Der Neue Merker

FRANKFURT / hr-Sendesaal: WADAIKO KOKUBU aus Osaka

FRANKFURT / hr-Sendesaal: WADAIKO KOKUBU aus Osaka am 17. März 2017

Die Taiko als gigantische Basstrommel und die Shakuhachi als zeremonielle Flöte, gefertigt aus den Wurzeln einer Bambuspflanze zählen zu den faszinierendsten traditionellen Instrumenten in Japan.

 Chiaki Toyama, einer der führenden Meister des japanischen Bambusflötenspiels unterstützt vom artistischen Trommelsturm seiner 1998 gegründeten Taiko-Gruppe schafft unter dem Projektnamen Wadaiko Kokubu eine musikalische Verflechtung aus Kraft und Poesie, dramatischer Rhythmik und zarter Melodie. Die Symbiose der kontrastierenden Klänge steht für die Harmonisierung von Körper, Geist und Seele – sowohl des Individuums als auch übertragen auf die Gemeinschaft. Mit hinein spielt die Austreibung von Dämonen und Beschwörung der Götter im Sinne des Shintoismus. Entsprechend entfalten die Konzerte von Chiaki Toyama und seiner Wadaiko Kokubu Gruppe ein intensives Erleben fernöstliche Spiritualität, die auch westliches Publikum regelmäßig tief bewegt.

 Showeffekte und eine ausgeklügelte Lichtregie wie bei den kommerziellen Touren bekannterer japanischer Trommler gibt es hier nicht. Im Vergleich zu anderen Taiko-Gruppen ist Wadaiko Kokubu bei aller stilistischer Eigenständigkeit betont traditionell gebunden. Die spirituellen Konzerte sollen nicht zuletzt dazu dienen, die Gemeinschaft freundschaftlich zu stärken und zu einer besseren Welt beizutragen. So ist es nicht verwunderlich, dass die in Frankfurt beheimatete Gruppe Sakura No Ki Daiko in das Konzert involviert wurde.

 Wadaiko Kokubu eröffnet das gut besuchte Konzert mit den Stücken Mitsuya (Drei Pfeile), Tombo (Drachenfliege) und Temma (Pegasus). Wadaiko Kokubu hat Tombo für ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten Opfer des Fukushima- Erdbebens vor fünf Jahren komponiert. Eine große Anzahl der Opfer verlor Familie und Freunde. Etliche hatten Schwierigkeiten gehabt, sich von dem Schock zu erholen, andere hatten ihre Träume und Hoffnungen unter diesen schmerzhaften und sorgenvollen Umständen verloren. Trotz der Härte hat Kokubu den Glaubenssatz „vorwärts gehen, ohne zurückzuschauen“ in dem Stück verarbeitet. Die Drachenfliege fliegt schnell herum und bewegt sich dabei nur vorwärts, niemals rückwärts. Sie wird als Geist des Futentai angesehen, was bedeutet, die eigene Überzeugung stabil beizubehalten und niemals zu wanken.

 Die Spieler aus Osaka sind zwischen zwölf und 24 Jahren alt und neben unglaublicher Präzision beeindrucken sie mit schier unbändiger Kraft und Energie. Ebenfalls präzise, aber etwas zarter im Anschlag präsentiert die hauptsächlich aus weiblichen Trommlerinnen bestehende Formation Sakura No Ki Daiko. Sakura und Matsuri sind die beiden Lieder, die sie vor der Pause erklingen lassen. Dank der charmant vorgetragenen Einführungen von Marina Medina erfährt man Einiges zum Inhalt und den Hintergründen der Werke. Zu Sakura erläutert sie: „Der Kirschbaum ist der beliebteste Baum Japans. Man verehrt ihn, liebt ihn und schützt ihn vor der zerstörerischen Energie der Natur und des Menschen. In der Blütezeit strahlt er Schönheit, Harmonie und Würde aus.“

In der Pause erobern die zahlreich im Publikum vertretenen Kinder die Bühne und erforschen lautstark die Kraft und die Faszination der Instrumente. Spätestens jetzt wird klar, warum beim Einlass Ohrstöpsel an die Besucher ausgegeben wurden.  

 

Der zweite Teil des Abends beginnt mit einer Hommage an Japans höchsten Berg: Fuji. Nirgendwo auf dieser Erde gibt es einen Berg, dessen Schönheit der des Fujiyama gleicht. Der Berg kann auf verschiedene Weise geschrieben werden. Eine davon ist 不二 (Fuji). Das erste Zeichen „Fu“ bedeutet unmöglich. Das zweite Zeichen beschreibt die Zahl zwei. So ergibt sich die Bedeutung: Ein Berg mit solch einer Pracht gibt es unmöglich zwei Mal.

 fui
Foto: Marc Rohde

 Es folgen Shinzan (Heiliger Berg) und Habataki, bevor das Ensemble Sakura No Ki mit Otokogumi nachlegt. In jedem von uns steckt sowohl ein Teil weiblicher als auch männlicher Energie. Obwohl das Stück Otokogumi für eine Männergruppe komponiert wurde, zeigt Sakura No Ki Daiko, dass auch weibliche Energie sehr ausdrucksvoll sein kann.

Zum Finale vereinigen sich die Gäste aus Japan mit den Musikern aus Frankfurt und musizieren gemeinsam die Stücke Shunka (Frühling und Sommer) und Hitotsu (Eins Sein). Hier wird auch das Publikum ganz besonders motiviert, sich durch Händeklatschen in diesen niemals wiederkehrenden Moment mit einzubringen und mit Wadaiko Kokubu Eins zu sein.

 Nach tosendem Beifall und Standing Ovations gibt es insgesamt vier packende Zugaben. Dass die Musik bei aller Kraft auch eine meditative Wirkung hat, beweisen zwei kleine japanische Kinder neben mir, die friedlich auf ihren Sitzen schlafen.

Marc Rohde

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