Der Neue Merker

VICTORIA & ABDUL

FimPoster  Victoria und Abdul~1

Filmstart: 28. September 2017
VICTORIA & ABDUL
GB / 2017
Regie: Stephen Frears
Mit: Judi Dench, Ali Fazal, Olivia Williams, Michael Gambon, Eddie Izzard, Simon Callow u.a.

Es ist schon großartig für ein britisches Schauspielerinnen-Leben, wenn Judi Dench (Jahrgang 1934) sich nicht nur sagen kann, selbstverständlich auch die Queen Elizabeth I. auf der Leinwand verkörpert zu haben – aber die alte Queen Victoria gleich zweimal in besonders wichtigen Stationen ihres gewissermaßen „privaten“ Lebens, das ja auch stets politische Folgen hatte. In „Mrs. Brown“ (1997) wurde die Geschichte ihrer tiefen Verbundenheit mit ihrem schottischen Diener John Brown behandelt, die ihre Umwelt letztendlich so hintertrieb wie die Beziehung zu dem Inder Abdul Karim, die nun ins Kino kommt.

Es war im Jahre 1887. Victoria war 68 Jahre alt, und der Film zeigt sie zu Beginn als fremdbestimmte Greisin, die von ihrer Hofkamarilla, dem Protokoll und dem Zeremoniell regelrecht durchs Leben geschleppt wird. Seit zehn Jahren trug sie auch den Titel einer „Kaiserin von Indien“, ohne je einen Fuß in dieses Land (das eigentlich ein Kontinent für sich ist) gesetzt zu haben. Damals schickte man ihr zu ihrem Regierungsjubiläum aus Indien eine „Mohur“ (eine große, kostbare Münze) als Geschenk und benötigte dafür gleich zwei Boten. Der britische Beamte in Agra wählt seinen Angestellten Abdul Karim, der im Gefängnis arbeitet, weil er groß ist – lesen und schreiben kann er auch, wie viel er über seine Heimat weiß, ist dem Beamten egal.

Abduls Begleiter sollte gleichfalls ein großer junger Mann sein, der erkrankte – so nimmt man Mohammed (Adeel Akhtar), klein, schlecht gelaunt, dem später dann in dem Film die dramaturgische Aufgabe zufällt, die ganze Abneigung der Inder gegen die sie beherrschenden Briten geradezu wütend auszuspucken. Das kommt, als sich herausstellt, dass Abdul und Mohammed keinesfalls, wie vorgesehen, nach dem Präsentieren der Münze wieder heimfahren dürfen. Sie bleiben in London. Und das, weil…

… weil Abdul, der hübsche, junge (damals etwa 25jährige) Inder (ideal besetzt mit Ali Fazal mit wunderbar-treuherziger Ausstrahlung) die strenge Anweisung der Hofschranzen missachtet hat, der Königin (seiner „Kaiserin von Indien“) keinesfalls ins Gesicht zu sehen. Er sieht sie neugierig an, sie schaut zurück, es ist vermutlich zum ersten Mal seit Jahren und Jahrzehnten, dass sie dem direkten und freundlichen Blick eines anderen Menschen begegnet. Alles andere ist Geschichte, ist Tatsache, wenn auch (wie immer) die Originale (es gibt ja Fotos) bei weitem nicht so attraktiv waren die ihre Vertreter auf der Leinwand…

Victoira müde und allein x

Angesichts dieses jungen Inders besann sich Victoria, die bis dahin – zumindest zeigt es so der so sorgfältig historisch ausgepinselte Film von Stephen Frears – eigentlich nur vor sich hingetümpelt hatte, dass sie eine Frau mit Wünschen und Bedürfnissen war – und der Macht, dies auch gegen alle Widerstände durchzusetzen. Dieser junge Inder konnte ihr von seinem Land erzählen, Worte seiner Sprachen beibringen, ja, sogar Urdu und Hindustani aufschreiben, und offenbar war die geistig unterforderte Queen eine gelehrige Schülerin mit großer Begeisterung für das Indien, das sie nun aus zweiter Hand kennen lernte. Sie erklärte Abdul zu ihrem „Munshi“, was so viel wie Lehrer bedeutet, und räumte ihm permanent einen Platz direkt an ihrer Seite ein.

Und Judi Dench spielt, worum es für Victoria wohl ging: die Sehnsucht nach einem echten Menschen inmitten der bösartigen Marionetten, die sie umgaben… Und Abdul wäre kein Mensch gewesen, seine Stellung nicht zu genießen, so aufrichtig seine Zuneigung zu der alten Dame wohl war.

