Der Neue Merker

PIRATES OF THE CARIBBEAN: SALAZARS RACHE

FilmPoster  Piraten der Karibik 5~1

Filmstart: 25. Mai 2017
PIRATES OF THE CARIBBEAN: SALAZARS RACHE
Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Tales / USA / 2017
Regie: Espen Sandberg, Joachim Rønning
Mit: Johnny Depp, Javier Bardem, Geoffrey Rush, Brenton Thwaites, Kaya Scodelario u.a.

So ausgelutscht können Sujets gar nicht sein, dass Hollywood nicht noch eine (und noch eine) Fortsetzung herauspressen würde, so lange die Chance besteht, noch einen Dollar damit zu machen. Also gibt es die „Piraten der Karibik“, die zu Beginn ein ziemlich irrwitziger Spaß waren, bereits zum fünften Mal – und außer Johnny Depp und Cameo-Auftritten früherer Stars gibt es vor allem neue Gesichter.

Immerhin, man will nicht ungerecht sein: Letztendlich hat man sich dann ja doch ganz gut unterhalten. Denn die neu beauftragten Filmemacher (Regie im Doppelpack: die Norweger Espen Sandberg und Joachim Rønning, die den durchaus respektablen Thor Heyerdahl-Kon Tiki-Film gedreht haben) wussten schon, dass sie dem Publikum etwas bieten müssen. Also gibt es ein paar Mal wirklich atemberaubend komische Action, wo man beim Zuschauen tief Luft holt vor Lachen, und eine Menge neuer Figuren. Fast zu viele.

Rund um „unseren“ Captain Jack Sparrow, den Johnny Depp wieder so unverschämt besoffen, stoned oder was immer, jedenfalls total „daneben“ spielt, wird ein Stückchen Vergangenheit erfunden: Als junger Mann hat er sich irgendwann mit dem Captain Armando Salazar angelegt, der nun mit seinem Schiff als „Geist“ durch die Karibik schwebt und die titelgebende Rache anstrebt: Javier Bardem als weiterer Star des Films ist meist nur stückeweise, gewissermaßen „zerfranst“ zu sehen, so wie man Gespenster halt aus dem Computer zaubert. Eine besondere Aufgabe für einen sonst durchaus besonderen Schauspieler ist das natürlich nicht, er darf gewissermaßen nur die Zähne fletschen…

Da ein jugendliches Publikum auch Identifikationsfiguren braucht, wird ein junges Paar eingeführt – das heißt, ein Paar werden sie natürlich erst, nachdem sie sich nach dem Motto der gezähmten Widerspenstigen zusammen gerauft haben. Weil die Karibik voller Geister ist, ist „er“, Henry Turner (der wirklich sympathische Brenton Thwaites), der Sohn eines verfluchten „Fliegenden Holländers“, den er unbedingt „befreien“ will. Sie, Carina Smyth (die sehr hübsche Kaya Scodelario), gilt als Hexe, weil sie viel von Astronomie versteht, und stellt sich später auch als Tochter eines bekannten Herren heraus.

Im Gefängnis begegnet sie auch Jack Sparrow, der zwischendurch auch einmal hingerichtet werden soll – das ergibt ebenso eine schwungvolle Flucht wie jene, die er mit einem ganzen Bankgebäude (ein Tresor wäre zu wenig!) unternimmt: Man sieht, es wird geklotzt.

Weiters dabei der schon bekannte Geoffrey Rush als Captain Hector Barbossa, und langsam werden die Figuren zu viel – bis dann ganz am Ende voll die Nostalgie zuschlägt: Aber Orlando Bloom und Keira Knightley fallen sich wirklich nur als Reminszenz-Pointe in die Arme, schön war’s, als die beiden noch jung und schön ganz dabei waren…

Jack Sparrow (Johnny Depp)

So ist es dann doch wieder der unverwüstliche Johnny Depp, ohne den es nicht geht, und da er mit anderen Filmen keinen Erfolg hat, wird er sich gewiß den nächsten Jack Sparrow aufschwatzen lassen. Wenn diesmal als Objekt der Begierde der Dreizack des Poseidon fungiert (der teilt dann auch das Meer, als wäre man in der Bibel), so bezweifelt man nicht, dass den Drehbuchautoren für die Fortsetzung etwas Ähnliches einfallen wird. Das kann so dumm sein, wie es will, wenn’s nur zum Piraten-Spaß passt.

Jedenfalls: die Regisseure können bleiben, die verstehen ihr Handwerk. Und, wie gesagt, um ehrlich zu sein – vielleicht ein bisschen zu lang und zu konfus in der Handlung, aber komisch genug und gut gemacht, so unterhält man sich doch die meiste Zeit völlig schwere- und problemlos. Und das ist auch etwas wert.

Renate Wagner

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SONG TO SONG

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Filmstart: 26. Mai 2017
SONG TO SONG
USA  /  2016
Regie: Terrence Malick
Mit: Michael Fassbender, Ryan Gosling, Rooney Mara, Natalie Portman, Cate Blanchett u.a.

Wer je irrtümlich in einen Film von Terrence Malick geraten ist und nichts damit anfangen konnte, wird nicht wiederkommen. Also kann man davon ausgehen, dass nur Eingeweihte und Anhänger des Regisseurs sich seine seltsamen, aber in ihrer Rätselhaftigkeit durchaus reizvollen Werke „antun“. Wobei „Song to Song“ ein wenig mit Etikettenfälschung arbeitet, da auch Pressetexte den Eindruck erwecken, der Regisseur begäbe sich damit in die Welt der Pop-Musik. Diese spielt aber nur am Rande unerheblich mit: Tatsächlich handelt es sich um eine vertrackte Liebesgeschichte.

