Der Neue Merker

LION

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Filmstart: 24. Februar 2017
LION USA, Australien, GB  /  2017 
Regie: Garth Davis
Mit: Dev Patel, Sunny Pawar, Nicole Kidman, Rooney Mara u.a.

Ja, man weiß es, das Leben schreibt die unglaublichsten Geschichten. Man würde sie einem Drehbuch nicht glauben. Von einem fünfjährigen Jungen aus einem kleinen indischen Dorf, der durch unglückselige Umstände allein und verloren in der Millionenstadt Kalkutta landet, bedroht an Leib und Leben, der nach Australien adoptiert wird, sich dort integriert und dennoch eine Vergangenheit, von der er so wenig konkret weiß, nicht vergessen kann. Und der so lange sucht, bis er seine richtige Mutter wieder findet…

Lion  der Junge x  lion-trailer-dev-patel-7gespielgte

Die Geschichte ist wahr, Saroo Brierley hat sie aufgeschrieben, und „A Long Way Home“ wurde ein Bestseller. Es ist auch der Stoff, aus dem Hollywood-Träume sind, also wurde nun ein Film daraus, und sechs „Oscar“-Nominierungen gab es auch, sogar für den „besten Film“, für Dev Patel und für Nicole Kidman jeweils für die „beste Nebenrolle“, beste Kamera und bestes adaptiertes Drehbuch, schließlich für beste Filmmusik. Das, was wirklich phantastisch gelungen ist, nämlich das so genannte „Szenenbild“, das gnadenlosen Indien, da wurde auf die Nominierung vergessen… Aber all das beweist nur, dass Hollywood trotz der vielen „harten“ Filme, die heuer im Vordergrund stehen, seine Liebe für herrlich tränenseligen Kitsch noch nicht vergessen hat…

Der Film spielt lange Zeit in Indien und zeigt das Schicksal des kleinen Saroo, gespielt von Sunny Pawar, ein atemberaubend süßer Junge. Er lebt in Khandwa (Madhya Pradesh), ein verlorener Fleck in Zentralindien mit 200.000 Einwohnern. Die offenbar verwitwete Mutter, die ihre beiden Söhne und die Baby-Tochter innig liebt, bringt sie durch schwere Arbeit im Steinbruch durch. Gaddu, der ältere Sohn, der sich rührend um den jüngeren Bruder kümmert, versucht stets, etwas zum Lebensunterhalt beizutragen. Als er eines Abends weggeht, besteht Saroo darauf, ihn zu begleiten. Gaddu lässt den Kleinen auf einer Bank am Bahnhof zurück, mit dem strikten Auftrag, sich keinesfalls wegzurühren. Aber die Zeit vergeht, und Gaddu kommt nicht zurück. Als Saroo am Bahnhof herumstreicht, steigt er auch in einen Zug, schläft ein – und dieser fährt los. 1600 Kilometer durch ein Land, das eigentlich ein Kontinent ist, eingesperrt in einen Güterzug.

Als der Junge in Kalkutta landet, einer Millionenstadt, deren Sprache er nicht spricht, ist er verloren. Er kennt nicht einmal den Namen des Ortes, aus dem er stammt. Er lebt als Straßenkind, und als er von einer scheinbar freundlichen Frau aufgelesen wird, ist klar, dass ihr Freund ihn „verkaufen“ will – ob für Sex, ob für Organe, man erfährt es nicht, er läuft rechtzeitig davon. Das Schicksal im Waisenhaus, wo man hunderte Kinder zusammen fängt, scheint aussichtslos. Und doch ist da eine Frau, die sich bemüht, für diese verlorenen Geschöpfe Adoptiveltern zu finden – und so findet sich der kleine Saroo eines Tages in Tasmanien, bei einem weißen Ehepaar, das ihn liebevoll und warmherzig empfängt und das mit Saroo, der klug und willig ist, einen Haupttreffer macht… (Später bringt dieselbe Frau einen weiteren Buben aus Indien, und dieser ist so gestört, dass er für das Ehepaar Brierley mit seiner Engelsgeduld nur eine Katastrophe und für Saroo als „Bruder“ eine schwere Belastung ist.)

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Dieser erste Teil des Films, der ganz dem hinreißenden kleinen Darsteller gehört, abgesehen davon, dass man viel von dem staubigen, armen, hoffnungslosen Indien zu sehen bekommt, endet dann eher abrupt. Der Sprung über 20 Jahre bringt uns Dev Patel (der immer unser „Slumdog Millionär“ sein wird, obwohl er seine großartigste Leistung als indischer Mathematiker S. Ramanujan in „Die Poesie des Unendlichen“ geliefert hat) in der Rolle des erwachsenen Saroo. Er ist voll integriert in die australische Multi-Kulti-Gesellschaft, hat eine weiße Freundin, könnte mit allem zufrieden sein – und wird von einer Unruhe getrieben, die aus seinen unbewältigten Kindheitserinnerungen erwächst, die brockenweise in seinen Träumen auftauchen…

Ist Regisseur Garth Davis schon der erste, Indien-Teil des Films recht rührselige geraten, so geht es in Australien so weiter, Dev Patel spielt voll von freundlicher Ausstrahlung dennoch exzellent die gespaltene Loyalität, die Sehnsucht nach Mutter und Bruder, die Zuneigung zu den Menschen, die ihm vollgültige Eltern waren (und, ein interessanter Aspekt, selbst keine Kinder haben wollten, obwohl es möglich gewesen wäre, um lieber Kindern aus der Dritten Welt eine konkrete Lebenschance zu geben): Nicole Kidman, die oft so spektakuläre Schönheit war, spielt hier die liebevolle, oft auch bekümmerte australische Durchschnittsfrau, David Wenham ihren Mann, Vorzeige-„Weiße“, die wohl auch als Vorbilder gedacht waren. Rooney Mara (die nicht viel zu vermelden hat – für eine Schauspielerin, die immerhin einmal Lisbeth Salander in der amerikanischen „Verblendung“-Verfilmung war) ist die Freundin von Saroo , der nun Brierley heißt und sich mit Hilfe von Google Earth, unendlichen Recherchen und dauernder Befragung seiner Erinnerung den Weg in das Dorf zurückbahnt.

Man tut sich mit der Rührung schon schwer, als er endlich durch die alten Gassen geht – und die Enttäuschung, als der Verschlag, der ihm einst als Zuhause diente, von Brettern vernagelt ist. Aber in einer so kleinen Gemeinschaft weiß jeder alles von jedem, man führt ihn zur alten Mutter, die ihn sofort erkennt und nie die Hoffnung aufgegeben hat, und zur Schwester, die er nur als Baby gekannt hat… man schluckt, weil der geliebte Bruder tot ist, und man ist doppelt gerührt, wenn sich dann australische und indische Mutter in die Arme fallen und sich gegenseitig danken.

