Der Neue Merker

DIE VERLEGERIN

FilmCover  Verlegerin~1

Filmstart: 22. Februar 2018
DIE VERLEGERIN
The Post / USA / 2017
Regie: Steven Spielberg
Mit: Meryl Streep, Tom Hanks, Bruce Greenwood u.a.

Filme über amerikanische Helden sind nötig – und das sind längst keine Cowboys mehr. Ist es Steven Spielbergs Antwort auf Trump, wenn er Journalisten als die Helden der Aufklärung – gegen alle politische Macht und Gewaltandrohung – wieder einmal preist? Er hängt es geschickt an seiner Zentralfigur auf: „Die Verlegerin“, wie der Film „The Post“ auf Deutsch heißt, hatte allerhand zu verlieren. Und sie riskierte metaphorisch Kopf und Kragen, als sie als Besitzerin der „Washington Post“ – die selbst in der Washingtoner Polit-Szene stark vernetzt war – 1971 die „Pentagon Papiere“ in ihrer Zeitung veröffentlichte.

Es gibt immer wieder Menschen mit einem Gewissen, das sich auf die Dauer nicht unterdrücken lässt. Auch wenn man eine zeitlang bei Schmutzereien mitgemacht hat – irgendwann wird es zu viel. Die amerikanische Politik hat in Bezug auf den Vietnam-Krieg die Bevölkerung stets bewusst und schamlos belogen, hatte behauptet, dass man (auf Grund eines Angriffs, ähnlich wie einst Pearl Harbour) in den Krieg gezwungen worden wäre. Vielmehr hatten die USA diesen selbst geplant und initiiert und in der Folge unaufhörlich Menschen und Material im Fernen Osten geopfert, obwohl man wusste, dass nichts zu „gewinnen“ war – nur um den Kampf gegen den Kommunismus weiterzuführen.

Bürokraten, die alles gern notiert haben wollen, sind angreifbar: Verteidigungsminister Robert McNamara ließ alle Details über den Vietnam-Krieg in den so genannten „Pentagon Papieren“ zusammen stellen, die streng geheim waren und dem, was die Öffentlichkeit wissen sollte, in vielem extrem widersprachen. Es war Daniel Ellsberg, Mitarbeiter im Ministerium, der aus Gewissensnot beschloß, dieses Dokument (7000 Seiten, die bis ins Jahr 1945 zurück gingen) öffentlich zu machen.

Das ist der Hintergrund der Geschichte, die Steven Spielberg nun eher süffig aufbereitet, wobei er zwei höchst wirkungsvolle Gestalten in den Mittelpunkt stellt. Meryl Streep spielt Kay Graham, deren Vater einst die „Washington Post“ gekauft und erfolgreich geführt hatte. Nach seinem Tod übernahm selbstverständlich nicht die Tochter, sondern der Schwiegersohn die Leitung – und erst nach dem Tod des Gatten setzte sich Kay Graham in wirtschaftlich schlimmen Zeiten selbst ans Steuerrad. Es geht natürlich auch darum, im Zeichen des Zeitgeists die Geschichte einer starken Frau zu zeigen, die Widerständen stark begegnet. Dabei bedient Meryl Streep – auch wenn sie manchmal überdeutlich über ihre persönliche Situation, die damals eine Rarität darstellte, philosophieren muss – wirklich kein Klischee. Man begegnet ihr durchaus als Society-Lady, die zu Washingtons Elite zählt und jeden kennt. Wenn über ihren Redakteursstab auf sie die Möglichkeit, eigentlich aber die moralische Forderung zukommt, die „Pentagon Papiere“ zu veröffentlichen, vollzieht man ihre Zweifel, aber auch ihren Akt der Courage nach – denn der Druck von Seiten der Politik war immens. Meryl Streep ist eine Schauspielerin, die nicht nur die äußere Erscheinung ihrer Figur bietet, sondern immer auch ihre inneren Motivationen klar macht – zweifellos ihre große Stärke, die sie über die meisten ihrer Kolleginnen hinaushebt.

Ähnliches kann Tom Hanks, der als Chefredakteur Ben Bradlee viel abzuwägen hat: das Risiko der Veröffentlichung für die Zeitung selbst und für ihn persönlich (sowohl die „Post“ wie auch er selbst hätten den Bach hinunter gehen können, abgesehen von drohender Gefängnisstrafe), zugleich aber auch die ungeheure journalistische Möglichkeit witterte, die darin steckte, wobei die „Washington Post“ mit der „New York Times“ gleich zog, was die faktische Gefährlichkeit des Unternehmens keineswegs verminderte. Die Regierung (mit einem tobenden Präsident Nixon) hätte durchaus am längeren Ast sitzen können… Dass dann am Ende, nach der Veröffentlichung im Sommer 1971, ein amerikanisches Gericht sich entschieden für die Pressefreiheit aussprach, ist bis heute ein glorioser Höhepunkt amerikanischer Gerichtsbarkeit. (Und dann war es wenig später die „Washington Post“, deren Journalisten Woodward und Bernstein den kriminellen Nixon mit „Watergate“ zu Fall brachten …)

Im übrigen sind natürlich auch die siebziger Jahre „Geschichte“, die einen gewissermaßen „historischen“ Film ergeben – in einer „analogen“ Welt war Zeitungmachen, Informationsbeschaffung, die faktische Arbeit (die Tausenden Seiten der Papiere, die Daniel Ellsberg kopiert hatte, durchzuarbeiten und zu verwerten) eine Welt für sich, wo man auf Schreibmaschinen tippte und die einzelnen Zeitungszeilen in Bleisatz gegossen wurden, wo man sich noch heimlich traf und wenig mehr hatte als Telefone, um zu kommunizieren – nur die Alten, die sich noch an solche Zeiten erinnern, können das wirklich nachvollziehen.

Spielberg holt aus dem Milieu hohen Reiz, ebenso aus einer Reihe von Nebenfiguren (Matthew Rhys als Daniel Ellsberg, Bruce Greenwood als Robert McNamara), aber natürlich vor allem aus seinen Hauptdarstellern, denen er Zweifel und Stärke genug gibt, um die Geschichte dann (bei fast zweistündiger Spielzeit) immer spannend bleiben zu lassen.

Er hat „Kino“ gemacht, wie er es so wunderbar kann, und dabei – wie so oft – eine moralische Geschichte erzählt. Über die Aufgabe einer freien Presse, sich von einer repressiven Politik nicht unterdrücken zu lassen – und die Wahrheit zu sagen, wo es nötig ist.

