Der Neue Merker

FRANKFURT/ Alte Oper: WEIHNACHTS-ORATORIUM. „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset den „Abend“

Frankfurt / AOF: „WEIHNACHTS-ORATORIUM“ – 05.12.2017

„Jauchzet, frohlocket, auf, preiset den „Abend“

Eingebettet zwischen dem ersten und zweiten Advent erlebten die „Kantaten I, II, IV + VI“ des „Weihnachts-Oratoriums“ von Johann Sebastian Bach im Rahmen der Frankfurter Bachkonzerte in der Alten Oper eine glanzvolle Wiedergabe. Um sogleich die Eingangsworte der Chorformation vorweg zunehmen Jauchzet, frohlocket das Publikum spendete dem wunderbaren Ensemble Les Musiciens du Louvre unter der Leitung seines genialen Chefs Marc Minkowski wahre Ovationen im Rahmen der Frankfurter Bachkonzerte in der Alten Oper.

Während dieser wahrhaft grandiosen Wiedergabe dieses hervorragenden Ensembles gewann ich zunehmend den Eindruck, authentischer und spiritueller lassen sich die Kantaten-Auswahl „I – II – IV – VI“ wie unter Marc Minkowski wohl kaum gestalten. Setzte der famose Dirigent mit seinen Musiciens in der Vergangenheit mit seinen kühn-eigenwilligen Aufführungen weltweit für Furore, entfesselte er auch heute, ohne große Chorgemeinschaft für eine sensationelle Interpretation.

Gleich zu Beginn erschallten die Trompeten sowie die Pauke im pompösen Eröffnungschoral der nur „neun“ Solisten in derart exakt frappierender Formation und ließen bereits das folgende große Ereignis erahnen. Minkowski sorgte mit seinen fulminant und in klarer Schönheit aufspielenden Musikern für eine adäquate, spannungsvolle Interpretation.

Unbestreitbar musizierte dieses vorzügliche Instrumentarium auf höchstem Niveau, selten zuvor erlebte ich das Trompeten-Trio in derart lupenreinem Spiel. Johann Sebastian selbst hätte sich bar so viel musikalischer präziser Hingabe, in Ehrfurcht verneigt? Oder hätte er sich womöglich entsetzt abgewandt? Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass Bach selbst damals in dieser Form aufspielen ließ. Im Laufe der vergangenen Jahrhunderte erlebten die Tempi und ganz besonders wie zur heutigen Wiedergabe, gewaltige Tempi-Steigerungen ohne jedoch dem Werk den repräsentativen sakralen Gehalt zu entfremden. Gleich wie wir heute Bachs Kompositionen sehen, Marc Minkowski setzte ohne Zweifel mit seinem Aufführungsstil prägend-gehaltvolle Maßstäbe und ließ die Kantaten intensiv und glanzvoll in neuem Licht erstrahlen.

Auf ebenso hohem Niveau fungierten die Chorsolisten, allen voran Valerio Contaldo gestaltete mit edlem Tenortimbre nuanciert und glanzvoll die Rezitative des Evangelisten, ließ dabei auch die emotionelle Beteiligung des Vortrags erkennen und setzte vokale Maßstäbe während der klangvollen Arien.

Souverän, erfrischend leicht modellierten Lenneke Ruiten, Héléne Walter, Joanna Radziszewnska die bedeutungsvollen Sopranparts. Traumhaft sphärisch gestalteten die beiden erst genannten Damen jeweils mit einer Flöte auf der Bühne und Rang verteilt, das herrliche „Echo“-Duett.

Effektvoll deuteten die beiden Altstimmen Helena Rasker, Matylda Stasto ihre Arien mit schönem Timbre aus. Glanzvoll gesellte sich auf sehr breitem Atem und stimmschön ausgesungen der Altist Christopher Ainslie dazu.

Vital kernig und sehr virtuos intonierte James Platt beide Basspartien, vor allem sehr bewegend erklang Großer Herr, o starker König. In bester Tonalität ergänzten Paul Schweinester mit tenoralen Koloraturen sowie Philippe Bellet, Piotr Zawistowski die Solisten um sich technisch famos versiert, in imposanter Artikulation, transparent ausbalanciert im Chor zu brillieren.

Wie eingangs erwähnt feierte das euphorisch animierte Publikum alle Beteiligten mit Ovationen. Mit charmantem Akzent kündigte Marc Minkowski die Zugabe den ersten Teil der „Kantate V“ an. Elegant, in bewundernswert rasanter Expressivität formte das exzellente Ensemble diesen Part und erntete wiederum einen Jubelsturm ohnegleichen.

Vor Jahrzehnten gab der Rezensent als Wagnerianer etc. zwar schon immer mit dem Leipziger Meister sympathisierend, scherzhaft kund: na ja, mit 80 finde ich auch zu Bach – doch nun in derart profund-aussagekräftigen Interpretationen erschloss sich mir der geniale alte Johann Sebastian nun vollends.

Gerhard Hoffmann

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