Dass diese Idylle zwischen der Königin und dem Inder (für die Briten ein Farbiger und Untermensch) natürlich für den Hofstaat einen Skandal ohnegleichen darstellte, versteht sich. Sie pinseln Missgunst und Bosheit in Rassismus und Klassenhochmut wunderbar hin: Olivia Williams als süffisante Baroness Churchill, Tim Pigott-Smith als oft ratloser, zwischen den Fronten zerriebener Haushofmeister Sir Henry Ponsonby, Michael Gambon als Premierminister Lord Salisbury, Paul Higgins als ihr Arzt Dr. Reid, vor allem aber Eddie Izzard als der älteste und sichtlich ungeliebte Sohn Bertie, Prince of Wales, der damals so lange auf das Absterben der Mama zu warten hatte wie heute Prince Charles… Zumindest gängeln wollte man die Königin, und auf einmal wehrte sie sich entschieden auch dagegen.

Victoria in schottland~1

Man hat – vor allem in England – dem Film von Stephen Frears vorgeworfen, zu gefällig zu sein, und tatsächlich nützt der Regisseur (neben dem opulenten Beschwören der Pracht der Epoche am Königshof) auch immer wieder Gelegenheiten zum Lächeln bis Lachen. Wenn die Königin ihren „Munshi“ überall hinschleppt und er, in Schottenkleidung, schnappernd und frierend im regnerischen Schottland leidet, oder wenn sie auf einer Italienreise einen Abend mit Puccini selbst verbringt (Simon Callow ironisiert ihn prächtig) und dergleichen nicht nur eine einzige Peinlichkeit ist, weil die Köngin selbst zu singen beginnt…

Und doch, die Schmerzlichkeit von Abduls Stellung wird ebenso klar wie die Einsamkeit einer alten Frau, die letztendlich permanent von lauernden Feinden umgeben war. Mohammed starb einsam und unglücklich im englischen Klima, nicht, ohne den Briten noch seine wahre Meinung gesagt zu haben. Abdul wurde sofort nach Victorias Tod zurück nach Indien verfrachtet. Ein Buch, das die indische Journalistin und Historikerin Shrabani Basu über diese seltsame Beziehung recherchierte, wurde zur Grundlage für diesen Film, der mehr ist als nur ein Historienspektakel.

Renate Wagner

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ON THE MILKY ROAD

FimPoster  On the Milky Road~1

Filmstart: 29. September 2017
ON THE MILKY ROAD
Na mlijecnom putu / Serbien / 2016
Drehbuch, Regie, Hauptrolle: Emir Kusturica
Mit: Monica Bellucci, Sloboda Micalovic, Predrag Manojlovic u.a.

Der Name „Emir Kusturica“ leuchtet noch immer im Gedächtnis von Cineasten, der Mann hat schließlich verdient zwei „Goldene Palmen“ heimgetragen, aber das ist einige Zeit her. Seiner politischen Ansichten wegen in publizistische Ungnade gefallen (wie ja auch Peter Handke – Bekenntnisse zu Serbien im Balkan-Krieg waren verpönt), hat er lange nichts von sich hören lassen. Und nun ist er wieder da mit einem Film, der alle Widersprüche ausgelöst hat, von höchster künstlerischer Anerkennung bis zu scharfer Ablehnung. Alles ist drin, wenn man sich an ein belastetes Thema wagt.

Denn wir sind in einem bosnischen Dorf mitten im Balkan-Krieg, und da eine verrückt-romantische Liebesgeschichte zu erzählen, erschien vielen als Verniedlichung der Katastrophe. Und vielleicht ist manches tatsächlich – nun, sagen wir possierlich. Der „Milky Way“ des Titels ist nicht das, was wir gemeiniglich unter „Milchstraße“ verstehen, sondern diesmal real eine solche. Emir Kusturica selbst spielt den Milchmann, der nicht Tewje, sondern Kosta heißt, und der 63jährige, der entschieden jünger wirkt, ist sich selbst ein hervorragender Hauptdarsteller, mit der seelenvollen Ausstrahlung eines Durchschnittsmannes, schauspielerisch ganz Feinarbeit in Mimik und Gestik.