Renate Wagner

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ARTHUR & CLAIRE

FilmCover  Arthur und Claire~1

Filmstart: 16. Februar 2018
ARTHUR & CLAIRE
Deutschland, Niederlande, Österreich / 2018
Regie: Miguel Alexandre
Mit: Josef Hader, Hannah Hoekstra, Rainer Bock u.a.

Als man las, dass die „Wunderübung“ von Daniel Glattauer verfilmt werden sollte, war man unbesorgt – das hatte man auf der Bühne als gelungenes Stück gesehen. Bei „Arthur und Claire“ ist das anders – dieses Zwei-Personen-Stück von Stefan Vögel war bei der Aufführung an einer Wiener Kleinbühne mehr als mühsam. Zwei Darsteller, in ein „geteiltes“ Bühnenbild mit zwei Hotelzimmern gestellt, ununterbrochen zu flachen Witzen angehalten. Nun, ein paar flache Witze haben sich leider auch in den Film gerettet. Sonst aber glücklicherweise fast gar nichts…

Und so ist, dank des Regisseurs Miguel Alexandre (ein Deutsch-Portugiese) und dank des Hauptdarstellers, „unseres“ Josef Hader, die gemeinsam ein so gut wie neues Drehbuch geschrieben haben, glücklicherweise ein höchst ansprechender Film aus einem schwarzgeränderten Thema geworden. Die beiden Hotelzimmer spielen kaum mehr eine Rolle, die Handlung wurde ins nächtliche Amsterdam gelockt, und vom tragischen Ausgangspunkt entwickelt sich eine Beziehungsgeschichte, wie man sie sich (im Kino, im Leben passiert so was ja selten) kaum schöner vorstellen kann. Nur am Ende wird es dann märchenhaft (wie im Kino, dass man im richtigen Bus sitzt…) und im bemühten Dialog seltsam platt – aber da ist man als Zuschauer so froh, dass man die Menschen und Gefühle unter Dach und Fach gebracht hat, dass auch dies nichts mehr ausmacht.

Es ist wieder einmal eine Meisterleistung von Josef Hader. Wenn er nach Amsterdam fährt, um in der Klinik seines Freundes Dr. Hofer (zweimal kurz auftauchend und sehr anteilnehmend und berührend: Rainer Bock) seinem Kehlkopf- (oder ist es Schilddrüsen?)Krebs davon zu laufen und seinem Leben freiwillig ein schmerzloses Ende zu bereiten, dann ist dieser Mann so getränkt von Traurigkeit und Endzeit, dass man ihm nur gut zureden möchte. Dabei wird da keineswegs mit liebenswerter Sentimentalität herumgefummelt – wer morgen nicht mehr da ist, braucht heute nicht mehr nett zu sein. Schon gar nicht, wenn aus dem Nachbarzimmer des Hotels laute Musik (noch dazu solche, die er nicht mag) erklingt. Man will ja schließlich ausgeschlafen sein – für morgen.

Im anderen Zimmer ist die Holländerin Claire (die von sich selbst sagt, damit nicht ein Kritiker des Films es spöttisch vermerkt, dass sie „mit diesem schrecklichen Rudi-Carrell-Akzent“ spricht), und die will sich, wie Arthur an einer vollen Pillenflasche sieht, umbringen. Es ist logisch, dass der Mann, der sich für sein morgiges Ende vorbereitet, nicht einsieht, warum eine junge Frau das Leben wegwerfen will. Und nun schicken Miguel Alexandre (und Co-Autor) Hader die beiden in eine wilde Amsterdamer Nacht, die zart komisch ist, mit der obligaten gegenseitigen Kratzbürstigkeit beginnt und die obligate gegenseitige Annäherung nach sich zieht. Das gelingt auf ganz hohem schauspielerischem Niveau und hängt – in Bars, beim Kiffen, mit den nötigen Familien-Reminiszenzen – ganz selten durch.

Die Amsterdamer Nacht ist mit ein paar schönen Dialogen und ein paar gewaltsamen Pointen versetzt, und wenn es gar zu poetisch wird – ist halt Kino: Da sitzt Arthur allein in einer Bar, klimpert am Klavier, Claire, die davongelaufen war, kommt zurück und singt (perfekt im Text), was er spielt. Und was? Oh, Danny boy, the pipes, the pipes are calling / Oh, Danny boy, oh Danny boy, I love you so! Das schöne, traurige irische Volkslied vom Sterben. Sei’s drum, auch das trägt der Film.

Wer das Stück nicht kennt (und wer kennt es schon?), wird trotzdem den Verdacht des Happyends hegen, spätestens sobald sich herausstellt, dass das Schicksal von Claire (auch Hannah Hoekstra, die resolute Holländerin, umschifft einigermaßen die Sentimentalität) an Tragik auch nichts zu wünschen übrig lässt.

Also, wenn sich zwei Traurige zusammen tun, ist das ein Trost für alle, auch jene im Kinosessel, und wieder einmal erweist sich, dass schauspielerisches Können und filmischer Instinkt auch eine an sich schlicht-billige Geschichte in die Höhen absolut sehenswerten Kinoglücks heben können.

Renate Wagner

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ALLES GELD DER WELT

FilmCover Alles Geld der Welt~1

Filmstart: 16. Februar 2018
ALLES GELD DER WELT
All the Money in the World / USA / 2017
Regie: Ridley Scott
Mit: Christopher Plummer, Michelle Williams, Mark Wahlberg u.a.