Im Mittelpunkt steht Rooney Mara (die in der US-Verfilmung von Stieg Larssons berühmtem Krimi die Lisbeth Salander verkörperte) als junge Musikerin Faye, die bereit ist, ihre Karriere mit einer von ihr ohne innere Anteilnahme betriebenen Beziehung zu dem Plattenboß Cook zu fördern. Kaum eine Schauspielerin je hat es geschafft, optisch dermaßen Audrey Hepburn zu gleichen, auch ihre Grazilität, ihren zerbrechlichen Charme mitzubringen (ganz abgesehen von den optischen Zitaten). Sie soll als Zaubergescshöpf durch den Film schreiten, und sie tut es.

Nicht der bis in die Fingerspitzen coole Plattenboß von Michael Fassbender ist die eigentliche männliche Hauptfigur, sondern der unangepasste Musiker mit dem passenden Kürzel-Namen „BV“, der Ryan Gosling direkt auf den Leib geschneidert ist. Wenn er am Ende die ganze leere Glitzerwelt hinter sich lässt, zu seiner Familie zurückkehrt und Bauer wird, macht er das voll und ganz glaubhaft.

Diese Dreiecksgeschichte wird jetzt nicht in Form eines spannenden Psychodramas erzählt, sondern in Malicks eigentümlichen, diffusen Stil, der konventionelle Drehungen und Wendungen durchaus nicht verschmäht. (Wie hoch die Reputation des Regisseurs ist, zeigt sich daran, dass Stars wie Natalie Portman und Cate Blanchett gänzlich unwesentliche Nebenrollen übernehmen, teurer weiblicher Aufputz, der nicht wirklich zur Geltung kommt.)

Im Grunde geht es nicht um echte Gefühle, sondern um Missverständnisse und Einsamkeit, in einer glatten Medien-, Pseudokunst- und Konsumwelt, wie sie hier in das Ambiente von Austin, Texas (mit Ausflug nach Mexico) hingepinselt wird, ohne dass man irgendetwas daran real festmachen könnte (nur eine echte Musikerin, Patti Smith, darf gelegentlich auftauchen – vermutlich sehr autobiographisch. Fans des Milieus werden sich da auskennen).

Man weiß, dass Malick auch den Darstellern nichts Definitives über sein Drehbuch erzählt und sie vielfach improvisieren lässt… das gibt dem Ganzen dann seine diffuse Atmosphäre, immer wieder von Erzählerstimmen überlagert. Strikt für Fans, aber auch für die Liebhaber feiner Schauspielkunst. Das zentrale Trio ist superb.

Renate Wagner  

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ALIEN: COVENANT

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Filmstart: 18. Mai 2017
ALIEN: COVENANT
USA  /  2017 
Regie:  Ridley Scott
Mit: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup u.a.

Es beginnt mit einem Androiden. Wer den Vorgänger-Film gesehen hat, kennt ihn: Dieser David war auf dem Raumschiff „Prometheus“, das Regisseur Ridley Scott vor fünf Jahren ins All geschickt hat, um seine berühmte „Alien“-Welt neu zu beleben. Der Film war kein Meisterstück, aber glücklicherweise ist die Fortsetzung, die nun in unsere Kinos kommt, eine solche.

Nicht zuletzt, weil die Androiden eine so große Rolle spielen: David, im ersten Film auf einem fremden Planeten verschollen, und Walter, der nun wieder auf dem Weg ins All ist. Beide werden (sie sind schließlich Roboter eines Typs) von Michael Fassbender gespielt, der diesen Film mit dieser prächtig differenzierten Doppelrolle mühelos auf seinen schmalen Schultern trägt. Gleiches Aussehen und dennoch unverkennbar zwei verschiedene – Menschen? Androide? Oder doch mehr?

Scott thematisiert hier ein Problem, das die Menschen von heute beunruhigt – die Geister, die wir schufen, werden wir sie auf Wunsch wieder los? Oder wird es menschengleiche Maschinen geben, die auch denken, fühlen und Böses tun können? David jedenfalls, der seinem menschlichen Schöpfer zu Beginn des Films ganz cool Widerpart bietet (und am Klavier Wagner spielt), ist ein recht unheimliches Geschöpf…

Und dann ist man schon wieder im Raumschiff (ohne große Vorgeschichte, die in „Prometheus“ so mühsam war): „Convenant“, wo der Android Walter als gute Seele waltet,  reist zu einem neuen Planeten, zweitausend Menschen, als Kolonisten vorgesehen, schlafen in ihren gläsernen Särgen, bis man ihre neu zu besiedelnde Welt erreicht. Nur die Crew wird unsanft geweckt, als Stürme ihr Raumschiff ramponieren. Es gibt Verluste in der Besatzung, es muss einen neuen Kapitän geben, und Billy Crudup spielt diesen Christopher Oram so, dass man weiß: Der wird dem Job nicht gewachsen sein…

Über sieben Jahre soll es noch zum Zielplaneten dauern. Aber aufgefangene Signale von einem nahen Planeten, der offenbar Lebensbedingungen wie die Erde bietet, sind einfach zu verlockend. Gegen die starken Bedenken seiner Stellvertreterin Daniels (sympathisch und ganz unspektakulär „normal“: Katherine Waterston) begibt das Kapitän sich mit einem Großteil der Crew (nur wenige bleiben am Raumschiff zurück) auf den verlockenden Planeten, wo es Wasser und Wälder und Getreide gibt… und Aliens.

