Der Neue Merker

DIE HÖLLE

FilmCover  Die Hölle~1

Filmstart: 19. Jänner 2017
DIE HÖLLE
Österreich  /  2017 
Regie: Stefan Ruzowitzky
Mit: Violetta Schurawlow, Tobias Moretti, Friedrich von Thun, Robert Palfrader, Sammy Sheik u.a.

Es ist zwar schon eine zeitlang her, aber man wird nie vergessen, dass es Stefan Ruzowitzky war, der mit „Die Fälscher“ 2008 einen echten, schönen, goldenen Auslands-„Oscar“ nach Österreich brachte. Im übrigen ist er ein Regisseur, der sich in allen Genres umgetan hat: Nach dem Wiener Jugendkrimi („Tempo“) hat er vor allem mit den „Siebtelbauern“ auf sich aufmerksam gemacht. Er drehte die beiden knallharten „Anatomie“-Krimis, begab sich nach den „Fälschern“ nicht ganz begreiflich in die Welt des Kinderfilms („Die Hexe Lili“), hatte mit einem Abstecher nach Hollywood („Cold Blood“) nicht wirklich Erfolg, drehte einen Dokumentarfilm – und legt nun mit der „Hölle“ sicher seinen radikalsten Film vor, nimmt man allein die aggressive Brutalität, die das Geschehen durchzieht. Dass der Regisseur auf der anderen Seite extrem sentimental werden kann, macht das Ergebnis letztendlich uneinheitlich. Obwohl Drehbuchautor Martin Ambrosch „Das finstere Tal“ geschrieben hat (und damit ist er heilig).

Die Heldin des Geschehens, und sie ist wahrlich eine, ist von Anfang an im Bild, hinter dem Steuer ihres Taxis, Nachts und bei Regen unterwegs in Wien, Stau am Gürtel, die Lichter der Großstadt flackern düster: Schon ist man bereit, angesichts dieser Bilder jede Art von Gewalt zu erwarten, und sie kommt gleich. Wenn man Özge, der Türkin, blöd kommt, so wie zwei Autofahrer, die den Weg blockieren, dann schlägt sie zu. Und wie. Dass die beiden sich stöhnend am Boden wälzen. Wie im Kino. Eigentlich wie im Hollywood-Trash.

Der Film heftet sich auf Özges Fersen, man erlebt sie bei ihrem Chef (Robert Palfrader als Samir schafft es, einen Türken zu spielen, der sich so assimiliert hat, dass er aus den Österreichern nicht mehr herausfällt), mit ihrer Cousine (Verena Altenberger), die ihr Kleinkind (Elif Nisa Uyar)  herumschleppt und Samir betrügt, bis er sie rausschmeißt, man erlebt sie in dem Club, wo sie Thaiboxen mit aller Härte so rabiat betreibt, dass ihr Ex-Liebhaber (Murathan Muslu) ihr Hausverbot erteilt (und da wird auch angedeutet, wie unabhängig sie ist und unwillig zu einer Beziehung), schließlich bei den „türkisch“ gebliebenen Eltern, Mitleid mit der Mutter, offensichtlicher Haß auf den Vater, der sie in der Kindheit missbraucht hat…

Und dann, als sie allein in ihrer schäbigen Wohnung ist, erlebt Özge einen Mord im Hof des Hauses, und der Täter muss da noch irgendwo gewesen sein und sie gesehen haben… Als die Polizei kommt, gibt sich der Kommissar Steiner sehr herablassend – Türkin, vielleicht Nutte, niemand, mit dem er sich besonders abgibt, Zeugenschutz? Das gibt’s im Fernsehen.

Allein, dass Tobias Moretti diesen Steiner spielt (und er tut es, wie bei allen seine Filmrollen, wieder einmal hervorragend), zeigt dem Kinobesucher, dass dieser Kommissar keine Nebenfigur bleibt, sondern der zweite große „Player“ im Geschehen der „Hölle“ wird. Die bricht dann vollends aus, als der Killer wiederkehrt und in Özges Wohnung nicht sie, sondern ihre Cousine tötet, der sie ihre gelbe Jacke geborgt hat… wie oft war dergleichen im Kino schon da, die fatale Verwechslung? Oder zitiert das Drehbuch absichtsvoll Krimi-Klassiker, auch später, wenn sich herausstellt, dass der Killer seine Taten nach den Flüchen des Koran begeht, die dieser über Nutten ausspricht? Natürlich ist es Özge, die zur richtigen Zeit einen Koran und dort die richtige Stelle findet…

Aber das ist nicht die einzige Kindergarten-Wendung, die das Drehbuch leider nimmt. Sind die beiden Morde, vor allem der zweite, mit aller nur erdenklichen optischen Brutalität vor dem Zuschauer ausgebreitet worden, ist Özge (mit dem Kind der Cousine, das sie nicht bei ihrem Kinderschänder-Vater und ihrer alles hinnehmenden Mutter lassen will) selbstverständlich auf der Flucht. Und wenn sie nun – natürlich – bei diesem ruppigen Kommissar Steiner landet, dessen goldenes Herz schon hie und da aufgeblitzt ist, dann bleibt die Handlung eine zeitlang stehen und ein neuer Film beginnt. Denn da wird – jeder Mensch hat sein Geheimnis, meist zuhause, nicht wahr? – erst ausführlich der edle Charakter des Polizisten gezeigt, nicht nur, weil er Özge und das Kind behält (und, wie auch anders, lieb gewinnt…), sondern weil Drehbuch und Regie da auch noch in einer Kitschorgie die Gestalt des dementen Steiner-Vaters ausspielen, samt bekleckten Windeln und schrulliger Verwirrung: Friedrich von Thun genießt sichtlich die Herausforderung…

Dass Özge den entscheidenden Hinweis auf den Täter gibt (aalglatt und besessen: Sammy Sheik), dass sie mit ihm im Nacken eine Autoraserei durch Wien unternimmt, die es mit jedem Hollywood-Vorbild aufnehmen kann, dass Steiner ihn schließlich bei der UNO aufstöbert, dass dieser mörderisch geifernde Herr im Nadelstreif selbstverständlich Özge, das Kind und den Vater in dessen Wohnung in seine Gewalt bringt (samt eine schaurig- grausame Szene, wo der Bösewicht – ein böser Moslem, der traut sich was, der Ruzowitzky!  – Özge dabei anzündet) … das sind alles zusammen gestoppelte Drehbuch-Klischees, die dem Geschehen jegliche Glaubwürdigkeit nehmen, die doch eigentlich angestrebt ist.