Es ist – bei allem Staub Indiens – doch eine sehr schön geglättete Geschichte, die man hier sieht, was besonders auffällt, wenn am Ende (wie neuerdings üblich bei Filmen, die auf wahren Begebenheiten beruhen) dann die Fotos der „Echtmenschen“ erscheinen, die diese Schicksale erlebt haben. Und so leinwandtauglich wie Patel oder Kidman sind sie doch nicht. Na ja, „Lion“ ist ein Film, der die Wirklichkeit schöner macht. Dafür sind bei den „Oscars“ heuer genügend Filme dabei, die die Wirklichkeit um der Wirkung willen vermutlich noch hässlicher machen, als sie ohnedies ist…

Renate Wagner

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BOSTON

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Filmstart: 24. Februar 2017
BOSTON
Patriots Day /  USA  /  2016
Regie: Peter Berg
Mit: Mark Wahlberg, John Goodman, J. K. Simmons, Michelle Monaghan u.a.

Grundsätzlich ist natürlich nichts dagegen zu sagen, dass die Tragödien des Alltags zu Kino werden – „Futter“ für die Drehbücher ist schließlich in den meisten Filmen das reale Leben von Menschen. Vielleicht ist man in Europa auch dünnhäutiger, aber die Idee, dass die Amerikaner die großen Katastrophen, die ihrem Land passiert sind, doch ziemlich flugs zu Heldengeschichten verarbeiten, mag Unbehagen zu erzeugen.

9/11 war an der Reihe, der Tsunami (der keine amerikanische Tragödie war, aber groß genug) auch, und nun ist der Boston Marathon an der Reihe. Zur Erinnerung: Alljährlich feiert man in Boston den „Patriots’s Day“ am dritten Montag im April, ein volksfestartiges Mordsspektakel, das an Ereignisse des Unabhängigkeitskrieges erinnert. Fester Bestandteil der Veranstaltung ist der Boston Marathon, und 2013 traten über 20.000 Teilnehmer an, um die 42 Kilometer zu bewältigen…

Aber an diesem 15. April 2013  haben zwei Brüder aus Tschetschenien zwei Sprengsätze in der Nähe des Ziels gelegt, die drei Tote und mehrere hundert Verletzte forderten.  Eine Situation, in die man nie geraten will – aber es muss Menschen geben, die sich dergleichen ansehen. Zumal wenn es dann zu einer „Wer ist der Täter?“-Menschenjagd kommt, die, ungeachtet dessen, dass diese Geschichte wahr ist, einfach der üblichen Dramaturgie entspricht.

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Allerdings beruht dieser Film auf dem Tatsachenbericht von Ed Davis: Er war damals der Polizeichef, er musste die Täter finden. Dennoch steht nicht er im Mittelpunkt, sondern Mark Wahlberg als (erfundener) Sergeant Tommy Saunders Er ist der „schöne“ Held, der von dem Charakterkopf von J.K. Simmons flankiert wird.  John Goodman spielt Ed Davis spielt, und weil es ohne weiblichen Anteil nicht geht, ist Saunders Gattin Krankenschwester und mit der immer eindrucksvollen Michelle Monaghan besetzt. Damit es auch noch Kompetenzgerangel gibt (das man gerne glaubt!), mischt sich das FBI in Gestalt von Kevin Bacon flugs ein.

Es ist ein Team zusammen gekommen, das Filme dieser Art – sich dokumentarisch gebend und dennoch alles erfüllend, was das Kino so braucht – geradezu routiniert liefert. Regisseur Peter Berg und Mark Wahlberg haben schon zusammen „Lone Survivor“ (über vier Navy SEALs in Afghanistan) und „Deepwater Horizon“ (über eine Ölkatastrophe im Golf von Mexiko) zusammen gedreht, und wer das spannend findet, wird auch bei „Boston“ dabei sein. Natürlich gibt es unendlich viel Krach, Geschreie und Unübersichtlichkeit bei der Katastrophe des Anschlags, aber dergleichen gesteht man der Situation gerne zu.

In einer Welt der Überwachungskameras hatte man die Brüder Zarnajew ziemlich schnell als Verdächtige im Visier, in der Bevölkerung zeigt sich jener tapfere Zusammenhalt, der aus Notsituationen geboren wird (und später schnell wieder verschwindet) – da werden dann Filme, die als Action-Unterhaltung in die Kinos kommen, in den USA auch zum politischen Statement. (Trump sieht so etwas sicher gerne, zumal, da die Täter echte „Terroristen“  und als solcher zweifellos nach seinem Geschmack waren…)

Es knäult sich dann viel Handlung in den fraglichen fünf Tagen, wobei Wahlberg gewissermaßen die verbindende Hauptperson ist. Die gejagten tschetschenischen Brüder (einer von ihnen war übrigens mit einer konvertierten Amerikanerin, einer erschreckenden Figur im Film, verheiratet) sind hektisch und gefährlich unterwegs, bevor man sie doch noch fasst. Es dauert zweieinviertel Stunden, bis man am Ende des Films angelangt ist – und einem dann im Nachspann die originalen Bilder der tatsächlichen Opfer das Herz zerreißen…

Renate Wagner

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WILDE MAUS

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Filmstart: 17. Februar 2017
WILDE MAUS
Österreich  /  2017
Drehbuch und Regie: Josef Hader
Mit: Josef Hader, Pia Hierzegger, Georg Friedrich, Jörg Hartmann, Denis Moschitto, Nora von Waldstätten, Crina Semciuc, Hubsi Kramar, Maria Hofstätter u.a.

Josef Hader hat sich Zeit gelassen. Im Spätherbst 2015 schon hat er seinen Film „Wilde Maus“ gedreht, jetzt erst kommt er in die Kinos. Wohl auch, damit er ihn zu allererst bei der Berlinale präsentieren konnte, wo er viel Lächeln, Lachen und liebevolle Rezensionen geerntet hat. Für eine sehr österreichische Mischung aus einer echten Vorgabe und der Schmähtandelei, die man daraus macht.