Wie diese sich diese zuerst als Bakterien-Staub in die Menschen hineinfressen und dann als Monster wieder aus ihnen herausbrechen, ist – bei aller Vorhersehbarkeit – ungemein spannend, technisch brillant, scheußlich anzusehen, nichts für schwache Nerven und dennoch ein dramatisches Zentrum des Films, der überraschend viele von seinen Protagonisten (die man durchaus gern gehabt hat) opfert.

Wenn die Crew sich in einen Riesenbunker flüchtet, stehen sie David gegenüber (der den Prometheus-Androiden Walter als „Bruder“ begrüßt): Was David denkt und getan hat, wird langsam klar, und wenn er und Walter einander letal gegenüberstehen (wenn der scheinbar tote Walter aufersteht und David erneut angreift, erklärt er nur: „Es gab ein paar Updates seit deiner Zeit“), dann weiß man, dass dieser Kampf für die Zukunft (und möglicherweise auch für die Fortsetzung des Films…) entscheidend ist.

Ridley Scott, der diesmal nach einem klar-stringenten Drehbuch verfahren kann, das auch konventionelle Handlungselemente nicht scheut (wie befreien sich jene, die ins Raumschiff zurück gelangt sind, von einem tödlichen Alien, das sich eingeschmuggelt hat…), tut es mir aller Spannung, vor allem aber mit größter Selbstverständlichkeit: Man ist mitten drin in dieser Welt der Aliens, nicht im Kino bei Sci-Fi, und diese Nähe macht aus, dass der Reiz dieses Covenant-Raumschiffs so ungleich größer ist als einst jener von „Prometheus“…

Ein Einwand. Wenn am Ende der Befehl ertönt „Einzug der Götter in Walhall, Rheingold, 2. Akt“, dann muss der Opernfreunde leider korrigierend eingreifen – „Rheingold“ hat keine Akte, sondern vier pausenlos in einander übergehende Szenen, der „Einzug der Götter in Walhall“ ist das Finale der Oper, also bestenfalls in der vierten Szene zu verorten. Dass sich das bis Hollywood noch nicht herumgesprochen hat und auch nicht zu dem immerhin in Deutschland befindlichen Synchon-Institut… eigentlich eine Schande, oder?

Übrigens: Sir Ridley Scott (so viel Zeit muss sein), war 42, als er im Jahr 1979 den ersten „Alien“-Film drehte und Filmgeschichte machte. Heuer im November wird er 80. Dennoch hat er eine weitere Fortsetzung angekündigt. Wenn diese noch einmal die Kraft und Spannung dieses Films hat, freuen wir uns darauf.

Renate Wagner

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HELL OR HIGH WATER

FilmPoster  Hell or High Water

Filmstart: 19. Mai 2017
HELL OR HIGH WATER
USA  /  2016 
Regie:  David Mackenzie
Mit: Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges u.a.

Texas heute, nicht die großen Städte, sondern die kleinen Orte in einem weiten Land. Hier konnten die Western des 19. Jahrhunderts spielen. Heute ist das Leben weniger romantisch als einst im Kino. Hier wird ein glanzloses Stück amerikanischer Gegenwart geboten, stark gestaltet von dem Briten David Mackenzie. Eine Geschichte von Leuten, die so arm sind, dass sie ihr kleines ererbtes Stück Land nicht halten können, betrogen von Banken…

Zwei Brüder, die nicht gerade das große Los gezogen haben. Wahrscheinlich ist die ehrliche Zuneigung zueinander das Beste, was sie besitzen. Von Toby Howard, den Chris Pine mit dem sympathischen Look, aber einigermaßen bedrückt spielt, weiß man (und erlebt man auch), dass er eine ungute Ex-Gatin hat und Probleme, seine Kinder sehen zu dürfen. Tanner Howard ist in Gestalt des immer negativ hoch gespannten Ben Foster der andere Bruder, der gerade aus dem Gefängnis kommt. Was tun angesichts der finanziellen Probleme, wenn man den Zwangsverkauf von Mutters Farm, die sie eben geerbt haben, verhindern will?

Sie überfallen maskiert die kleinen Banken der kleinen Orte – und man ist ganz auf ihrer Seite. Ein versierter Texas-Ranger wie Marcus Hamilton (eine kleine große Rolle für Jeff Bridges) ist einem solchen Räuberpaar natürlich bald auf den Fersen. Aber er müsste sie in flagranti erwischen oder die Taten beweisen können… Aber das schaffen er und sein Indianer-Kollege (Gil Birmingham), obwohl sie die Täter bald kennen, zumindest für die Dauer des Films doch nicht. Die Brüder waschen das Geld in einem der indianischen Kasinos und retten ihr Land – für die Söhne von Toby.

Und bis es zum tragischen Ende kommt, das ungemein dramatisch verläuft, wird man in dieser traurig-staubigen Texas-Welt ganz heimisch, wozu auch die stimmige Musik (zu der auch Nick Cave einiges beisteuert) ihren atmosphärischen Anteil hat. Dabei wohnt in der Figur des Sheriffs, der die Brüder jagt, einiges an Pointen und Humor.

Gespielt wird die Geschichte ungemein stark, dabei trotz der Gefühlsintensität weitgehend unpathetisch. Die spannende Bankräuberstory wird durch die harte Kritik an einer Kapitalismus-Welt konterkariert, die aufzeigt, wie rücksichtslos daran gearbeitet wird, die Armen immer ärmer und chancenloser zu machen. „Hell or High Water“, Hölle oder Hochwasser mögen kommen, sagt eine amerikanische Phrase – man wird sich dem stellen. Die Brüder Howard tun es, und man schaut ihnen gespannt und mit eindeutiger Sympathie dabei zu.

