Der Neue Merker

VALERIAN – DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN

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Filmstart: 20. Juli 2017
VALERIAN – DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN
Valérian et la Cité des Mille Planètes / Frankreich / 2017
Regie: Luc Besson
Mit: Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna u.a.

Der Franzose Luc Besson hat sich in der Welt des Films umgetan wie wenige, lustvoll die Genres bedienend, wobei er in den letzten Jahren vor allem als Produzent Euro-Krimis im Dutzend billiger herausgestoßen hat, vor allem die „Transporter“- und „96 Hours“-Filme. Als Regisseur ist er mit „Nikita“ und „Leon“ ebenso bekannt geworden wie mit seinem vielleicht besten Streifen: „Das fünfte Element“ mit Bruce Willis, vor 20 Jahren herausgekommen, war Sci-Fi auf bestrickendem Niveau, von ihm selbst ausgedacht. Vielleicht hätte er, wenn er nun in seinen späten fünfziger Jahren noch einmal Lust auf dergleichen bekam (der mittelmäßige „Lucy“-Film vor drei Jahren kann es ja, trotz beträchtlicher Kasseneinnahmen, nicht wirklich befriedigt haben), sich das Drehbuch wieder selbst erdenken sollen…

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Statt dessen wählte Besson als Vorlage einen französischen Comic, der nun auch schon ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat (und den er seit frühester Kindheit geliebt hat) – aber in der Zukunft altert man ja nicht, oder? 1957 erschien in der Comic-Zeitschrift „Pilote“ Valerian als Held eines Graphic Novels und fand sein Publikum, über Jahrzehnte hinweg bis 2010. Als seine Partnerin im 28. Jahrhundert – zuerst begegnen wir den beiden allein in einem Raumschiff – fungiert die selbstbewusste Laureline, und nach dem Prolog dürfen die beiden in Gestalt von Dane DeHaan (zuletzt in „A Cure for Wellness“, demnächst in „Tulpenfieber“ Aufmerksamkeit erregend unterwegs) und Cara Delevingne (im Leben ein Model, auf der Leinwand gewissermaßen auch) herumscherzen – er als notorischer Verführer, sie als spröde Schöne. Dass sie den ganzen Film hindurch auch bei abgefahrensten Abenteuern Humor und Selbstironie nicht verlieren, hilft der Geschichte – vor allem dort, wo sie schier endlos wird.

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Zu Beginn aber gibt es jene Sequenz, die dann den Rest der Handlung bestimmt und wo man sich auf dem Planeten Mül in einer total künstlichen, zelebriert kitschigen, klebrig idyllischen, Avatar-artigen Welt befindet, deren Bewohner in Südsee-Paradies-Atmosphäre allerdings nicht in blau, sondern bleich und ätherisch herumschweben und Perlen sammeln (weshalb sie als „Pearls“ heißen) … bis die große Katastrophe kommt. Valerian erwacht mit einem Ruck, und man könnte sich vorstellen, dass er das alles nur geträumt hat – aber tatsächlich wird diese Vorgeschichte die Handlung mitbestimmen.

Dass man sich in Filmen dieser Art nie wirklich auskennt, weiß der Kinobesucher mittlerweile, und man konzentriert sich ohnedies auf die Optik, auf die Einfälle, mit denen künftige Welten beschworen werden – hier so märchenhaft, fast kindergerecht, dass man sich in einem wilden, grellbunten Bilderbuch wähnt, in dem sich die skurrilsten Gestalten tummeln, die sich die Alien-Phantasie von Künstlern und Ausstattern nur ausdenken können. Man wundert sich nicht eine Sekunde, wenn man von Produktionskosten in der Höhe von 180 Millionen Dollar liest…

Neben den teilweise schier unglaublichen Fantasy-Gestalten sind die „Bösen“ (ohne die geht es ja nicht) allerdings sehr menschlich und in Uniformen, und immerhin hat sich Clive Owen (dessen Karriere nach einem Höhepunkt vor rund zehn Jahren eher schlingert) in einer kaum ausgeführten Rolle in die Handlung verirrt – neben Rihanna mit einem skurrilen Auftritt einer der wenigen Star-Namen weit und breit, den Filme dieser Art ohnedies nicht brauchen.

Wenn Valerian und Laureline auf den Planeten Alpha kommandiert werden, wo es seltsam zugeht, muss man seinen Verstand abgeben und sich zweieinviertel Stunden lang in die wildesten und wüstesten Welten (sowohl was die Handlung wie die Orte betrifft) mitnehmen lassen, wobei man dann irgendwann auch den ätherischen Perlen-Menschen des Beginns wieder begegnet.

Am Ende hat man die Zeit – intellektuell nicht eben herausgefordert – in einem optischen Rausch verbracht und hört eigentlich nie auf, sich zu wundern, was Künstlern alles so einfallen kann. Schlechtweg Augen-betäubend.

Renate Wagner

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DIE GESCHICHTE DER LIEBE

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Filmstart: 21. Juli 2017
DIE GESCHICHTE DER LIEBE
The History of Love / Frankreich, Kanada, Rumänien, USA / 2016
Drehbuch und Regie: Radu Mihaileanu
Mit: Derek Jacobi, Gemma Arterton, Elliott Gould, Mark Rendall, Sophie Nélisse u.a.

Es passiert nicht allzu oft, dass es sich für einen Kinobesucher als wahre Schwerarbeit herausstellt, einen Film zu betrachten. Aber nach „Die Geschichte der Liebe“, Laufzeit zweieinviertel Stunden (mit dem Eindruck: Hört das denn nie auf?) fühlt man sich, als hätte man sich durch ein Epos gekämpft. Ja, gekämpft. Wobei es sicher nicht gut ist, wenn der Regisseur a priori das Publikum warnt, man werde sich vor der letzten Szene wohl nicht wirklich im Geschehen auskennen. Um die Wahrheit zu sagen: Man tut es auch nachher nicht. Viel zu viel Unaufgelöstes, viel zu viel Verwirrendes, viel zu viel Verschmocktes.

Merke, Filmregisseur: Es ist kein Fehler, eine Geschichte einfach zu erzählen. Es wäre vielleicht das größere Kunststück gewesen, als dieses Puzzle hinzuwerfen, das von vorn und hinten nicht passt und sich nicht auflöst.

