Der Neue Merker

FLÖTENKONZERTE AUS WIEN

CD Maria Theresia

Flötenkonzerte aus Wien
Mit Werken von Georg Christoph Wagenseil (1715-1777), Giuseppe Bonno (1711-1788), Florian Leopold Gassmann (1729-1774), Matthias Georg Monn (1717-1750)
Mitwirkende: Sieglinde Größinger, Ensemble Klingekunst
CD Label: CPO, DDD, 2016

Dreihundert Jahre nach der Geburt von Maria Theresia (1717) hat man wieder viel erfahren. Man hat jede Menge Bildmaterial gesehen und kann sich vorstellen, wie es zu ihrer Zeit ausgesehen hat. Man hat Briefe und Dokumente gelesen und bekam den Eindruck, wie diese Menschen dachten und sprachen. Man kann naserümpfend raten, wie es damals gerochen hat (nämlich überhaupt nicht gut), weniger weiß man, wie das damalige Essen geschmeckt haben mag. Und wie hat die Welt zwischen 1717 und 1780 geklungen? Ja, gewiß, nach Gluck, später nach Haydn, nach Mozart. Aber welche Musik gab es noch – und warum?

Da hat nun die Salzburgerin Sieglinde Größinger, anerkannte Meisterin auf der Flöte, für das von ihr gewählte Instrument Pionierarbeit geleistet. Die fünf Flötenkonzerte von Wagenseil (zwei), von Leopold Großmann, Giuseppe Bonno und Georg Matthias Monn (je eines), die sie nun mit dem (von ihr mitbegründeten) Ensemble Klangkunst vorlegt, sind durchwegs Ersteinspielungen. Die acht Musiker, die hier für die „Klangkunst“ stehen, musizieren entsprechend schlank und elastisch und vielfach reizvoll temperamentvoll. Das ergibt eine CD, die nicht nur freut und unterhält, sondern aus der man letztendlich auch etwas lernt – nicht zuletzt aus den umfangreichen Ausführungen im Beibüchlein.

Ja, wie war das damals mit der Kammermusik am Wiener Hof, wo Musik und Spektakel so wichtig waren wie Essen und Trinken? Gerade weil die opulente Zeit des Barocks mit dem Tod von Kaiser Karl VI. zu Ende ging und man eher sparen musste (die Kriege der Kaiserin kosteten auch Geld…), gingen die „Spektakel“ zurück und es gab weniger große Oper. Vielmehr entwickelte sich ein Konzertleben, für das auch die damals bedeutenden Adelshöfe zuständig waren. Wenn man auch nicht genau eruieren kann, für wen die hier eingespielten Flötenkonzerte entstanden und wo sie uraufgeführt wurden, so sind sie doch ein Zeichen der Zeit.

Dabei ist wiederum zu sagen, dass die Flöte in Österreich hinter Klavier und Violine zurücktreten musste – ganz anders als in Potsdam, wo sich immerhin König Friedrich II. höchstpersönlich diesem Instrument widmete. In Wien dagegen gab es gar keinen „angestellten“ Flötisten in der Hofmusikkapelle, das Instrument wurde bei Bedarf von den Oboisten oder anderen Holzbläsern gespielt. Der ganze Zauber der Flöte entfaltete sich offenbar durch die „Zauberflöte“ erst nach Maria Theresias Tod…

Da Flötenkonzerte also echte Raritäten darstellten, ist ihre Wiederentdeckung umso interessanter. Dafür hat Sieglinde Größinger keine Mühe gescheut – sie hat die Handschriften in den Bibliotheken von Regensburg, Karlsruhe und Berlin ausgegraben und die nötigen Editionen erstellt. Eine Crowdfunding Kampagne finanzierte dann die CD-Aufnahme.

Unter den Künstlern ist uns der Name von Georg Christoph Wagenseil (1715-1777) vertrauter als etwa jener von Giuseppe Bonno (1711-1788), obwohl die beiden fast gleichzeitig (1736 und 1738) als Hofscholaren an die Hofmusikkapelle kamen. Wagenseil, der (am gleichen Tag wie Bonno übrigens) Hof-Compositeur wurde, war für Leopold Mozart immerhin bedeutend genug, dass er dessen Werke seinem Sohn zum Studium gab… Und beim Auftritt des kleinen Wolferl in Schönbrunn war Wagenseil, der damals so bedeutende Mann, dabei. Zwei Konzerte dieser Künstler, beide aus dem Jahr 1750, stehen am Beginn der CD, Wagenseil gewissermaßen ausgewogener, Bonno beschwingter.

Florian Leopold Großmann (1729-1774), der zum Kammermusik-Zirkel von Kaiser Joseph II. zählte, schrieb das hier präsentierte Flötenkonzert 1760 noch in seiner Zeit in Venedig. Matthias Georg Monn (1717-1750) war ein höchst innovativer Künstler, kaum verständlich, dass er es kaum in das Bewusstsein der Nachwelt geschafft hat. Sein Flötenkonzert von 1740 lässt fast den „spritzigsten“ Umgang mit dem Soloinstrument erkennen, auch wenn Violine und Cembalo eine ähnlich große Rolle spielen. In allen Fällen ist das „Unterhaltungs“- und „Gebrauchsmusik“ auf höchstem Niveau.

Am Ende steht noch einmal Wagenseil als der bekannteste Komponist aus dem Reigen jener, die sich – wie immer in der Geschichte – der Tatsache beugen mussten, dass das Bessere der Feind des Guten ist und dass sie alle in der Nachwelt von den unwesentlich später geborenen „Wiener Klassikern“ überstrahlt werden, deren Wegbereiter sie waren.

Jedenfalls ist die CD ein Beweis dafür, dass auch Interpreten „innovativ“ werden dürfen, wie Sieglinde Größinger es so beispielhaft getan hat, und dass es sich lohnt, sich nicht mit dem Gegebenen zufrieden zu geben, sondern zu forschen, was im Dunkel der Musikgeschichte noch verborgen liegen mag.

Renate Wagner

Diese Seite drucken