Und das Ende? Selbstjustiz mit Auto, mit Karacho voll aufs Gas und hinein in die Mölkerbastei – ja, man sieht es ein, man wird als Zuschauer ganz blutrünstig: So ein UNO-Diplomat ist doch, wenn man ihn vor Gericht stellt, in Nullkommanix draußen und in Saudi-Arabien verschwunden! Da bringt man die Sache doch besser selbst zu Ende (Charles Bronson, schau oba), wenn man eine entschlossene Özge ist – die verwundet, blutend in seinen Armen, dem Kommissar noch das Happyend entgegenblinzelt…

Nun ist das, bei aller Akkumulation von Klischees, doch ein sehr gut gemachter Film, dessen Stärke wohl auch in der Figur der Özge liegt: Violetta Schurawlow ist nicht hübsch, sie ist störrisch, sie wird auch nie wirklich sympathisch, und das macht den eiskalten, einsamen Engel, der sie ist, dann doch sehr interessant. Man fragt sich tatsächlich, wie schwer es eine Muslima hat (auch wenn die Religion sie nicht interessiert und sie sicherlich kein Kopftuch trägt – in den Augen ihrer Umwelt wird sie immer eine solche sein), sich allein in der „fremden Welt“ (auch wenn sie per Paß Österreicherin ist) durchzusetzen, ob da nicht die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Gewalt als Überlebensstrategie dazu gehört. Weil es solche Goldschatzerln von Polizisten, wie Moretti ihn spielt (mit Love Interest-Charakter),  ja im wirklichen Leben nicht gibt, schon gar nicht als Retter aus den existenziellen Gegebenheiten…

Also, die „Hölle“ hat Ruzowitzky mit allen handwerklichen Fähigkeiten eines souveränen Filmemachers bei vielen großen Kollegen abgekupfert, gewissermaßen als Verschnitt der Vorlagen den österreichischen Kommentar zu den Kinoklassikern geliefert. Die Figur des Özge hingegen wird in Erinnerung bleiben.

Renate Wagner

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VERBORGENE SCHÖNHEIT

FilmCover  Verborgene Schönheit~1

Filmstart: 20. Jänner 2017
VERBORGENE SCHÖNHEIT
Collateral Beauty / USA /  2017
Regie: David Frankel
Mit: Will Smith, Kate Winslet, Edward Norton, Helen Mirren, Keira Knightley, Naomie Harris u.a.

Es ist nun auch schon mehr als ein Jahrzehnt her, dass Will Smith auf „Kuschelfilme“ umgestiegen ist. Wenn man bedenkt, wie er vor einem Vierteljahrhundert (Time flies!) angetreten ist – als Rapper und Bad Boy, als Actionheld, der auch sehr komisch sein konnte (beides kombiniert in „Men in Black“)… Harmlos war er jedenfalls nicht – bis er den Schwenk zu den klebrigen „Familien“-Filmen unternahm (und man froh sein muss, wenn er einem nicht noch seine Kinder aufs Auge drückt).

Das muss erwähnt werden, weil die „Verborgene Schönheit“ zu jenen Kitsch-Produkten zählt, die sich tiefsinnig und lebensweise geben und den Zuschauern die Tränen abdrücken sollen, die den Darstellern so oft in den feuchten Augen stehen. Und wenn sie nicht halb schluchzen, sehen sie jedenfalls alle durch die Bank unglücklich drein. Möglicherweise tröstet das ein Kinopublikum, das zum großen Teil vielleicht auch nicht glücklich ist?

Regisseur David Frankel hatte bisher nur einen großen, berechtigten Filmerfolg, und das war „Der Teufel trägt Prada“. So giftig griffig ist er hier wahrlich nicht, er lässt das Pathos schwingen, wenn Will Smith als trostloser Vater verweigert, weiterhin ein nützliches Mitglied der Kapitalismus-Gesellschaft zu sein. Das wäre übrigens der einzige interessante Aspekt des Drehbuchs von Allan Loeb: Dass die Mitarbeiter in der Firma dieses Howard Inlet ganz realistisch fürchten, den  Bach hinunter zu gehen, wenn der über den Tod seiner kleinen Tochter exzessiv trauernde Mann nicht bald wieder „funktioniert“.

Diese drei Besorgten sind vor allem mit Kate Winslet, aber auch mit Edward Norton (in seiner üblichen Verbissenheit) und Michael Peña stark besetzt, und nach und nach erfahren wir, dass auch sie sehr unglücklich sind und Trost brauchen… und bekommen.

Als Küchentisch-Psychologie für ihren Chef, der verzweifelte Briefe an die „Liebe“, die „Zeit“ und den „Tod“ schreibt (elementarer geht es wohl nicht), denken sie sich nun eine besondere Therapie aus: drei arbeitslose Schauspieler werden engagiert, um Howard (im winterlichen New York, das sehr fotogen ist, besonders die Skiläufer vor dem Rockefeller-Center) quasi zufällig zu begegnen und ihn in tiefsinnige Gespräche zu verwickeln.

Und in einer „All Star“-Besetzung tauchen da keine Geringeren als Helen Mirren und Keira Knightley (verstärkt von Jacob Latimore) auf, und das macht den Film dann für Freunde feiner Schauspielkunst natürlich kostbar: Allein, wie die Mirren den abwehrenden Howard in die U-Bahn verfolgt, ist ein Gusto-Stück… Und sie und die immer so schöne Knightley und die immer so herrliche Winslet auf einem Fleck zu haben: Welch eine Phalanx britischer Schauspielkunst!

Machdem man billige Weisheit mit dem Riesenlöffel hineingeschaufelt bekommen hat, zeigt sich, dass einzig die Liebe alles heilt, wobei die Beziehung von Howard zu Madeleine (Naomie Harris, auch immer tränenfeucht) seltsam ist und sich erst nach und nach klärt. Aber dann ist alles gut. Amen.

Aber, wie gesagt, diese Schauspieler!

Renate Wagner

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Apropos: Die „Golden Globes“

Die „Golden Globes“ und die geniale Isabelle

Ja, die „Golden Globes“ sind fast so wichtig wie die „Oscars“. Darum war es eine große Sache, dass mit „Toni Erdmann“ (ein Film, den ich persönlich seiner exzessiven Künstlichkeit wegen nicht mochte) zumindest eine Teil-österreichische Produktion in die Endauswahl für den besten fremdsprachigen Film kam. Lob und Preise hat es ja schon geregnet, und als „unser“ Burgschauspieler Peter Simonischek als Hauptdarsteller nach Los Angeles flog, gab es „großen Flughafen“ und sicher unendlich viele gedrückte Daumen.

Wenn „Toni Erdmann“ nun „Elle“ unterlegen ist, dann beugt er sich allerdings einem mehr als würdigen Gegner. Denn was der einst für „Basic Instinct“ berühmte Regisseur Paul Verhoeven hier geleistet hat, ist nicht (wie „Toni Erdmann“) ein künstlich-klebriges Märchen über Familienbeziehungen, sondern die messescharfe Analyse einer gnadenlosen französischen Intellektuellenschicht. Und es gibt wenige Schauspielerinnen, die wie Isabelle Huppert in den Abgrund menschlicher Isolation einerseits, klirrender Rücksichtslosigkeit andererseits blicken. Dafür bekam die Huppert hoch berechtigt auch gleich noch den „Golden Globe“ als beste Hauptdarstellerin, und man weiß, dass dergleichen ja doch nicht so leicht an Nicht-Amerikaner geht. Hier offenbart sich einfach ein ganz ganz besonderes filmisches  Niveau, und das haben die „Golden Globe“-Juroren (Hollywoods Auslandspresse) erkannt und anerkannt.