Radu Mihaileanu, französischer Regisseur mit rumänischen Wurzeln, bisher strikt mit Kunstfilmen bei Festivals vertreten, hat den Roman „The History of Love“ der Amerikanerin Nicole Krauss (2005) zu einem Drehbuch umgeschrieben, das die vielen Zeitebenen des Buches – wie erwähnt – bis zur totalen Undurchdringlichkeit durchwirbelt.

Zu Beginn wird es lyrisch – knapp am Kitsch vorbei, wenn ein jiddisches Lied erklingt und ein Schtedtl irgendwo in Russland mit aller landschaftlichen Schönheit und Idylle beschworen wird. Aus dem Off erzählt eine Stimme im Märchenton von glücklichen Zeiten und jungen Menschen, die verliebt waren – die hinreißende junge Alma, umschwärmt von drei jungen Männern, mit denen sie flirtet, von denen sie aber Leo auserwählt… in alle Ewigkeit, wie sie sich schwören und was für Leo eisern gilt.

Schnitt: New York heute, und da ist ein herrlicher grumpeliger alter Jude, der mit seinem alten Freund offenbar die immer gleichen Gespräche über die Vergangenheit führt, über die Liebe zu Alma, die er nicht vergessen kann. Schon allein das Gespräch, das Leo Gursky (Derek Jacobi) und Bruno Leibowitz (Elliott Gould) miteinander führen, ist ein Juwel, und man ist durchaus bereit, sich in diesem Film mit seinem Gejüdel und Geschmauschel und Geseire so herzlich wohl zu fühlen.

Aber dann springt der Film auf eine weitere Gegenwartsebene – und auf die junge Alma Singer (samt ihrem jungen russischen Freund und ihrer Freundin) und ihre Mutter, die da hoch kompliziert in die Geschichte eines Manuskipts eingewoben sind, könnte man verzichten. Denn dass das Buch der Liebe für Alma, das Leo einst schrieb, von seinem Sohn (von ebendieser Alma), der nicht wusste, dass Leo sein Vater ist, herausgegeben ist – das alles wird zu einer solchen undurchdringlichen Schwulstgeschichte, durch deren tausende Drehungen und Wendungen man nicht durchsieht, dass es fast die Leo Gursky-Geschichte zerstört.

Es liegt auch daran, dass die 16jährige Kanadierin Sophie Nélisse (die einst in dem Film „Die Bücherdiebin“ so überzeugt hat) hier als Jung-Alma gar nichts ausstrahlt, im Gegensatz zur „echten“ Alma, die Gemma Arterton vom strahlenden jungen Mädchen bis zur sterbenden alten Frau hoch charismatisch verkörpert.

So bleibt in diesem Handlungsstrang nur der kleine, etwa 12jährige Bruder von Alma (William Ainscough als Bird Singer), ein hoch komplizierter jüdischer Junge, der das Leid der ganzen Welt auf seinen Schultern zu tragen scheint und durch seine Fürwitzigkeit entzückt. „You are so complicated“, sagt die Mutter von Alma und Bird (Torri Higginson als Charlotte Singer) zu ihren Sprösslingen, aber das gilt eher für den Film.

Zu den vielen Absurditäten der Geschichte – die als „Literatur“ durchgehen mag, als Kino nicht – zählt auch die Unterstellung, dass jener Bruno Leibovitch, den der alte Leo für seine Doppelconferencen so dringend braucht, vielleicht gar nicht existiert, sondern nur eine Einbildung von Leo ist? Hat man nicht dessen Begräbnis, damals im Schtedtl, gesehen, ermordet von den Nazis…? Am Ende will man es gar nicht mehr wissen und hat auch aus den Gegenüberstellungen (und konfusen Überschneidungen) der verschiedenen Welten weder Gewinn noch Genuß gezogen…

Andererseits: Wer, der etwas für große Schauspieler übrig hat, würde schon auf eine Doppelconference Derek Jacobi / Elliott Gould verzichten? Aber man zahlt teuer dafür.

Renate Wagner

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SPIDER-MAN: HOMECOMING

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Filmstart: 14. Juli 2017
SPIDER-MAN: HOMECOMING
The Amazing Spider-Man 3 / USA / 2016
Regie: Jon Watts
Mit: Tom Holland, Michael Keaton, Robert Downey Jr., Marisa Tomei u.a.

Wie alt ist er – 14? Nein, 15, sagt der Highschool-Boy, hoffnungsfroher Anwärter auf den „Spider Man“. Man hat’s probiert, den altbewährten Marvel-Superhelden nun mit einem Jungspund loszuschicken, es ist nicht gelungen, man kann es sogar schlechtweg als misslungen bezeichnen. Obwohl man zuletzt mit Andrew Garfield (der Tobey Maguire mehr als überzeugend ersetzt hatte) einen überaus sympathischen Darsteller der Rolle hatte, der sie mit Lockerheit und Ironie auf die Leinwand brachte, hat Hollywood also wieder einen seiner Neustarts versucht. Schuld waren daran angeblich Kompetenzgerangel zwischen Studios. Sechs Drehbuchautoren werkelten an der Neuauflage. Wie gesagt, man kann dabei auch abstürzen. Comics sind Kindernahrung, aber im Kino sind sie als Kid-Version eigentlich nicht am Platz…

Tom Holland, im wahren Leben 20 Jahre alt, aber jung genug aussehend, um als der gewissermaßen unschuldsvolle 15jährige durchzugehen, hat den Spider Man schon in einem Mini-Auftritt im letzten „Captain America“-Sammelfilm (alle Helden auf einmal) verkörpert und ist glatt übersehen worden. Aber auf hektischer Suche nach jungem Publikum (was kann sonst dahinter stecken?), ist er nun Identifikationsfigur für alle, die sich als Helden träumen. Das wäre schon etwas, von „Iron Man“ alias Konzernchef Tony Stark (die Rolle ist bekanntlich in festem Besitz von Robert Downey Jr.) regelrecht „engagiert“ und mit dem Spider Man-Kostüm ausgestattet zu werden? Auch wenn man sich dann weidlich plagt, in das rote Gummi-Outfit zu steigen, das plötzlich noch lächerlicher wirkt als sonst… aber immerhin erntet man als jugendlicher fliegender Held mit kleinen Taten doch die große Bewunderung der Mitmenschen.