Und er stellt eine unvergessliche Figur dar, wenn er als Milchmann losreitet – auf einem Esel, seinen Falken am Rücken, einen aufgespannten Regenschirm über sich, die Milchkannen an der Seite des Tieres. Der Regenschirm soll ihn nicht gegen das Wetter, sondern die Kugeln schützen, denn er liefert im Krieg zwischen den Fronten die Milch, und er tut es in aller Gelassenheit. So wie die anderen sich nicht weiter aufregen, wenn rund um sie geschossen wird (selbst haben sie für den Fall es Falles auch eine Waffe bei der Hand).

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Es scheint, ungeachtet der Handlung, die dann turbulent rund um die Liebe geht, tatsächlich das Hauptanliegen Kusturicas gewesen zu sein, das Leben im Krieg zu zeigen. Nicht als Balkan-Idylle, wie man ihm vorgeworfen hat, sondern als Bewältigung des Alltags. Rundum wird geschossen, es gibt wirklich schaurige Kriegsszenen (von Verniedlichung des Themas kann keine Rede sein), aber wenn man lebt, lebt man eben so normal wie möglich weiter – mit den Tieren, mit Essen und Trinken, es wird auch gesungen und getanzt. Keine Folklore – Alltag.

Freilich, die Geschichte ist ein bisschen wild. Da gibt es Milena (und Darstellerin Sloboda Micalovic ist eine Balkan-Schönheit erster Ordnung), aber Kosta verliebt sich ausgerechnet in Nevesta, die halbe Italienerin, die als Braut für einen Soldaten ausersehen ist (dieser narbenreiche alte Zaga ist in Gestalt von Predrag Manojlovic wohl nicht gerade das, was eine Frau sich wünscht).

Diese Nevesta erscheint in Gestalt von Monica Bellucci, die gewissermaßen alterslos eine klassische italienische Schönheit ist, ihrer Rivalin übrigens sehr ähnlich (in einer Szene werden beide Frauen mit dem gleichen langen Schwarzhaar in Hochzeitskleidern gezeigt – wie Schwestern), aber keine Frage, Kosta und Nevesta wählen einander. Irgendwann müssen sie dann gemeinsam fliehen, und Kusturica weidet das aus, auch im Schrecken des Krieges, der sie hier einholt.

Nevesta, die sich als nicht nur schön, sondern auch nützlich erweist (sie kann im Notfall ein Ohr annähen oder den Geliebten bei der Flucht ein Stück tragen), hat am Ende eine furchtbare Szene mit der Schlange – nicht eine, sondern „die“ Schlange, die neben den anderen, zahlreichen Tieren des Films eine Hauptrolle spielt, immer wieder kehrt und (ob echt, ob computerized) immer so „echt“ wirkt, dass Leute mit Ophiophobie (Angst vor Schlangen) sich in diesem Film höchst unbehaglich fühlen werden…

Es ist ja auch kein Balkan-Folklore-Wohlfühl-Film, wie einige Kritiker Kusturica (vielleicht der vielen Tiere wegen?) vorgeworfen haben. Es ist ein Film über Leben im Krieg. Und er hat auch kein triefendes Happyend – nein, am Ende erleben wir Kosta als Einsiedler. Ein ziemlich krasser Schnitt, wenn man eben noch auf der Flucht war. Hat nicht so geklappt mit dem Glück – in einer Rückblende sieht man immerhin noch, wie er Nevesta geheiratet hat. Oder war es Traum? Am Ende weiß man jedenfalls, dass man trotz aller skurriler Szenen einen traurigen Film gesehen hat.

Was immer man von „On the Milky Road“ hält oder dagegen einzuwenden hat – es ist auf jeden Fall der Film eines Künstlers.

Renate Wagner

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ES

FimPoster  ES~1

Filmstart: 29. September 2017
Es
It / USA / 2017
Regie: Andres Muschietti
Mit: Jaeden Lieberher, Bill Skarsgård, Sophia Lillis, Jeremy Ray Taylor u.a.

Wenn ein an sich simpler Horrorfilm so über die Maßen erfolgreich ist wie dieser, stellt sich die logische Frage: Warum? Der Name Stephen King, so glanzvoll er auch ist, kann es allein nicht sein, auch wenn man auf einen dickleibigen Buchklassiker zurückblickt und auf eine offenbar unvergessliche Fernsehverfilmung (für jene, die sie gesehen haben). Es ist wohl die wirklich geschickte Vermengung von scheinbarer Normalität und Ängsten, die in den Einzelnen schlummern, gezeigt an einer Handvoll Kindern, die man in diesem mit zweieinviertel Stunden überlangen Film erlebt, in dem Regisseur Andres Muschietti die verschiedenen Welten perfekt ausbalanciert…

