Der Neue Merker

FRANKFURT/ Alte Oper: „JOSHUA BELL – HR S.O. – ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“

Frankfurt: „JOSHUA BELL – HR S.O. –

                    ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“ – Konzert in der Alten Oper 09.03.2017

Zum Doppelkonzert des hr sinfonieorchester in der Alten Oper war der amerikanische Weltklasse-Geiger Joshua Bell geladen und hatte das „e-moll Violinkonzert“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy im Gepäck.

In exemplarischem Vortrag spielte der großartige Künstler das Werk in hinreißender Emphase und ließ sich keineswegs zur schwerblütigen  Deutung der Partitur verleiten, seine Mendelssohn-Interpretation wirkte eher geprägt von poetischer Gefühlstiefe und eleganter Anmut. Ausdrucksstark eröffnete Joshua Bell das Allegro molto appasionato in gelöstem Passagenspiel, führte in mühelosem Aufschwung in höchste Regionen die ganze Bandbreite des Instruments ermessend, um gleichwohl zur Kadenz atmosphärische Kantilenen zu zaubern. In wohliger Ermattung wurde den Holzbläsern die Führung des zweiten Themas überlassen, fein profilierte sich die Violine versonnen gesponnen im Ton ohne jegliche Neigung zu übertreiben.

In perfekt ausbalancierten Proportionen singt das herrliche Instrument, sinnlich räumlich konzipiert die traumhafte Melodie des Andante. Zum klassischen Rondo des Allegro molto vivace welches sich äußerst kunstvoll der Sonatensatzform nähert, ließ der exzellente Virtuose die Musik ganz aus sich heraus sprechen. Die heiklen Vorgaben dieses Finale löste Bell grandios in hinreißender Dynamik, nobler Eleganz und bestechender Bravour und ordnete sich ausgewogen den Tempi des in Akkuratesse  begleitenden hr S.O. unter der Leitung seines einfühlsamen Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada unter. In fulminant klanglicher Schönheit entfaltete Joshua Bell seine meisterhafte Instrumentalkunst und versetzte das Publikum in einen Zustand der Verzückung.

Für die Begeisterungs-Salven bedankte sich der sympathische Künstler mit einer hinreißend interpretierten kurzen Bach-Zugabe.

Erfreulicherweise setzte nun Andrés Orozco-Estrada seinen begonnen Gustav Mahler-Zyklus und zwar mit der „Fünften Symphonie“ fort. Dank der hochmotivierten Führungs-Qualität des exzellenten Dirigenten, durfte man wiederum eine ungewöhnlich perfekte raffiniert instrumentierte Performance erleben. Bezwingend schenkte Orozco-Estrada dem Werk mit seinem hervorragenden Klangkörper die Aura gelassener Professionalität, welche der Partitur eine fließende natürliche Dynamik  verlieh, selten hörte ich sie so rhetorisch plausibel und unbefangen.

Bereits die eröffnende Trompetenfanfare zum Trauermarsch  sowie die dimensionale Proportion der Blechfraktionen prädestinierte die geniale Komplexität des hessischen Klangkörpers und ließ verheißungsvoll das objektive  Folgende erahnen. Virtuos leiteten die dunklen Celli und weichen Geigen die Marschrhythmik ein, zunehmend hellt sich die düstere Stimmung in weichen Empfindungen der Holzbläser auf. Gestikulierend erhebt sich das erste Trio mit grellen Trompetenmotiven und schwirrenden Violinen, leitet zum düsteren Marsch und findet im nächsten Trio seinen disharmonisch-grotesken Höhepunkt, welcher  sodann in wehmütiger Resignation verlischt.

Im stürmisch bewegten zweiten Satz scheint sich ein Mensch, in hemmungsloser Klage gegen ein unbarmherziges Schicksal aufzubäumen. Ein weitgespanntes, zerklüftetes Motiv geistert beängstigend durch die beiden Themen. Zunächst schroff kantig formulierte Orozco-Estrada die Einleitung, ließ in emotionaler Intensität den herrlichen Streicherklang aufleuchten und schenkte den ausdrucksstarken Frequenzen sowie den folgenden jähen Ausbrüchen die elegische , sanfte , ruhige Motivation. Nie zuvor erlebte ich die zahlreichen Nebenthemen in  derart fein-filigraner, transparenter Instrumentation ausmusiziert präsentiert.

Der ambivalente, zwischen forciertem Elan und gebrochener Reminiszenz (Ländler, Walzer, Horn-Episode) changierende dritte Satz beherbergt das großdimensionierte Scherzo mit seinen beiden Trios sowie der angedeuteten Burleske. Vortrefflich in klangvoller Ästhetik spielten die Orchestergruppen auf, wurden von ihrem einfühlsamen Chefdirigenten zu überragender Präzision animiert.

Diese spürbare Flexibilität, welche bei Orchester und Führung in jedem Moment erkennbare Höchstmaß an Vertrautheit mit der Partitur voraussetzt, beherrschte auch das Adagietto. Dieses pendelt zwischen träumerischem Schwelgen und dem Aufblühen des Streichersatzes ohne je larmoyant zu wirken, denn wie es schien sah es Orozco-Estrada wie der Komponist, einer innigen existentiellen  Liebesbezeugung an seine Frau Alma. Traumhaft zelebrierten Streicher und Harfe die berührende, melodisch unübertroffene Weise.

Keck tragen die Hörner die Einleitung des Rondo-Finale vor, verstärkt von Celli vereinen sich eine Reihe energischer Themen unter den angeregt animierten Orchestergruppen, gleich einer befreienden Überwindung von Trauer und Resignation. In kraftvoll, erfrischend klar-figuraler Entwicklung führte der Dirigent sein hinreißend musizierendes Instrumentarium mit kontrapunktischem Elan in die gipfelnden Schlusssteigerungen der grandiosen Symphonie.

Nun durfte ich mich  sehr glücklich schätzen Mahlers Fünfte in der Interpretation diverser Weltklasse-Orchester beizuwohnen, doch kann ich mich nicht erinnern, das Werk jeweils so intensiv, fein tranchiert, ambivalent in pastoraler Akribie erlebt zu haben. Bravo !

Lautstark ließ das Publikum seiner Begeisterung freien Lauf.

Gerhard Hoffmann

 

 

 

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