Im übrigen regnete es fast alle möglichen „Globes“ auf „La La Land“ herab, und das mag auch wieder vom Zeitgeist erzählen: Da legt Regisseur Damien Chazelle über den bitteren Alltag in der Traumstadt Hollywood die Sehnsuchtsschiene des Musicals, konfrontiert Wirklichkeit und Traumwelt, und das ist mit Charme und mit einer gewissermaßen anmutigen Verbeugung vor der Vergangenheit geschehen. Je härter das Leben draußen wird, umso größer sind die Chancen für den Eskapismus im Kino  – und nicht immer ist er so herausragend exzellent realisiert wie hier.

Diesmal ist kein Lapsus passiert, der die letzten „Oscars“ überschattete, als die afroamerikanischen Filmemacher sich ausgeschlossen fühlten. Mit „Moonlight“ (bester Film in der Kategorie „Drama“) und „Fences“ (Nominierung für Denzel Washington als bester Hauptdarsteller, Preis für Viola Davis als beste Nebendarstellerinnen) waren zwei Filme unter den Nominierungen, die ausschließlich unter Afroamerikanern spielen.

„Manchester By the Sea“ (Golden Globe für Casey Affleck, Bester Darsteller, Drama) ist eine Arme-Leute-Geschichte, die beste Nebenrolle für Aaron Taylor-Johnson, „Nocturnal Animals“ geht an eine erschreckend-starke Interpretation eines wirklich ruchlosen Verbrechers: Kurz, allen „Glamour“ hat „La La Land“ abgezogen, sonst bevorzugte die Jury durchaus „unangenehme“ Filme, die auch etwas aussagen.

Und als sie den Cecil B. DeMille Award für ihr Lebenswerk entgegennahm, hielt sich Meryl Streep nicht an Toni Cupaks Rat, Schauspieler sollten zum Thema Politik den Mund halten. Sie attackierte Donald Trump ganz offen, nicht zuletzt für seine Verhöhnung von Behinderten, für seinen „Instinkt, andere zu demütigen“. Trump konterte natürlich sofort und gewissermaßen achselzuckend – diese liberalen Filmemacher gehen nicht in seiner Welt herum.

Und dennoch – Meryl Streep ist so unangefochten ein Star, dass selbst der Präsident ihrer Stellung wohl nichts anhaben kann. In Rußland oder der Türkei wäre sie mit solchen öffentlichen Aussagen vielleicht nicht so ohne weiteres davon gekommen…

Renate Wagner

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LA LA LAND

FilmCover  La La Land y~1

Filmstart: 13. Jänner 2017
LA LA LAND
USA  /  2016 
Drehbuch und Regie: Damien Chazelle
Mit: Ryan Gosling, Emma Stone u.a.

Wie groß das Entzücken an diesem Film war, konnte man schon beim „Golden Globe“ feststellen: Mit 7 Nominierungen lag das „La La Land“ von Damien Chazelle absolut an der Spitze, alle Globes sind es dann auch geworden – nicht weniger als eine Sensation in der Branche.

Wofür die exzessive Begeiserung? Für eine seltsame und nicht ganz organische Mischung von nostalgischem Musical und einer doch recht realen Geschichte zweier Menschen, die in L.A. Karriere machen wollen und den Preis dafür zahlen: ihr Privatleben, ihre Liebe. Und das ist eigentlich nichts zum Singen und Tanzen.

Nostalgie groß geschrieben, als besonderes Vergnügen für die Kenner, die schon bei dem Vorspann, der das inzwischen vergessene, einst so geliebte Zeichen für „Cinemascope“ anzeigt! Auch die erste Szene des Films ist eine so „klassische“ Musical-Nummer, dass sie als Paraphrase für alle „Ensemble-Szenen“ dieser Art gelten könnte: Eine lange Schlange von Autos im Morgenverkehr, die sich nicht weiter bewegen. Eine junge Frau summt eine Melodie, öffnet die Autotüre, tänzelt wie versuchsweise herum. Andere Autotüren öffnen sich, und dann strömen sie heraus, springend, swingend, singend, auf den Autodächern ihre anmutigen Schrittfolgen klopfend, die ganze Welt ist Musical. Und das auf einem echten Freeway im Los Angeles von heute gedreht…

Da hat Regisseur Damien Chazelle im Genre-Revival des Fünfziger-Jahre-Musicals Erstaunliches geleistet, mit Hilfe von Choreographin Mandy Moore und der Musik seines ihm verbundenen Kollegen Justin Hurwitz, wobei spätere Szenen nicht so aufwendig sind, meist nur das romantische Paar zeigen, sich an Fred Astaire / Ginger Rogers und auch Gene Kelly anlehnen und das nicht ohne Anmut und Geschmeidigkeit der tanzenden Schauspieler, vor allem von Seiten des Hauptdarstellers.

Im Stau fahren dann „er“ und „sie“ aneinander vorbei und zeigen sich den Stinkefinger. Sie, Mia, arbeitet in einer Cafeteria und geht zu jedem Casting, vergeblich. Er, Sebastian, ist ein sehr guter Pianist (erstaunlich, wie überzeugend Ryan Gosling die Tasten drückt!) und träumt von „reinem Jazz“ und einem eigenen Club.

Die Liebesgeschichte zwischen beiden zieht sich äußerst länglich dahin, die Musical „Gesang- und Tanz-Szenen“ (wo man auch im Observatorium glatt in den Himmel schwebt) passen mal mehr, mal weniger, vielleicht auch, weil Ryan Gosling absolut als der romantische, melancholisch verbrämte Liebhaber-Typ durchgeht, Emma Stone, die eher von gröberer Struktur ist, nicht unbedingt als das süße Mädel, das hier von der Musical-Struktur her gefragt wäre.

La La Land  Tanzszene~1

Hollywood also, auch als Realität: Die Stadt, wo jeder (es ist irgendetwas zwischen traurig und tragisch, nicht wahr?) von der Karriere träumt und einer von Hunderttausend (weniger?) es schafft. Die Stadt auch als halb glitzernder, halb schäbiger, zitatenreicher Hintergrund (das Observatorium hat man doch in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ von James Dean schon gesehen?).

Wenn der Film sich dann auf die auseinanderstrebenden beruflichen Karrieren von Mia und Seb konzentriert, wird er besser, ehrlich, handelt vom Ausverkauft der Träume (wo der Pianist „erwachsen“ wird und für gutes Geld wohlfeil Show macht). Und als auch Mia dann endlich Karriere macht, ist es mit der ohnedies eher schwierigen Beziehung zu Ende.