Man ist in Derry, einer hübschen amerikanischen Ostküsten-Kleinstadt mit viel Natur rundum. Es beginnt mit einem entzückenden Jungen, Georgie, der im Regen ein Papierschiffchen ins Wasser setzt, das die Straße hinunterfließt. Als das Spielzeug in einen Gully hineinsprudelt und Georgie hineinblickt, sieht ihm ein weißgesichtiger Clown entgegen, den er gar nicht mit Schrecken, sondern Interesse betrachtet. Ja, und dann… dann sieht man mit Entsetzen, wie das Kind in dem Gully verschwindet. Nur einer von vielen, die nach und nach in Derry vermisst werden. „Es“, genannt „Pennywise the Dancing Clown“ (in der Maske steckt mit erschreckendem Ausdruck Bill Skarsgård), schlägt immer wieder zu.

  Es  nur ClownEs Clown Zähne

Ein paar Monate später findet man sich in Derry im Kreis von Georgies wenig älterem Bruder Bill (Jaeden Lieberher) wieder, der das Verschwinden des Jüngeren nicht verkraften kann. Während in der Schule die großen, größeren Jungs dominieren (Henry Bowers führt diese brutale Gang), scharen sich um den stotternden Bill die anderen Kleineren und Schwächeren, die Opfer, die sich selbst „Klub der Verlierer“ („The Losers Club“) nennen. Dazu gehört Ben (Jeremy Ray Taylor), der als Dickerchen charakteristisches Mobbing-Ziel ist, der gerne in der Bibliothek sitzt und recherchiert: In alten Fotos von Derry findet er bei genauem Hinsehen Horrorgesichter, und es ist die Stärke dieser Kids, das sie beschließen, sich dem Problem aktiv zu stellen – auch wenn jeder von ihnen von ganz eigenen, grausigen Visionen heimgesucht wird.

Als einziges Mädchen gehört später „Bev“ Marsh zu den Buben (die 15jährige Sophia Lillis hat etwas „Strahlendes“). Bei allen erfährt man zumindest andeutungsweise etwas über die häusliche Situation, ob der Sohn des Rabbi unter Lehr-Druck steht und andere Gefahr laufen, von sexuellem Missbrauch bedroht zu sein. Und rätselhafte rote Luftballons tanzen durch das Geschehen.

Im Grunde hantelt sich der Film von einem Entsetzen zum anderen, wobei Blutströme spritzen, die charakteristischen Schauplätze – alte Villen oder Wasserkanäle – Gänsehaut erzeugen, vor allem, wenn man nicht sicher sein kann, wann der Clown plötzlich wieder auftaucht und spitze Zähne fletscht wie ein Alien-Monster… Plötzlich tanzen auch in einer Unterwelt die ganz bekannten Kino-Schreckgestalten, und es ist natürlich besonders schockierend, wenn der tote Georgie plötzlich auftaucht und die lebenden Kinder von „Es“ attackiert werden.

Also harmoniesüchtiger Normalmensch fragt man sich manchmal, was ein breites Publikum an so viel Grauen faszinieren kann. Vor allem, weil man am Ende ja nicht weiß, was „Es“ wirklich war. Immerhin, eins steht fest – zweieinviertel seltsam fesselnde Kinostunden waren es jedenfalls. Es ist übrigens der erste Film zum Thema – im zweiten soll man den überlebenden Kindern als Erwachsenen begegnen.

Renate Wagner

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LEANDERS LETZTE REISE

FilmCover  Leanders letzte Reise~1

Filmstart: 22. September 2017
LEANDERS LETZTE REISE
Deutschland / 2017
Drehbuch und Regie: Nick Baker-Monteys
Mit: Jürgen Prochnow, Petra Schmidt-Schaller, Tambet Tuisk, Suzanne von Borsody u.a.

Die alte Frau – Großmutter, Mutter, Ehefrau – ist tot. Nach dem Begräbnis möchte die mittelalterliche Tochter Uli (Suzanne von Borsody) den 92jährigen Vater Eduard Leander (Jürgen Prochnow, der in seiner introvertierten Stille tief beeindruckt) am liebsten ins Heim verfrachten, während es der Enkelin Adele (Petra Schmidt-Schaller) mehr oder minder egal ist, wie es weitergeht.

Eines aber steht jedenfalls fest: Der alte Mann hat einen eisernen Kopf. Jetzt, wo er „frei“ ist, will er zu seiner großen Reise in die Vergangenheit aufbrechen. Und weil sich die Tochter ja doch um ihn sorgt, schickt sie ihm die Enkelin (die ja in der Bar einen Job hat, bei dem sie auch mal wegbleiben kann) hinterher.