Renate Wagner

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JAHRHUNDERTFRAUEN

FilmPoster  Jahrhundertfrauen~1

Filmstart: 18. Mai 2017
JAHRHUNDERTFRAUEN
20th Century Women  /  USA  /  2017 
Drehbuch und Regie:  Mike Mills
Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Lucas Jade Zumann, Billy Crudup u.a.

 Es ist gar nicht so leicht, von einer Frau allein aufgezogen zu werden – das heißt, nicht ganz allein, sondern gleich von drei Frauen: Mike Mills hat davon einen solchen Schock fürs Leben davongetragen, dass er nicht nur einen Roman, sondern auch noch einen Film daraus machen musste. Dieser nennt sich nun im Original „20th Century Women“(Frauen des 20. Jahrhunderts) und spielt vordringlich in den siebziger Jahren. Heute totale Nostalgie, eine Welt ohne Handys und Computer, damals gar keine leichte Zeit. Schon gar nicht für einen 14jährigen Jungen zum Heranwachsen in einem doch brodelnden Amerika, das als Ort des Geschehens das kalifornische Santa Barbara im Jahr 1979 wählt.

Da ist die Mutter Dorothea, nicht mehr jung (Annette Bening, ganz auf Normalfrau, ohne das Makeup der Kinoleinwand-Attraktivität), da ist die Fotografin Abbie (Greta Gerwig, die ihre exzentrische Ausstrahlung in den Genen hat)) und schließlich die 16jährige Julie (Elle Fanning, blond, süß und hintergründig), die als ältere Schwester von Jamie (Lucas Jade Zumann) durchgehen kann, um den sich alles dreht – wenn es nicht vielmehr um die Frauen geht, die allesamt nicht mit normalen Maßstäben zu messen sind.

Vor allem haben sie genaue Vorstellungen von ihrem Geschlecht und davon, wie sie sich Männern gegenüber definieren. Ein bisschen viel für einen Jüngling, der mit den Lebenserfahrungen der Damen umgehen muss – und von Julie gerne Sex lernen würde. Aber ihre diesbezüglichen Ambitionen sind nicht für ihn, den sie wie einen Bruder behandelt, gedacht.

Einen „richtigen Mann“ als Vater-Bild hat Jamie nicht, denn Nachbar William (Billy Crudup, von den Damen auch sichtlich überfordert) ist alles andere als das übliche kraftvolle Mannsbild. Die freigeistige, kettenrauchende Mutter, im Leben über alles Mögliche (und die Männer) gestolpert und entsprechend mißtrauisch, in der Welt, in der sie lebt, nicht mehr ganz zuhause (was älteren Leuten gelegentlich passiert), will den Sohn einerseits zur Selbständigkeit erziehen, kann aber ihre Gluckenhaftigkeit nicht gänzlich unterdrücken.

Die Fotografin, die gegen den Krebs kämpft, ihren Feminismus nicht zuletzt verbal ganz schön rude auslebt und versucht, den Alltag mit Polaroid-Fotos zu bewältigen (das ist schon als Vorläufer der Selfies und der schrecklichen Zentrierung auf das Ego zu verstehen) zeigt nur, wie schwierig das Leben ist.

Und das junge Mädchen – was erwartet sie vom Leben? Der Sex, den sie mit jungen Männern im Dutzend billiger absolviert, ist nämlich gar nicht so toll, wie sie Jamie erzählt, wenn sie mit ihm im Bett liegt – aber da wird nur geredet! (Wie ein Orgasmus sich anfühlt, kann sie ihm nicht sagen, weil sie noch keinen erlebt hat.)

Kurz, zusammen mit dem Jungen ist man als Kinobesucher angehalten, den Damen, die sich teils doch recht seltsam gebärden, mit einigem Staunen zuzusehen. Dazu hat Mike Mills (der ja seine Geschichte erzählt) viel der damaligen amerikanischen Gegenwart (für uns ist es schon  Zeitgeschichte von einst) eingebracht: die Jimmy-Carter-Ära war nicht so harmlos, wie ihr Präsident dreinsah… Und wie damals noch geraucht wurde! Und wie wild es in der Pop-Szene von Los Angeles zuging!

Keine Frage, dass Mills – trotz der teils nervigen Zickigkeit, die er den Frauen gibt – diesen Film, wie er selbst sagt, als „Liebeserklärung“ an Mutter und die anderen Frauen seiner Jugend betrachtet. Nur ist ihm leider keine sehr spannende Geschichte gelungen, der Alltag rinnt in seinen Banalitäten vor sich hin, und trotz der zu Recht berühmten Darstellerinnen (vor allem Annette Bening, die man allerdings schon „packender“ gesehen hat) – so richtig im Kinosinn interessant wird es nie. Aber letztlich ist es ja doch eine schöne, liebevolle Familiengeschichte.

Renate Wagner

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KING ARTHUR: LEGEND OF THE SWORD

FilmPoster  King Arthur~1

Filmstart: 12. Mai 2017
KING ARTHUR: LEGEND OF THE SWORD
USA / 2016 R
egie: Guy Ritchie
Mit: Charlie Hunnam, Jude Law, Eric Bana, Àstrid Bergès-Frisbey, Djimon Hounsou u.a.