Am Schluß darf das Musical noch einmal wiederkommen, mit einer hinreißenden, auch mit Comics versetzten Sequenz darüber, wie das gemeinsame Leben der beiden glücklich hätte verlaufen können, bis zum strahlenden Happy-End – die herrlichste Traumfabrik. In der Realität gehen sie nach einem Zufallstreffen (er hat jetzt „seinen“ Club und ist allein, sie hat Mann und Kind und ist vielleicht nicht so total glücklich) traurigen Blicks wieder auseinander. „The End“ – so wie die Abspänne im Kino anno dazumal ausgesehen haben.

Ja, das ist eine Geschichte, in der so viel Wahrheit steckt, dass sie fast weh tut. Und dann wird – perfekt und mit Liebe gemacht – die altmodische Musical-Verbrämung (als Huldigung an Hollywoods große Vergangenheit) darüber gegossen, quasi als Kommentar: das La La Land des Kinos und das Los Angeles der Wirklichkeit. Klug gedacht, filmisch großartig gemacht, und dennoch passt es nicht hundertprozentig zusammen.

Das sind Bedenken, die weder den meisten Kritikern noch dem Publikum kamen: Nach zwei Wochen hatte der Film schon das Doppelte seines Budgets eingespielt, und nach dem Regen an „Golden Globes“ werden die Kinokassen wohl explodieren. Der Zauber des Traumwelt-Musicals greift, je düsterer die Wirklichkeit vor den Kinohäusern ist. Retro Glamour konstatierten die amerikanischen Filmkritiker. Ja, warum nicht?

Renate Wagner

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THE GREAT WALL

FilmCover  The Great Wall~1

Filmstart: 12. Jänner 2017
THE GREAT WALL
China, USA  / 2016 
Regie: Zhang Yimou
Mit: Matt Damon, Jing Tian, Pedro Pascal, Willem Dafoe u.a.

Betrachtet man die Chinesische Mauer, eines der gewaltigsten Bauwerke der Erde, aus historischer Sicht, wurde sie wohl aufgerichtet, um den Ansturm von Reitervölkern aus dem Norden zu bremsen. Aber auch die Chinesen haben ihre Mythen, Märchen und Legenden, und da heißt es dann, dass es darum ging, ein drachenartige Monster namens Tao Tie und seine Armee mörderischer Fabeltiere abzuhalten…

Wenn nun also der Monsterfilm „The Great Wall“ in die Kinos kommt, geht es nicht um chinesische Geschichte, sondern um Mythos, Fantasy, Actiongetümmel und Effekte-Gewitter – großes Kino im Hongkong-Stil, allerdings auch auf ein westliches Publikum ausgerichtet. Denn der bereits legendäre 65jährige chinesische Regisseur Zhang Yimou, erst mit seinen kritischen Filmen (Rotes Kornfeld) Liebling der Festivals, dann Erzeuger herrlicher Martial Arts-Filme (Hero), hat nun seinen ersten Hollywood-Film auf Englisch gedreht – wobei das produzierende Studio finanziell ohnedies fest in chinesischer Hand ist.

Also begegnen wir irgendwann im 15. Jahrhundert europäischen Söldnern auf der Flucht vor Verfolgern durch die pittoreske Wüste Gobi – das ist gleich die wilde Jagd in bestechenden Bildern, und darauf soll es auch in der Folge ankommen. Geheimnisvolles Geheule macht klar, dass sie nicht nur von Menschen, sondern auch unerklärlichen Phänomenen bedroht werden…

Zwei der Männer, William Garin und Pero Tovar, kommen davon und landen bei der im Bau befindlichen Riesenmauer (man hat übrigens erfahren, dass sie nur aus dem Computer kommt – dafür wirkt sie beklemmend echt). Bewacht wird das Gemäuer von – Damen, mehr noch einer ganzen Frauenarmee, befehligt von Kommandantin Lin Mae. Das mag skurril wirken (man sieht keine abgeschnittenen Busen, Amazonen sind es also nicht), aber man erinnert sich: Noch unter Mao gab es, als moderne getanzte „Revolutionsoper“, das „Rote Frauenbataillon“. In der Historie sind sie natürlich hübscher als im Mao-Anzug, kurz, die Damen haben Tradition. „They are women!“ stellt Garin fest, falls es jemand unter den Kinobesuchern nicht kapiert.

Und – Lin Mae spricht Englisch („Phantastisch!“ kommentiert William Garin diese hoch erwünschte Tatsache – ja, hie und dabei gibt es ein Quentchen Humor), und nun holpert sich die Unterhaltung zusammen. Über die Bedrohung durch Tao Tie, darüber, dass Garin und Tovar angeblich Händler seien (die Dame ist flink im Begreifen und konstatiert: Ihr seid Soldaten!), und dann gibt es ein bisschen Prahlerei hier und dort, wobei die Söldner mit Pfeil und Bogen zwar reüssieren können, aber die Chinesen rund um die Mauer an Maschinen und sonstigem auch einige Wunderwerke zu bieten haben. Ganz abgesehen von ihrer martialischen, von Trommelwirbel begleiteten Disziplin…

Nach dieser Exposition sind wir schon bei den drachenartigen Monstern, die über das Geschehen herfallen, und damit hat es sich für den Rest des Films mehr oder minder an Handlung: Man stellt immer öfter fest (übrigens auch im Theater), dass angesichts überbordender Machart oft gar nicht mehr gefragt wird, worum es eigentlich gehen soll und ob dazu noch etwas zu sagen wäre…

Kurz, der Rest des Films widmet sich in ausufernden, phantastischen Bildern dem Kampf gegen die Drachen, und man muss ehrlich sagen, dass niemand im Westen diese Szenen mit so viel Eleganz und Geschmeidigkeit auf die Leinwand bringt wie diese Künstler aus der Schule des klassischen Hongkong-Kinos. Trotzdem ist es schade, dass ein Mann wie Zhang Yimou bereit war, sein beeindruckendes Handwerk auszubreiten und es damit bewenden zu lassen.

Denn es wird klar, dass alle Beteiligten keinesfalls etwas Anspruchsvolles wollten. Im Gegenteil. Die Begegnung zwischen den Leuten aus dem Westen und den Chinesen wird weder zum Kampf der Kulturen noch zum politischen Problem (wie später bei Opiumkriegen, Boxeraufstand und kapitalistischer Ausbeutung), es ist einfach ein Teil der Geschichte. Die Söldner sind zwar beileibe Helden, auch keine Musterknaben (immerhin wollen sie ja eigentlich damit reich werden, dass sie das legendäre Schießpulver stehlen, mit dem man übrigens die Drachen ganz gut bekämpfen kann), aber auch keine allzu üblen Kerle. Und die Chinesen geben sich zwar martialisch, aber außer der Heldin in Uniform ist nicht eine Figur auf ihrer Seite wirklich ausgearbeitet. Es bleibt kaum Zeit, das bißchen Sympathie zwischen Garin und der Soldatin-Kommandantin  auszuschmücken, bevor er am Ende (die Drachenplage ist mit seiner Hilfe beseitigt) wieder in den Westen reitet. Simpel, simpel. Dürftig, dürftig. Schade.