Da sitzen sie also im Zug, der sture, schweigsame Alte und die unwirsche Junge, und bewegen sich in Richtung Kiew. Die Ukraine, 2014 ein Land im Aufruhr (auch damals, als der Film gedreht wurde übrigens). Während der alte Leander dorthin zurück will, wo er als Wehrmachts-Offizier während des Krieges war (natürlich auf der Suche nach Svetlana, seiner damaligen Liebe), weiß die junge Frau nicht, was sie mit Großvaters Problem anfangen soll… Dass sie sich Opa dann nach und nach ein wenig annähert (trotz der ruppigen Manieren der heutigen Jugend), ist als Handlungstopos leider abgegriffen.

Natürlich geht es in diesem Film von Nick Baker-Monteys um die unbewältigte Vergangenheit. Die Deutschen in der Ukraine, Besatzer, Kriegsschauplatz gegen die Rote Armee, wobei sie viele Ukrainer als Verbündete fanden, denen die Deutschen das geringere Übel erschienen als die Russen. Leander hatte damals eine Kosaken-Division geführt (und er trifft später nur einen einzigen Überlebenden von damals, der unter ihm „gedient“ hat und die Dinge noch mit den damaligen Augen sieht: „Was hätten wir mit den Gefangenen tun sollen? Wir haben sie erschossen.“).

Welche Verbrechen geschehen sind, kommt zur Sprache, wenn Großvater und Enkelin dann tatsächlich bis in Svetlanas Dorf vordringen (und der Alte selbstverständlich seine Tochter findet – allerdings glücklicherweise ohne Sentimentalität). Das Verständnis, das man angesichts der damaligen Situation (historisches Denken!) von der nächsten Generation erhoffen könnte, findet allerdings nicht statt – die Enkelin darf sich nur in tränenreicher Anklage ergehen.

Wichtig ist die Figur, die schon im Zug nach Kiew eingeführt wird: Lew (großartig des estnische Schauspieler Tambet Tuisk), ein russischer Ukrainer oder ukrainischer Russe, wie immer man es nennen will – niemanden traf die politische Situation mit ihren Anschlußbestrebungen an Russland hier, der staatlichen Unabhängigkeit in Richtung Europa schärfer. (Man würde sich übrigens als Kinobesucher für die vielen Passagen auf Russisch für den Film Untertitel wünschen!)

Natürlich kommt man in einem Ostblock-Land (mit minimalen Russisch-Kenntnissen des alten Leander) allein nicht weiter. Wenn Lew die beiden zu seiner Familie mitnimmt, dann ist das natürlich die Gelegenheit, die Probleme der gegenwärtigen Ukraine aufzuzeigen, allein in der Zerrissenheit in der Familie selbst (Lews Bruder kämpft für die russischen Separatisten). Dass einer weiß, dass er Russe ist wie Lew, seine Loyalität aber doch einer unabhängigen Ukraine gehört, versteht die eigene russische Familie nicht. Diese fragt bei aller Gastfreundschaft auch den alten Deutsche, was er „damals“ hier gemacht hat…

Lew bringt den alten Mann und die Enkelin (dass sich zwischen beiden eine Beziehung anspinnt, ist vom Drehbuch her offenbar unvermeidbar) in das Dorf, wo er zwar nicht Svetlana, die ist verstorben, aber deren (seine) Tochter findet und mit der ganzen Gastfreundschaft des Ostens aufgenommen wird.

Dass Tochter Uli ihrem Vater und ihrer Tochter ins Kriegsgebiet nachfährt, ist so dumm (als Handlung) wie überflüssig (für den Film), auch wenn man versteht, dass der Regisseur die „mittlere“ Generation einbringen will – sie hat hier nur keine wirkliche Funktion. Dass Leander, nachdem er seine Reise „erfüllt“ hat, im Auto stirbt, macht jegliche Lösung aufgeworfener Probleme obsolet. Wenn Lev und Adele sich am Flughafen umarmen und er verspricht, so bald wie möglich nach Deutschland zu kommen… man kann es nicht recht glauben.