Natürlich gibt es „ewige“ Geschichten, die immer und immer wieder erzählt werden können, und die Legende um König Artus ist zweifellos ein solcher Mythos. Man sollte ihn nur gut erzählen, und daran ist Regisseur Guy Ritchie (dem der „Sherlock Holmes“ doch eigentlich sehr passabel geraten ist?) nun tatsächlich gescheitert. Wäre er ein Theaterregisseur, würde man sagen, er hätte sein Thema mit Regietheatermätzchen versaut. Im Kino – wo man außerdem ein Millionenpublikum in aller Welt anvisiert – kommt so etwas seltener vor. (Oder nur bei Regisseuren, die – wie etwa Terrence Malick – stolz das Banner vor sich tragen: „Ich mache unverständliche Filme!“)

Was tut nun Ritchie gestrichene zwei Stunden lang? Er erzählt eine unendlich wirre, aber dabei einförmige, von zahlreichen Rückblenden zerhackte Geschichte, deren Dialoge gewissermaßen absichtsvoll künstlich wirken. Außerdem History als Fantasy, optisch übrigens meist in Zwielicht getaucht (und 3D-Brillen machen das Kinoerlebnis bekanntlich noch dunkler und in der Folge ermüdender).

Meist wird gekämpft, ohne dass man genau wüsste, wer mit wem warum gerade. Gleich zu Beginn tauchen Elefanten auf, die so riesig sind, dass es sie höchstens in Comics gibt. Wir haben, so einigermaßen erkennbar, als Angegriffenen den König Uther Pendragon (Eric Bana) vor uns, der seine Frau durch ein Monster verliert, das ihr einen Speer in den Leib schleudert, was ihren kleinen Sohn lebenslang in seine Träume verfolgen wird. Bevor sich der König in einen Stein verwandelt, in den er sein Schwert Excalibur steckt (nicht genau fragen, wie das alles geht – alles verläuft so schnell und laut, dass man ohnedies nicht mitdenken kann), legt er Söhnchen Klein-Arthur in ein Boot. Als der Junge aufwacht und wie Moses im Schilfkorb von drei netten Nutten gefunden wird, ist er offenbar in London. Wird adoptiert und wächst als Straßenjunge auf, der an Kampfeskünsten lernt, was man zum Überleben braucht…

Es gibt keinen Merlin, es gibt nur den bösen Gegner: Jude Law, neben Eric Bana der einzig bekannte Schauspieler in dem Film, spielt König Vortigern, der immerhin bösen, schlangenartigen Geistern im See zwei Frauen (einmal die Gattin, einmal die Tochter) eigenhändig opfert, um seinen Sieg zu sichern. Im übrigen fällt es Law nicht schwer, einen zynischen, sadistischen Machtmenschen hinzustellen – die einzige darstellerische Leistung des Films, die irgendwie greift.

Jung-Arthur, der Knabe, ist herangewachsen, und der Film ist politisch korrekt – bei einem Asiaten mit dem schlichten Namen George (Tom Wu) lernt er Kampfkünste, und als er dann, er wundert sich selbst, das berühmte Schwert Excalibur aus dem Stein zieht, ist es ein Schwarzer (Djimon Hounsou als Sir Bedivere), der ihn mit einer Handvoll Getreuer vor sich hertreibt, um aus dem widerstrebenden Jungen einen König zu machen.

Der Brite Charlie Hunnam, eines der vielen bedeutungslosen Gesichter, das im heutigen Kino in Hauptrollen eingesetzt wird, weil sich anscheinend weder echte Schauspieler noch echte Persönlichkeiten finden, ist mit seinem Realalter (zweite Hälfe 30) ein bißchen sehr reif für den jungen Mann und entsprechend unglaubwürdig. Es gibt übrigens gar keine Romanze für ihn – die einzige Dame, die auftaucht, ist eine geheimnisvolle Magierin (Merlin-Ersatz?) in Gestalt der großäugigen Àstrid Bergès-Frisbey (spanisch-französische Mischung), die ein bisschen aussieht wie Liv Tyler, die früher wahrscheinlich so eine Rolle gespielt hätte. Sie rollt die Augen und setzt kämpfende Geier oder einstürzende Bauten in Gang…

Nach und nach – es wird dauernd gekämpft, Arthur ist nicht sehr heldenhaft, einmal liegt sein Kopf schon auf dem Block, um abgehackt zu werden – wächst der potentielle König in seine Rolle, und wenn sich der Film, fortwährend unübersichtlich zwischen Kampf, Fantasy-Geschöpfen und den Alpträumen unseres Nicht-gerade-Helden dem Ende zuneigt, ja, da wird dann der runde Tisch gezimmert und die Getreuen erweisen sich als die Gralsritter. Und Arthur als König.

Da ist man von ihm und dem ganzen Geschehen aber schon so genervt und gelangweilt, dass einem das auch schon herzlich wurscht ist…

Renate Wagner

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RÜCKKEHR NACH MONTAUK

FilmPoster  Rückkehr nach Montauk~1

Filmstart: 12. Mai 2017
RÜCKKEHR NACH MONTAUK
Return to Montauk / Deutschland, Frankreich, Irland / 2017
Regie: Volker Schlöndorff
Mit: Stellan Skarsgård, Nina Hoss, Susanne Wolff, Niels Arestrup u.a.

Man erinnert sich noch an das Aufsehen, das Max Frischs Erzählung „Montauk“ 1975 verursachte. Es mag mehr als 40 Jahre her sein, aber Geschichten, die sich an Persönliches knüpfen, bleiben im Gedächtnis haften. Hieß es doch damals, Frisch habe im Stil eines Schlüsselromans unter verschiedenen Frauenaffären auch seine unglückliche Beziehung zu Ingeborg Bachmann (die zwei Jahre davor gestorben war) verarbeitet.