Spidey Boy

Und dabei ist man nur der sonst ganz normale Peter Parker, der da mit seiner Tante Mary wohnt (ironisch und zauberhaft: die sanft alternde, höchst temperamentvolle Marisa Tomei). Und wenn sie mit ihm schimpft, dann nickt er ganz betroffen. Ganz wie jeder andere mehr oder minder brave Teenager der Handy-Welt auch. Wenn man etwas über Tom Holland in der Rolle sagen kann, dann, dass er einfach herzig ist.

Also, wenn er da nicht für Schulkollegin Liz (Laura Harrier) schwärmte und deren Vater nicht einfach ein grantiger Vater, sondern eigentlich der Superbösewicht wäre… man wüsste gar nicht, was man mit diesem Film, dem inhaltlich nichts einfällt, anfangen soll. Michael Keaton (war der nicht irgendwann einmal Batman?) ist dieser „Vulture“, der es auf den netten kleinen Spidey abgesehen hat, der – learning by doing – sich mühsam zum Marvel-Helden aufschwingt, fliegend, Wände hoch sprintend, sein Netz auswerfend. Dass er dabei parschert ist, das soll der Clou des Filmes sein. Und ist eigentlich nur albern.

So findet sich dieser Spider Boy über weite Strecken in etwas, das wie eine Schulkomödie aussieht – dazu gehört der dickliche, komische Freund Ned, gespielt von Jacon Batalon, ebenso wie eine Reihe anderer Schulkollegen, die relativ ausführlich behandelt werden., Dann taucht, wie gesagt, der Böse auf, den man Michael Keaton auch nicht so recht glaubt: Die Verniedlichung und Einschrumpfung des Ganzen auf Kinderniveau setzt sich fort. Mit seinem Milchgesicht überzeugt er nicht recht als der Mann, der Superwaffen schafft und Vernichtung plant. Auch er sieht, wie Spidey, in seinem Kostüm (eine Art geflügelte Eisenrüstung) mehr komisch als bedrohlich aus. Kurz, mit „Homecoming“ dürfte Regisseur Jon Watts dem „Spiderman“-Mythos nur eine vergessenswerte Marginalie hinzugefügt haben, über die man – wenn man freundlich ist – lacht: Teenager-Scherz… Lustig. Ironisch. Na ja.

Nicht zuletzt angesichts eines Films wie diesem ermisst man, warum „Wonder Woman“ vergleichsweise so gut war: eine sauber erzählte, klare, übersichtliche Geschichte. Hier hat man das übliche inhaltliche Chaos, das von Zeit zu Zeit in sinnlosem Krach endet. So pufft man sein Thema in die Luft. Vielleicht wird es beim zweiten Mal besser, hoffte die amerikanische Filmkritik. Aber hat man angesichts dieser Vorgaben als Kinobesucher Lust auf noch einen Versuch dieser Art? Andererseits, man muss ehrlich sein: An der Kinokasse macht der Spidey Boy Geld. Also wird er wohl unweigerlich wiederkommen…

Renate Wagner

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PARIS KANN WARTEN

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Filmstart: 14. Juli 2017
PARIS KANN WARTEN
Bonjour Anne / USA / 2016
Drehbuch und Regie: Eleanor Coppola
Mit: Diane Lane, Arnaud Viard, Alec Baldwin u.a.

Dass ein Mann Filme macht – kommt vor. Dass dessen Tochter als Filmemacherin in seine Fußstapfen tritt, auch das gibt es. Aber dass dann noch die Ehefrau bzw. Mutter ihren eigenen Spielfilm machen möchte und das im nicht gerade jugendlichen Alter von 80 Jahren – für dergleichen ist neuerdings die Familie Coppola zuständig. Eleanor Coppola, Jahrgang 1936, Gattin des „Pate“ Regisseurs Francis Ford Coppola und Mutter der filmenden Sofia, hat sich bisher auf Dokumentarisches beschränkt. „Paris kann warten“ ist nun ihr erster Spielfilm, und alles daran wirkt so „persönlich“, dass man gewissermaßen an eine Herzensangelegenheit denkt, die eigenes Erleben und eigenes Lieben aufarbeitet…

Die Liebe gilt zweifellos Frankreich, aber vielleicht war die Ausgangsposition wirklich eine solche: Dass Anne, die Gattin eines Produzenten (sie bekommt von Diane Lane so viel Attraktivität und Herzensflirren, dass man eine so delikate Leistung nur bewundern kann), es müde ist, in Cannes herumzusitzen, während der Ehemann beruflich (und wie auch immer) herumschwirrt: Die Rolle von Alec Baldwin ist klein, aber überzeugend – diese oberflächliche Höflichkeit der Gattin gegenüber, während er so viel anderes im Kopf hat. Vielleicht hat Anne (Eleanor?) wirklich gesagt, dass sie lieber gleich nach Paris fährt, statt mit ihm jetzt nach Budapest zu jetten – und vielleicht war da ein französischer Kollege, dessen genaue Funktion und genaue Berufsbezeichnung man nicht erfährt, der angeboten hat, sie per Auto nach Paris mitzunehmen.

Ein begeisterter Franzose liebt sein Land bis zu den Römern hinab, und es ist klar, dass man selbstverständlich einen Schlenker zum Pont du Gard machen muss, diesem sensationellen Aquädukt, bei dem jedem der Mund offen steht. Ein begeisterter Franzose ist aber auch ein Gourmet erster Ordnung, der überall das beste Lokal kennt… Also!

Also zischt man nicht auf der Autobahn von Cannes nach Paris, sondern schlenkert auf der Landstraße, übernachtet vielfach (wobei die Produzentengattin ihre Kreditkarte zücken muss – aber sie bekommt es später zurück…), und es ist wohl so, dass dieser Monsieur Jacques Clement, der Anne zwar anflirtet, aber nicht anrührt, auch noch seine persönlichen Interessen hat: Während sie in Lyon durchaus interessiert das Museum der Brüder Lumière besichtigt, ist er mit der dortigen Direktorin beschäftigt, immerhin beobachtet Anne, wie er nach kurzem Verschwinden seine Hose zumacht… und da war es wohl nicht nur auf der Toilette.