Eine Reise durch ein zerrissenes Land – das atmet gegenwärtige Authentizität, man kann sich gut vorstellen, wie schlimm die Situation für die Menschen dort ist. Dass es bei Leander nicht in erster Linie um Reue bezüglich der Vergangenheit gegangen ist (die läuft gewissermaßen nebenbei), sondern um den Wunsch zu wissen, was mit Svetlana geschehen ist, die er in den Kriegswirren verloren hat, ist verständlich. Wie viel man mit Hilfe des Kinos über damals und heute in der Ukraine begreifen kann, ist schwer zu entscheiden – aber man macht wenigstens ein paar Schritte darauf zu. Ungeachtet des dramaturgischen Kitsches, der am Wegrand des Geschehens nicht vermieden wurde.

Renate Wagner

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BAUMSCHLAGER

FilmCover  Baumschlager~1

Filmstart: 22. September 2017
BAUMSCHLAGER
Österreich, Israel / 2016
Drehbuch und Regie: Harald Sicheritz
Mit: Thomas Stipsits, Gerti Drassl, Meyrav Feldman, Moran Rosenblat, Sona MacDonald, Barbara Spitz u.a.

Gleich zu Beginn – der Titel ist verdammt ähnlich, aber mit der TV-Grotesk-Serie „Braunschlag“ hat der „Baumschlager“ nichts zu tun. Das ist der Name eines Mannes mittleren Alters, der mit blauem Barett für die UNO auf den Golan-Höhen tätig ist. Er sieht so harmlos und unbedeutend aus wie Thomas Stipsits, und daraus zieht Drehbuchautor / Regisseur Harald Sicheritz einen Teil seines Witzes: Der gute Mann, als Sexobjekt an sich keines zweiten Blicks wert, wird nämlich von Frauen geradezu überfallen – die Israelin, die Jordanierin, dann noch die Agentin, die ihm aus Österreich nachgereist ist. Und die Ehefrau hat es auch nicht ungern – alle wollen Sex von ihm. Und er muss sich da irgendwie durchwurschteln…

Das große Wort „Politsatire“ passt auf den relativ harmlosen Film – und gar für einen Regisseur wie Siderits, den man ja als Extremisten kennt – wirklich nicht. Die Probleme des Nahen Ostens spielen sich zwischen Israel, dem Libanon und dem österreichischen Außenamt auf rein schlicht-komödiantischer Ebene ab. Baumschlager hat Sigal Cohen (Meyrav Feldman: blond, fesch, entschlossen und nicht ungefährlich), die israelische Soldatin, die sich von ihm, dem UNO-Mann, Protektion erhofft, am Hals – besonders gern hält sie ihm beim Sex eine Maschinenpistole in den Mund. Gleichfalls stürzt sich Rania (Moran Rosenblat, eine Schönheit und trickreiches Rübensüßchen) aus mächtiger jordanischer Familie auf ihn, die anfangs scheinbar nur Deutsch lernen will, aber dann zu Baumschlager flüchtet, als sie zwangsverheiratet werden soll, sich ihm an den Hals wirft und fest entschlossen ist, mit ihm nach Österreich zu gehen… Ihr Verschwinden setzt den Papa General, der (Islam hin oder her) unter den Damen seiner Familie ziemlich leidet, wütend in Bewegung.

Wobei als Parallelhandlung Gattin Martha (Gerti Drassl, drollig entschlossen) nicht nur beim Heimurlaub merkt, dass der Gatte sexmäßig einiges gelernt hat, sondern auch realisiert, dass er sie „dort“ betrügt. Im Kino ist es ja so einfach, sich ins Flugzeug zu setzen, und ihm nachzureisen – in Israel gibt es dann allerlei Probleme, in deren Verlauf sie auch das Angebot erhält, die vierte Frau eines Nomaden zu werden…

Als ob all das nicht schon genug wäre, haben Sicheritz und sein Co-Autor Maayan Oz die Geschichte um zwei weitere Elemente angereichert. Erstens wird Baumschlager von einem israelischen Mafioso erpresst und in Folge dessen gezwungen, in Orangen verstecktes Kokain über die Grenze zu schmuggeln (weil jeder „Baumschlager!“ kennt und ihn nie kontrolliert); zweitens hetzen die Österreicher, nachdem sie durch eine protestierende Gattin Verdacht geschöpft haben (Sona MacDonald und Barbara Spitz legen herrliche Chargen als überdrehte Beamtinnen hin), zwei Agenten hinter Baumschlager her: Ulla (Sólveig Arnarsdóttir ist vielleicht ein Beitrag europäischer Besetzungspolitik) und Max (Anatole Taubman) fungieren dabei als zusätzliche Komiker, wobei Max bei arabischer Musik so ausflippt, dass er sich die Kleider vom Leib reißt und nackt herumrast…