Matt Damon ist Matt Damon, ein Mann mit starker Leinwandpräsenz, auch wenn er nicht viel mehr zu tun bekommt, als einfach da zu sein, aber schon seine Mitspieler versickern: Pedro Pascal als Pero Tovar hätte wohl die Funktion des Komikers in einer Buddy-Konstellation mit Damon, aber er kommt als zweiter Mann nicht zur Geltung. Und man fragt sich, wozu Willem Dafoe überhaupt mitspielt, es sei denn, dass einmal erwähnt wird, dass die Kommandantin ihm ihre Englischkenntnisse verdankt.

Tian Jing ist zwar eine der fraglos schönen Asiatinnen, wie man sie schon oft kennen gelernt hat, aber die überwältigende Ausstrahlung, wie sie etwa Zhang Ziyi oder Gong Li einst auf die Leiwand brachten, hat sie nicht. Und darüber hinaus hat der Film an Darstellern nichts weiter  zu bieten.

Dennoch sollte man nicht ungerecht sein: Man sieht ein irrwitziges optisches Spektakel mit herrlichen Effekten, und wer dergleichen liebt, wird bedient. China ist immer ein hinreißender „Exotismus“-Rahmen, und die Schauwerte des Films sind erstklassig. Man darf sich die Freude an so einem Spektakel nicht durch zu viele Ansprüche an eine Geschichte verderben lassen…

Renate Wagner

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DIE BLUMEN VON GESTERN

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Filmstart: 13. Jänner 2017
DIE BLUMEN VON GESTERN
Österreich / Deutschland 2016 
Drehbuch und Regie: Chris Kraus
Mit: Lars Eidinger, Adèle Haenel, Jan Josef Liefers, Sigrid Marquardt, Hannah Herzsprung, Rolf Hoppe, Bibiane Zeller u.a.

Sein Opa war, so wie der kleine Totila ihn erlebt hat, „lieb“, und das glaubt man ihm auch. Während des Krieges war Opa jedoch in Riga der Mann, der dafür gesorgt hat, dass alle Juden abtransportiert wurden, auch die kleinen jüdischen Mädchen in der Schule, die er leitete.

Totila riß sich mit 17 aus seiner „Familie mit nationalsozialistischem Hintergrund“ los (von dieser verstoßen und verdammt) und wurde Holocaust-Forscher – aus Kompensationsgründen ein besonders rigider, humorloser, der Ernsthaftigkeit einfordert, wo in dem Ludwigsburger Institut, in dem er arbeitet, das Geschäft mit den Opfern längst Routine ist, mit dem vordringlichsten Gesichtspunkt, Spenden zu lukrieren…

Zazie ist Französin, ihre Omi war ein Mädchen in der Schule des „Opa“ von Riga, das in Auschwitz gestorben ist. Mit dem deutschen Institut für Holocaust-Forschung hat sie Beziehungen – sie war die Freundin des (in einem kurzen Auftritt von Rolf Hoppe verkörperten) verstorbenen Leiters (dessen Nachfolger Totila gerne geworden wäre), ist die Geliebte des gegenwärtigen Chefs und kommt nach Ludwigsburg, angeblich um dort als „Praktikantin“ zu arbeiten. In Wirklichkeit will sie, Selbstdefinition: „meschuggene Jüdin“, sich mit Totila konfrontieren – zwei Enkel von Tätern und Opfern, deren Großeltern sich unmittelbar gekannt haben…

Das ist der Ausgangspunkt des Films von Chris Kraus, den man als Regisseur des bemerkenswerten Streifens „Poll“ kennt, auch dort die Geschichte von Nazis und Juden im Baltikum. Keine Frage, dass Kraus sich selbst wohl – derselbe Hintergrund – in der Figur des Totila findet. Also noch einmal der (offensichtlich in vielem biographische) Versuch, den Umgang mit dem Holocaust zu thematisieren, diesmal allerdings um einiges radikaler, exzessiver – und weit weniger überzeugend.

Kraus konnte  „Die Blumen von gestern“ als österreichisch-deutsche Koproduktion drehen, eine Sequenz spielt auch in Wien, nicht nur im Kaffeehaus (sieht wie das Landtmann aus), sondern auch der Nazi-Bunker, vor die der Regisseur eine Gruppe von Couleur-Studenten stellt… Später gibt es auch noch „Spurensuche“ in Riga, die dramaturgisch allerdings wenig bringt.

Man könnte das Thema der „Enkel“ nun auch gewissermaßen „normal“ erzählen, aber Kraus hat sich in seiner Doppelfunktion als Drehbuchautor und Regisseur für eine ziemlich radikale Version entschieden. Er hetzt in Totila und Zazie nämlich zwei rabiate, annähernd Verrückte gegen einander (sie ist noch schlimmer als er), die dann nach und nach in ihren Aktionen so künstlich wirken, dass man meint, die Geschichte zu verlieren.

Diese blättert sich auch abseits des „verrückten“ Paares reich und parodistisch auf, die Mitglieder des „Instituts“ erscheinen durchaus aus der Klamottenkiste (Jan Josef Liefers als lüsterner Professor macht das perfekt), und die alte „Vorzuge“-Überlebens-Jüdin Tara Rubinstein, die so gar nicht den Klischees gehorchen will („Wollen Sie wissen, ob ich mit Heydrich geschlafen habe?“), war wohl die letzte Rolle der großartigen, damals über 90jährigen, unglaublich vitalen Sigrid Marquardt, die dann 2016 verstorben ist: Wie ekelhaft es für die Überlebenden sein muss, wie die Nachkommen der Täter nun unter dem Vorwand triefender Anteilnahme aus ihrem Schicksal Kapital schlagen wollen, das macht sie herrlich kratzbürstig klar.

Im übrigen haben wir es mit dem gestressten, humorlosen Toto zu tun, wobei noch ein – eher peinlicher und überflüssiger – Handlungsstrang ihn mit Tierarzt-Gattin (Hannah Herzsprung) zeigt, die ihn betrügen darf, weil er doch impotent ist, deshalb haben sie auch politisch korrekt ein kleines Negerkind adoptiert, und die Ehekrisen werden auch brüllend per Handy (Toto irgendwo am Männerklo, wo er dann zusammen geschlagen wird) ausgetragen. Ach ja, und eine demente Oma (Bibiana Zeller) ist auch noch da: Das ist alles vielleicht grotesk, aber im Grunde sicherlich nicht annähernd so lustig, wie der Regisseur es sich vorgestellt hat.

Dennoch ist Toto in Gestalt von Lars Eidinger eine letztendlich glaubhafte Figur, auch in der Pose, in der er sein Leiden demonstrativ vor sich her trägt, das ist bekannte Gutmenschen-Manier (wenn man ihm ganz am Ende in New York wieder begegnet, ist er von „Holocaust“ auf „Genozide“ umgestiegen, auch ein Betätigungsfeld…).