Tatsächlich handelte es sich um eine schonungslose Selbstdemontage des Autors als Mann – und Ähnliches versucht Regisseur Volker Schlöndorff, der zusammen mit Colm Tóibín das Drehbuch schrieb, mit seinem Film „Rückkehr nach Montauk“. Dabei versichert der Autor / Regisseur einerseits, dass es um keine Verfilmung der Frisch-Novelle gehe, andererseits widmet er den Film dem Andenken des Dichters – und tatsächlich erzählt er, hier konzentriert auf eine gegenwärtige und eine ehemalige Geliebte, mehr oder minder vom Seelenleben des Dichters Max Frisch, der in so gut wie allen seinen privaten Beziehungen scheiterte, aber dann höchst erfolgreich „Literatur“ daraus gemacht hat. Was Schlöndorff dem Dichter – sozusagen von Mann zu Mann – nicht übel nehmen will…

Montauk, die zwei

Zu Beginn monologisiert Stellan Skarsgård (nicht mehr jung, noch nicht alt, ein zurückhaltender Intellektueller) als Max Zorn, und man merkt erst nach ein paar Minuten, dass es sich dabei um eine Dichterlesung handelt, die der offenbar sehr prominente deutsche Autor in New York hält. Zweifellos ist er einer, der sein eigenes Leben sehr wirkungsvoll als Literatur verkauft… und den originalen, so berühmten Frisch-Satz über ihn und die Bachmann hat Schlöndorff seinem Helden gelassen: „Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht.“ Ja, da ist noch eine missglückte Liebesgeschichte zu erzählen.

Um Max herum gibt es obligatorisch Frauen: die kluge Werbedame Lindsey (Isi Laborde) und seine Geliebte Clara (Susanne Wolff), die offenbar schon seit einiger Zeit in New York lebt, ohne dass er sich über ihre Lebensumstände besonders den Kopf zerbrechen würde.

Er sieht seinen alten Freund Walter (Niels Arestrup) wieder (auch dieser kommt im originalen „Montauk“ als W. vor), den er vor allem dazu benützen will, „sie“ wieder zu sehen: Rebecca, die jetzt Epstein heißt und Anwältin ist. Einst, als er sie vor 17 Jahren in New York kennen lernte, kam sie frisch aus der DDR. Die beiden verbrachten ein unvergessliches Wochenende im sturmgepeitschten Montauk in Long Island (per Auto von New York aus zu erreichen) – und dann hat er sich, wie so oft, umgedreht und ist gegangen. Auf Nimmerwiedersehen.

Kein Wunder, dass Rebecca nicht sonderlich begeistert ist, als er sie um jeden Preis wiedersehen will. Freilich – wie sich dann die Zusammenkunft des Paares gestaltet, mit welch unglaubwürdigen Verrenkungen das Drehbuch die beiden noch einmal nach Montauk schickt (das Wetter ist wieder elend), was für seltsame Geschichten Rebecca da von einem toten Geliebten erzählen muss… da bricht Schlöndorffs Film glatt zusammen, und nicht einmal Nina Hoss, sicher eine der besten deutschen Schauspielerinnen, kann das wirklich glaubhaft erspielen.

Max Zorn, der es in männlicher Naivität mit jeder Frau immer wieder versuchen will, blitzt schließlich bei beiden ab, bei Rebecca und dann bei Clara, zu der er zurück will. Man ist fast erleichtert, wenn er allein im Flugzeug sitzt und nach Europa zurückkehrt. Er wird schon wieder einen Bestseller aus seinen Beziehungen und aus seinem Versagen machen…

Und man hat das dumpfe Gefühl: So richtig geehrt würde sich Max Frisch durch diesen Film nicht fühlen…

Renate Wagner

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EINSAMKEIT UND SEX UND MITLEID

FilmPoster Sex und Einsamkeit ~1

Filmstart: 5. Mai 2017
EINSAMKEIT UND SEX UND MITLEID
Deutschland  /  2017 
Regie: Lars Montag
Mit: Rainer Bock, Maria Hofstätter, Friederike Kempter u.a.

Geschlechtsreife Großstädter sind wieder einmal auf der Kinoleinwand unterwegs, wobei man hier auch die Teenager dazu zählen kann, die einiges an Wissen und an Bedürfnissen zum Thema Sex mitbringen. Dieser deutsche „Patchwork“-Film, der viele verschiedene Schicksale locker mixt, basiert auf einem Roman von Helmut Krausser (hie und da klingt eine Erzählerstimme aus dem Hintergrund) und ist bitterkomische Satire und letztendlich gar nicht lustige Analyse dessen, was die scheinbaren Durchschnittsbürger so umtreibt.

Die branchenüblichen Übertreibungen und Überdrehungen sind natürlich inbegriffen, Kino ist auch (in ganz schön eindeutigen Sexszenen) als Ersatzbefriedigung für den Zuschauer gedacht, der vielleicht auch möchte, aber sich doch nicht so recht traut…

Ein Wutbürger, der im Supermarkt randalieren kann, weil dort eine gewisse Wurstsorte nicht geführt wird. Ein sehr unglücklich verheirateter Ingenieur mit Imker-Ambitionen, den die vegane, sexsüchtige Gattin nach allen Regeln der Kunst sekkiert und unbedingt eifersüchtig machen will, in der Hoffnung, damit für ihn wieder interessant zu werden. Der Leiter des Supermarkts, vom Wutbürger beschimpft, dessen Exfrau sich einen Call-Boy nimmt und mehr verlangt, als dieser zu leisten bereit ist. Eine Künstlerin, die ihre Opfer mit Farbe beschmiert und im übrigen „nur Sex“ möchte, jegliche Beziehungsgespräche öden sie an. Die Vierzehnjährige, die ihren deutschen Schulfreund verlässt, weil das Angebot des Migranten-Jungen sie mehr reizt. Da gibt es dann auch noch eine Nutte, den Mann, dessen Schuhe abhanden kommen (und der im Laufe des Geschehens vergessen wird), dessen blonde Freundin (Friederike Kempter, die Hübsche aus dem Münsteraner „Tatort“) sich unbedingt „befreien“ will… Eine Überfülle an Personen, die dramaturgisch nicht immer gebändigt wird.