Die Handlung wird turbulent bis undurchsichtig (zumal sie in der Originalfassung in vier Sprachen läuft, Deutsch spielt die geringste Rolle), sie ist dumm bis blöd, Stipsits als Baumschlager guckt nett und hilflos, und am Ende haben sich alle bisherigen Frauen gegen ihn verbündet, die eigene mag ihn auch nicht mehr, und Ulla meint, sie muss diesen Sexmaniac (ha!)doch auch einmal probieren. Was soll Baumschlager, immer das Opfer, schon machen? Er lässt es wieder einmal geschehen…

Damit verabschiedet sich der Film, der als Satire nicht so recht funktioniert, der nicht wirklich ausgeflippt ist (ein nackter Agent – na wenn schon; ein paar böse israelische Kokainschmuggler – na wenn schon), der auch keinen besonders hohen Unterhaltungsfaktor hat. Vermutlich erwartet man von Harald Sicheritz zu viel. Aber das wäre auch für einen anderen Regisseur etwas wenig gewesen.

Renate Wagner

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THE BOOK OF HENRY

FilmCover  Book of Henry~1

Filmstart: 21. September 2017
THE BOOK OF HENRY
USA / 2017
Regie: Colin Trevorrow
Mit: Naomi Watts, Jaeden Lieberher, Jacob Tremblay u.a.

Zuerst erlebt man, wie Naomi Watts „Mutter“ vorspielt, überaktiv und unerträglich bemüht als Übermutter, und das nervt. An sich ist sie doch eine exzellente Schauspielerin, aber in diesem unglaublich triefenden Film von Regisseur Colin Trevorrow muss sie peinlich übertreiben wie jeder andere auch. Tatsächlich haben einige amerikanische Kritiker „The Book of Henry“ als einen der derzeit schlechtesten Filme klassifiziert, und man wird den Eindruck nicht los, dass sie recht haben könnten…

Da ist also die allein erziehende Mutter Sarah Carpenter, von Beruf nur Kellnerin, die zwei Jungs hat – der 11jährige Henry (Jaeden Lieberher) ist sozusagen das jugendliche Genie, der achtjährige Bruder Peter (Jacob Tremblay, der in dem klaustrophobischen Drama „Raum“ berühmt wurde) läuft mit. Irgendetwas zwischen Happy Family und Problemfamilie, in der Henry dominiert (was er an Börsenspekulationen dazu verdient, hilft dem Budget!!!) und die Mama ihr Bestes gibt.

Dann der erste dramatische Twist: Da ist das Mädchen aus der Nachbarschaft, Christina (Maddie Ziegler), die Henry scheu verehrt. Nach und nach kommt er zu der Überzeugung, dass ihr Stiefvater Glenn Sickleman (Dean Norris), als Polizist gewissermaßen unantastbar, das Mädchen missbraucht. Nun notiert Henry in einem „roten Buch“, wie er hier Abhilfe schaffen will.

Der zweite dramatische Twist, und der ist auf die obligate Art herzzerreißend: Ausgerechnet unser Henry wird tödlich krank, leidet hoffnungslos an einem Gehirntumor – er ist so unerträglich klug, dass er den Ärzten sagt, was ihm fehlt. Er weiß auch genau, dass und wie er sterben wird, und er erlegt nun dem armen kleinen Bruder nicht nur die Obhut über die Mutter auf. Über das Grab hinaus, muss – so wünscht Henry – Christina gerettet werden. Und sei es durch raffiniert ausgeklügeltem „perfektem“ Mord an dem Übeltäter. Vorher muss man allerdings das ausgewalzte Sterben Henrys über sich ergehen lassen, ein „Tearjerker“ ohnegleichen.

Nun, am Ende schafft sich der Bösewicht selbst zur Seite, bis dahin basteln die Mutter und Peter, nach dem roten Buch vorgehend, an dem schrägen Plan Henrys (eigentlich soll der Polizist erschossen werden…), ohne dass man wirklich besonders berührt würde. Dass es außerdem anders kommt als Henry wollte, macht die Sache dramaturgisch nicht besser. Das kaum erträgliche Ende gibt das gerettete Mädchen in die Obhut der Kellnerin, die nun zur Kinderbuchautorin mutiert… o weh.

Renate Wagner

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MOTHER!

FimPoster  Mother~1

Filmstart: 14. September 2017
MOTHER!
USA / 2017
Regie: Darren Aronofsky
Mit: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson u.a.

