Der Neue Merker

FRANKFURT/ Alte Oper: YEFIM BRONFMAN-HR S.O.- PAAVO JÄRVI

Frankfurt: „YEFIM BRONFMAN-HR S.O.-

                       Paavo Järvi – Konzert in der Alten Oper 23.03.2017

Wurden die vorgesehenen Programmkonstellationen letzte Spielzeit wegen Krankheit des Dirigenten geändert, fand sie nun zu glücklicher Wiederholung. Zu Beginn des Konzertabends des hr-Sinfonieorchesters unter der Leitung seines einstigen Chefdirigenten Paavo Järvi spielte der renommierte Pianist Yefim Bronfman das selten aufgeführte „Zweite Klavierkonzert“ von Peter Tschaikowsky in der Alten Oper.

Wie das erste, so war auch Tschaikowskys zweites Klavierkonzert für Nikolaj Rubinstein bestimmt, der jedoch vor der UA starb. Schließlich wurde das Werk am 18. Mai 1882 in Moskau mit dem Solist/Komponist Sergej Tanejew unter der Leitung von Anton Rubinstein uraufgeführt.

Im Tutti des Orchesters wird der erste Satz  mit dem marschähnlichen Thema eingeleitet, sodann folgen die liedhaften Gebilde vom Klavierpart akkordisch umspielt und beantwortet. Yefim Bronfman gestaltete die Oktavenpassagen in stets kontrollierter Virtuosität,  genuinen Musikalität sie wirkten stets angenehm kommunizierend zum Orchesterklang. Hymnisch leuchtend erklang die rasende Solo-Kadenz, in effektvollem Finish folgte die Coda-Stretta in derart technischer Perfektion, dass es einem schier den Atem verschlug.

Vorbildlich ordnete sich Bronfman im Klaviertrio des Andante non troppo zum betörenden Responsorium der Solo-Violine und des Solo-Cello ein um sodann  volltönend, virtuos, konzentriert bar jeglicher Extravaganzen seinen solistischen Part ausklingen zu lassen. In leidenschaftlich drängender Steigerung entfaltete jedoch der Pianist im folgenden Mitteilteil sein meisterhaft rauschendes Passagenwerk in virtuosen Kadenzen. Im Sound  arpeggierter Harfenakkorde zum vortrefflich begleitenden Orchester klangen die Satzpassagen elegisch aus.

Das tänzerisch dahin jagende Rondo-Finale  gehört zu den brillantesten Konzertsätzen des Komponisten und Yefim Bronfman entfaltete dementsprechend nochmals sein außerordentliches pianistisches Können. Charakterisierte in punktierten Rhythmen glanzvolle Finessen in trefflichen Klang-Balancen und krönte dieses Finale in handwerklicher Perfektion. In bezwingender Klangreinheit formierte Järvi sein prächtig disponiertes Instrumentarium zu imposantem Musizieren.

In großer Begeisterung feierte man den bescheidenen Künstler in stetem Einbezug der beiden Soloinstrumente, des Dirigenten und des phantastischen Orchesters. Dennoch keine Zugabe.

Nun war es denn soweit die „Nullte Symphonie“ von Anton Bruckner erlebte nach Verzögerung ihre Aufführung. Die überlieferte Partitur-Handschrift aus dem Jahre 1869, die der Komponist 1895 mit einer großen Null und den Randbemerkungen verworfen, ganz ungültig, annuliert, nur ein Versuch versah, dokumentiert bereits eine nach Vollendung der  Ersten Symphonie entstandene Zweitfassung. Doch welch ein Glück, dass die Urschrift nicht verloren ging, denn null und nichtig kann man dieses Werk (aus unserer heutigen Sicht) in keiner Weise bezeichnen, denn zur vorausgegangenen f-Moll-Symphonie ist die charakteristische Eigensprache der „Nullten“ bereits unverwechselbar ausgeprägt. Dies gilt weniger für die architektonische Formung, welche sich noch stark an klassische Muster hält, wohl aber für die Thematik, den klanglichen Habitus des Werkes.

Marschähnlich beginnt das Hauptthema des ersten Satzes, wirkt jedoch mehr als Begleitfigur welcher mit vollem Eintritt des Orchesters zum zweiten Gedanken überleitet, von den Violinen  geteilt angestimmt und vom Horn übernommen, von den weiteren Bläsern kräftig intoniert und in Unisono-Gängen des gewaltigen Apparats prächtig umgesetzt. Vom ersten Takt an überraschte Paavo Järvi mit dem hervorragend disponierten hr-Sinfonieorchester mit intellektueller Fokussierung und sorgfältiger melodischer Profilierung.

In erfrischender Ursprünglichkeit folgte das vom gesamten Klangkörper prächtig ausgeformte Andante mit dem zu Beginn exponierten choralischen Gesangsthemen, die zum festen Vokabular Brucknerscher Sinfonik werden sollten. Über den zarten harmonischen Streichern modellierte Järvi weitere weitgeschwungene Gedanken herrlich von Violinen und Holzbläsern gesponnen. Episodenhaft ließ der versierte Dirigent verwandte Zwischensätze in variierten Wiederholungen aufleuchten und führte den vorzüglichen Orchester-Apparat in den weihevollen Satzausklang.

Gelöst, entspannt, blühend entwickelten sich die Gedanken des Scherzo mit seinem melodischen Trio, einer Tanzweise herrlich akzentuiert in schärfstem Gegensatz zu kantabel-lyrischen Charakters.

Umwerfend kontrapunktisch zur Moderato-Einleitung führte Paavo Järvi das Orchester ins finale  Moderato -Allegro vivace. Lapidargedanken verirren sich in herausschlüpfenden Seitenthemen, eine chorartige Streicher-Episode beschloss  die  Exposition vom Flötensolo keck unterbrochen. In unglaublicher Präzision und Klangvielfalt ließ der Dirigent dank der nie nachlassenden Energie und Suggestion des Orchesters, die Faszination dieser grandiosen Musik erstehen, dass es einem schier vom Sitz fegte.

Das Publikum war hingerissen und feierte Järvi und seine Musiker überschäumend.

Gerhard Hoffmann

 

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