Es ist eine Huldigung an Frankreichs Kultur und Kulinarik, die im Vordergrund steht, und als solche schön, wenn auch ein bisschen langatmig – vielleicht hätte Eleanor Coppola einen weiteren Drehbuchautor hinzuziehen sollen, der ihrer etwas lahmen Geschichte Pepp gibt. Aber wahrscheinlich liegt die Schwäche des Ganzen vor allem darin, dass dem Film etwas Entscheidendes fehlt, nämlich der Franzose, der ihm Spritzigkeit und Erotik gäbe – man denke nur an Spitzbuben wie den hinreißenden Yves Montand oder Womanzier wie Alain Delon, um festzustellen, dass Arnaud Viard hier nur wie ein nasser Lappen wirkt, kein „Franzose“, wie er im Buch steht, und auch kein Begeisterter, einfach nur ein nicht sehr interessanter Schauspieler.

Gewiß, Diane Lane trägt ihren Teil des Films, der manchmal dann auch (wenn es um Privates geht) ein bisschen Sentimentalität triefen lässt, aber so reizvoll, wie das französische Abenteuer hätte werden können, ist es dann leider doch nicht ausgefallen…

Renate Wagner

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IHRE BESTE STUNDE – DREHBUCH EINER HELDIN

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Filmstart: 7. Juli 2017
IHRE BESTE STUNDE – DREHBUCH EINER HELDIN
Their Finest  /  GB  /  2016 
Regie: Lone Scherfig
Mit: Gemma Arterton, Sam Claflin, Bill NighyHilliard,  Jeremy Irons u.a.

Man weiß, dass der Zweite Weltkrieg im Rückblick für die Briten eines ihrer „Heldenzeitalter“ war: Die Tapferkeit, mit der die Bevölkerung den „Blitz“ (die deutschen Bombardements) durchgehalten hat, die Solidarität, mit der man unter Churchills Führung zusammen stand, und letztendlich das Bewusstsein, mit der gerechten Sache gesiegt zu haben – ja, das ist ihre große Zeit, über die es schon eine Menge Filme gegeben hat.

Nun drehte die dänische Regisseurin Lone Scherfig nach dem Roman „Their Finest Hour and a Half“ von Lissa Evans einen Film, der vieles bringt und vieles will, vielleicht mehr, als man gleichzeitig in eine Geschichte hineinstopfen kann. Keinesfalls will die Regisseurin vergessen, dass das Jahr 1940 für die Briten eine grausame Zeit war, die viele Menschenopfer kostete (dieser Tatsache opfert sie zum Kummer der Besucher, mehr noch der Besucherinnen auch das Happyend für die Heldin). Vor allem aber wollte sie eine parodistische Komödie drehen – eine, die sich ums Filmemachen dreht…

Nun weiß man ja, mit welch eisernem Griff zur gleichen Zeit Goebbels die deutsche Filmindustrie in der Hand hatte, um die Bevölkerung nicht nur durch Ablenkung zu unterhalten, sondern ununterbrochen mehr oder minder unterschwellige Kriegspropaganda zu betreiben. Aber – cosi fan tute, die Amerikaner machten es nicht anders und die Briten erst recht nicht.

Erzählt wird die Geschichte von Catrin Cole, früher in der Werbebranche tätig, die in der Filmwelt als Drehbuchschreiberin anheuert. Die Herren, die zuständig sind – nicht nur die Filmgewaltigen, sondern auch die Politiker, die ein genaues Auge auf die Filme werfen -, wollen auch den „weiblichen Blick“ auf das Kriegsgeschehen. Mit großen Augen spielt Gemma Arterton perfekt die liebenswerte, kluge Superfrau, die sich dennoch nie vordrängt – und natürlich das Herz des Kollegen Tom Buckley gewinnt, der anfangs nicht so begeistert war, dass er da mit einer Frau zusammen arbeiten muss… (Sam Claflin).

Das erwünschte Filmthema ist aus dem damaligen Leben gegriffen: Die Engländer haben den Schock von Dünkirchen gerade hinter sich (die Deutschen hatten sie eben in dieser Schlacht in Frankreich besiegt, aber den Briten gelang es, den Großteil ihrer Soldaten zu evakuieren und zu retten) – das soll nun nicht nur ein prächtiger Durchhalte-Film werden, sondern auch noch die Amerikaner bewegen, möglichst schnell in diesen Krieg einzusteigen (woran sie ja vor Pearl Harbour nicht zu bewegen waren).

Dazu werden nicht nur Superfrauen erfunden, sondern auch Helden, die auf der englischen Seite kämpfen, um die Amerikaner zu motivieren – es ist überaus amüsant, wie an einem kitschigen Drehbuch, nur auf Effekte und Manipulation ausgerichtet, gebastelt wird, wobei Catrin und Tom sich zusammen raufen und ein paar Nebenfiguren ganz klug Farbe geben – es darf auch eine ganz patente, selbstbewusste, aber immer sympathische bekennende Lesbe dabei sein, damals! (Gespielt von Diana Riggs Tochter Rachael Stirling.) Oder eine tüchtige Agentin (herrlich: Helen McCrory), die meint, es könne nichts schaden, einem eitlen alten Star nicht immer zu schmeicheln, sondern auch einmal ein paar Wahrheiten zu sagen… Kurz, die englischen Frauen im Krieg waren, man sieht es, enorm tüchtig, und sie schafften das, ohne sich penetrant emanzipatorisch zu geben…

Aber der alte, eitle Star ist natürlich der Höhepunkt des Films, der großartige Bill Nighy spielt die Skala darstellerischer Virtuosität hinauf und hinunter und bleibt dennoch ein wunderbarer, echter Mensch – allein um seinetwillen ist der Film ein Muß für alle, die sich an großer Schauspielkunst ergötzen. Dazu trägt auch Jeremy Irons ein – leider nur winziges – Schärflein bei, wenn er als Staatssekretär für Kriegsfragen Shakespeare zitieret, die große, aufrührende Rede des Heinrich V. vor der Schlacht, St. Crispin’s Day! Kurz, aber kostbar!

Wie die Welt des Films sich hier entfaltet, macht den besonderen Reiz des Streifens aus. Dass, wie gesagt, die Tragik des allgegenwärtigen Todes nicht ausgeblendet wird… das sorgt dafür, dass die schöne Geschichte nicht billig wird. Sie  hat nur einen Fehler – sie ist zu lang. Nach der großen Tragödie geht es weiter und weiter, auch wenn man es gar nicht mehr weiter sehen will…

Renate Wagner 

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HAPPY BURNOUT

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Filmstart: 7. Juli 2017
HAPPY BURNOUT
Deutschland /  2017 
Regie: André Erkau
Mit: Wotan Wilke Möhring, Julia Koschitz, Anke Engelke, Michael Wittenborn u.a.