Der Regisseur dieses Films heißt Ridley Scott – dennoch wird „Alles Geld der Welt“, die Geschichte um die Entführung von John Paul Getty III im Jahre 1973, nicht deshalb berühmt sein und bleiben. Sondern weil es der erste Film war, der sofort und unmittelbar auf die „#metoo“-Debatte reagiert hat, und das in einem schier unglaublichen Ausmaß. Denn wie nun zu erkennen ist, musste man zweifellos die Hälfte des Ganzen neu drehen, um Kevin Spacey zu eliminieren, der gewiß die Rücksichtslosigkeit des alten J. Paul Getty hervorragend gespiegelt hätte (so was kann er ja). Dennoch – die Greisenhaftigkeit, die Endzeitstimmung, die um den real 88jährigen Christopher Plummer weht, hätte er (schon aufgrund des Alters) nie dermaßen verkörpern können. Und die ist ein gewichtiges Element des Films, den man übrigens kaum als „klassischen“ Ridley Scott erachten möchte – dazu ist die Entführungsgeschichte, die einst weltbekannt wurde (und es gewissermaßen immer noch ist) einfach zu sehr „Mainstream“-Kino und konzentriert sich zu sehr (und stellenweise fast langweilig) auf die herzzerreißenden Bemühungen einer Mutter, ihren Sohn aus den Händen von Gangstern zu retten…

Nach einer aus dem Off erzählten Rückblicks-Geschichte über den Reichtum des alten Getty kommt man zur Handlung: Da streicht ein fröhlicher junger Mann durch das nächtliche Rom und schlägt die Warnung, er solle sich nicht allein herumtreiben, in den Wind. Sekunden später wird der 16jährige in einen VW-Bus gezerrt – und eine der berühmtesten Entführungen des 20. Jahrhunderts nahm ihren Anfang. Denn der junge Mann war John Paul Getty III., Enkel von jenem J. Paul Getty, der damals als der reichste Mann der Welt galt. 17 Millionen Dollar, die als Lösegeld gefordert wurden, würden für diesen ein Klacks sein, mutmaßten die Entführer. Aber sie hatten sich geirrt…

Das Drehbuch von David Scarpa ist relativ selten an der Seite des Entführungsopfers (gespielt von Charlie Plummer, nicht mit Christopher Plummer verwandt). Der Junge wurde von schrägen Mafia-Angehörigen in verschiedenen Verstecken fest gehalten, und die Handlung um ihn eskaliert erst gegen Ende, als die Entführer (man hatte ihn inzwischen innerhalb gnadenloser Verbrecherorganisationen „weiterverkauft“) ihm ein Ohr abschnitten, um den Druck zu erhöhen… Zwischendurch lernt man allerlei miese Typen rund um Getty Junior kaum andeutungsweise kennen, und auch seine vergebliche Flucht zwischendurch schiebt sich nicht ins Zentrum des Films und des Interesses.

Tatsächlich verläuft die Geschichte auf zwei Ebenen: Da ist zuerst Großvater Getty, für den dieser Junior nur einer von 14 seiner Enkel ist und der eigentlich gar keine Lust hat, das Lösegeld zu bezahlen – zumal er gerade in Bezug den entführten jungen Mann kaum Hoffnung hegte, er könne für die „Getty-Dynastie“ nützlich sein. Nein, das ist kein erschütterter Opa, der aus Angst um einen geliebten Enkel in die Knie geht. Im Laufe der Ereignisse wird nicht nur die innerlich unberührte Sturheit des Alten immer wieder beleuchtet, der einen Ex-CIA-Mann als Vermittler einschaltete (was die Möglichkeit bietet, dass der Name Mark Wahlberg dem Film zusätzlichen Promi-Glanz verleiht) – und der auch gar nicht über so viel Bargeld verfügte. Wie man erfährt (was weiß man schon von den Tricks der Reichen?), hatte Gettys alles in Trusts gebunkert, um keine Steuern zahlen zu müssen, und verwendete seine Millionen dafür, Kunst zu kaufen – in einer Szene, die nicht nur spannend, sondern irgendwie auch erschütternd ist, meint man, die geheimnisumwitterte millionenschwere Verhandlung könne um den Enkel stattfinden – aber es ist ein Madonnengemälde aus der Renaissance aus dem Schwarzen Markt, das dem Alten einzig sein Geld zu entlocken mag. Kunst ist das einzige, was ihn wirklich fasziniert und anrührt, und die alten Römer, durch deren Ruinen-Reste er wandert, als wäre er dort als sein eigener Herrscher zuhause… Die Studie, die Christopher Plummer hier liefert, der nie persönliche Gefühle (so er sie überhaupt hatte) gegen die Geldzählmaschine in seinem Kopf antreten ließ, ist grausig überzeugend.

Dafür überströmen die Emotionen auf Seiten der Mutter, die Michelle Williams mit überbordender, leidenschaftlicher Energie spielt. Von Getty Sohn geschieden, mit dem Alten im Clinch um das Sorgerecht ihrer drei Kinder, das sie sich endlich abkaufen lassen musste, und selbst ohne die geringsten finanziellen Mittel, unternahm sie – mit Fletcher Chase an ihrer Seite, den Mark Wahlberg mit einiger Geheimdienst-Unbeweglichkeit und einer für ihn ungewöhnlichen Farblosigkeit verkörpert – alles ihr nur Mögliche, die Millionen für das Lösegeld (die sich durch die Sturheit des Alten nach und nach reduzierten, falls die Gangster überhaupt noch etwas herauspressen wollten) zu bekommen. Am Ende gelang nach endlosem Hin und Her die Freilassung in einer ziemlich unübersichtlichen Szene, und man will als Kinozuschauer gar nicht wissen, wie tragisch das Schicksal des jungen Getty (mit seinen Ängsten, Komplexen und dem einen Ohr) weiter verlief…

Der Film zeichnet das Milieu der siebziger Jahre optisch perfekt nach, wobei Ridley Scott wild zwischen den Figuren, aber auch den Zeiten (immer wieder mit Rückblenden) hin und herspringt. Es ist eine Mainstream-Story, die es im Grunde nicht schafft, besondere Spannung zu kreieren – nicht nur, weil man weiß, „wie es ausgegangen ist“. Die zweieinviertel Stunden werden für den Zuschauer ein bisschen lang. So bleibt die würgende Studie des alten Milliardärs. Wie hieß doch das Buch von John Pearson, nach dem der Film entstand? „Painfully Rich“…

Renate Wagner  

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BLACK PANTHER

FilmCover Black Panther~1

Filmstart: 15. Februar 2018
BLACK PANTHER
USA / 2018
Regie: Ryan Coogler
Mit: Chadwick Boseman, Martin Freeman, Andy Serkis, Angela Bassett, Michael B. Jordan, Lupita Nyong’o u.a.

Im Universum von Marvel gibt es zwar einen schwarzen Superhelden, den titelgebenden „Black Panther“, aber in den jüngeren Real-Verfilmungen des Comic-Universums ist man ihm bisher nur in Nebenrollen-Funktion begegnet. Es mag mit dem gesteigerten, starken, ja, vielleicht langsam gleichwertigen Bewusstsein der afroamerikanischen Bevölkerung der USA zusammen hängen, dass nun ein Marvel-Blockbuster fast ausschließlich unter Schwarzen Afrikas spielt – mit ein paar Weißen als Bösewichte. (Schließlich hat ja auch „Wonder Woman“, eine Frau als Heldin, vom gewandelten Bewusstsein unserer Welt gezeugt, wo sich die Wertigkeiten verschieben.)