Einst hieß es „Die Maus, die brüllte“. Josef Hader zeigt nun, wie tragikomisch, wie lächerlich und hinreißend zugleich es ausfällt, wenn eine Maus wild wird. Und sind wir nicht alle, alle dumme, kleine, brave Mäuschen, in Schach gehalten von ein paar skrupellosen, räuberischen Katzen? Dabei ist Georg, in seinen Fünfzigern, am Anfang voll im Saft seines Selbstbewusstseins, wenn er einer jungen Kollegin (wieder einmal hintergründig-katzenhaft: Nora von Waldstätten) wohlwollend erzählen will, wie es so langgeht im Journalismus. Dass er Musikkritiker einer großen Zeitung ist – ja, das ist schon ein Prestigejob, das bringt etwas in der Achtung von Leuten, die selbst in Oper und Konzert gehen und seine Formulierungen nachbeten können (er wird es später merken, wenn er bei dem Polizisten des Hubsi Kramar statt strenger Worte nur Wohlwollen für eine minore Straftat erntet). Kurz, auch wenn Georg daheim Streß hat, weil seine Frau Johanna (Pia Hierzegger, so richtig zickig und sauertöpfisch)  zwecks Nachwuchszeugung Sex nach Kalender einfordert, wäre eigentlich alles in Butter…

Und es geht so schnell schief! Der Chef (Jörg Hartmann ist akkurat der richtige, glatt-fiese Typ) macht es klar: Leute wie Georg sind einfach zu teuer und irgendwie gestrig. Also, das war’s. Entlassen, man fasst es nicht. Auf Qualität kommt’s nicht an. Er merkt es, als die junge Kollegin plötzlich zu seinen Terminen gehen darf und so was von keine Ahnung von Musik hat. Und selbst die noch so freundliche Redaktionssekretärin (Maria Hofstätter) nimmt ihm seine Privilegien ab. Es ist alles kaputt und zu Ende. Und eine zeitlang kann er – man kennt das Phänomen – das nicht einmal zugeben. Der Gattin macht er vor, alles sei wie immer.         

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Und was nun? Hier würde nun selbst ein Mann wie Georg, dem der Boden unter den Füßen weggezogen ist, im echten Leben vermutlich im Wirtshaus versumpern. Wenn wir es allerdings mit einem Film von Josef Hader zu tun haben, dann greift der Kabarettist ein und denkt sich aus, was einen zwar realitätsfernen, aber liebenswerten Film ergibt. Ein Rachefeldzug gegen den Chef-Bösewicht, der – die Maus, die brüllte – so lächerlich und traurig ausfällt, wie man es sich nur wünschen kann. Eine Geschichte, die am Ende nicht einmal ein richtiges Ende hat. Weil wir uns längst mit Hader eine Handbreit über dem Boden befinden und uns in seine Traumwelt mittragen lassen.

Die führt, wir sind in Wien, erst einmal in den Prater. Dort muss man eine Type wie Erich finden (Georg Friedrich ist der Reibeisen-Schauspieler, ohne den es im österreichischen Film nicht geht), der da mit der Rumänin Nicoletta (Crina Semciuc) herumzieht (Georg radebrecht auf Italienisch mit ihr) und von einer Achterbahn träumt, die er wieder beleben will. Ein elender Schuppen, der allerdings den Fachausdruck „Wilde Maus“ trägt. Georg, der ohnedies nichts anderes zu tun hat, hilft ihm dabei, das Werkel  zum Rennen zu bringen. Dafür borgt er sich Erichs altes Auto. Denn etwas will er doch – nach ein paar kleinen Sticheleien richtig, Rache nehmen.

Da reicht es nicht mehr, einiges rund um die Villa des Ex-Chefs zu demolieren. Da fährt er diesem in mörderischer Absicht in dessen Ferienhaus (irgendwo im schneeverwehten Niederösterreich) nach. Der junge Mann, mit dem er ihn da überrascht (Denis Moschitto), den kennt der Kinozuseher übrigens schon. Der hat als Patient bei der therapierenden Gattin von Georg schon eine Geschichte – nachdem er ihr erst ins Gesicht gesagt hat, ihre Analysen seien nichts wert, hat er sie mit Blumen umworben und fast eine Romanze angefangen. Vermutlich, um zu vergessen, dass er eigentlich der schwule Geliebte von Georgs Chef ist…

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Der Showdown mit Pistole im Ferienhaus ist unübertrefflich. Der fast nackte, von einem lächerlichen Kampf lädierte Hader, der sich suizidal in den Schnee hockt… wunderbar. (Da sieht man auch, wie hart der Beruf eines Schauspielers ist, der von einem Drehbuchautor und einem Regisseur so etwas auferlegt bekommt. Nur dass er selbst der Drehbuchautor und der Regisseur ist…)

Nachher dürfen alle aufatmen und dem Ende zueilen, das keines ist, aber es ist ja auch keine wahre Geschichte. Aber wunderbares Kino. Und was Hader wie nebenbei von den Krisen des Älterwerdens erzählt… das geht über die Lacher hinaus.

Renate Wagner

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FENCES

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Filmstart: 16. Februar 2017
FENCES
USA  /  2016
Regie: Denzel Washington
Mit: Denzel Washington, Viola Davis  u.a.

Es ist derzeit, man kann es nur wiederholen, die Zeit der starken „schwarzen“ Filme. Die Ära Obama ist zwar vorbei, aber man hat in ihren Ausläufen noch ein paar Filme gedreht, in denen sich die Afroamerikaner Amerikas ihrer eigenen Geschichte besinnen. Das kann auf politischer Ebene geschehen, aber durchaus auch auf privater, im Hinstellen individueller Schicksale. Dass dies im Fall von „Fences“ so stark ausfällt, liegt an dem Theaterstück, das dem Drehbuch zugrunde liegt: August Wilson (1945-2005), halb Afroamerikaner, halb deutsch-böhmischer Abstammung, hat damit sein Meisterwerk geschrieben, das ihn tatsächlich in die Nähe von Arthur Miller rückt.

1987 uraufgeführt, hatten Denzel Washington und Viola Davis 2010 bei einer Wiederaufnahme am Broadway in den Hauptrollen großen, preisgekrönten Erfolg, und da Wilson selbst ein Drehbuch zu seinem Stück geschrieben hat (wobei der Theatercharakter der Geschichte noch stark erhalten ist), entschloß sich Denzel Washington, damit auf die Leinwand zu gehen – nicht nur als Hauptdarsteller und Produzent, sondern zum dritten Mal als Regisseur (auch seine beiden vorangegangenen Filme hatten Probleme von Afroamerikanern behandelt). Und das Ergebnis ist eindrucksvoll genug, wenn auch gelegentlich die Dramaturgie-Maschine des „gut gemachten Stücks“ knarrt (aber das ist bei Arthur Miller und auch bei Eugene O’Neill genau so).