„Burnout“ ist so oft in den Medien, dass man es – ohne zu bezweifeln, dass tatsächlich manche Menschen schwer darunter leiden – fast als Modekrankheit bezeichnen kann. Und wenn eine mildtätige Beamtin beim Arbeitsamt einem ihrer arbeitsscheuen Schützlinge  ohne Begründung endlos „Harz 4“ zuerkennt, das aber bei Kontrollen verdächtig werden kann – dann schiebt sie ihn (mit Hilfe eines von ihrem Schwager gefälschten Gutachtens) schnell als „burnout“-krank in eine Klinik. In eine ganz luxuriöse sogar… Victoria Trauttmansdorff spielt die hoffnungslos von ihrem „Typen“ Verzückte ganz ergötzlich.

Der Glückliche, dem das passiert, ist „Fussel“, ein gewandter Mann von der Straße, der sich grundsätzlich ohne Arbeit durchs Leben dreht und wendet – und gespielt von Wotan Wilke Möhring diesen Film tragen muss: Er ist (samt seines absichtlich unsäglichen Namens) ja schon länger als „Protesttyp“ auf der deutschen Leinwand etabliert, der Schlag ins Gesicht aller „Geschniegelten“ à la Matthias Schweighöfer, die den konventionellen Typ des braven Wunsch-Schwiegersohns verkörpern. Wenn Leslie Malton als Schwiegermutter dieses Fussel nur dauernd angewidert das Gesicht verzieht – man kann es ihr schon ein bisschen nachfühlen.

Nichtsdestoweniger, man soll „Fussel“ mögen, denn diese eher wackelige Komödie von Regisseur André Erkau beruht darauf, dass man den unangepassten Schnorrer gern genug hat, um ihm durch den Film zu folgen, der ihn vor neue Aufgaben stellt. Denn so dumm ist das Klinik-Personal ja doch nicht (Frau Dr. Gunst – Ulrike Krumbiegel – sieht zurecht misstrauisch drein), um in ihm nicht den Betrüger zu erkennen. Aber er kann etwas ganz Besonderes: nämlich mit all den echt Gestressten, Geschädigten, Traurigen und Verletzten, die hier müde zusammen sitzen, Kontakt aufbauen und sie ein wenig ins Leben zurückführen.

Das könnte eine hübsche Komödie sein, die sich um ein paar echte Probleme rankt, aber irgendwie gelingt die Geschichte nur schwerfällig – die kurzen Rückblicke in die Schicksale der Mit-Patienten sind nämlich mehr als unzulänglich. Da ist  Julia Koschitz als vierfache Mutter, die irgendwann ausgerastet ist und jetzt in der Klinik dauernd am verbotenen Handy hängt, weil sie meint, die Kinder hielten es ohne sie nicht aus, dabei ist sie es, die nicht loslassen kann; oder Michael Wittenborn mit schaurig blutrotem Gesicht, der erkannt hat, dass seine Sonnenstudios nur Unheil bringen und sich selbst „verbrennen“ wollte; oder der Puppenspieler-Kinderunterhalter (Kostja Ullmann), der die eigene Lustigkeit eines Tages nicht mehr ausgehalten hat; am Ende soll man auch noch mit dem geschniegelten Geschäftsmann (Torben Liebrecht) Mitleid haben, der unter der Notwendigkeit, ewig Geld zu scheffeln (oder es nicht mehr zu können), zusammen gebrochen ist…

Nein, all das wirkt fast peinlich, und wenn unser „Punker“-Held nicht nur zum Helfer und Tröster aller, sondern auch dann noch selbst ganz schrecklich „brav“ wird und sich von seiner Schwiegermutter die kleine Tochter zurückholt… dann trieft wieder einmal der Kitsch.

Dann darf er auch Anke Engelke (die Frage, ob sie wirklich eine Schauspielerin ist, beantwortet sich auch in diesem Film nicht), die gestrenge Krankenschwester, küssen und erobern, und zu dem angeschnittenen Problem Burnout (auch zu dessen Missbrauch) ist kaum etwas gesagt. Und der komödiantische Teil hat auch nicht wirklich funktioniert… Schade um die Vorgaben.

Renate Wagner

 

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DER TOD VON LUDWIG XIV.

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Filmstart: 30. Juni 2017
DER TOD VON LUDWIG  XIV.
La mort de Louis XIV  /  Frankreich, Portugal  /  2016
Regie: Albert Serra
Mit: Jean-Pierre Léaud, Patrick d’Assumçao u.a.
Offen gestanden hat man zu dem Thema anderes und vor allem mehr erwartet. Der Tod von Ludwig XIV. – das war Frankreichs Sonnenkönig, Versailles das Zentrum der europäischen Welt, der Mann selbst eine singuläre Größe, der sein Land mehr als ein halbes Jahrhundert lang (eigentlich auf dem Papier sieben Jahrzehnte, da er als Kind auf den Thron kam) regiert hatte, als er sich im August 1715 zum Sterben anschickte – ein Wundbrand am linken Bein löste das Ende aus, doch der 77jährige hatte ein Leben ungeheurer Aktivität hinter sich, mochte wohl auch müde sein… war er doch ein König gewesen, der diese „Würde“ (wie man es damals sah) verkörperte wie wenige andere.

Nun könnte man dieses Sterben in die gewaltige Welt von Versailles einbetten, wo ein Hofstaat ohnegleichen nach ausgefeilten Regeln lebte (und sich gegenseitig intrigierend auszuhebeln suchte). Welche Folgen hatte das Sterben eines Königs auf die Umwelt? Wie viele Bündnisse wurden geschlossen, Abmachungen getroffen, wie viele Spione ausgeschickt? Wer bangte panisch um seine Existenz, wer hoffte verzweifelt auf die Zukunft?

Aber das interessiert den katalanischen Regisseur Albert Serra so gut wie gar nicht. Nach der ersten Szene, der einzigen, die außerhalb seines Schlaf- und Sterbezimmers spielt (der König im Park, in einem Rollstuhl), zeigt er einen kleinen, zusammen geschrumpften Mann, der  immer kleiner wird, bis er endlich – und das zieht sich – verlischt. Einfach ein Sterben, das ihn von dem anderer Menschen nur unterscheidet, dass allzeit mehr Leute um ihn herum sind, als sich um die armen Durchschnittsbürger kümmern.