Weit weniger glaubhaft, weil vom Drehbuch bis zur Unerträglichkeit überzeichnet, ist die hysterische Zazie mit ihren nicht nachvollziehbaren Volten in Gestalt von Adèle Haenel: So führt man sich (hoffentlich) nur im Kino auf… oder wer schmeißt schon bei rasanter Fahrt einen Hund aus dem Fenster? Als Zeichen wofür? Das ist geradezu schwachsinnig, und ihre sexuellen Annäherungen an Toto, dauernd mit aggressiven Vorwürfen gemischt, sind einfach nur dumm-peinlich.

Wenn manche Filme letztendlich ratlos hinterlassen, so heißt das ja doch, dass der Filmemacher sein Thema nicht wirklich in den Griff bekommen hat. Es ist klar, Chris Kraus wollte angesichts des gelegentlich auch missbräuchlich instrumentalisierten Holocaust-Begriffs in homerisches Gelächter ausbrechen. Aber was hat er letztlich erreicht? Dass man ihm seine Hauptfiguren (die ja echte Schicksale sein können) teils nicht glaubt, teils von ihnen (wie jene überzeichnete Zazie) einfach nur genervt wird. Schade. „Poll“ war doch ein außerordentlich gelungener Film…

Renate Wagner

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WHY HIM?

FilmCover  Why him~1

Filmstart: 13. Jänner 2017
WHY HIM?
USA  /  2017
Regie: John Hamburg
Mit: James Franco, Bryan Cranston, Zoey Deutch u.a.

Wenn einer der Drehbuchautoren Jonah Hill heißt, einer der Produzenten Ben Stiller und der Hauptdarsteller James Franco, dann kann man durchaus Befürchtungen hegen: Denn da sind ein paar Burschen beisammen, die nicht für ihren guten Geschmack bekannt sind. Im Gegenteil. Dennoch erweist sich „Why him?“ letztendlich nicht als schmutziger Klamauk à la „Dirty Grandpa“, sondern als eine bei aller Schwankhaftigkeit doch klug satirisch beleuchtete Zeitstudie. Tatsächlich.

Wenn ein braver amerikanischer Familienvater mit einem Silicon Valley Fuzzy konfrontiert wird, weil Töchterchen sich einbildet, der sei der Mann ihres Lebens, dann ist das nicht nur lustig, dann ist das geradezu beängstigend in seinem „Kampf der Kulturen“, wobei von „Kultur“ (wir sind in Amerika!) natürlich auf beiden Seiten keine Rede sein kann. Dieser Film, den Regisseur John Hamburg zwar krass-witzig und teilweise unverschämt-frech, aber nicht extrem blöd inszeniert, zeigt, dass in den USA – und natürlich nicht nur dort – die Generationen verschiedene Sprachen sprechen, auch wenn es angeblich dasselbe Englisch, Deutsch, was immer ist.

Wenn Papa Ned Fleming mit Gattin und Sohn auf Bitten seiner Tochter die Weihnachtseinladung in das Luxusanwesen des Multimillionärs Laird Mayhew im kalifornische Palo Alto annimmt, ist er in einer anderen Welt – durchdigitalisiert, beobachtet, von Stimmen aus der Zimmerdecke begleitet, mit den seltsamsten Klo-Erlebnissen bestückt (wobei das mehr komisch als unappetitlich gerät). Zudem ist dieser Laird superreich – und Papas altmodische Firma geht langsam zugrunde… die Zeit geht über die frühere Generation hinweg.

Der künftige Schwiegersohn will sich bei der Familie seiner Liebsten beliebt machen, versteht aber gar nichts von den bürgerlichen Konversationsritualen, was man sagen kann, was nicht, was als richtig erachtet wird, was als unmöglich. Logisch, dass nur der 15jährige Sohn der Familie begeistert ist, Papa und Mama hingegen bass entsetzt.

Warum gerade er? fragt der erschütterte Vater seine Tochter, die auch prompt das College schmeißen und in die Firma des Zukünftigen eintreten will. Als Kinopublikum fragt man sich das auch, zumal die Gegensätze oft wirklich treffend, scharf und komisch herausgearbeitet sind. Dass der Film dann im letzten Viertel in ein versöhnliches Hollywood-Kitsch-Gelabere mit allgemeinem Happyend ausartet, verkauft das Projekt dann letztendlich weit billiger, als es sein müsste. Immerhin – ganz so schlimm, wie man befürchten musste, ist es nicht geworden.

Auch durch das durch gelungene Gegenüber der Hauptdarsteller: James Franco (nächstes Jahr wird er 40, aber er ist noch immer so „boyish“ wie in seinen jungen Jahren, mit dem unwiderstehlichen, selbstbewussten Grinsen) spielt das naiv-raffinierte Bündel Unausstehlichkeit auf seine unwiderstehliche Art, und Bryan Cranston, lange Zeit „nur“ Serienstar („Breaking Bad“), bis er als „Trumbo“ auch die Leinwand eroberte, gibt den bedenklichen Papa höchst vergnüglich, der ja nun auch wieder nicht unfreundlich sein will und dauernd versucht, sein Unverständnis zu verstecken – über den angeblichen „Fortschritt“ und über die so anderen Menschen, die Leuten wie ihm wie Aliens vorkommen müssen…

Zoey Deutch als hübsche, selbstbewusste Tochter, Megan Mullally als ulkige Mutter, Griffin Gluck als 15jähriger Sohn, der sich dauernd unterdrückt fühlt, und vor allem Keegan-Michael Key als Lairds schräges Faktotum machen die Geschichte rund. Sie funktioniert, bis man sie in Sirup ertränkt.

Renate Wagner  

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DIE LIEBENDEN VON BALUTSCHISTAN

FilmCover  Liebende von Balutschistan~1

Filmstart: 13. Jänner 2017
DIE LIEBENDEN VON BALUTSCHISTAN
Österreich  /  2017 
Regie: Houchang Allahyari und Tom-Dariusch Allahyari
Dokumentarfilm

Wie zu erwarten, ist eine orientalische Liebesgeschichte tragisch – Hani muss einen anderen heiraten (keinen Geringeren als den König, der für ihre Schönheit entbrennt), und als sie nach 32 Jahren (!) wieder frei ist, hat ihr Liebster Mori beschlossen, ihr zu entsagen. Irgendwie kommen sie wohl doch zusammen, in einer anderen Welt… so genau bekommt man es nicht mit, denn die Geschichte wird bröckchenweise erzählt: Die Allahyaris, Vater und Sohn, haben kein schönes, trauriges orientalisches Märchen erzählt, sie liefern vielmehr den nächsten Teil ihrer Iran-Reise Dokumentation. Der erste Teil, die „roten Rüben“ von Teheran, war ja nicht sonderlich aufregend. Der zweite Teil ist ein wenig interessanter.