August Wilson zeichnet Alltagsmenschen, die sich durchs Leben kämpfen, die schwarze Unterschicht, hier in den fünfziger Jahren in Pittsburgh. Die einzige Chance, ein besonderes Leben zu führen, hätte für Troy Maxson darin bestanden, in der Welt des Baseball zu reüssieren, aber er hat es nicht geschafft – eine grimmige Enttäuschung, die er immer mit sich herumtragen wird. Nun ist er Straßenreiniger, der versucht, auf seine Arbeit und vor allem auf sich selbst stolz zu sein. Als rauer Patriarch beherrscht er seine Familie – die Frau, die still und traurig vor sich hinlebt (eine verdiente „Oscar“-Nominierung für Viola Davis), der Sohn aus erster Ehe, Lyons (Russell Hornsby), ist in den Augen des Vaters ein Versager, weil er dem Traum nachhängt, Musiker zu sein, und der 18jährige Sohn Cory (Jovan Adepo) bekommt in seinem natürlichen Aufbegehren gegen den Vater dessen volles Patriarchen-Selbstbewusstsein geradezu brutal zu spüren.

Er ist kein angenehmer Mensch, dieser Troy Maxson, wenn ihm Denzel Washington vollmundig auch unwiderstehlich Kraft und ebenso Würde (in seiner ganzen Sturheit) verleiht. Die gewisse Trostlosigkeit des Milieus spiegelt sich auch in Troys tragischem, geistig lädiert aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrten Bruder (Mykelti Williamson) und seinem Freund und Arbeitskollegen Jim Bono (Stephen Henderson ist geradezu bezaubernd und darf Pointen setzen).

Als ob das Zusammentreffen dieser Persönlichkeiten auf dem ziemlich engen Raum von Troys Haus und Hinterhof noch nicht genügend Sprengstoff böte, gibt Troy seiner Frau gegenüber eines Tages zu, dass er eine Geliebte hat – und er mutet ihr noch mehr zu: Als diese stirbt, bringt er ihr das gemeinsame Kind mit ins Haus. Und tatsächlich erzieht sie dieses Mädchen wie eine eigene Tochter… Diesen Edelmut muss man glauben, und Viola Davis strahlt in Gestalt der einfachen Frau die ganze nötige menschliche Größe dafür aus.

Das Finale spielt, wie so oft im Theater, Jahre später – zu Troys Begräbnis kehrt Sohn Cory, nun beim Militär, heim, und natürlich gesteht man sich am Ende, wie sehr man einander, allen Schwierigkeiten zum Trotz, geliebt hat… und das zieht die Geschichte dann ja doch ins Schmalzige.

Doch die glänzenden Dialoge (gutes Theater!) tragen mit ihren Pointen und unterschwellig vermittelten Erkenntnissen den Film ebenso wie Denzel Washingtons Studie eines Mannes, der mit Stolz und Sturheit durchs Leben geht und dabei, wie die meisten Menschen, so viel falsch macht. Das bleibt beeindruckend in Erinnerung.

Renate Wagner

 

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EMPÖRUNG

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Filmstart: 17. Februar 2017
EMPÖRUNG
Indignation  /  USA  /  2016
Regie: James Schamus
Mit: Logan Lerman, Tracy Letts, Sarah Gadon u.a.

Das Nobelpreiskomitee wird Philip Roth den verdienten Literatur-Nobelpreis vermutlich so lange verweigern, bis es zu spät und er tot ist – was nichts an der Bedeutung dieses Autors für die amerikanische Literatur ändert. Mittlerweile verfilmt man ihn auch des öfteren, obwohl seine Geschichten natürlich keinerlei Harold-Robbins-Vordergründigkeit zu bieten haben. Zuletzt hat Ewan McGregor ein „Amerikanisches Idyll“ auf die Leinwand gebracht, der Zerfall von Familien durch die bürgerkriegsartigen Zustände anlässlich der Vietnam-Proteste. Nun ist „Empörung“ an der Reihe.

Die Deutschen haben die unauslöschliche Schuld auf sich geladen, die Juden körperlich vernichten zu wollen (was ihnen bei sechs Millionen Menschen auch geglückt ist). An der Diskriminierung der Juden haben sich auch andere Völker und Nationen beteiligt. Philip Roth – selbst Jude – erzählt das an einem Beispiel aus den fünfziger Jahren in den USA…

Zu Beginn gibt es Krieg, junge Amerikaner im Angriff auf eine Koreanische Stellung, viele von ihnen sterben. Erst später wird klar (was der Leser von Roths Roman allerdings schon weiß), dass einer, der hier starb, rückblickend seine Geschichte erzählt. Es ist Marcus Messner, Sohn eines – wie man in Österreich sagt – jüdischen Fleischhauers aus Newark, NJ.  Das rangiert gesellschaftlich in den USA nicht hoch, aber innerhalb der jüdischen Gemeinde ist Vater Max Messner (Danny Burstein). ein angesehener Mann. Man kennt ihn ja nicht so genau wie seine Frau Esther (Linda Emond), die am Ende am erratischen Benehmen des Gatten so sehr verzweifelt, dass sie sogar überlegt ihn zu verlassen. Aber das kommt erst später.

Wie die meisten Juden sehen die Messers den wahren Aufstieg im intellektuellen Bereich, und es ist eine große Sache, dass Sohn Marcus klug genug ist, um eine Stipendium am Winesburg College in Ohio zu erhalten. (Roth hat diese Universität erfunden, um mit keiner konkreten Institution in Konflikt zu geraten.) Die Studenten hier sind großteils weiß und katholisch, tatsächlich zählt es zur Pflicht, hier bei Messen zu erscheinen. Was die jüdischen jungen Männer (ein paar, die sich zu einer Gemeinschaft zusammen gefunden haben, der Marcus nicht beitritt) sogar auf die Idee brachte, sich einen Ersatzmann zu kaufen, der ihre Anwesenheit dabei bestätigt – was am Ende sehr schief geht.