Da ist sein Leibarzt Fagon (Patrick d’Assumçao), natürlich völlig hilflos, aber des schweren Drucks bewusst, dass man ihn für das Sterben des Königs, dem er nicht helfen kann, verantwortlich macht. Angstvoll bemüht, dem Kranken irgendetwas einzuflößen, ohne zu wissen, was in dieser Situation richtig ist. Er will nur eines – möglichst keine anderen Ärzte als Konkurrenz an seiner Seite. Als angesichts der Aussichtslosigkeit die Größen der Sorbonne dann doch aufmarschieren, herrscht dieselbe Ratlosigkeit. Ein großmundiger Wunderheiler wird hingegen bald wieder expediert.

Und wenn nicht ein-, zweimal Madame de Maintenon (des Königs morganatische Gattin, vertrocknet gespielt von Irène Silvagni) hereinsähe, gelegentlich ein Priester geholt würde, sich noch Leute herbeidrängten, die für einen Festungsbau Geld vom König bewilligt bekommen wollen, der die Entscheidung von sich schiebt, sind es nur die Diener, die sich um den Sterbenden kümmern.

Wie es uns die Geschichte lehrt (Albert Serra stützte sich in dem Film auf historische Quellen, Hofleute, die den Tod aus erster Hand erlebt haben, aber hier nicht vorkommen), lässt der König, der in einer Art ruhiger Resignation seinem Ende entgegengeht, seinen fünfjährigen Urenkel und Erben kommen und warnt ihn, sich an ihm ein Beispiel zu nehmen: Er, der lebenslang Kriege geführt hat, kann es am Totenbett nicht mehr verantworten…

Im Zentrum des Geschehens steht, eigentlich liegt die meiste Zeit Jean-Pierre Léaud in einer Pose unendlicher Geduld, die ihn trotz der Perücke, in der er versinkt, nicht lächerlich erscheinen lässt. Er gibt dem Mann Würde, sogar Größe, obwohl alles um ihn einschrumpft. Auch wirkt der Film, der in zwei Wochen ohne weitere Proben heruntergedreht wurde, in der Machart eigentlich billig, weil er mit der Kamera so gut wie nie über das Bett hinausgeht, man hat den Eindruck, dass ein Zimmer in einem Atelier gereicht haben muss, das Ganze herzustellen, selbst Übergänge sind schlechtweg ungenau geschnitten, die Beleuchtung zwielichtig (es handelte sich schließlich um Kerzen), vieles bleibt vage. Verschwommen. Die Einförmigkeit des Sterbens zerrinnt.  

Nein, es geht nicht um „Der König stirbt“. Ein Mensch verdämmert. Langsam. Bedrückend. Alltäglich. Nichts von der „Majestät“ des Sonnenkönigs und nichts von der Majestät des Todes. Einfach sterben.

Renate Wagner

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DIE VERFÜHRTEN

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Filmstart: 29. Juni 2017
DIE VERFÜHRTEN
The Beguiled  /  USA  /   2017
Regie: Sofia Coppola
Mit: Nicole Kidman, Colin Farrell, Kirsten Dunst, Elle Fanning, Oona Laurence u.a.

Auf Sofia Coppola ist sozusagen kein Verlaß. Sie macht ausgezeichnete Filme und solche, die ihr nicht gelingen (dazu zählte einst ihre Version des Schicksals von „Marie Antoinette“). Das ist besonders schade, wenn man – wie bei „Die Verführten“ – genau weiß, was sie eigentlich erzählen will: über die ungeheure Kraft der Frauen, die sich ganz hinter Sanftmut und Spitzen verstecken, aber ihr Schicksal in jeder Hinsicht in die Hand nehmen – und am Ende auch extreme Lösungen nicht scheuen. Pastellfarbene Bilder und ein wilder Psychokrimi darunter, aber am Ende verschluckt und erstickt  das Pastell alles, was die Geschichte an Möglichkeiten geboten hätte…

Der Roman von Thomas Cullinan aus dem Jahr 1966, den Don Siegel bereits 1971 verfilmt hat, ist eine typische Südstaaten-Geschichte, die 1864 während des Amerikanischen Bürgerkriegs spielt (die Welt, die wir aus „Vom Winde verweht“ kennen). Bei Siegel spielte Clint Eastwood den Nordstaaten-Söldner, den es verwundet auf eine Plantage in Virginia verschlägt, wo die Besitzerin (im früheren Film Geraldine Page) eine fromme Schule für junge Damen eingerichtet hat. In dieser Ausgangsposition entfaltet sich die klassische Situation – ein Mann unter lauter Frauen…

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Sofia Coppola präsentiert uns zuerst den Mann, den eine junge Schülerin (Oona Laurence) beim Pilzesammeln  verwundet unter einem Baum findet – und sie hätte diesen Corporal John McBurney nicht „schöner“ und verführerischer besetzen können als mit Colin Farrell mit seinem tiefen Blick und dem anheimelnden, weichen irischen Akzent (der schon klar macht, dass er kein echter, Hardcore- Nordstaaten-Soldat, sondern nur ein Söldner ist). Er besticht auch den Kinobesucher durch seine untadeligen Manieren, die Höflichkeit und Dankbarkeit widerspiegeln, als man ihn, der ja doch zu den „Feinden“ gehört, aufnimmt, seine Wunden verbindet, ihn pflegt und sogar vor den durchziehenden Südstaaten-Truppen, denen man ihn ausliefern müsste, verbirgt …

Er kommt in die männerlose Welt des einstigen prachtvollen Südstaatenhauses, wo nun the Farnsworth Seminary For Young Ladies untergebracht ist, geleitetet von der schönen, eleganten, würdevollen, in ihrer Haltung so vornehmen Martha Farnsworth, schlechtweg ideal besetzt mit Nicole Kidman, nicht mehr ganz jung, aber von außerordentlichem Reiz – und sehr imstande, eine nuancierte Skala kleinster Gefühlsregungen und Irritationen zu spielen, die der fremde kranke Mann bedeutet.