Hier verschlägt es Houchang Allahyari und seinen Sohn Tom-Dariusch nach Balutschistan (ist nicht „Belutschistan“ die übliche Bezeichnung?), diese  grenzübergreifende Region zwischen Iran, Afghanistan und Pakistan (im Grunde wie das Kurdengebiet, durch eigene Regionalsprache und Tradition zusammen gehalten, durch Politik getrennt) – eine Welt, die kaum jemand kennt oder je wahrnimmt.

Sie reisten an der iranischen Seite entlang, und es war ein teilweise lebensgefährliches Abenteuer, denn in dieser Schmuggler-Gegend sind die Einheimischen nicht zimperlich, wenn sie sich bedroht fühlen – und Leute jenseits des Gesetzes haben es nicht gerne, wenn man eine Filmkamera auf sie richtet: „Kamera runter, oder der Kopf ist weg.“ Auch werden Fremde hier gerne entführt…

Die Allahyaris machten sich also, begleitet von ein paar Fachleuten für dieses Land, auf den Weg, und das ist in vieler Hinsicht anregend, nicht nur wegen der atemberaubend „toten“ Landschaft (in der Tom Allahyari am liebsten einen Science-Fiction-Film drehen würde), die sie teilweise tatsächlich von einem Hubschrauber aus einfangen konnten.

Die Menschen setzen sich zu einem Kaleidoskop zusammen, Sunniten, Schiiten, angeblich friedlich nebeneinander, man spricht den armen Bauern am Feld an und lernt einen Rinderzüchter kennen, der mit Hunderten von Tieren sicher kein Armer ist. In einem Zentrum, wo kleine Mädchen lesen lernen, darf eine, die aus einer fortschrittlichen Familie kommt, sogar den Traum hegen, einmal Schauspielerin zu werden. Und ein in der Region berühmter Sänger, der sich sein Geld nebenbei als Taxifahrer verdienen muss, vermittelt die Einsicht, dass Gruppen, die über keine eigene Tradition und Musik verfügen, unweigerlich untergehen…

Man hört viel von der Musik, sieht bei einem Fest am Marktplatz zu, erlebt ein armes kleines Krokodil, das sich in einen Kanal „verlaufen“ hat, hegt Hoffnung für kleine Mädchen und arme Leute.

Der Titel des Films ist natürlich irreführend: Das ist kein orientalisches Märchen. Das ist teils trostlose, teils einfach reale orientalische Wirklichkeit, sanft, nicht analytisch, aber liebevoll abgefilmt von den Allahyaris.

Renate Wagner

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THE HAPPY FILM

FilmCover  The Happy Film~1

Filmstart: 5. Jänner 2017
THE HAPPY FILM
USA  /  2016 
Regie: Stefan Sagmeister, Ben Nabors, Hillman Curtis
Mit: Stefan Sagmeister u.a.

Stefan Sagmeister kennt man natürlich, schließlich werden nur wenige Österreicher in der Kunstszene international so berühmt wie er. Der Vorarlberger hat es geschafft, ist heute selbst schon Kult, nicht nur in seiner zweiten Heimat New York. Seine Ausstellung „The Happy Show“, die 2016 im MAK lief, war ein Riesenerfolg. Viele ihrer Objekte sind nun auch im Kino zu sehen, wenn auch nicht in einer  Ausstellungs-Doku: „The Happy Film“, von Sagmeister viele Jahre lang gedreht, ist ein psychoanalytischer Selbstversuch auf der Suche nach dem Glück.

Nun lässt sich ja mit diesem Glück unendlich viel Geld verdienen: Jeder strebt es an, ohne genau zu wissen, was es ist, und wer vorgibt, etwas dazu sagen zu können (am Ende gar Rezepte zu verkaufen!), kann den Unglücklichen jegliche Summe abnehmen. Sagmeister, als ob er nicht als Designer erfolgreich genug wäre, ist schon längst auf diesen Zug aufgesprungen, auch als Vortragender, es ist das Hauptthema jedes Interviews, das er gibt, und im übrigen kreist sein Ego auch permanent um das Problem des eigenen Glücks.

Daran darf man nun teilnehmen, auch wenn es – das sei einmal direkt und unfreundlich vorausgeschickt – einem vernünftigen Menschen nichts bringt. Denn Sagmeister reflektiert zwar über das allgemeine Glücksgelabere so, dass man gelegentlich meint, der Film sei wohl als Ironie, Parodie, Witz gedacht – aber im Endeffekt geht es nur um die Selbstbespiegelung eines Künstlers, der nun auch neben Design und Glücksparolen sich selbst als Figur verkauft. Mit Video-Tagebüchern, langen Listen, in denen er sein Verhalten benotet, und ausführlichem Gesülze über seine innere Befindlichkeit…

Sagmeister Happy Film x

Stefan Sagmeister hat sich im Supermarkt der Glücksangebote umgesehen und selbst die üblichen Angebote durchlaufen: Man lacht, wenn er Meditation vor allem mit schmerzendem Rücken verbindet („The Pain is totally nuts“ – der Film wurde nämlich in englischer Sprache gedreht) und seine Leidensgenossen bei diesen Versuchen als „mürrische Zombies“ bezeichnet. Dann wundert man sich, wie mehrere echte Psychiater sich vorführen lassen und möglicherweise sogar ernst nehmen, was sie da an analysierenden Banalitäten von sich geben  („Be warm, loving, open“).

Und am Ende steht der Versuch mit den „Drugs“, den Medikamenten, wobei der Psychiater selbst einräumt: Wenn die Leute wüssten, was die Dinge in ihrem Geist und ihrem Körper bewirken, keiner würde sie nehmen… Der Selbstversuch mit Lexapro war sicher nicht ungefährlich, brachte Sagmeister (bei verändertem Bewusstsein, eine zeitlang ziemlich lethargisch) eine Freundin, wobei er das Abbröckeln der heftigen Liebe zu Beginn zu dauernden Streitigkeiten ausstellt… Am Ende der jahrelangen Dreharbeiten erzählt Stefan Sagmeister, dass es natürlich keine Antworten auf die Glücksfrage gibt, aber a „shitload of possibilities“. Ja, Entschuldigung, das hat man auch ohne ihn gewusst.

Man bekommt also eineinhalb Stunden Selbstdarstellung, wobei der interessanteste Teil des Films in den „Designer“-Stückeln liegt, die Sagmeister einarbeitet – als Performance Künstler ist er wirklich witzig. Im übrigen erscheint er zwischen sympathisch (so ein Vorarlberger ist geerdet) und dann doch ein bisschen wehleidig, in dem Versuch, seine Großspurigkeit und Selbstverliebheit nicht zu sehr zu zeigen. Der Erkenntnisgewinn ist leider Null. Es wäre fast gescheiter gewesen, das Ganze in einen satirischen Spielfilm zu verpacken… „Eat, pray, love“ mit Julia Roberts war inetwa dasselbe und viel unterhaltender.