Die Versuche des sehr klugen, sehr überlegten jungen Marcus Messner (eine Meisterleistung des knapp 25jährigen Logan Lerman, der sich seit seinem jungendlichen D’Artagnan enorm weiter entwickelt hat), im College unter seinen zutiefst gewöhnlichen, keinesfalls intellektuellen Kollegen nicht anzuschrammen, gelingen so halb und halb. Was er nicht schafft, ist die tückische, hinter schleimiger Höflichkeit verbrämte antisemitische Niedertracht des Dekans der Universität, Caudwell, auszuhebeln. Tracy Letts, auch als Dramatiker bitteren amerikanischen Alltags bekannt (wir haben in Wien 2009 im Akademietheater „Eine Familie“ gesehen, inszeniert von Alvis Hermanis, später übrigens verfilmt mit Meryl Streep und Julia Roberts), ist hier atemberaubend in seiner hintergründig herabsetzenden Gesprächsführung, so dass man die „Indignation“ (so der Originaltitel – hat auch mit Indignation, Abscheu zu tun) des jungen Marcus nur zu gut versteht. Unbegreiflich übrigens, dass Letts nicht auf der „Oscar“-Liste der besten Nebendarsteller steht.

Und noch eines wird klar: Er kann sich noch so bemühen, seine Leistungen können noch so brillant sein, man wird ihm eine Falle stellen, in die er tappt – und ohne Universität im Hintergrund ist der Kriegseinsatz (und das letale Ende eines so vielversprechenden jungen Mannes) unvermeidlich…

Im Grunde würde all das für eine Geschichte, für einen Film reichen, aber natürlich muss Roth (der als ewiger homme à femmes natürlich keinen schwulen Helden zeichnet, wie so viele seiner Zeitgenossen es tun) auch von der „ersten Liebe“ schreiben. Die für Marcus allerdings ziemlich erschreckend ausfällt, als die scheinbar unschuldvolle Blondine (wir sind Anfang der 50er Jahre, Doris Day was das Idol) ihm gleich bei der ersten Begegnung die Art von sexueller Befriedigung gewährt, die den jungen Mann nur entsetzen kann. Dennoch verliebt er sich in sie und lässt sich auf das, wie sich bald herausstellt, schwer gestörte Geschöpf ein (Sarah Gadon gibt dieser Olivia Hutton mehr als doppelten Boden) – und verzichtet auf sie, weil seine jüdische Mutter sich ein solches Geschöpf nicht als Schwiegertochter vorstellen kann. Roth macht auch klar, dass es zwar eine Stärke bedeutet, in einer jüdischen Community geborgen zu sein, gleichzeitig aber auch all die Nachteile mit sich bringt, die sich durch die Orientierung an der gnadenlosen Meinung der Mitmenschen ergeben… Es ist also nicht nur die amerikanische Gesellschaft, der er in seinem Werk die Leviten liest, sondern auch seine eigene jüdische.

Und Regisseur James Schamus begnügt sich nicht mit der nostalgischen Szenerie, die hier nicht die fröhliche Frische der Doris Day-Films, sondern durchaus etwas Bedrohliches hat, sondern inszeniert auch die ganze Geschichte (mit der großen Auseinandersetzung zwischen Marcus und dem Rektor im Zentrum) mit der Spannung eines guten Theaterstücks. Und dabei hat Philip Roth nur ein Stück alltäglichen amerikanischen Alltags anno dazumal geschildert…

Renate Wagner

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FIFTY SHADES OF GREY – GEFÄHRLICHE LIEBE

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Filmstart:  9. Februar 2017
FIFTY SHADES OF GREY – GEFÄHRLICHE LIEBE
Fifty Shades Darker / USA  / 2017
Regie: James Foley
Mit: Dakota Johnson, Jamie Dornan, Kim Basinger, Eric Johnson, Marcia Gay Harden u.a.

Es war schon beim ersten Mal nicht ganz so „schlimm“ wie erwartet – die „Fifty Shades of Grey“, zwischen Buchdeckeln ein berühmt- berüchtigter Soft-Porno aus der Feder von E L James, Autorin von weltweit verkauften drei Bestsellern um ihre unschuldsvolle und doch letztlich unternehmungslustige Heldin Anastasia Steele, genannt „Ana“. Dass die junge Dame einen Milliardär (!) für sich einnimmt, macht sie für ihre jugendlichen Leserinnen zum begehrenswerten Vorbild – und dass dieser schöne, reiche Mann abgründige Gelüste hat… kurz, damit ist der Zeitgeist vollends getroffen.

In Teil 1 (und seiner Verfilmung) wurde Ana (relativ harmlos, wie gesagt, ein Soft-Porno ganz ohne Schrecken) von ihrem Mr. Christian Grey in das Geheimnis seiner Wünsche (hauptsächlich Bondage, sanfte Klapse auf den Hinterteil und unzüchtiges Benehmen in Restaurants) eingeführt, am Ende von Buch und Film waren sie getrennt. Nun erfüllen sich gleich zu Anfang alle Frauenträume: Er ist wieder da, zerknirscht, bittet um Entschuldigung, fleht geradezu um eine zweite Chance, ist zu allen Zugeständnissen bereit… und weil sie ihn ja doch liebt, schmachtet sie: Ja!

Dakota Johnson mit den langen Haaren, der jugendlichen Stirnfransenfrisur und dem  fast unschuldsvollen Gesicht kann das sehr gut, und als ihr Held hat Jamie Dornan seit dem vorigen Film ein paar Kanten zugelegt. In einer Szene darf er am Reck und am Bock die Muskeln spielen lassen, dass man so richtig sieht, was er an „Body“ zu bieten hat…

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Einerseits geht es um viel Gefühl, der Liebhaber könnte verständnisvoller und zärtlicher nicht sein. Kaum zu glauben, worauf er noch Lust hat. Dabei geht es wirklich nur ein wenig um Sex, mehr als ein paar Softporno-Liebesszenen werden nicht geboten, und das „Rote Zimmer“ des Herrn, das ja eigentlich wie eine Folterkammer ausgestattet ist, erregt  keinerlei Ängste. Das soll Sadismus sein? Also, wer das ernsthaft will, soll bei Ulrich Seidl zusehen… Es hat offenbar zu keinerlei härteren Gangart geführt, dass man Sam Taylor-Johnson (Achtung, eine Dame namens Samantha) nach dem ersten Film gegen „House of Cards“-Regisseur James Foley ausgetascht hat. Die ganze Sache bleibt soft, soft, soft.