Alles dreht sich offenbar um Sex – Sex im Internet und Sex auf Live-Bestellung, aber es gibt auch noch die üblichen psychologischen Beratungen, wo man bei Familienaufstellungen Vater und Mutter endlich einmal nach Lust und Laune verprügeln kann. Da werden Zerstörungsorgien angeboten, wo man Möbel zerdeppern darf, um seine Aggressionen abzureagieren. Und da entführt einer auch schon mal ein Kind und begeht einen kleinen Mord, wenn es gegen Ende ganz radikal wird…

Letztendlich kommen alle zu dem Schluß: Am glücklichsten ist der Mensch alleine, „ich bin alles, was ich will“, Beziehungen, verdammt noch einmal, das klappt doch einfach nicht…

Der Film (Regie: Lars Montag) geht immer wieder zu weit, sowohl in der hektischen Montage der Szenen, die das Geschehen unübersichtlich macht, wie im Ausreizen des Verrückten, das dann von der Glaubwürdigkeit des Geschehens, die eigentlich gewahrt bleiben müsste, wegführt. Wenn allerdings eine Schauspielerin wie Maria Hofstätter (mit ihrem unverwechselbar österreichischen Tonfall) eine frustrierte Frau und hektische Mutter spielt – dann ist das geerdet, eine Studie, die aus dem Alltag abgeschaut ist. Sehr viel Traurigkeit bringt auch Rainer Bock als ihr Gatte mit (ein Sieben-Minuten-Fick auf einer Flughaften-Toilette, der in die Ehe führte, hat ihm das Leben versaut, meint er einmal), mit exhibitionistischer Selbstverständlichkeit exekutiert Eva Löbau eine Sexszene, die es in sich hat (und ihren Lover-Boy das Fürchten lehrt), eindrucksvoll driftet Bernhard Schütz von der Wut ins Abnorme ab, mit bemerkenswerter Kaltschnäuzigkeit holt sich Lara Mandoki Partner, von denen sie nichts will als… Sex. Glücklich wird keiner von ihnen.

Resümee: Sex als Allheilmittel hat nicht funktioniert, Mitleid gab es wenig, die Einsamkeit ist geblieben. Letztlich ist das gar nicht so übertrieben unterhaltend.

Renate Wagner 

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GET OUT

FilmPoster Get Out~1

Filmstart: 4. Mai 2017
GET OUT
USA  /  2017
Drehbuch und Regie: Jordan Peele
Mit: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener u.a.

Rose Armitage ist so hübsch und blond, Chris Washington, von Beruf Fotograf, ist so schwarz und kuschelig, eindeutig ein Paar, das sich mag – das ist doch heutzutage kein Problem mehr, oder? Dennoch, wenn Rose ihren Chris den Eltern vorstellen möchte, zitiert der Film „Get Out“ (eine Warnung, die der Held nicht berücksichtigt) geradezu die legendäre Situation von „Rat‘ mal, wer zum Essen kommt“. Man erinnert sich – damals, 1967 (also vor einem halben Jahrhundert!), wurde Spencer Tracy und Katherine Hepburn in Gestalt von Sidney Poitier ein schwarzer Schwiegersohn präsentiert, und das war eine bahnbrechende, die Öffentlichkeit erregende Geschichte, die Regisseur Stanley Kramer damals zeigte. Will man zeigen, wie viel sich seither geändert hat – oder nicht?

Jordan Peele, Drehbuchautor und Regisseur dieses Films, Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, geht die Sache enorm raffiniert an. Man muss es zugeben: Man lässt sich von diesem Film aufs Glatteis führen, denn erst sieht es eben nur nach dem Ausloten eines vielleicht übertünchten Rassismus aus. Das hat auch komödiantische Elemente, und man ist ganz auf der Seite des vorzüglichen  Hauptdarstellers Daniel Kaluuya, mit dessen Augen man alles erlebt, was da kommt…

Die Eltern sind scheinbar reizend, wenn die Psychiaterinnen-Mama auch etwas penetrant erscheint und der Bruder blöde Bemerkungen macht. Aber Chris ist einer jener „fortgeschrittenen“ Afroamerikaner, der mit dem alltäglichen Rassismus in den USA sehr souverän umgehen kann. Roses Familie hat auch schwarzes Personal, aus humanitären Gründen, wie sie sagen. Diese Dienerschaft ist (mit geradezu gefrorenem Grinsen) so überfreundlich, dass Chris misstrauisch wird. Und der Kinobesucher mit ihm. Da stimmt doch etwas nicht. Zumal, wenn er in den Gesellschaftskreis von Roses Leuten näher eingeführt wird.

