  Streich- und Zupfinstrumente während des Andante espressivo zur „Nacht in Yucatán“ im späteren rhythmischen Kontext mit den Holz- und Blechfraktionen zu imposantem Klangerlebnis.
 
Jedoch stellten die Instrumental-Eruptionen des finalen  Tema y variaciones zur „Noche de Encantamiento“  alles bisher Gehörte in den Schatten und ich dachte so bei mir: die letzten Takte des Ravel-Bolero klingen dagegen wie Sphärenklänge! Ich muss  gestehen – da gab ´s, salopp formuliert was auf die Ohren. Nun kann man vor so viel begeistertem Musizieren des Gesamtapparates, vor allem jedoch ein derart dimensionales Werk einzustudieren den Hut ziehen. In hoch brisanter Explosivität brillierten in unbändiger Kraft die diversen Schlaginstrumente in Verbindung des Aufbaus der nur „angeschlagenen“ Violinen und Celli sowie der akkuraten Bläser-Brillanz zum formellen noch nie dagewesenen Erharmonik.
Temperament, Darstellung von Affekt konträr im Abschwellen der Gewalten zu reiner Emotion fanden zu unbändiger Steigerung, bildeten Höreffekte heißer und schärfer als Chilis und heizten dem Publikum akustisch mächtig ein.
 
Im Saal brodelte die ekstasische  Begeisterung regelrecht über und wurde mit dem elektrisierend-rasant dargebotenen „Sones de Mariachi“ auf den schwungvollen Heimweg entsandt. Die immense und nachhaltige Suggestion dieses unvergesslichen Konzertabends dürfte in die Annalen der AOF eingehen.
 
Gerhard Hoffmann
 
 

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