Immerhin müssen doch ein paar Schwierigkeiten in die Handlung eingefügt werden, sonst wird es gar zu langweilig  –  da ist Kim Basinger (Oldies unter den Kinobesuchern erinnern sich, dass sie es einst war, die vor 30 Jahren mit „9 ½ Wochen“ den aufregendsten  Erotik-Film damals drehte) als Elena Lincoln, die Frau, die Mr. Grey einst in die Liebe eingeführt hat und ihn offenbar immer noch eifersüchtig als ihren Besitz betrachtet, wofür sie sich eine giftig-grimmige Miene zugelegt hat. Und da ist der sehr gut aussehende Eric Johnson (nicht mit der Hauptdarstellerin verwandt) als Jack Hyde, Chef in dem Verlag, in dem Ana arbeitet, und mit aufreizender Selbstverständlichkeit felsenfest überzeugt, dass sie ihm sexuell zur Verfügung stehen muss. Aber man sollte sich nicht mit Frauen einlassen, deren Liebhaber Milliardäre sind –  der kauft doch glatt den ganzen Verlag, feuert den Zudringling und macht Ana zur Chefin. So läuft das Leben in den Märchen.

Wenn es dann noch eine Szene gibt, in der Christian Grey samt Co-Pilotin mit einem Hubschrauber abstürzt, kommt man gar nicht dazu, sich richtig zu sorgen, so schnell ist er wieder da und macht Ana einen Heiratsantrag. Die sagt natürlich ja (so schlimm sind die Klapse auf den Po und die paar Fußfesseln offenbar nicht), und am Ende feiert man Verlobung. Freilich, Mrs. Lincoln und Mr. Hyde haben noch ein Hühnchen mit Mr. Grey zu rupfen…

Und so geht man nach einer echten Schmacht- und Schmalz-Story mit einem riesigen Verlobungs-Feuerwerk ins Happy End, und nur die Bösen im Hintergrund verkünden, dass sich in Teil 3 noch irgendetwas tun wird, das vielleicht nicht ausschließlich die Wunsch erfüllende Romantik billiger Frauenromane umsetzt… Man hat diesen Teil übrigens gleich gemeinsam mit diesem Film gedreht, also wird er, kaum ist dieser finanziell abgeschöpft, nicht zu lange auf sich warten lassen.

Renate Wagner

 

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KUNDSCHAFTER DES FRIEDENS

FillmCover Kundschafter des Friedens

 

Filmstart: 10. Februar 2017
KUNDSCHAFTER DES FRIEDENS
Deutschland / 2017
Regie: Robert Thalheim
Mit: Henry Hübchen, Michael Gwisdek, Thomas Thieme, Jürgen Prochnow, Winfried Glatzeder, Antje Traue u.a.

Dass die DDR für uns in der Retrospektive komische Seiten hat, ist erleichternd, denn die echte Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Regimes hat (nehmen wir das Meisterwerk „Das Leben der anderen“ einmal aus) ja noch nicht wirklich stattgefunden. Man möchte schließlich in Frieden mit den „Ossis“ leben, und es wäre ja am gescheitesten, wenn sie sich selbst nicht mehr als solche fühlten…

Also lachen wir über die Vergangenheit, und das konnte man selten so herzlich und unbeschwert tun wie bei dem Film „Kundschafter des Friedens“. Der ja noch eine zweite Ebene hat – die in unserer Gesellschaft so gerne gering geschätzten und beiseite geschobenen „Oldies“. Dass sich aus diesen Geld machen lässt, hat Hollywood mit den (ähnlich hoch besetzten) „R.E.D.“-Filmen bewiesen. Und auch hier kann man nur sagen: Hut ab vor der alten Garde… Robert Thalheim hat das mit wunderbar leichter Hand und exaktem Platzieren der Pointen inszeniert.

Die gute, alte DDR. Überall hießen sie schlicht und einfach Spione, die ins Ausland geschickt wurden, um zu schnüffeln und Geheimnisse heimzubringen. Dort allerdings nannte man sie „Kundschafter des Friedens“ (angeblich hat die sowjetische „Prawda“ diesen Ausdruck erfunden). Jedenfalls waren sie ganz gewitzte Kerle, auf die der deutsche BND (sprich: Bundesnachrichtendienst) zurückgreifen muss, als sie einen wichtigen Agenten in „Katschekistan“ (schön fiktiv, aber dergleichen Provinzen und Länder gab es massenhaft) verlieren.

Ausgerechnet Jochen Falk (hinreißend der trockene Berliner Humor von Henry Hübchen) soll gefälligst seine Ortskenntnisse auspacken, damit das Jungvolk in Gestalt von Paula Kern (Antje Traue hat mehr drauf, als man anfangs meint) in den Mittleren Osten abreisen und den guten Mann, um den es geht, befreien kann. Er ist übrigens ihr Vater und Jochen Falks Nemesis, denn dieser Frank Kern hat ihn einst lustvoll enttarnt. Da ist noch ein Hühnchen zu rupfen, da will Falk mit, und zwar nicht er – der Stratege – allein, sondern gemeinsam mit seinen einstigen Helfern: der perfekte Techniker Jacky (man sieht Michael Gwisdek, den nachdrücklichsten, verschmitztesten Komiker des Films, zuerst, als er in seinem Minigeschäft einen gerichteten Toaster über die Theke reicht) und der zynische Logistiker Locke (Thomas Thieme wirft seine volle, „grantig“ wirkende Persönlichkeit ins Geschehen).

Die jungen Spunde beim BND können gar nicht genug spotten: Ob Paula Erfahrung in der Altenpflege habe, wird geätzt, und: Die werden noch froh sein, wenn wir ihnen über die Straße helfen, oder: Werden die wohl den Flug überleben? Die Oldies hingegen wollen beweisen, „dass wir der bessere Geheimdienst waren“. Und so geht es los, eine junge Frau und drei alte Männer ins staubige Katschekistan, wo die Zeit fast stehen geblieben ist, die ehemalige Sowjetrepublik noch überall gegenwärtig. Und die alten Spione haben ihre Beziehungen – und ihre Tricks. Was braucht Jacky, um eine Tasche zu öffnen, in der sich vielleicht eine Bombe befindet? Vier Büroklammern…

Nichts an diesem Film ist ernst zu nehmen, aber die satirischen Pfeile schwirren in alle Richtungen. Die Agentenparodie, aufgehängt an der guten alten DDR, funktioniert durch ihre Pointen und ihre Darsteller. Der Fortschritt wird gezaust, wenn Jochen Falk den Computer seiner jungen Mitarbeiterin kurzerhand aus dem Fenster wirft: „So arbeite ich nicht!“ Und natürlich bewähren sich die alten Methoden, wobei man sich nur Stichworte zuwirft – „Stockholm 83“ (totaler Stromausfall, Verwanzung, das ganze Programm) oder „Kugelschreiber mit Mikrophon? Das hatten wir schon 72 bei Euch im Kanzleramt!“ Also.