Tatsächlich gerät man nach und nach in einen Horrorschocker, der es in sich hat und vor allem die amerikanische Kritik begeistert hat. Die Idee, dass weiße Fundamentalisten die Schwarzen in ihre alte Sklavenrolle zurückversetzen wollen, wird mit allen Mitteln des Krimis und der Spannung und des Schreckens durchgeführt. Mehr zu verraten, würde die Geschichte, die einige Pointen auch menschlich-gruseliger Art zu bieten hat, spoilen…

Am Ende liegen dann viele Ebenen der Interpretation über einander, und man bewundert die Raffinesse, mit der das im Kino derzeit besonders virulente Thema von Schwarz und Weiß in Amerika abgehandelt wird. Echte Horror-Schockeffekte inbegriffen.

Renate Wagner

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TOUR DE FRANCE

FilmPoster Tour de France~1

Filmstart: 21. April 2017
TOUR DE FRANCE
Frankreich  /  2016 
Drehbuch und Regie: Rachid Djaidani
Mit:  Gérard Depardieu, Sadek, Louise Grinberg u.a.

Wer wäre nicht a priori ein Fan des französischen Films, der Legendäres hervorgebracht hat? In letzter Zeit aber häuften sich die „schaumgebremsten“ Produktionen, die echte Themen auf einen verlogenen Gefälligkeits-Nenner brachten – ob es die schwarz-weiße Behinderten-Schnulze „Ziemlich beste Freunde“ oder die Multi-Kulti-Familienschlacht „Monsieur Claude und seine Töchter“ war. Aber wenn sich die Franzosen für diese wohlmeinende Verzerrung ihres Alltags so dankbar zeigen, dass sie millionenfach ins Kino stürmen – wer wird dann noch wagen, ihnen die Wirklichkeit als solche vorzusetzen?

Wenn man nun als Vorgabe eines Films liest, dass Gerard Depardieu als alter Rassist sich  mit einem jungen Moslem auf einer „Tour de France“, einem Road Movie durch Frankreich, zusammen raufen soll, dann waren die Erwartungen auf das Gebotene nicht sonderlich hoch. Doch Regisseur Rachid Djaidani (Franzose algerisch-sudanesischer Herkunft) macht in diesem seinen auch in Cannes präsentierten Film zwar Fehler, aber erst einmal nicht die auf der Hand liegenden. Allzu verbindlich wird es erst später.

Der Ärger, den sich in Paris rivalisierende Banden auf den Straßen bereiten, ist sicher echt und annähernd beängstigend. Wenn da Todesdrohungen ausgesprochen werden, glaubt man das aufs Wort. Also zieht der Manager eines jungen Musikers – begabter und bekannter Rapper, der sein Gesicht meist unter einer roten Schirmkappe versteckt – diesen lieber bis zum Konzert in Marseille aus dem Pariser Verkehr.

Far’Hook (gespielt von einem jungen Mann namens Sadek, der auch im wahren Leben Erfolge als Rapper erzielt) erhält den Auftrag, Serge, den Vater des Managers, in einem Klapperauto herum zu kutschieren. Dieser Vater ist, fett wie immer und entschieden ungepflegt, Gerard Depardieu – offensichtliche Idealbesetzung für den faschistoiden, in der Vergangenheit auch kriminellen Unterschichts-Franzosen, der jeden Grimm der Welt gegen die Muslime hegt, die da sein Land überfluten.

Im übrigen aber ist der Papa Maler und stolzer Freund französischer Geschichte – hat also zumindest eine feinsinnige Seite, wenn er dem jungen Migranten („Warum sprichst Du mich immer auf meine Herkunft an?“ beschwert sich dieser) die Schönheiten der Gemälde von Claude Joseph Vernet vermitteln will. Es sind Hafenansichten, die dieser im 18. Jahrhundert im Auftrag von Ludwig XV. malte und die Serge nun, mit Staffelei, Farben und Spachtel unterwegs, in den Hafenorten nachempfinden will…

Was die Musik betrifft, so liebt Serge es eher gestrig: Wenn er seinem Begleiter, den er anfangs gar nicht mag, „zurück-rappt“, tut er es mit aller Verachtung. (Musik durchzieht den Film übrigens und spielt eine große Rolle, vielleicht im Hinblick auf ein jugendliches Publikum.)

Sicher, was sich nun auf dieser Tour durch Frankreich begibt, sind die üblichen Auseinandersetzungen, die zwischen Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener Weltanschauung logischerweise empor kochen. Da raschelt das Papier des theoretischen Schlagabtausches gelegentlich durch die Dialoge, so sehr Depardieu sie auch differenziert erfüllt und so sympathisch der junge Mann letztlich guckt…

Indem er beide Figuren nicht ultimativ extrem zeichnet (zumal der junge, sehr hellhäutige und neutral aussehende  Araber ist nicht furchteinflößend wie so viele seiner Kameraden, sondern wirkt eher sanft), kann man dem Regisseur vorwerfen, das Thema zu verwässern, besonders wenn die Klischees stärker werden (die hübsche junge „Zigeunerin“, Louise Grinberg, wird eingeführt, damit sie mit Far’Hook locker ins Bett geht und ihm eine Predigt hält, wie die Muslime ihre Schwestern und Frauen behandeln), wenn es dann einfach albernes Kintopp ist (Depardieu fesselt Far’Hooks Gegner in der Badewanne).

Und doch, so schlecht die Kritiken des Films teilweise ausgefallen sind, ganz verschenkt er sein Thema nicht. Und kann man letztendlich einem „betroffenen“ Autor / Regisseur nicht nachfühlen, lieber die „menschliche Möglichkeit“ des Zusammenlebens auszuloten, als immer wieder Öl ins Feuer zu gießen – was ohnedies ausreichend geschieht (und auch thematisiert wird)?

Renate Wagner

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