Der Neue Merker

FRANKFURT: LES VESPRES SICILIENNES – Etikettenschwindel

FRANKFURT: LES VESPRES SICILIENNES – Etikettenschwindel (besuchte Vorstellung am 3.12.2017)

Aus der mittleren Schaffensperiode Giuseppe Verdis stammt diese sog. Grand Opéra, die ursprünglich auf ein franzöisches Libretto vonEugène Scribe und Charles Duveyrier basiert. Verdi hatte mit dieser Oper einen klaren historischen Kontext im Visier. Der sizilianische Aufstand von 1282. Die Oper nimmt also Bezug auf den historischen Aufstand gegen die Herrschaft Karls von Anjou, der am Ostermontag, dem 30. März 1282, abends in Palermo begann und rasch auf ganz Sizilien übergriff. Anführer war Giovanni da Procida. Einer der Hauptprotagonisten der Oper und Kopf des Aufstandes.

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Foto: Barbara Aumüller

Regisseur Jens-Daniel Herzog interessierte diese sehr konkrete Verortung überhaupt nicht. Er hatte erkennbar kein Vertrauen in Verdis meisterhafte Musik. Herzog zeigt gleich zu Beginn seine fehlende musikalische Kompetenz darin, indem er die Ouvertüre „bebilderte“. Eine völliger Unsinn. Gerade eine Potpourri-Ouvertüre ermöglicht dem Zuhörer die musikalische Orientierung für den weiteren Stückverlauf. Aber nein, Herzog musste ja seine Geschichte erzählen! Der sizilianische Aufstand, Palermo, 1282…..alles egal! Viel mehr benutzte er Verdis Werk, um es zu aktualisieren und es bildlich in die Wirtschafts- und Bankenwelt der 1960ziger Jahre zu transferieren. Der Gedanke der Aktualisierung ist alt, abgestanden und daher das Konventions-Theater von heute. Vielfach standen die Solisten beziehungslos an der Rampe. Aha, sehr innnovativ! Noch nie gesehen! Dieser Zeitenwechsel erzeugte viel szenische Banalität und legt viel mehr Zeugnis dafür ab, dass es dem Regisseur an Begabung und Können fehlt, sich erkennbar mit den Vorgaben des Librettos auseinanderzusetzen! Vermutlich muss der arme Procida sich im Frankfurter Bahnhofsviertel einen Joint gekauft haben, um von Palermo fantasieren zu können! Die szenische Tristesse, die Mathis Neidhardt dem Zuschauer zumutet, erinnert an dieses „Ambiente“. Ein Etikettenschwindel also, keine „sizilianische Vesper“, sondern eine „herzoglische Terrorgeschichte“ sehr frei nach der Vorlage von Giuseppe Verdi. Thema verfehlt, Schwamm‘ drüber!

Musikalisch ist Verdis große Oper überreich mit hinreißenden Melodien und großartigen Ensembles versehen. Die Gesangspartien gehören mit zu den anspruchsvollsten Partien, die der Meister aus Bussetto seinen Sängern in die Kehle schrieb.

Als Hélène war Barbara Haveman zu erleben. Sie besitzt hörbare Erfahrung mit dieser exponierten Partie und war bereits darin u.a. in Amsterdam zu erleben. Stimmlich bewältigte sie die Anforderungen inzwischen leider nicht mehr sicher. Vor allem in den weit ausschwingenden Phrasen fühlte sie sich unwohl. Ausgerechnet der weltbekannte Bolero des fünften Aktes geriet zur peinvollen Tour de force. Die Koloraturen klangen nach Schwerstarbeit und der höchste Ton wurde nur noch als kehliger Schrei absolviert. Darstellerisch blieb sie als hier gezeigte Terroristin blaß und vornehmlich auf die musikalische Bewältigung konzentriert. Nachdem Russell Thomas seinen Rollendebüt als Henri absagte, erhielt Leonardo Caimi seine Chance, sich in dieser Rolle vorzustellen. Henri ist ein lange und sehr fordernde Tenorpartie, die bis zum „Cis“ raufgeht. Nach seinem eher durchwachsenen Cavaradossi in der vergangenen Frankfurter Spielzeit, überraschte Caimi mit einer erstaunlich sicheren stimmlichen Leistung. Besonders schön seine herrliche Mittellage und hier bei Verdi die vielen leisen Töne, die er sang. Leider ist die sicher bewältigte Höhe klanglich nicht von ebensolcher Qualität.  Die Durchschlagskraft lässt erheblich nach. Schade. Auch er blieb wie seine Partnerin sehr blass in der szenischen Wirkung. Letzteres lässt sich auch über Kihwan Sim in der Rolle des Procida sagten. Mit der Aura eines Bankbeamten konnte er zu keinem Zeitpunkt den obsessiven, von Rache getriebenen, Charakter szenisch vermitteln. Ordentlich bewältigte er seinen musikalischen Part, wirkte stimmlich aber viel zu akademisch und brav. Im Mittelpunkt der Begeisterung stand hingegen der überragende Christopher Maltman als Montfort. Hier ist er also, der begeisternde, ideale Bariton, der die herrlichen Verdi-Partien auf allerhöchstem Niveau realisiert. War schon sein Simon Boccanegra in Frankfurt eine Wucht, so hat sich seine Stimme in der Zwischenzeit noch raumgreifender entwickelt. In seiner großen Arie im dritten Akt zeigte er eine große dynamische Bandbreite vom feinsten Pianissimo bis zum markigen Forteklang. Berührend seine sensibel abgestuften „Mon fils“ („Mein Sohn“) Ausrufe! Zu erleben ist also ein Sänger im Zenit seiner Möglichkeiten, der darstellerisch und vor allem stimmlich alle Anforderungen mit einer exzellenten Mühelosigkeit umsetzen kann. Eine großartige, unvergessliche Leistung!

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Christopher Maltman: Foto: Barbara Aumüller

In den vielen Nebenpartien bewährten sich die Ensemble-Mitglieder der Oper Frankfurt gut.

Größte Anforderungen stellt die Partitur auch an den Chor. Hier hatte Chordirektor Tilman Michael gute Arbeit geleistet. Chor und Extrachor der Oper Frankfurt verwöhnten die Zuhörer auf bestem Niveau. Ob im Piano oder in den Fortissimo-Steigerungen der Ensembles, dieser Chor ist eine große Freude!

Erstmals mit dieser Oper in Frankurt war Dirigent Stefan Soltesz zu erleben. Er präsentierte sich vor allem als dynamischer Zuchtmeister, der rigide immer wieder das Orchester in seiner Spielfreude ausbremste. Selten war eine derart lähmend, gedrosselte Ouvertüre zu hören. Im Verlaufe der Vorstellung entspannte er sich etwas. Immerhin sorgte er für eine vorzügliche Balance zwischen Graben und Bühne. Das Orchester war sehr konzentriert bei der Sache, so dass auch von diesem eine freudvolle Leistung zu erleben war.

Am Ende differenzierter Applaus, größter Jubel dabei für Christopher Maltman im halbvollen Hause.

Besuchte Vorstellung: 03. Dezember 2017

Dirk Schauss

 

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