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Welch eine Viererbande! V.l.n.r.: Henry Hübchen, Jürgen Prochnow, Thomas Thieme,Michael Gwisdek

In Katschekistan gibt es viele alte Bekannte, unliebsamer und freundlicherer Natur (Winfried Glatzeder als Harry), die Handlung wird immer parodistischer, und schließlich holen sie Erzfeind Frank Kern (Jürgen Prochnow) aus der Misere, der natürlich kein Quentchen dankbar ist, sondern sofort mit den alten Querelen beginnt… Am Ende gibt es nicht „Beirut 82“, sondern „Bonn 2016“, Kern, für den man natürlich auch keine Verwendung mehr hat, schließt sich den anderen an – welch eine Viererbande!

Und angesichts dieser Oldies-Schelmengeschichte, die mit allen Wassern gewaschen ist, kann man nur bedauern, dass das kein Fernsehfilm war. Dann könnte man mit Sicherheit noch ein paar Fortsetzungen erwarten. Na, R.E.D. brachte es ja auch auf Teil 2 und 3…

Renate Wagner

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THE GIRL WITH ALL THE GIFTS

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Filmstart: 10. Februar 2017
THE GIRL WITH ALL THE GIFTS
USA / 2016
Regie: Colm McCarthy
Mit: Sennia Nanua, Glenn Close, Gemma Arterton u.a.

Dass es neben den hoffnungslos bösen und gefährlichen Zombies auch „gute“ gibt, das ist auf der Filmleinwand bisher, wenn man sich recht erinnert, noch nicht vorgekommen. Dieser Sci-Fi-Film stellt es als These hin und sorgt dafür, dass man sich von Anfang an in die 10jährige Heldin Melanie (Sennia Nanua) verliebt. Das kluge Mädchen lebt offenbar in einer Art Anstalt, wo man sie jeden Morgen in einen Rollstuhl fesselt, bevor man sie ins Freie lässt – und man erfährt erst langsam, warum.

Irgendwann in der Zukunft ist die Welt zweigeteilt: In einer Welt voll von Militär und Zäunen drohen „draußen“ die zähnefletschenden Zombies, während die letzten Menschen sich verschanzt haben. Melanie gehört zu einer infizierten Kinderschar, die man sich „hält“, um an ihnen medizinische Experimente zu vollführen. Vielleicht gibt es ja ein Serum, das vor dem auf jeden Fall letalen Zombie-Biß schützt?

Glenn Close spielt eine Ärztin – wo war sie nur so lang, die in den achtziger und neunziger Jahren unter den führenden Schauspielerinnen Hollywoods rangierte und dann, mit Ausnahme des „Albert Nobbs“-Films, es immer wieder mit Nebenrollen versuchte? Auch das ist eine, wo sie mit kurz geschorenem Blondhaar und in Uniform die Art von Wissenschaftlern verkörpert, denen man nichts Gutes zutraut. Und tatsächlich – sie wird später von dem kleinen Mädchen verlangen, sich selbst zu opfern (man braucht ihr Gehirn und ihre Rückenmarksflüssigkeit), um die anderen (darunter auch sie selbst, die mittlerweile „gebissene“ Ärztin ) zu retten… Die hektische Todesangst ist eine große Leistung von Glenn Close, wenn man auch absolut nicht auf ihrer Seite ist.

Aber es gibt auch echte Menschen, die ein Herz für Zombie-Kinder haben (obwohl die wenigsten so liebenswert sind wie Melanie), zum Beispiel die von Gemma Arterton gespielte Lehrerin.

Aber der Konflikt tritt fast in den Hintergrund angesichts der üblichen Horrorszenen: Zombies, die die Menschen riechen und wittern, überfallen sie immer wieder, es kommt zu Beiß-, Blut- und Entsetzensszenen, die Menschen erschießen gnadenlos auch ihresgleichen, wenn sie den Verdacht hegen, einer könnte gebissen worden sein und (wie im Fall von Vampiren) damit auf die feindliche Seite mutieren. Soldaten und Zombies hetzen einander keuchend und geifernd, und der einzige Nachteil besteht darin, dass man als Zuschauer dieser ewig gleichen Szenen schnell müde wird…

Man kann es nicht recht glauben, aber am Ende hat dieser von Colm McCarthy (an sich für Fernsehserien zuständig) routiniert inszenierte Film sogar eine Art Happyend für die „Guten“. Zum Thema Zombies und Horror gibt es wenig Neues, es wird bloß durch die wunderbare kleine Hauptdarstellerin ein Quentchen mehr „menschlicher Faktor“ hinzugefügt als üblich…

Renate Wagner

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HIDDEN FIGURES – UNERKANNTE HELDINNEN

FilmPoster  Hidden Figures~1

Filmstart: 3. Februar 2017
HIDDEN FIGURES – UNERKANNTE HELDINNEN
Hidden Figures  /  USA  /  2016
Drehbuch und Regie: Theodore Melfi
Mit: 
Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Kirsten Dunst u.a.

Es muss einmal auch in den USA Programme gegeben haben, die sich begabter „farbiger“ Kinder annahmen. Auch unter diesen – und gar unter Mädchen! – fanden sich kleine Mathematik-Hochbegabungen, die Förderungen erfuhren. Und die als Erwachsene so gut waren, dass man sie schließlich für das Raumfahrtprogramm der USA engagierte (das selbstverständlich damals, zu Beginn der sechziger Jahre, fest in weißen Männerhänden war).

Drei dieser Frauen sind nun die Heldinnen des Films „Hidden Figures“ – was übrigens auf Englisch eine schöne Doppelbedeutung ergibt: „Hidden Figures“ spricht von verborgenen Menschen und von schwierigen, zu findenden Zahlen, und um beides geht es in diesem Film von Theodore Melfi.

Wenn wir diesen drei Frauen anfangs begegnen, wie sie in ihrem Auto zu ihrer künftigen Arbeitsstätte fahren, werden sie von weißen Polizisten angehalten. Und man sieht, mit welchen Demutsgesten die „Schwarzen“, wie es damals noch hieß („Negroes“ auch), versuchen mussten, hier dumpfe Männer, denen sie intellektuell tausendfach überlegen waren, nicht zu provozieren, damit sie zur Arbeit kamen und nicht hinter Gittern landeten…

Bei der NASA war die Situation1961 hoch gereizt, der Kalte Krieg spielte sich auch im Wettrennen um das Weltall ab, die Politiker forderten: Get us up there! und der (historische) Al Harrison, Direktor der NASA-Task-Force, sollte das zustande bringen, egal wie. Space is a business, gehört zu den Erkenntnissen des Films, und bevor die Russen „auf den verdammten Mond fliegen“, brauchte er Mathematiker. Katherine Goble, später verheiratete Johnson (Taraji P. Henson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe) – übrigens eine prächtiger als die andere – waren solche, und sie leisteten brillante Arbeit, wenn sie auch an ihrem Arbeitsplatz  in Langley anfangs Gefahr liefen, für die Putzfrau gehalten zu werden, wenn die weißen NASA-Herren nicht begreifen wollen, dass die farbigen Damen sich aus derselben Kaffeekanne bedienen (!), wenn sie eine halbe Stunde lang gehen mussten, um eine Toilette für Farbige zu finden, und wenn man ihnen zuerst nur Hilfsarbeiten zuwies, die sie im Handumdrehen erledigten, und ihnen später den Zugang zu dem „Geheimmaterial“ verweigerte, das sie für ihre Arbeit dringend brauchten.

