Der Neue Merker

FRANKFURT/ Alte Oper: „ALEXANDER MELNIKOV – MUSICAETERNA – TEODOR CURRENTZIS“

Frankfurt / AOF: „ALEXANDER MELNIKOV – MUSICAETERNA –

TEODOR CURRENTZIS“ – 29.10.2017

Konzertabend der Superlative in der Alten Oper

Teodor Currentzis-Alexander Melnikov (Copyright) Tibor Pluto
Teodor Currentzis, Alexander Melnikov. Copyright: Tibor Pluto

Als Enfant terrible der internationalen Musikszene wurde Teodor Currentzis oft fälschlicherweise bezeichnet, dem Begründer des ungewöhnlichen Ensembles Musicaeterna, einem Orchester höchster Qualitätsstufe. Der in Athen geborene Vollblutdirigent hat die eingeschworene Gemeinschaft exzellenter Musiker zu einer musikalischen Sekte der besonderen Art, jenseits der zynischen Mauern des kommerziellen gegenwärtigen Kulturbetriebs erschaffen. Großartige Einspielungen auf Silberscheiben mit Preisen dekoriert u.a. aufsehenerregende Deutungen der Mozart-Da-Ponte-Opern tragen die unverwechselbare Handschrift des charismatischen Pultstars.

Zum Auftakt des spektakulären Konzertabends mit ausschließlich Werken der russischen Avantgarde erklang das „Zweite Klavierkonzert“ (Dmitri Schostakowitsch) welches der Komponist 20 Jahre nach seinem Ersten dem 19. Geburtstag seines Sohnes Maxim widmete. Wohl deshalb versprüht das Werk besonders jugendlichen Elan, fast gelassene Seriosität, mit welcher Schostakowitsch die Jugend charakterisierte und dem zweiten Satz dennoch Gedanken- und Empfindungstiefe schenkte.

Liedhaft erklang das Allegro, die Holzbläser leiten mit dem Klavier das erste Thema ein, sodann erklang ein instrumentales Feuerwerk mit Tuttieinschlägen vom Pianisten Alexander Melnikov in atemberaubender Brillanz serviert. Leidenschaftlich im Zugriff zaubert der Solist Kaskaden von halsbrecherischem Tempo. Natürlich steuerte dazu merklichen Anteil das explosive Musicaeterna mit seinem funkensprühenden Dirigenten Teodor Currentzis und dessen anfeuernden Gesten hinzu. Es ist einfach unglaublich, in welcher Dynamik das Orchester immer wieder rhythmisch variierte Motivdetails aufnahm und dem Satz einen Hauch von Turbulenz verlieh.

Das Andante bildet den lyrischen Pol und Mittelpunkt des Werkes, Bläser und Schlagwerk schweigen, das Klavier entfaltete von ziseliertem Streicherklang begleitet einen elegischen Gesang traumhaft versonnen, schon in Chopin-Nähe gerückt. Feine pianistisch-poetische Nuancen schenkte Melnikov diesen herrlichen Passagen. Nahezu attaca folgte das finale Allegro zur repetierten Klavier-Geste im tänzerischen Hauptthema. In übermütiger Manier präsentierte der exzellente Pianist nochmals sein immenses technisches Können, profilierte markant die kurze Kadenz, um sich sodann mit den atemberaubenden orchestralen Tempi ins substanzreiche Finale der intrikaten Figuren und expressiven Akkorde zu stürzen.

Ein Aufschrei des Publikums folgte und bedachte die Künstler mit Ovationen. Der sympathische bescheidene Pianist bedankte sich mit „Visions Fugitives (Prokofjew) in flüssig anmutiger Kantilene interpretiert.

Nicht weniger imposant, ich muss gestehen einem Wirbelwind gleich servierte Currentzis mit seinem phantastischen Musicaeterna die „Symphonie classique“ von Sergej Prokofjew, dass dem Hörer regelrecht der Atem stockte. Ich kann mich nicht erinnern diesen „Ohrwurm“ in derart präziser Form erlebt zu haben. Schwungvoll elegant, süffisant, heiter, graziös präsentierte der smarte Dirigent die liebevolle Reihenfolge der „Haydnschen Suite“. Der in Akkuratesse musizierende Klangkörper huschte in ungeheuren Tempi durchs Allegro, widmete dem Larghetto ruhige sanfte Impulse und herrlich ausschwingende Kantilenen, entfaltete zur Gavotte tänzerische Reize elegant-anmutig vom Pultstar unterstrichen und fegte keck wie ein Sturmwind durchs finale Molto vivace.

Nach der Pause brachten die umjubelten Gäste die wohl kürzeste Symphonie von Dmitri Schostakowitsch die „Neunte“ zur Aufführung. Zur Siegesfeier des Kriegsendes 1945 schrieb der Komponist das fünfsätzige Werk in Sonatenform. Hatten sich die Machthaber ein pompöses Klanggemälde mit Chor erhofft, erfüllte Schostakowitsch diese Erwartungen nicht, schrieb ein Stück heiterer Stimmung um die Lasten der Kriegswirren abzuschütteln. Doch Stalin zeigte sich amusisch, die Bonzen sahen es als Affront, der Komponist mache sich auf deren Kosten über die Sache lustig.

Nun ließ Teodor Currentzis mit seinem spritzig musizierenden Orchester ganz im Sinne des Kompositeurs aufspielen, wirbelte humoristisch, gehörig die Sätze durcheinander und ließ seine Musiker sichtlich am Spaß teilhaben. Köstlich leichtfüßig kam die ironische Schmunzette daher, die exzellenten Bläser spielten mit Verve, die Piccolo-Flöte witzelte spitz sarkastisch, der einleitende Marsch hatte Biss und Kraft. Prächtig erklang die wohl längste Fagott-Kadenz im symphonischen Kosmos des Allegretto sowie die überzeugend hochqualifiziert dargebotene finale Apotheose.

Worte des Dirigenten: Präzision ist der Beginn von Freiheit, sie ist das Fundament!

Wie wahr – bar aller fulminanten Interpretationen des gegenwärtig Erlebten.

Das Auditorium war aus dem Häuschen! Wurde nach explosiven Hundert Konzertminuten mit dem fulminant gespielten Marsch aus „Romeo und Julia“ und einer Ballett-Passage aus „Cinderella“ (Prokofjew) sehr herzlich bedankt.

Wirbelten draußen noch die Ausläufer des norddeutschen Sturmtiefs, entfachte sich im Großen Saal der AOF ein Beifallsorkan der Stärke 12 von Seltenheitswert und riss das enthusiastische Publikum geschlossen von den Sitzen.

Gerhard Hoffmann

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