Abgesehen davon, was der Film von Ideologie und Zeitgeist her bedeutet, ist es am Ende aber doch eine Sci-Fi-Mischung geworden, die die gattungseigenen Machtkämpfen und eine Zukunft, in der Hochtechnologie herrscht, mit der üblichen afrikanischen Folklore verquirlt. („König der Löwen“ war ja einfach zu schön…)

Einige Ausflüge unternimmt der Film, den Ryan Cogler nach eigenem Drehbuch (unterstützt von Joe Robert Cole) nach den klassischen Comic-Vorlagen inszenierte, auch in die gegenwärtige Realwelt – in die USA, nach London, in den Fernen Osten (eine sehr James-Bond-artige Szene begbit sich in einem Kasino in Korea). Aber hauptsächlich spielt die Geschichte in dem (fiktiven) Königreich Wakanda, das über das Element Vibranium verfügt, das brillante digitale Technologien und auch überirdische Kräfte verleiht, was man aber nicht mit der Welt teilen will. Am liebsten möchte man in Ruhe gelassen werden (daran knüpfen sich politische Ideologien, die in einigen Dialogen angetippt, aber nicht wirklich ausgeführt werden).

Die Dramatik beginnt, als der alte König T’Chaka (John Kani), dessen Fehler und Versäumnisse erst später klar werden, bei einem Attentat in der UNO stirbt und sein ältester Sohn T’Challa ihm als König nachfolgt – nicht ohne Mühe, schließlich werden in afrikanischen Stammeswelten Fürsten persönlich herausgefordert und müssen sich mit starken Gegnern messen. Dass er den letztlich besiegten Herausforderer M’Baku (Winston Duke) leben lässt, stellt sich später als für ihn günstig heraus…

Und wenn Not am Mann ist, dann verwandelt sich der König in den Superhelden Black Panther – und was Hauptdarsteller Chadwick Boseman betrifft, hat er zwar eine absolut sympathische Ausstrahlung, aber den kämpferischen Superhelden glaubt man ihm nicht wirklich. Er strahlt viel zu wenig Macht und Killerinstinkt aus, ihn könnte man sich weit eher hinter einem Schreibtisch in einer amerikanischen Universität vorstellen…

Da ist das Damen-Corps, das ihn umgibt, weit bedrohlicher: Dieser Film hat nicht nur (Mutter, Schwester, Geliebte, Führerin der Truppe) eine starke Frauen-Phalanx zu bieten, sondern lässt die Weiber kämpfend zu Hyänen werden, vor denen sich jeder vernünftige Mann fürchten muss. Zudem sind sie, nicht nur in den Kampfszenen (davon gibt es genug und in bewährter Qualität dieser Filme), ein ungemein pittoreskes Element – genau wie all die Stammeskleidungen und die mit rhythmischen Bewegungen und Tänzen ausgeführten Stammesrituale. Dergleichen kennt man, wenn man das erwähnen darf, aus uralten Afrika-Filmen mit Clark Gable oder Stewart Granger… Wie dem auch sei, auch wenn der Regisseur seine Absicht erreicht hat, ein starkes, unabhängiges Afrika zu zeigen (und nicht ein „Shithole“, wie Präsident Trump es so freundlich nennt), gewisse Elemente dürfen (auch wenn sie klischeehaft anmuten) dann ja doch nicht fehlen…

König T’Challa, der den Zauberer (Medizinmann oder was immer) Zuri an seiner Seite hat (angenehm menschlich: Forest Whitaker) darf sich aber nicht nur mit der würdevollen Mama (Angela Bassett), seiner lustig-flotten-überklugen Schwester (Letitia Wright als Prinzessin Shuri, ein Vorbild für selbstbewusste, gebildete junge Frauen) und den Kämpferinnen (Lupita Nyong’o und Danai Gurira als Führerin der Leibwache) auseinandersetzen, wobei das Love Interest etwas im Hintergrund bleibt, es gibt auch Bösewichte auf zwei Ebenen.

Einen verkörpert Andy Serkis, der nicht nur Gollum oder Superaffe sein kann, sondern hier einmal (selten genug) in seiner menschlichen Gestalt erscheint: ein fieser Verbrecher, der aus einem Londoner Museum eine Axt stehlen lässt, die aus Vibranium besteht, was dann zu einer gewaltigen Hetzjagd führt. Noch ein Weißer und – neben „Black Panther“ – die zweite Fehlbesetzung des Films: Ausgerechnet „Hobbit“ und „Dr. Watson“ Martin Freeman, einer der großartigsten britischen Schauspieler, soll hier als amerikanischer CIA-Mann überzeugen (in der Originalfassung kriegt er nicht einmal den Akzent wirklich hin), er soll nicht nur ein hintergründiger Diplomat, sondern auch ein ehemaliger Kampfflieger sein… nein, das spannt die Glaubwürdigkeit zu sehr an, da geht man als Kinobesucher nicht mit.

Und dann bekommt Black Panther auch noch einen Rivalen: Erik Killmonger (Michael B. Jordan) ist sein absolut persönlichkeitsstarker Cousin, von seinem Onkel schlecht behandelt, nun voll von Rachegelüsten und Weltverbesserungsambitionen… und mit dem Kampf der beiden befasst sich dann der zweite Teil des Films. Der dann ein kreuzbraves Ende nimmt, in dem wir dem afrikanischen König in den USA begegnen, wo er soziale Projekte ins Leben rufen will. Na, Kino ist nicht nur dazu da, uns mit perfekter Action zu unterhalten, sondern offenbar auch dazu, uns zu sagen, was gut und richtig ist…

Renate Wagner

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THE SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS

FilmCover  Shape of water~1

Filmstart: 16. Februar 2018
THE SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS
The Shape Of Water / USA / 2017
Drehbuch, Produktion, Regie: Guillermo del Toro
Mit: Sally Hawkins, Doug Jones, Michael Shannon, Octavia Spencer, Richard Jenkins u.a.

