Der Neue Merker

FRANKFURT/ Alte Oper: „DENIS MATSUEV – MÜNCHNER PHILHARMONIKER – VALERY GERGIEV“

Frankfurt / AOF: „DENIS MATSUEV – MÜNCHNER PHILHARMONIKER – VALERY GERGIEV“ – 21.10.2017

Denis Matsuev-Valery Gergiev (Copyright) Alte Oper
Denis Matsuev, Valery Gergiev. Foto: Alte Oper

Zum 2. Abo-Konzert der neuen Saison hatte PRO ARTE in die Alte Oper geladen und präsentierte ein hochkarätiges Event. Neben dem russischen Klaviertalent Denis Matsuev musizierten die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Valery Gergiev.

Im Mittelpunkt des Abends stand eine weniger aufgeführte Rarität der Konzertliteratur das „Vierte Klavierkonzert“ von Sergej Rachmaninow. Weshalb dieses Werk ein Schattendasein neben den 2. und 3. Klavierriesen fristet bleibt nach wie vor rätselhaft, bietet es doch für Tastenkünstler eine Fülle technischer Raffinessen und zudem dem Hörer wunderbaren Melodienreichtum. Die Textur des Klavierparts zeigt wiederum alle Eigenheiten des Rachmaninowschen Stils: Massive Akkordkaskaden, rauschende Arpeggio sowie chromatische lineare Verläufe.

Bereits im eröffnenden Allegro vivace alla breve entfaltete Denis Matsuev seine elektrisierende Virtuosität überrascht, sein Gespür für Interludien ebenso die hohe Emotionalität den melodischen Fluss dieser herrlichen Musik zu interpretieren. Prägnant verliert sich der Pianist nie in Details und bewältigt die metrischen Wechsel der Partitur mit souveränem Können. Dem Largo begegnet Matsuev mit verhaltenem Sentiment und dennoch unglaublich lebendiger Frische. Voll kraftstrotzender Energie und rhythmischer Akkuratesse zündete der geniale Pianist zum finalen Allegro vivace nochmals ein farbintensives elektrisierendes Brillantfeuerwerk.

In keinem der Konzerte Rachmaninows spielt das Orchester eine derart expressive schier überbordende Rolle, denn das Instrumentarium ist ununterbrochen in Aktion und der Komponist gestattete dem Solisten keine prägende Kadenz. Im wahrsten Sinne dürfte man das Werk als Konzert für Orchester und Klavier bezeichnen. Diesem Tribut zollte nun Valery Gergiev mit seinen Münchner Philharmonikern höchste Resonanz in einer frischen sehr lebendigen Interpretation zur unverwechselbaren Physiognomie von Rachmaninows Tonsprache. Gergievs Deutung mit seinem in allen Bereichen prächtig aufspielenden Klangkörper pendelte somit im der Komposition angemessenen Phonbereichen des Mezzoforte während dem Messa di voce.

Mit herzlichem Beifall wurden Solist und Orchester bedacht und Denis Matsuev bedankte sich mit „Meditation op. 72 Nr. 5“ (Tschaikowsky) emotional-ausgewogen und klangprächtig interpretiert.

Umrahmt wurde das Rachmaninow-Konzert von Ludwig van Beethoven und Gergiev eröffnete das Programm mit der „Leonoren-Ouvertüre Nr. 3“, deren geistiger Gehalt, ihr musikalischer Aufbau so zwingend erscheint, dass sie den Zuhörer auch außerhalb der Oper immer wieder in ihren Bann zieht. Der Dirigent interpretierte mit seinem hervorragenden Orchester in leuchtenden Instrumentalfarben, perspektivenreich entfalteten sich die Bläser, wunderbar phrasiert artikulierten sich die Streicher in der prächtigen Gesamtformation der Motive.

Immer wieder stehen wir in Ehrfurcht und staunender Bewunderung vor der „Fünften Symphonie“ einer der größten Wunder im genialen Schaffen des Sinfonikers Beethoven.

In gewaltigem Fortissimo der Streicher und Klarinetten erhebt sich das Grundmotiv des Allegro con brio, wie eine Bestätigung donnert es nochmals wie ein langer Haltepunkt der letzten Note auf. Erregt flüstern die Geigen und Bratschen, wachsen im Takt mit den Holzbläsern, dann drei Schläge mit dem Orchester im wilden Aufbäumen, der Aufriss des musikalischen Schicksals-Dramas ist geschaffen. Mir schien Gergiev wollte die drohenden Elementarkräfte der dramatischen Motive betonen, das monothematische bohrende „Schicksal“ besonders überblenden.

Im An- und Abschwellen der Instrumentalgewalten vom Dirigenten sehr gerne spezifisch beleuchtet mutete das Andante con moto mit den gezupften Kontrabässen, den Celli und Bratschen zum innigen Gesang und von den Holzbläsern verhalten umsponnen. Ein Trostgesang rührender Art bildete somit den tröstlichen Kontrast.

In scharfer Bestimmung formierten sich die Hörner und stellen dabei in scharfer Heftigkeit die Aussage des zweiten Themas im Allegro unmissverständlich dar. Wie ein ungestümes Losreißen wirken die variierten Wiederholungen des Grundmotivs, scheinen teils zu stocken um sich sodann in bewegender Orchestrierung gleich einem Jubelschrei, pausenlos ins finale Allegro zu stürzen. In klarer Phrasierung, erstaunlich schlankem Klang und zügigen Tempi stürmten die aufgetürmten Themen daher, rissen den Hörer im erregten Strudel mit grell schmetternden Hörnern, nervigen Streicherkaskaden und hämmerndem Schlagwerk förmlich mit. Die kompromisslose Interpretation lieferte mir Stoff zum Nachdenken, deren Botschaft mir noch recht lange nachhallen dürfte.

Begeisterte kurze und heftige Zustimmung des Publikums.

Gerhard Hoffmann

 

 

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