Der Neue Merker

FLATLINERS

FilmCover  Flatliners~1

Filmstart: 1. Dezember 2017
FLATLINERS
USA / 2017
Regie: Niels Arden Oplev
Mit: Ellen Page, Nina Dobrev, Kiersey Clemons, James Norton, Diego Luna, Kiefer Sutherland u.a.

Früher war immer alles schöner, damals, als die junge Julia Roberts (mit frischem „Pretty Woman“-Weltruhm) in „Flatliners“ spielte, sich in Partner Kiefer Sutherland verliebte und ihn vor der Hochzeit sitzen ließ – das vergisst man doch nicht. (Ob junge Kinobesucher heute fragen: Und wer ist Julia Roberts????) „Flatliners“ also – die Geschichte ist vom Thema her ja doch spannender als übliche Horrorfilme, denn im Gegensatz zu den an den Haaren herbei gezerrten Stories, hat diese Hand und Fuß: Welcher Mensch hätte sich noch nicht gefragt, was nach dem Tode kommt – oder schon davor: Wie ist eigentlich das „Hinübergehen“?

Das war und ist der Ausgangspunkt, wenn fünf junge Mediziner in einem amerikanischen Spital es einfach ausprobieren wollen. Die Nahtod-Erfahrung. Das Herz stillstehen lassen, so dass die Instrumente eine „flatline“ ergeben, also den Tod anzeigen – und sehen, was passiert. Die Kollegen sind ja da, einen rechtzeitig zurückzuholen, bevor das Gehirn geschädigt wird. Aber etwas hat man dann doch erfahren?

Am Anfang funktioniert der Film wirklich. Da sind die fünf jungen Ärzte, und es fällt auf, dass hier von der Besetzung her eindeutig an ein B-Movie gedacht war, das von den Beteiligten her nicht viel kostet. Einzig Ellen Page in der zentralen Rolle der Courtney, die das Geschehen anstößt, hat so etwas wie einen „Namen“ in der Branche, aber auch das eher als rührige lesbische Aktivistin denn als große Schauspielerin. Dazu die farbige Kiersey Clemons als Sophia, weiters Nina Dobrev als Marlo (mit dem kleinen Nachteil, dass sie Page ein wenig ähnlich sieht – der Zuschauer täte sich bei ausdifferenzierten Gesichtern leichter), und James Norton, der Rotschopf, als Jamie, und Diego Luna, der Latino, als Ray, da besteht keine Verwechslungsgefahr.

Ein kleiner Tupfen auf dem „i“ der Besetzung für jene, die alt genug sind oder ein langes Gedächtnis haben – „Flatliners“ damals, das war 1990. Nun, 27 Jahre später ist Kiefer Sutherland vom Jungspund zum kritischen Klinikchef geworden, der allerdings nur mutmaßen darf, dass seine jungen Ärzte irgendetwas Dummes im Sinn haben. Was, das weiß er nicht…

Wenn da die fünf jungen Mediziner (zumindest eine von ihnen, Marlo, arbeitet wie besessen und im Zweifelsfall skrupellos an ihrer Karriere) an sich selbst (sie missbrauchen wenigstens nicht Patienten) die Nahtod-Erfahrung suchen, dann steht zweifellos wissenschaftliches Interesse dahinter, vielleicht auch Neugier, aber jedenfalls ein Wissensdurst, der brennend genug ist, um das Risiko einzugehen. Glücklicherweise gibt es im Keller der Klinik perfekt ausgestattete, nicht benützte Operationssäle – und los geht’s. Und man ist als Zuschauer gespannt, schließlich will man es ja selber wissen…

Aber das neue Drehbuch ist das alte von Peter Filardi, Ben Ripley als zweiter Mann hat nur Namen der Figuren und Details verändert, und das Flatliner-Remake weiß auch nicht mehr als der alte Film. Und folglich kann man nur erzählen, was anderswo schon oft behandelt wurde – dass Szenen des Lebens vorbeiziehen, die auch erschreckend sein können. Und dann kommt das gute, alte Motiv, mit dem die katholische Kirche so viel Erfolg hat – dass man für seine bösen Taten zur Rechenschaft gezogen wird. Und dann geht’s los…

… mit dem Horrorfilm nämlich. Da werden unsere fünf nach und nach nicht nur von ihrer Vergangenheit eingeholt, was nicht verwundert, denn schon die Biologie sagt, dass man Hirne nicht dermaßen überreizen darf. Da hüpfen ihnen dann auch schaurige Geister, wie sie im Kino nun mal aussehen, vor der Nase herum, erschrecken sie, verwirren sie, entsetzen sie, lassen sie an der Realität zweifeln  – und eine oder einer (man will ja nicht spoilen) bezahlt die (unerlaubte) Grenzüberschreitung dann mit dem Leben.

Die anderen versuchen, die verdrängten, uneingestandenen Fehler ihres Lebens gut zu machen – was meist nicht gelingt: Die Frau, die Jamie mit seinem Kind sitzen ließ, will sicher nichts mehr von ihm wissen, der Schulkollegin, die Sophia einst so gemobbt hat, ist das mittlerweile gänzlich egal, sie verzeiht sozusagen achselzuckend… besonders zufriedenstellend geht das nicht aus. Einzig indem Marlo ihre Karriere riskiert, indem sie zugibt, durch einen Fehler den Tod eines Patienten verursacht zu haben, hat etwas von Schuld und Sühne an sich (und dürfte nicht gänzlich vergeblich sein…). So richtig überzeugend wird das alles nicht, und der dänische Regisseur Niels Arden Oplev hat anderes (etwa den ersten Teil von Stieg Larssons Millennium-Trilogie in der dänischen Originalverfilmung) schon besser in den Griff bekommen.

Aber wir sollten den „Flatliners“ nicht vorwerfen, dass sie nicht wissen, was man eben nicht wissen kann (und was eines der letzten Geheimnisse bleibt?). Der Tod ist, wie Shakespeare (er war immer der Klügste) es ausdrückt „the undiscovered country from whose bourn. No traveler returns“, und wenn man sich selbst vormacht, ein Kinofilm könnte da Erkenntnisse bringen – ja, dann ist man selbst schuld.

Renate Wagner

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