Der Neue Merker

FRANKFURT/ Alte Oper: „JAVIER PERIANES – HR-S.O.- ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“

Frankfurt: „JAVIER PERIANES – HR-S.O.- ANDRÈS OROZCO-ESTRADA“

 

Konzert in der Alten Oper 07.09.2017

Zum Auftakt der neuen Konzertsaison gastierten in der Alten Oper der spanische Pianist Javier Perianes mit dem HR-Sinfonieorchester unter der Stabführung seines Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada. Ursprünglich war Khatia Buniatishvili vorgesehen, doch die georgische Tasten-Diva sagte ab.

Der beim HR-S.O. gern gesehene Gast servierte zwar einen Ohrwurm, doch erschien mir das „Vierte Klavierkonzert“ von Ludwig van Beethoven dank seiner inspirativen Interpretation in völlig neuem Licht. In markanter Bravour eröffnete Perianes das Allegro moderato mit seinen verträumten romantischen Stimmungen und unterstrich in glitzernden Figurinen die eigenwillige Charakteristik seines perfektionierten Spiels im beziehungsreichen Dialog mit dem elitär begleitenden Orchester. Subtil in farbenreichen Variationen erklang die Kadenz.

Dem schwermütig poetischen Andante con moto schenkte der emotional gestaltende Künstler weiche feinfühlige Zeichnungen, unerhört delikate Lyrismen. Sein Spiel hat das Feeling für Melodik, artistische Raffinesse und weiche Phrasierungen. Vortrefflich pointiert, klar fließend in bestem Einklang mit dem Solisten begleitete Andrés Orozco-Estrada mit seinem prächtig aufspielenden Orchester und ziselierte in delikater Weise mit weichen Kantilenen, den stimmungsvollen „Gesang“ des Klaviers.

Im finalen lebenssprühenden, heiter-gelösten Rondo vermittelte der außergewöhnliche Pianist wiederum sein technisch perfektes Können, seine expressive Kraft in vorwärtsdrängender Dynamik, gepaart mit intellektueller Brillanz und hochkonzentrierter Solidarität zur Werktreue.

Ein Bravosturm des begeisterten Publikums wehte dem Künstler und Orchester entgegen. Mit dem traumhaft elegisch gespielten „Nocturne Nr. 20“ (Chopin) bedankte sich Perianes für die Jubelstürme.

Drei kleine Orchesterwerke „Baba Yaga“, „Der verzauberte See“, „Kikimora“ aus der Feder des russischen Komponisten Anatoli Ljadow fasste Orozco-Estrada quasi als Suite zusammen und eröffnete den interessanten Konzertabend. Die mythologische slawische Märchenfigur der Hexe Baba Yaga, die naturalistische Stimmung des verwunschenen Sees sowie das Geschehen um den Poltergeist erstand unter dem einfühlsamen Dirigat in Kombination mit dem herrlich musizierenden Klangkörper ein instrumentaler Multiplex voll feiner impressionistischer Farbnuancen, phantastisch sphärischer Momente, exotischem Klangzauber und beleuchtete die Miniaturen auf bezaubernde Weise.

Den finalen Kontrapunkt des Abends bildeten die burlesken Szenen „Petruschka“ (Igor Stravinsky) jener außer Rand und Band geratenen Jahrmarktspuppe. In instrumentaler Perfektion illustrierte Andrés Orozco-Estrada mit seinem phantastisch musizierenden HR-Sinfonieorchester das musikalische Geschehen der bizarr orchestrierten Tänze, Leierkastenweisen, schmachtenden Serenaden sowie den dramatischen Ausbrüchen von orgiastischer Wildheit. Die expressiven Sprünge der außer Kontrolle geratenen Petruschka bringen durch ihre krassen Stimmungsgegensätze, den Orchesterapparat schier zur Verzweiflung.

Doch weder dem smarten temperamentvollen Dirigenten noch seinem exzellenten Orchester können derartige Widrigkeiten etwas anhaben. Vortrefflich wurden die akkuraten Fanfaren der Blechfraktionen gepaart mit herrlichen Streicherpassagen in atemberaubender Musikalität verknüpft, die Mischung aus Realität, Parodie und unheimlicher Phantastik der entfesselten Intervalle gekrönt von grotesken Trompeten-Soli sowie der Holzbläser, in höchst qualitativ klangvolle musikalische Gewächse umgesetzt.

Große anhaltende Begeisterung für den ausgezeichneten Saisonauftakt.

Gerhard Hoffmann

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