Man hat es auch als Kritiker nicht leicht. Da sieht man einen Film, der scheinbar harte Realität und Fantasy so mischt, dass er auf Gefühls- und Argumentationsebene etwa Kindergarten-Niveau erreicht. Und dann liest man, dass dieser Film ein Maximum an Preis-Nominierungen – 13 (!!!) für den „Oscar“ – auf sich vereinen kann und allgemeine Begeisterung erregt? Da kommt man ins Grübeln. Natürlich über das eigene Urteil. Aber auch, warum dieses so vom „Zeitgeist“ – denn von diesem wird ja die „Preiswürdigkeit“ bestimmt – abweicht…

Der Film von Guillermo del Toro wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen, schlicht, klischiert, mit klaren Rollenverteilungen in „gut“ und „böse“. Da gibt es als den zentralen Schauplatz eines jener streng geheimen US-CIA-Hochsicherheitslabore, das Occam Aerospace Research Center (in so etwas Ähnlichem, meinen Verschwörungstheoretiker, hielten die Amerikaner wohl die Roswell-Aliens gefangen…) – „böse“. Dieses wird von dem wirklich fiesen, wenn auch im entscheidenden Fall nicht allzu gescheiten Sicherheitschef Strickland geführt (Michael Shannon sieht schon a priori so richtig eklig aus). Glücklicherweise kapiert er nicht alles, was um ihn herum vorgeht, und resolute Frauen können ihn schon auf die Schaufel nehmen. Aber trotzdem: Die „Mächtigen“ sind die „Bösen“, das ist klar.

Auf der anderen Seite haben wir es mit den einfachen Leuten zu tun. Elisa (ausgerechnet besetzt mit der Britin Sally Hawkins, die allerdings so richtig das arme, kleine, edle Wesen ausstrahlt) ist eine mexikanische Putzkraft, außerdem noch stumm, aber eine Seele von einem Menschen. Als Bezugspersonen gibt es ihren schwulen, liebenswerten Wohnungsnachbarn Giles (Richard Jenkins, prächtig wie immer) und die resolute afroamerikanische Putzkollegin Zelda, eine Frau, die sich auch von Vorgesetzten nichts gefallen lässt (mit wem wird man das schon besetzen? Natürlich mit der großartigen Octavia Spencer). Die „Guten“ sind in Position.

Und dann bekommt das Center Zuwachs. Schwer, diese Mischung aus Mensch und Echse zu definieren, ein „Amphibien-Mann“ aus dem Amazonas (und dort von seinen Leuten als Gott verehrt), den man hier gerne für Forschungszwecke anzapfen will (Doug Jones ist als Wesen geschuppt und undefinierbar genug): Vielleicht hat er Gene und Eigenschaften, die für die Raumfahrt zu verwenden sind? (Wir befinden uns nämlich in den sechziger Jahren.) Dass Strickland, sehr zum Entsetzen des Wissenschaftlers Hoffstetler (Michael Stuhlbarg, in Verwirrung zwischen Macht und Gewissen und seinem Geheimnis), mit der Kreatur äußerst brutal umgeht, ist zu erwarten.

Ebenso kommt, wie es kommen muss, dass nämlich die arme Kreatur, der „fremde Außenseiter“ schlechthin, in seinem Wassertank das Interesse, Mitleid und schließlich die Zuneigung von Elisa erwirbt, mit der er seltsamerweise in der Sprache der Stummen kommunizieren kann. Und wenn bis dahin die Alltagsszenen mehr oder minder zwischen betulich und semi-realistisch gependelt sind, kommt nun das Fantasy-Märchen zum Tragen: Die Kreatur soll als nutzlos getötet werden, Elisa und ihre Freunde entführen ihn, verbergen ihn in ihrer Wohnung in der Badewanne. Es kommt auch (wir durften Elisa ja schon früh beim Onanieren in der Badewanne zusehen) zu Sex zwischen „Menschin“ und „Kreatur“… und nach ein paar noch verrückteren Wendungen (auf einmal spielt das KGB mit, und es gibt auch eine Action-Jagd…) findet das Happyend wohl irgendwo unter Wasser statt. In der Fantasy-Welt kann man ja auch glatt Kiemen bekommen.

Das ist die Geschichte des bewunderten Filmes, die vielleicht nicht jedermann einsichtig ist. Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro, dessen letzte Filme („Pacific Rim“ und der Romantik-Horror „Crimson Park“) nicht sonderlich überzeugend waren, hatte 2006 mit einem Genremix dieser Art, „Pans Labyrinth“, viel Aufsehen erregt, aber wohl auch nur bei einem Teil der Kinobesucher Bewunderung erweckt. Nun arbeitet er mit allen Mitteln zwischen Brutalität und Rührung, vor allem aber mit der politisch korrekten Anteilnahme für die Außenseiter, um die Möglichkeit des Guten gegen das Böse zu postulieren. Das ehrt ihn, aber wann war „gut gemeint“ denn je gleich bedeutend mit „gut“?

Man hat die Poesie der Bilder gelobt, die angebliche Sensibilität der Geschichte, man lobte die Phantastik, das Flair einer „Alien-Burleske“ – aber was, wenn man all das für eine ziemlich abgeschmackte Spekulation hält? Wie dem auch sei, sie ist aufgegangen. Und die Lobeshymnen werden die Zuschauer in Scharen in den Film treiben – möglich, dass manche, dass viele sich verzaubern lassen. Aber wem das nicht gelingt, der versteht die Kinowelt nicht mehr. Das ist hoch dekoriertes heutiges Kino?

Renate Wagner

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WER IST DADDY?

FilmCover Wer ist Daddy~1

Filmstart: 16. Februar 2018
WER IST DADDY?
Father Figures (oder Who’s Your Daddy?) / USA / 2016
Regie: Lawrence Sher
Mit: Owen Wilson, Ed Helms, Glenn Close, Christopher Walken, J.K. Simmons u.a.