Natürlich auch für die nicht wesentlich jüngere Lehrerin, die von Kirsten Dunst als Studie hoffnungsloser Altjüngferlichkeit gespielt wird, in der unter den tiefen Blicken des Soldaten plötzlich Hoffnungen aufflammen. Vier der fünf Schülerinnen sind reine, sensationslüsterne Neugierde und backfischartiges Gekichere, während die Älteste unter ihnen, Alicia  (Elle Fanning), geradezu schamlos blanke sexuelle Lust angesichts des attraktiven und (wenn niemand anderer hinsieht) auch flirtbereiten Mannes offenbart…

The Beguiled

Nun, alles an diesem Film müsste brodeln. Was tut die Regisseurin? Sie taucht ihn in sanftes, blasses Zwielicht, das es oft schwer macht, die Dinge zu überblicken (sicher gewollter Stilwille, er geht bloß daneben). Und sie lässt Colin Farrell, der alles kann (das hat er oft bewiesen), nicht die Hintergründigkeit seines Charakters ausspielen, der sich ganz genau überlegen muss, auf welche der Frauen er in Hinblick auf seine Zukunft setzt…

Nicht jeder kennt die Geschichte, die von Sofia Coppola  – im Gegensatz zu Roman und Siegels Film – ganz auf das Geschehen „Mann und sieben Frauen“ konzentriert wird, was ungleich spannender hätte gestaltet werden müssen. Dass es hier um Sex geht, um schwer zu beherrschende Wünsche auf allen Seiten, spürt man keinesfalls ausreichend. Abgesehen davon, dass das ganze Umfeld der Geschichte nicht stattfindet, der Krieg zieht kaum merklich vorbei, und selbst die extremen Wendungen der Handlung, die dann auch den Charakter von McBurney entweder ändern oder erst zeigen (auch das wird hier nicht klar), versickern gedämpft. Und dabei handelt es sich um einige Variationen von Gewalt… Und um Frauen, die sich wehren können, ohne in diesem Fall auch nur ihre Contenance zu verlieren.

Das alles ist edel gespielt und fotografiert, das setzt vor allem Nicole Kidman in das schönste Licht ihrer „entre deux ages“-Jahre… aber der Geschichte, die hier erzählt wird, wird die gewählte Form nicht gerecht. Limonade anstelle eines harten, scharfen Drinks.

Renate Wagner

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GIRLS‘ NIGHT OUT

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Filmstart: 30. Juni 2017
GIRLS‘ NIGHT OUT
Rough Night  /  USA  /  2017
Regie: Lucia Aniello
Mit: Scarlett Johansson, Jillian Bell, Zoë Kravitz, Ilana Glazer, Kate McKinnon. Demi Moore u.a.

Zu College-Zeiten, die im Prolog beschworen werden, waren sie ein Mädel-Quartett: Die WASP (sprich: weiß und offenbar bürgerlicher gesellschaftlicher Hintergrund) gewissermaßen als Anführerin (hat sie deshalb immer wieder ein schlechtes Gewissen wegen allem?). Die Dicke als die übliche Schrille, die alle nervt. Die bildschöne Afroafrikanerin. Und die chaotische Latina. Amerika lebt Multikulti schon länger als wir. Und ist auch im Kino gewissenhaft mit den Mischungen.

Die Mädels-Filme, die auf der Leinwand längst überhand nehmen, haben hier äußerst unausgegoren-turbulenten  Zuwachs bekommen. Im erwähnten Prolog besaufen sie sich alle im College und schwören einander, immer beste Freundinnen zu bleiben. Zehn Jahre danach soll im Miami die klassische „Jungesellinnen-Party“ steigen (mit deren männlichen Versionen Hollywood schon so viel Geld eingespielt hat).

Mittlerweile ist Jess (Scarlett Johansson) „solide“ auf dem Weg in die Politik (obwohl man das Gefühl hat, dass sie noch nicht sehr erfolgversprechend ist), Blair (Zoë Kravitz) in eine eklige Scheidung verwickelt, Frankie (Ilana Glazer) hat als berufsmäßige Demo-Mitmarschiererin jede Menge Erfahrung mit der Polizei gemacht, und Alice (Jillian Bell) – was macht die eigentlich? Die ist noch immer dick und extrem laut und macht alle auf sich aufmerksam, so dass jeder – auch der Kinobesucher – merkt, dass das eigentlich eine arme Haut ist, zu der man nett sein muss, auch wenn sie alles monopolisiert. In Miami gesellt sich dann auch noch eine australische Freundin, „Kiwi“, dazu (Kate McKinnon – als ob es noch eine Komikerin brauchte…).

rough-night Szene

Heiraten wird Jess, zuhause bleibt ihr immer verständnisvoller Verlobter Peter (Paul W. Downs), und zu den witzigsten Passagen des Films von Regisseur Lucia Aniello (die mit Paul W. Downs auch das Drehbuch schrieb) gehören die Gegenschnitte, wenn die Damen beim Feiern ausflippen (und sich noch Kokain hineinziehen), während die Herren gemessen daheim sitzen und würdevoll Rotwein verkosten… So viel zu den Geschlechterrollen. Und wenn in der fürs Weekend benutzten Luxusvilla der Damen die Türglocke geht und ein durchaus ahnsehnliches Mannsbild da steht (Ryan Cooper, ein Male Model, wie man liest), reißen sie ihm ohne viel zu fragen, die Kleider vom Leib: Sie haben ja schließlich einen Callboy bestellt. Gott, sind die Amerikaner liberal!

Wenn dann allerdings der vermeintliche Playboy mit dem Kopf unsanft auf den Marmorboden (alles vom Feinsten!) kracht und verendet, da wird der Katastrophenfilm zur fortgesetzten Albernheit, bei der man bemerkt, wie die Drehbuchautoren von einer verblödeten Wendung zur nächsten holperten (und dabei so wenig Ideen haben, dass sie zu Wiederholungen greifen müssen). Es ist schreiend lustig gemeint, und der ältere Filmbesucher wird bei einer sexlüsternen Nachbarin die Augen aufreißen und sich denken, die sieht doch aus wie Demi Moore (es ist Demi Moore in einer Minirolle, man hat sie tatsächlich schon fast vergessen, und sie war doch soo berühmt…).

Wenn sich der besorgte Bräutigam in einer Monsterautotour nach Miami aufmacht, sieht man, wie tief Humor sinken kann – nicht nur, dass er es mit einer Windel tut, bei den Tankstellen kriegt er auch ununterbrochen eindeutige unsittliche Anträge von Herren. Wer das lustig findet, wird hier bedient. (Die US-Einspielergebnisse lassen allerdings zu wünschen übrig.)