Aber sie setzten sich durch, jede von ihnen, und es war Astronauten John Glenn (Glen Powell), der meinte, wenn Katherine Johnson seinen Flug um die Erde berechnet hätte, würde er ihn ohne zu zögern antreten… Dorothy Vaughan bestand darauf,  auch offiziell den Job zu erhalten, dessen Arbeit sie in niedriger Stelle längst durchführte.  Mary Jackson erkämpfte sich das Recht, an einer weißen Highschool nötige Kurse zu belegen, eine Forderung, die vor Gericht kam, wo der Richter davon überzeugt wurde, dass überall jemand der oder die Erste sein müsse, um bestehende Schranken wegzuräumen. Das geht ans Herz, das hat schönes Pathos.

Das ist die berufliche Seite der Geschichte, die privat aufgeputzt wird, und ob sie sich beruflich durchkämpfen, ob sie privat als die patenten Frauen und Mütter dargestellt werden – es sind schon wahre Heldenmädchen, die da auf der Leinwand erscheinen. Keine Frage, dass sie jegliche Anerkennung für ihre Leistungen auf doppelter Ebene verdienen, aber der doch leicht kitschig-spekulierte Ansatz macht die Sache als Film nicht besser (so gab es auch außer für Octavia Spencer als Beste  Nebendarstellerin und das Beste adaptierte Drehbuch – nach dem Buch von Margot Lee Shetterly – keine „Oscar“-Nominierungen).

Dieser Film ist (was das Thema betrifft: wohl verdienter) Good Will, wobei es auch ein bisschen Ehrenrettung für die Weißen gibt: Kevin Costner (wo war er nur die ganze Zeit!) spielt den Mann, der angesichts seiner Arbeit keinen Kopf für Vorurteile, sondern nur für Leistung hat, und Kirsten Dunst, anfangs ein bisschen hochmütig der schwarzen Brigade gegenüber, darf am Ende ihre volle Anerkennung aussprechen. Na also.

Wer will angesichts einer Geschichte von Frauen, die so viel Anerkennung verdienen, schon über ein bisschen Zuviel an Zuckerguß rechten?

Renate Wagner

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LIVE BY NIGHT

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Filmstart: 3. Februar 2017
LIVE BY NIGHT
USA  /  2016 Regie: Ben Affleck
Mit: Ben Affleck, Zoe Saldana, Sienna Miller, Elle Fanning, Chris Cooper, Brendan Gleeson u.a.

Ben Affleck zählte immer zu jenen Hollywood-Schauspielern, deren Ambitionen (vielleicht, weil er selbst spürt, dass er als Darsteller nie in die Spitzenklasse reichen wird?) weiter gingen: produzieren, schreiben, Regie führen. Und am besten doch noch die Hauptrolle spielen. Alles zusammen verwirklicht er nun in seinem Film „Live by Night“. Dass er, wie mit seinem letzten Werk „Argo“ bei der „Oscar“-Verleihung fest mitmischt, war diesmal nicht zu befürchten: Nominierungen gab es diesmal rechtens keine. Ist ja auch nur gut gemachte, aber mittelmäßige Unterhaltung geworden.

Ben Affleck wollte offensichtlich zweierlei: erstens einen jener Klassiker nachstellen, wie sie über die Prohibitionszeit in den USA schon oft gedreht wurden (und was optisch einen echten Nostalgie-Touch ergibt), und zweitens sich selbst als Darsteller in die Rolle eines „eiskalten Engels“ versetzen – wozu sein allzu braves Gesicht jedoch nicht wirklich taugt.

Junge Männer, die Söhne von braven Vätern, zumal Polizisten sind (wieder einmal der großartige Brendan Gleeson in einem Kurzauftritt) wittern, dass auf der richtigen Seite des Gesetzes nicht das große Geld zu machen ist. Also begleitet man Joe Coughlin (Affleck) dabei, wie er bewusst die falsche wählt. Man schreibt 1926, eine Gangsterkarriere beginnt mit Einbrüchen, bevor man nach der Chef-Etage strebt.

Das geht auf und ab, auch mit den Frauen seines Lebens – Emma (Sienna Miller), die Freundin eines gar nicht nachsichtigen Gangsters, Szenenwechsel von Boston in den Süden, dort die schöne Gangsterfrau Graciella (Zoe Saldana), schließlich die fanatisch in einer religiösen Sekte agierende Sheriff-Tochter Loretta (Elle Fanning) –  solch ein Damenreigen bringt schon Farbe und jede einen Handlungsstrang für sich.  

Und auch als man nach der Prohibition in andere dunkle Geschäfte umsteigen muss, ist unser Held, obwohl zwischendurch immer wieder in der Bredouille, souverän dabei – rund um Cuba kann mit Waffen verdient werden, Rum-Schmuggel tut es auch (die „Rum Runners“ waren eine Sache für sich), das Geld fließt, man wird elegant (und heiratet Graciella).

Im Mittelpunkt immer Ben Affleck, der uns glauben machen möchte, dass er imstande ist, einen Gegner, den er zum scheinbar kultivierten Gespräch trifft, in aller Ruhe aus der Hüfte zu erschießen… Er wäre halt so gern ein eiskalter Engel. Er ist es nicht. Aber als Drehbuchautor großzügig zu seinem Helden – ein halbes Happyend gibt es doch, wenn auch nur ein halbes.

Sicher, Affleck macht ordentliche Filme, wenn das ein Lob ist  – immerhin hat man es noch mit einem mittel-spannenden, schön ausgestatteten Nostalgie-Gangster-Epos zu tun, in dem ausreichend geschossen, gemordet, gebrandstiftet wird, um die Freunde des Genres zu bedienen. Nur in irgendeiner Weise innovativ ist es nicht.

Renate Wagner

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