Die beiden sollen Brüder, gar Zwillingsbrüder sein? Kyle, der Erfolgreiche, Ausgeflippte, sieht aus wie Owen Wilson (und benimmt sich auch so), der eher trockene Peter mit dem weniger spektakulären Beruf, ist Ed Helms – zwei US-Komiker, die nicht unbedingt für das hohe Niveau der Filme stehen, in denen sie mitwirken. Und apropos Filme – solche mit „Daddy“ gab es nun wahrlich genug. Warum noch einer? Vielleicht weil (Filme spiegeln ja immer auch Zeitgeist) den Amerikanern das Thema Familie so wichtig ist…

Da stehen die beiden, auch schon in die Jahre gekommen, vor ihrer nicht mehr ganz jungen, aber noch immer grellblonden Mutter, und wollen etwas über ihren Vater wissen. Und diese – es ist die herrliche Glenn Close – kann nur die Achseln zucken: Okey, Papa ist nicht gestorben, wie immer erzählt wurde. Aber damals, als ich jung war, da waren die Hippies los, die große Freiheit und Promiskuität herrschte, da vögelte man fröhlich durch die Gegend und führte nicht Buch, mit wem oder wann… Es kommen also eine Menge Herren in Frage.

Die Struktur des Films von Lawrence Sher (der schon als Kameramann ein paar Blödelfilme mit seinen Hauptdarstellern betreut hat), ist strikt und schlicht: Roadmovie von einem möglichen Vater zum anderen. Die zwar unterschiedlich reagieren – aber ja, an die flotte Helen von anno dazumal erinnern sie sich schon.

Ein Kandidat dürfte für die US-Kinobesucher etwas bedeuten, für uns eher kaum – denn es ist der ehemalige Football-Superstar Terry Bradshaw, der sich selbst spielt. Der alte Robert (J.K. Simmons), einst und heute Außenseiter, sehr tätowiert und eigentlich recht nett, würde sich sogar sehr freuen, die beiden Herren als Söhne zu begrüßen, er ist es aber nicht. Auch Ving Rhames erinnert sich sehr wohl und intensiv an Helen, kommt aber wegen seiner Hautfarbe nicht als Papa in Frage … Am skurrilsten schließlich erscheint Christopher Walken, der ja nun immer für schräge Typen gut ist, als Tierarzt (man will nicht zusehen, was er gerade tut) – er bringt der Nachkommenschaft, die da vor seiner Tür steht, das gebührende Misstrauen entgegen. Geht es eigentlich um die Frage, wen man sich als Sohn, wen man sich als Vater wünscht – und warum?

Am Ende hat Mama (wie schön, dass Glenn Close noch mal auftaucht) eine Überraschung für die Herren Söhne bereit. Bis dahin war’s allerdings eine eher flache Geschichte, die auch von den Darstellern (und die können ja bekanntlich wirklich schrill sein) nicht wirklich aufgemischt wurde, trotz mancher Blödel-Einlage des Drehbuchs. Die amerikanische Vater-Suche, ihr so wichtiges Motiv, ist schlechtweg on the Road filmisch auf der Strecke geblieben.

Renate Wagner

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FIFTY SHADES OF GREY – BEFREITE LUST

FilmCover  50 Shades~1

Filmstart: 8. Februar 2018
FIFTY SHADES OF GREY – BEFREITE LUST
Fifty Shades Freed / USA / 2017
Regie: James Foley
Mit: Dakota Johnson, Jamie Dornan u.a.

Es gibt Romane, die die „romantischen“ Bedürfnisse der Halbwüchsigen befriedigen (teilweise auch der „Ganzwüchsigen“, die es aber wohl nicht zugeben werden) und unbegreifliche Welterfolge wurden. Etwa die Bücher von E.L. James, die ihre Heldin Anastasia „Ana“ Steele in die offenbar gänsehauterzeugenden Sex-Spielchen mit dem Multimillionär Christian Grey schickte. Nachdem sie zwei Filme lang Ketten getragen und erregt gekeucht hat, ist man auf der Filmleinwand endlich beim dritten und letzten Teil der Geschichte angelangt.

Aber Achtung, wer wieder auf Sex lauert (am besten auf perversen), sei gewarnt – hier im dritten Teil wird fast darauf vergessen. Statt dessen gibt es die Schnulze der jungen Ehefrau, die sich ihren Platz im Leben des herrischen Gatten erkämpft, bis sie ihn in die Knie gezwungen hat und er ihr am Ende Kinder und das alte Haus und das normale Leben gibt, von dem sie träumt…

Geschichten wie diese hat man früher in den so genannten „Schundhefterln“ gelesen, und sie haben die Sehnsüchte der damals so genannten „Lieschen Müller“ befriedigt. Wo ist der Unterscheid zu heute? Wir erleben, wie „Ana“ ihre Traumhochzeit mit ihrem Millionär Christian feiert, man hebt mit dem Privatjet von Seattle ab nach Paris, dann urlaubt man auf der Jacht, der Ehemann ist eifersüchtig (das mögen Frauen) und Besitz ergreifend…

Und das muss sie ihm natürlich abgewöhnen, indem sie sich bei ihrer Arbeit (als Belletristik-Lektorin) nicht stören lässt und um ihre eigene Identität kämpft. Wenn sie eine Rivalin wittert, weist sie diese in die Schranken – ist Anastasia eine Frau von heute? Wohl kaum. Darüber hat sich die Autorin sicher nicht den Kopf zerbrochen.

Wenn sie genug Wunscherfüllung an Luxusleben geliefert hat (Ferien in einem prachtvollen Anwesen mitten im Wald, Shoppen bis zum Umfallen), muss etwas Dramatik aufkommen – der alte Rivale des Gatten, der praktischerweise „Mr. Hyde“ heißt (und keine friedliche Dr. Jekyll-Seite hat), taucht auf, und da wird die Geschichte am Ende noch zum Krimi, wo die Heldin sogar die Pistole zieht und weiß, wie man damit schießt…

Zwischendurch wird der Film selten seinem Ruf gerecht – „Wir gehen ins Spielzimmer“, dann rasseln die Ketten, und verschiedentlich wird hoffnungsvoll versprochen: „Ich werde dich wahnsinnig machen.“ Na, einander Eiscreme vom Körper lecken, ist wohl kaum der Gipfel der Sinnlichkeit. Dass dergleichen nur lächerlich wirkt – wen stört es?

Und auch der Nachspann mit Kinderglück könnte schlichter nicht sein – Courths-Mahler, schau oba! Das ist ein „Schundheft“ von früher, auf Hochglanz gedruckt und mit einem Fake-goldenen Einband versehen. Dakota Johnson als Anastasia sieht unschuldig, Jamie Dornan als ihr Christian sieht unbedarft drein. Regisseur James Foley bedient die volle Glätte der Geschichte. Sonst noch etwas? Nichts.