Tatsächlich ist der Film, der zu Beginn Ansätze von Sozialstruktur und echtem Gruppenverhalten zeigt, zu diesem Zeitpunkt längst verendet. Und man fragt sich, was aus Scarlett Johansson geworden ist – hatte sie einfach zu viele frühe Erfolge als Mädchen mit dem Perlenohrring, als Woody-Allen-Heldin, um jetzt, mit erst 33, entweder bei Comic-Figuren oder in so sagenhaft blöden Komödien wie dieser gestrandet zu sein? Sic transit gloria mundi – so schnell?

Renate Wagner

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SOMMERFEST

FilmPoster  Sommerfest~1

Filmstart: 30. Juni 2017
SOMMERFEST
Deutschland  /  2017 
Regie: Sönke Wortmann
Mit: Lucas Gregorowicz, Anna Bederke, Elfriede Fey u.a.

Es gibt Nostalgie, es gibt auch so etwas wie „Ostalgie“, und offenbar gibt es auch etwas wie „Ruhrpott-algie“. Immerhin konnte man einen ganzen Roman darüber schreiben, erfolgreich genug, um einen ganzen Film daraus zu machen, der von nichts anderem handelt. Er beginnt zwar kurz in München, sogar im renommierten Residenz-Theater, wo eine Aufführung der „Räuber“ läuft – aber dann wird der Darsteller des Karl Moor zum Telefon gerufen, und schon sitzt er, noch mit Schminkmaske (man hat ihm die Augen zorro-artig dramatisch gemacht) und Theaterklamotten im Zug: ab nach Bochum, sein Vater ist gestorben. Ab nach Hause…

Was weiß der Normalbürger, wenn er nicht zu den gut 350.000 Einwohnern der Stadt zählt, schon von Bochum, außer dass Peter Zadek und Claus Peymann dort einmal lautstark Intendanten waren? Aber – Theater? Das ist doch nichts. Wenn Stefan Zöllner heimkehrt, und die alten Bekannten noch so vage im Kopf haben, dass er Schauspieler ist, lautet die erste Frage automatisch: „Muss man Dich kennen?“ So dass er später schon automatisch sagt: „Ich bin Schauspieler. Aber man muss mich nicht kennen.“ Schließlich hat er nie „Tatort“ gemacht und kann auch keine Auskunft auf die Frage geben: „Wie ist denn die Ferres so?“

Er selbst weiß nur, dass sein Beruf ihn mit keinerlei Enthusiasmus mehr erfüllt und dass sein Vertrag am Theater nicht erneuert wurde. Als Zukunftsaussicht gibt es (seine Agentin ist auch seine Freundin, aber besonders enthusiastisch und liebevoll klingen die beiden am Telefon nicht) – ja, eine Doktorrolle in einer Soap. Serienzukunft. Das kann einem schon einmal Alpträume bescheren…

Aber was soll’s? Schauspielerei ist ohnedies nur „das, was ich mache.“ Und in Bochum gilt das gar nichts. Aber mit ihrem jungen Türken, der am Fußballplatz reüssiert, können sie gar nicht genug protzen. Der ist der Stolz von allen. Kein Wunder, dass sich Stefan Zöllner sehr fremd fühlt, als er „heim“ kommt, wo jeder ihn kennt und ihn ganz als selbstverständlich nimmt, als wäre er gar nicht weg gewesen. Wo lebt er? In München? Brrrr! Da können sich die Bochumer nur beuteln…

Wer sind sie denn, diese Bochumer, die Frank Goosen in seinem Erfolgsroman beschwor und die Sönke Wortmann nun auf die Leinwand bringt? Nun, das ist das Ruhrpott-Prekariat, dem man als braver Durchschnittsbürger wohl eher aus dem Weg geht, mit ihrer Dümmlichkeit, Aggressivität, blöden Sprüchen, mit der Bierbüchse vorm Fernseher hängend. Sie werden ausgestellt wie Tiere im Zoo, wo man froh wäre, wenn da ein Gitter dazwischen ist. Stefan Zöllner geht auch in Gestalt von Lucas Gregorowicz (von dem man am Wiener Burgtheater schon einiges Interessante gesehen hat – aber ist ja nur Theater, nicht wahr, jetzt ist er im Kino!) auch ziemlich fremd durchs Geschehen. Unbeteiligt.

Und doch, das will uns die Geschichte unbedingt sagen – das ist Heimat. Nein, sein Vaterhaus verkauft man nicht. Und Omma Änne (hinreißend: Elfriede Fey) im Tante-Emma-Laden (wenn man die überfallen will, schickt sie die Bürschchen heim!) zeigt alte Fotos von seinem Vater, als dieser jung war… Da sind die alten Freunde, die einen umarmen und sofort mit sich herumschleppen. Da hat man mit jedem gemeinsame Erinnerungen. Da bleibt man?

Nun, Bücher und Drehbücher haben im Gegensatz zum wirklichen Leben die Freundlichkeit, die Dinge zu gestalten. Da ist ja noch Charlie (sehr selbstbewusst: Anna Bederke), wie sie elf Jahre waren, haben sie sich geküsst, dann hatten sie auch mal was miteinander, dann ist er weg – und sie meint eigentlich, dass sie beide nicht mehr so jung seien. Also?

Man verrät wahrlich nichts, wenn man sagt, dass er bleibt.  Und klar ist auch, dass Sönke Wortmann, der aus der Gegend stammt, das Bochumer Stimmungsbild nicht diskriminierend, sondern liebevoll-ironisch ausbreitet. Und doch… Man will die Geschichte nicht weiterdenken. Was wird Stefan tun? Mit Charlie und ihrem flotten kleinen Sohn in dieser Unterschicht-Welt leben und versuchen, im Extrazimmer ihres Wirtshauses ein „Kulturzentrum“ aufzustellen? Man will gar nicht daran denken. Das Ganze sollte rührend, berührend, auch ein bisschen tiefsinnig sein. Aber alles was aus den Erfahrungen dieser Welt bleibt, ist ein unangenehmer Beigeschmack. Die wahre Werbung für Bochum ist dieser Querschnitt des Homo Ruhrpottinensis wirklich nicht…

Renate Wagner

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