Der Neue Merker

FRANKFURT: GÜNTHER GROISSBÖCK – eine Sternstunde der Liedkunst

Frankfurt: „GÜNTHER GROISSBÖCK“ – 25.09.2017

Eine Sternstunde der Liedkunst

Gerold Huber - Günther Groissböck (c) AOF Wonge Bergmann
Gerold Huber, Günther Groissböck. Copyright: AOF Wonge Bergmann

Das Musikfest der neuen Spielzeit in der Alten Oper war betitelt „Fremd bin ich …“ und nahm „Die Winterreise“ (Franz Schubert) zum Slogan diverser Veranstaltungen des Ausgangspunkts einer Wanderschaft durch musikalische, gesellschaftliche und persönliche Erfahrungswelten des Fremdseins. Ein Sopran sowie drei Tenöre nahmen sich zuvor dem Liederzyklus an und der Bass Günther Groissböck bildete zweifellos den finalen Höhepunkt im illustren Interpretationsreigen.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte widerfuhr mir das Glück die Größen der Liedkunst zu erleben, doch muss ich gestehen, selten zuvor erlebte ich die „Winterreise“ so derart spannend interpretiert oder erlag ich nur der Faszination der neuen interessanten Klangfarben einer besonders tiefen Stimme? Wie dem auch sei, nahm mich die handwerklich perfekte, stilistisch ungewöhnliche Musiksprache des Sängers auf ganz besondere Weise gefangen. Jedenfalls hinterließ der Vortrag des inzwischen zum Weltstar mutierten Bassisten in meinen Ohren einen sehr nachhaltigen Eindruck.

Günther Groissböck sang mit seinem modulationsreichen, kernigen und sehr dunkel gefärbten Organ mehr in philosophierend verinnerlichter Form, teils resignierend und bot dennoch immer neue Variationen der Gestaltung. Mit wenig Gestikulation verstand es der meisterhafte Erzähler die Gefühlswelten des ruhelosen Wandrers zu unterstreichen. In völligem Einklang des artikulierten und bei jedem Wort verständlichen Textes erklangen hinreißend melodisch Gute Nacht, Gefrorene Tränen und völlig unsentimental Der Lindenbaum.

Rastlos, ungestüm und keineswegs erstarrt erklang Erstarrung. Groissböck beherrscht die Verinnerlichung des Bildhaften durch prägnante vokale Abstufungen, sein Umgang mit Klangfarben läuft nie in Gefahr ins Übertriebene abzutriften. In verhaltener, schlichter ja fast erdrückter Tongebung phrasierte der Sänger eindrucksvoll und real Die Krähe und Letzte Hoffnung. Merklich hoffnungsvolle lebensbejahende Akzente erklangen zu den Texten Die Post oder Frühlingstraum. Auf exemplarische Weise erfüllte der ausdrucksstarke Bassist die Inhalte mit Leben, nuancierte mit vollen Ausdrucksfarben dank seines herrlichen Timbres und zügelte sein mächtiges Potenzial in vorbildlicher Pianokultur.

Dem Vokalisten zur Seite einer der besten Liedbegleiter unserer Zeit: Gerold Huber. Der vorzügliche Pianist erfasste Groissböcks melodische, aus dem Geist der Stimme empfundene Musik in delikate, post-impressionistische Untermalungen. Hingebungsvoll verbreitete Huber mit seinem präzisen feinsinnigen Spiel wohlfühlende Melancholie und unterstrich dennoch nachhaltig, nie vordergründig die dramatische Klangfantasie der vielfältigen Lied-Emphasen. Man spürte förmlich wie der Pianist mit dem Sänger atmet, Phrasen aufblühen ließ und stets Töne abzurunden verstand – ich gewahrte diese beseelte erlebte Meisterschaft als Kunstgewerbe auf allerhöchstem Niveau.

Natürlich fühlt man sich als Rezensent versucht fast jedes Lied zu beschreiben, dennoch musste ich meine grenzenlose Begeisterung zügeln und mich abschließend auf zwei finale Lieder beschränken. Fein dosiert, exemplarisch in prägender Kontemplation, wehmütig einfach zu Herzen gehend erklangen Die Nebensonnen und Der Leiermann.

Überschwänglich bedankte ein begeistertes Publikum diesen großen Abend der Liedkunst.

Gerhard Hoffmann

 

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