Renate Wagner

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WIND RIVER

FilmCover Wind River~1

Filmstart: 9. Februar 2018
WIND RIVER
GB, Kanada, USA / 2017
Regie: Taylor Sheridan
Mit: Jeremy Renner, Elizabeth Olsen u.a.

Auch wenn draußen subtropische Temperaturen herrschten – in diesem Film würde man frieren (als Zuschauer im Kinosessel nämlich). Denkt man an diesen „Wind River“ von Regisseur Taylor Sheridan zurück, so ist es nicht in erster Linie die Handlung, die in Erinnerung bleibt, sondern der Winter. Die Atmosphäre in den schneebedeckten Wäldern von „Wind River“, dem trostlos gezeichneten Indianerreservat in Wyoming, ist stärker als alles andere. Was nicht heißen will, dass man sich auf diesen trotz der grausigen Handlung extrem stillen Film nicht mit Interesse einlässt. Wenn man selbst bereit ist, sich  dieser Welt quasi meditiativ hinzugeben.

Jeremy Renner, der so oft von einer gewissen negativen Aura umgeben ist, spielt hier Cory Lambert, einen ruhigen, innerlich verletzten, schweigsamen Mann, der „weiße“ Ranger, der sich hier unter den Indianern aufhält, die er gut kennt und die dennoch gegenüber seinesgleichen (berechtigte) feindselige Vorurteile hegen. Immer wieder verschwinden in diesem riesigen Gebiet Menschen auf Nimmerwiedersehen (auch, wie man später erfährt, einst Corys Tochter). Oder man findet eine Frauenleiche im Schnee… Das Opfer ist ein Indianermädchen, und ihr Vater legt rituelle Gesichtsbemalung an, wenn er um sie trauert.

Wind River die zwei~1

Wenn nun das FBI aus Las Vegas die junge Beamtin Jane Banner (Elizabeth Olsen) schickt, um das Verbrechen aufzuklären, wäre das – so offensichtlich unerfahren und noch dazu eine Frau, wie sie ist! – für einen üblichen Film eine grausame Mobbing-Geschichte. Nicht hier, wo Cory das gelassen hinnimmt und zu jeder Hilfe bereit ist. Es scheint dem Kinobesucher nur gänzlich unmöglich, hier in der menschenleeren Wildnis einen „Täter“ auszumachen, und auf äußere Spannung setzt Regie-Debutant Taylor Sheridan (er hat bisher erfolgreich Drehbücher geschrieben, auch dieses) nicht gesetzt.

Vielmehr stellt er die Frage, wie man in dieser Welt lebt, ohne dass er die tragische, weil perspektivelose Situation der Indianer spektakulär ausreizen würde – und zeigt dann, mit einer höchst geschickter Rückblende, wie eine Situation mit einer Frau und vielen Männern ausrastete und zu dem Gewaltverbrechen führte. Die Lösung hat sich quasi durch Zufall ergeben, einfach dadurch, unaufhörlich die Gegend zu durchstreifen. Und dann darf auch die junge Agentin zeigen, dass sie zumindest so weit im Nahkampf ausgebildet wurde, um auch mit gewaltbereiten Situationen umzugehen.

Aber das macht diesen Film noch nicht zu „Action-Kino“, und die Bezeichnung „Schnee-Western“ ist wohl eher von der Werbung erdacht, als dass er wirklich ins Schwarze träfe. Eigentlich wird man in ein kaltes, verlorenes Eck dieser Welt mitgenommen, von dem man nichts wusste und dessen Trostlosigkeit man sich kaum vorstellen konnte. Ein trauriger Film, nehmt alles nur in allem. Im Nachspann liest man, wie viele Menschen dort in der Natur vermisst werden, ohne dass man je erfährt, was mit ihnen geschehen ist. In diesem Sinn konnte die schöne Indianerin (der man in der Rückblende höchst lebendig begegnet) zumindest einigermaßen „gerächt“ werden… wie das Kinogesetz es befiehlt.

Renate Wagner

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MANIFESTO

FilmCover Manifesto~1

Filmstart: 8. Februar 2018
MANIFESTO
Deutschland / 2015
Regie: Julian Rosefeldt
Mit Cate Blanchett

Keine zeitgenössische Ausstellung, die auf sich hält, wird ohne mehrere Video-Beiträge auskommen. Und obwohl die meisten Menschen sich schwer tun werden, den Begriff „Installation“ zu definieren, bestimmt diese Kunstform die heutige Kunst- und Performance- und Theaterwelt mit. Wie nun ein undefinierbares Patchwork aus all den neuen Kunstbegriffen ins Kino kommt und Aufmerksamkeit erreicht, statt irgendwo im Verborgenen zu tümpeln – das zeigt „Manifesto“. Und das Geheimnis des Unternehmens? Cate Blanchett. Ein Star, der das Publikum anzieht – und gleichzeitig eine so große Schauspielerin ist, um all das möglich zu machen…

Der Deutsche Julian Rosefeldt (Jahrgang 1965) ist ein Konzeptkünstler, Wikipedia bietet als Definition „an der Schnittstelle zwischen narrativem Film und komplexer Filminstallation“ an. Was er mit „Manifesto“ wollte? Nun, erst einmal, wie der Titel sagt, Manifeste. Man sollte wissen, dass hier nur zitiert wird, wenngleich wohl ausschließlich die ausgefuchstesten Kenner moderner Kunstströmungen die jeweiligen Texte identifizieren können. Am Ende landet man immer bei „Dada“, weil es hier „Konzept“ ist, dass man nichts verstehen soll. Und warum das? Vielleicht, um unserer Zeit und unserem brüchigen Kunstverständnis einen Spiegel vorzuhalten… Oder soll es Satire sein?

Die Bilder und Schauplätze, die der „Film“ bietet – nun ist es ein chronologischer Film, Festival-Vorführungen ließen die einzelnen Szenen parallel nebeneinander laufen, man soll und muss ja nichts verstehen – sind mannigfaltig und immer heutig. Da erklingt die Stimme von Cate Blanchett zuerst aus dem Off, und sie doziert lautstark, mit Überzeugung und kaum verständlich (was den Inhalt betrifft). Und dann beginnt das Virtuosenstück – sie verwandelt sich, und das gründlich. Mit falschem Bart, Wollmütze und „schiefem Gesicht“ ist sie, sprachlich entsprechend krächzend, ein Obdachloser, der über Kunst faselt. „Art beyond understanding“ wird zum Motto von allem, was sie in den verschiedenen Rollen verkündet.