Renate Wagner  

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PASSENGERS

FilmPlakat   Passengers~1

Filmstart: 5. Jänner 2017
PASSENGERS
USA  /  2016 
Regie: Morten Tyldum
Mit: Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen u.a.

Eigentlich ist es im Weltraum langweilig, zumindest, wenn keine Aliens durch die Raumschiffe wieseln. Aber weil das Kinopublikum anders entschieden hat, werden immer wieder Menschen einsam ins All geschickt. Man muss sich nur daran erinnern, wie Sandra Bullock 2013 in „Gravity“ allein durch den Weltraum segelte, nachdem George Clooney sie nach kurzem Zusammensein verlassen hatte. So öde es einem vorkommen mochte – am Ende gab es sieben (!) „Oscars“ und, noch wichtiger, über 700 Millionen Dollar Einspielergebnisse. Kein Wunder, dass man sich ausrechnet, dass zwei Jungstars – diesmal allerdings meist im Raumschiff, selten draußen im Weltall – dieses Kassenwunder wiederholen könnten. Ob es klappt?

„Passengers“ spielt in einer Zukunft, wo wir angeblich von der Erde aus fremde Planeten bevölkern werden. Vieles ist dann schon erfunden, nur kein Highspeed-Vehikel ins All – so an die hundert Jahre muss man bis zur Ankunft schon rechnen. Die Methode, die wir uns heute (sci-fi-mäßig) ausdenken, ist bekannt: ab in einen gläsernen Sarg, Tiefschlaf, in hundert Jahren wird man so jung und hoffentlich frisch fröhlich geweckt, wie man einst war. 5000 Menschen „schlafen“ da ihrer Zukunft entgegen…

Die letzten paar Monate darf man dann in einem Raumschiff verbringen, das zwar Passagiere verschiedener Klassen vorsieht (Goldcard und gewöhnliche Leute gibt es dort auch), das aber traumschiffmäßig mit allem Luxus von Pool, Bar, Fitnessraum etc. eingerichtet ist… Nicht umsonst trägt es den schönen Namen „Avalon“.

Irgendetwas geht aber immer schief – und so ist Jim einigermaßen erstaunt, aus dem Schlaf geweckt zu werden und sich mutterallein im Raumschiff zu finden. Das heißt, Barkeeper Arthur ist da und schenkt Drinks aus, aber der gute Mann ist ein Android, sprich: ein Roboter ohne Unterleib, wenn er auch sehr sympathisch plaudern kann. Jim, der als Mechaniker technisch nicht unbeleckt ist und sich durch die Systeme des Raumschiffs erkundet, stellt bald fest, dass er Opfer eines technischen Versagens wurde und noch 90 Jahre Fahrzeit vor sich hat, also vermutlich tot sein wird, wenn er seinen künftigen Planeten erreicht. Der Versuch, sich selbst wieder in Schlaf zu versetzen, misslingt. Was nun?

Bis dahin wurde man wiederum stark an „Der Marsianer“ von 2015 erinnert, wo Matt Damon sich als einziger Mensch  in einer Basisstation auf dem Mars befand und versuchen musste, sich allein ein Leben einzurichten. Jim in „Passengers“ wird zumindest von Maschinen mit Nahrung versehen, von Arthur mit etwas Ansprache bedacht. Trotzdem ist die Einsamkeit schädlich für die Seele. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei…

Videos anderer Passagiere existieren, und weil die hübsche, offensichtlich kluge Journalistin Aurora Lane ihm besonders gefällt, weckt er sie auf – ohne ihr zu sagen, dass das kein Irrtum war, sondern sein Werk. Nun kann die übliche Romanze „Wir nähern und behutsam aneinander an und werden ja letztlich doch ein Liebespaar“ beginnen.

Und mehr ist es schon nicht, bis auf ein paar künstliche Kalamitäten mit dem Raumschiff, die Gefahr und wagwitzige Rettungsaktionen nach sich ziehen. Die übliche künstliche Dramatik des Aufeinander-angewiesen-Seins. Da taucht dann auch noch kurzfristig ein lädierter Kapitän des Raumschiffs auf, aber letztlich sind die beiden wieder (bis auf Arthur) allein. Und die Handlung verläuft, wie allzu oft schon gehabt.

Nur dass sich Jennifer Lawrence, derzeit einer der am hellsten strahlenden Hollywood-Sterne, und der durch und durch nichtssagend-sympathische Chris Pratt nicht irgendwo in New York oder an einem Karibik-Strand zusammen raufen, als vielmehr in einer optisch bombastischen Raumschiff-Welt, die man auch schon zu oft gesehen hat. Eindrucksvoll aufgebaut in Babelsberg, aber es gibt in diesem Milieu keine Überraschungen mehr.

Die psychologische Situation von zwei Menschen, die mit sich allein sind, ohne echtes Leben, ohne Aussicht auf ein solches, ist allerdings eine besondere, aber man hat nie das Gefühl, dass das Drehbuch diese Abgründe in ihrem ganzen beklemmenden Wahnsinn auslotet (zumindest die junge Frau muss die Entscheidung treffen, ob sie auf dem Raumschiff lebt und stirbt oder ob sie sich für die Zukunft auf dem fremden Planeten entscheidet, denn Jim könnte sie in den Schlaf zurückversetzen).

Die Darsteller halten mehr ihre bekannten, attraktiven Gesichter in die Leinwand, als wirklich zu erschüttern (was eigentlich in der Geschichte drinnen wäre). Martin Sheen holt jede Menge Komik aus der Rolle seines Barmann-Androiden und setzt die „menschlich“ stärksten Eindrücke des Films, während Laurence Fishburne in seinen kurzen Auftritten eher blaß bleibt.

Man kennt den norwegischen Regisseur Morten Tyldum sowohl durch den düster-spannenden Krimi „Headhunters“, wo er einen kompliziert strukturierten Kriminalroman seines Landsmannes  Jo Nesbø verfilmte, wie von seiner ersten englischsprachigen Regiearbeit, „The Imitation Game“, die faszinierende Verfilmung des Lebens von Alan Turing, der Informatiker, der im Zweiten Weltkrieg „Enigma“ knackte und von Benedict Cumberbatch hinreißend verkörpert wurde. Beides mit Abstand anspruchsvollere Projekte als dieses.

Da aus der inhaltlich dürren Story selbst nicht mehr herauszuholen ist, als sie in ihrer letztendlichen Schlichtheit bietet, gibt es einiges Spektakuläre zu sehen, vor allem an Kameraeffekten (Höhepunkt: Wenn das Wasser im Swimmingpool nicht mehr der Schwerkraft gehorcht). Aber nächstens sollte Tyldum wieder ein Drehbuch wählen, wo er sich als souveräner Geschichtenerzähler und Menschengestalter bewähren kann.

Im übrigen ist das Starship hier nur ein Starvehikel, aber es sei dahin gestellt, ob Jennifer Lawrence es zu ähnlichen Kassenrapporten ziehen kann wie etwa die vielen Teile der „Tribute von Panem“…

Renate Wagner

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