Der Neue Merker

FRANKFURT/ Alte Oper: MESSA DA REQUIEM von Giuseppe Verdi

Frankfurt / Alte Oper: „VERDI-REQUIEM“ – 19.10.2017

„Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi wurde dereinst von Hans von Bülow als Oper im Priestergewand bezeichnet und die heutige Aufführung in der Alten Oper unter der Stabführung von Andrés Orozco-Estrada schien diese Aussage voll und ganz zu belegen.

Nach der schier unhörbaren Einleitung führte sich das Solisten-Quartett im Kyrie eleison mit beherztem Nachdruck ein. Souverän präsentierte Orozco-Estrada dieses Sacralwerk, grandios von ungeheurer Wucht erklang das Dies Irae, furchterregend, gewaltig, grell und noch nicht vordergründig ließ der versierte Dirigent die prächtig disponierten Blechsegmente seines HR-Sinfonieorchesters aufspielen. Durchaus legitim empfand ich diese Lesart, kündet sie schließlich vom nahenden Inferno und wurde zudem in so atemberaubender orchestraler Präzision dargeboten.

Als Konzertbesucher der internationalen Orchester-Eliten, erliege ich immer wieder der Faszination bar der höchsten Qualitätsansprüche des hessischen Klangkörpers, dessen speziellen Sound Andrés Orozco-Estrada während der letzten Jahre so nachhaltig und verwechselbar prägte. Der temperamentvolle Maestro ließ keinen Zweifel offen, dass er Verdis spätes Meisterwerk als sakramentale Reliquie verstand, hielt die Dynamik der Partitur im Verlauf der Interpretation stets gespannt, die Rhythmik gewann stets an Kontur und er verstand es konträr die breiten Tempi der kantilenenseligen Lyrismen des Melos ebenso effektvoll zu präsentieren. Das hervorragende Orchester musizierte makellos hochkonzentriert, expressiv elitär wie immer erklangen die Blechfraktionen, die seidenweichen traumhaft-elegisch intonierenden Streicher, die auftrumpfenden Pauken sowie das gesamte Instrumentarium fügten sich im meisterlichen Resümee zum elementaren Klangerlebnis.

Auf großer Linie entfaltete sich der MDR Rundfunkchor trefflich analytisch formierte sich der Damen-Chor zu schwebend sphärischen Tönen, in bester Diktion strukturelle Details bestens betonend gesellten sich die hellen und tiefen Stimmen der Herren dazu im vokal prächtigen Klangrausch.

Eingebettet in diesem opulent-akustischen Instrumental-Gemälde durfte sich das elitäre Solisten-Quartett in vokaler Pracht entfalten und präsentierte fürwahr Glanzleistungen. Bar dieses unvergleichlich homogenen Zusammenspiels vortrefflicher Sangeskunst, fände ich es ungerecht eine Stimme vorrangig zu bewerten. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass mir altem Hasen während des Offertorio-Quartetts vor bewegter Rührung die Augen überliefen.

Dem Einspringer und Retter der Aufführung in letzter Minute Kihwan Sim ( Oper Frankfurt) galten natürlich alle Sympathien. In enormer Geschmeidigkeit ließ der junge koreanische Bass sein weiches Timbre fließen. Noble mächtige Töne voll Wärme und Schönklang steuerte Sim der wunderbaren Partie nachhaltig in reichem Maße bei.

Höchste Individualität legte Violeta Urmana in den Mezzopart, schenkte ihren tiefen Registern weiche Fülle, den Höhenaufschwüngen dramatische mächtige Amneris-Töne in auftrumpfendem Schönklang und verstand es dennoch auf bewundernswerte Weise das mächtige Organ in herrlichen Piani zu zügeln.

Anmutige zum Himmel strebende Soprantöne, wunderbar auf Atem phrasiert in vortrefflichen Ausdrucksdimensionen gestaltete Erika Grimaldi ihre Parts mit betörend samtiger Mittellage, ganz besonders effektiv während des finalen Libera me.

In profunder tenoraler Prachtentfaltung und mediterranem Klangidiom verströmte Saimir Pirgu sein strahlend helles Material in geschmeidiger, technisch perfekter Vokalise.

Während meiner bisherigen dutzendfachen Live-Events der monumentalen Verdi-Totenmesse, durfte ich heute die qualitativ nachhaltigste Interpretation der letzten Jahre erleben.

Gerhard Hoffmann

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