Die sind übrigens in der Endfassung des Films nicht auseinanderdividiert 13 verschiedenen, von einander abgesetzte „Rollen“, da kommen Figuren vereinzelt durchaus mehrmals vor. Und jedes Mal soll es diesen Menschen ein Anliegen sein, über moderne Kunst zu sprechen, selbst wenn die arme Frau in dem Schutzanzug eines Labors steckt und vermutlich andere Sorgen hat.

Es passt zum „beyond understandig“-Konzept des Films, dass jede Figur, die Blanchett spielt – jedes Mal erstaunlich in der Verwandlung, das ist mehr als nur Frisur und Kostüme -, keinesfalls logischerweise über Kunst sprechen müsste. Sicher nicht die tipp topp gestylte Familienmutter, die ihren drei kleinen Söhnen und ihrem Mann (die vor Langeweile fast von den Stühlen fallen), vor dem Essen endlos Manifeste vorliest wie ein Gebet. Auch eine Begräbnisrede über Kunst zu halten, ist nicht unbedingt logisch. Am überzeugendsten passt das Thema noch zur Figur, wenn sie als russische Choreographin, genau so gekleidet und mit Akzent versehen, wie es das Klischee vorsieht, Kunst-Maximen losschreit, während eine Gruppe Tänzer in Alien-Kostümen herumwankt…

Man glaubt es auch dem Partygeschöpf, auch der unaufhörlich sich selbst bespiegelnden Schauspielerin in der Garderobe, der TV-Sprecherin, die darüber ein Interview (wieder Blanchett am anderen Ende) führt und selbst der Lehrerin, die ihre kleinen Schüler mit ihren Kunstkonzepten verwirrt. Bis die Sandlerin wieder voll Verachtung das letzte Wort hat… und man sich erschöpft vom Kinosessel erhebt.

Mann o Mann, was weiß man jetzt über moderne Kunst? Nichts. Was man weiß, hat man schon vorher gewusst: Welch außerordentliche Schauspielerin Cate Blanchett ist…

Renate Wagner

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DIE WUNDERÜBUNG

FilmCover Wunderübung~1

Filmstart: 2. Februar 2018
DIE WUNDERÜBUNG
Österreich / 2017
Drehbuch und Regie: Michael Kreihsl
Nach dem gleichnamigen Theaterstück von Daniel Glattauer
Mit: Erwin Steinhauer, Aglaia Szyszkowitz, Devid Striesow u.a.

Daniel Glattauer hat mit seinen Theaterstücken aus vielen Gründen Erfolg. Einer davon ist der minimalistische Aufwand – wenige Darsteller, meist nur ein Schauplatz, alles ruht auf den Schauspielern, und wenn diese gut sind, geht nichts schief. So hatte auch seine „Wunderübung“ bei der Uraufführung vor ziemlich genau drei Jahren in den Josefstädter Kammerspielen großen Erfolg. Aber kann man etwas, das so sehr „Theater“ ist, auf die Leinwand verpflanzen?

Wenn man nicht „Kino“ im herkömmlichen Sinn verlangt, dann klappt es. Michael Kreihsl, der schon die Theateruraufführung inszeniert hat, schafft auch die Filmversion. Drei Menschen in einem Zimmer, ein total zerstrittenes Ehepaar, das einen Paartherapeuten aufsucht. Nur vorher und nachher gibt es ein bisschen Wien, Straße, Alltag, Straßenbahn. Der Rest ist Kammerspiel. Das seinen Drive aus sich selbst nimmt.

Denn das Ehepaar, das sich da vor dem Therapeuten in Stücke zerlegt, kann’s, die sind Meister im gegenseitigen Herunterputzen und Anflegeln. Vor allem die Frau geht drauf los wie eine Rakete, immer wieder haarscharf gezielt – für andere Frauen (im Kinosaal), die eher normale Umgangsformen pflegen, fast peinlich: So beschimpft man sich nicht, schon gar nicht vor Dritten. Aber darum geht es ja. Der „Herr Magister“ soll sie ja als Mediator quasi wieder zusammen bringen. Ihnen zeigen, dass es gar nicht so schlimm und aussichtslos ist. Eigentlich möchten die beiden in tiefer Seele einander wieder gern haben, wünschen nichts inniger, als sich zusammen zu streiten. Aber wie, ohne dass einer von ihnen klein beigibt, ohne dass man seinen Groll los wird?

Nun, wer das Theaterstück kennt, der weiß, worin die „Wunderübung“ des Therapeuten besteht, und ohne diese Pointe ist das Ganze nicht mehr ganz so lustig und spannend. Aber die Darsteller sind wieder einmal das Rückgrat – und darum klappt der Film ja doch. Aglaia Szyszkowitz, von der Theateraufführung übrig geblieben, hat den nicht endenden Drive des Zankens, sie spuckt ihre Enttäuschungen nur so hinaus, sie eifert und geifert – alles hat ihr der liebende Gatte auf die Schultern gelegt, Haushalt und Kinder, und dann betrügt er sie noch, und von der einstigen Liebe ist auch nichts mehr vorhanden. Devid Striesow ist unterschwellig amüsant mit dem charakteristischen Seufzern der Männer, die letztendlich nichts verstehen („Was will das Weib“, wie Sigmund Freud es formulierte).

Aber da ist noch Erwin Steinhauer, und er genießt es, seine Figur detailfreudig auszuspielen, ohne es je billig zu geben. Es sei denn seine Maske – mit den dicken Augenbrauen, dem Schnauzer, dem wilden Haar sieht er eher aus wie Ernst Konarek als wie er selbst, aber das passt zu dem leicht schusseligen, abwesenden Image, das er sich gibt. Halb Routinier, der weiß, wie er eine solche Situation zu „spielen“ hat, halb vielleicht wirklich resigniert angesichts von so vielen Ressentiments, die ihm da giftig entgegen geschleudert werden, ist er der wunderbare Angelpunkt der Geschichte.

Michael Kreihsl hat die Interaktion der drei Personen inszeniert, wie er es auf dem Theater getan hat, und nur vielleicht einen Fehler begangen: In dem lichtdurchfluteten Zimmer, in dem sich das Gespräch abspielt, wird der Zuschauer immer wieder durch Gegenlicht und Zwielicht gestört. Keine Frage, dass die Filmtechnik weit genug ist, um dergleichen professionell auszuleuchten oder die Kameras richtig zu postieren …

Renate Wagner

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