Das wird Regisseur Darren Aronofsky wohl nicht erwartet haben. 2010 wurde er für seinen Film „Black Swan“ beim Filmfestival von Venedig gefeiert. und Hauptdarstellerin Natalie Portman trug später alle Preise (inklusive dem „Oscar“) heim. Und nun, sieben Jahre später, hat man ihn in Venedig für seinen Film „Mother!“ schlechtweg ausgebuht. Und wenn man den Film zu Ende gesehen hat, weiß man auch, warum…

Dabei scheint es lange Zeit, als wollte Aronofsky die klassischen Elemente eines Horror-Films auf seine Art abspulen (man kann auch melken sagen). Da ist ein großes, altes, ganz einsam in der Landschaft liegendes Haus – ein nicht unübliches Ambiente für Filme dieser Art. Ein attraktives Paar – die junge Frau, die den älteren Gatten offenbar vergöttert. Er ist ein Künstler, Schriftsteller mit derzeitiger Schreibhemmung, sie will für ihn und sie beide das alte Haus (das zwar ohne Viktorianische Üppigkeit, aber doch etwas für Nostalgiker ist) so richtig instand setzen. Tatsache ist auch, dass etwas zwischen den beiden nicht stimmt, dass die junge Frau immer große, traurige Augen macht, der Mann eher oberflächlich beschwichtigt…

Jennifer Lawrence spielt die junge Frau, deren Hintergrund man nicht erfährt, und die Kamera ist so gut wie immer bei ihr, oft direkt hinter ihr (was beim Zuschauer die natürliche Furcht auslöst, sie könne sich umdrehen und etwas Entsetzliches sehen), meist aber frontal auf ihrem Gesicht, ganz nah, die Pausbacken, der unsichere Blick, keine Modepuppe. Ein normales Geschöpf, das einfach glücklich sein will – und ja, ein Kind möchte…

Dass Javier Bardem als der Dichter-Gatte nicht so glücklich ist, spürt man, da ist Unruhe, der Wunsch nach Gesellschaft, Sehnsucht vor allem nach Lob und Anerkennung. Später werden wir erst wissen, dass der Film eigentlich von ihm handelt, vom Künstler als gewissermaßen menschenfressenden Monster, der die Liebe der Frau mehr braucht als seine eigenen Gefühle für sie…

Wenn Jennifer Lawrence, die immer von nicht näher definierten Schmerz- oder Panikattacken gequält wird, durch ihr Haus streicht, das auch einen erschreckenden Keller hat und in dessen Wänden sie ein Pulsieren spürt, als hätte man da Menschen eingemauert – dann hat Darren Aronofsky schon ein paar wesentliche Gruselelemente zusammen. Aber er will noch mehr, viel mehr.

Das nächste Handlungselement: Hüte Dich vor Gästen, zumal ungebetenen. Erst kommt der alte, hustende, rauchende Mann, der angeblich in der Gegend arbeitet, scheinbar „Bed & Breakfast“ sucht und mit offenen Armen von dem Schriftsteller aufgenommen wird, als er sich als Fan von dessen Werk herausstellt. Ed Harris ist schmal und klapprig geworden, aber immer noch eine Leinwandpräsenz. Dann jedoch: Auftritt Michelle Pfeiffer, als dessen unerwartet auftauchende Ehefrau, zynisch, anmaßend, selbstherrlich. Die einst süße junge Pfeiffer, wunderbare Leinwandheldin anno dazumal, ist gut erhalten in ihren späteren Jahren und dominiert die Szene, sobald sie da ist.

Die junge Frau fühlt sich im eigenen Haus zurecht bedroht – die Unverschämtheit der Gäste, die Vernichtung und Missachtung ihrer Privatsphäre, die Reduktion der eigenen Person auf Personal, das einfach alles bereitstellen und wegräumen muss, während der Gatte sich nur um die anderen kümmert und sie nicht mehr wahrnimmt…

Das zuerst scheinbar verwünschte Haus wird zum besetzten Haus, zur totalen Hilflosigkeit der Hausherrin, die keine ist. Und wenn dann die erwachsenen Söhne des Paares kommen (gespielt von den Brüdern Domhnall Gleeson und Brian Gleeson), dann macht Aronofskys Drehbuch nicht den ersten Schwung ins Irrwitzige, wenn diese beiden Brüder im Streit um Vaters Testament einander in rabiater Wut prügeln und schlussendlich einer den anderen erschlägt… Das ist dann der blutig-reale Thriller, der gar nicht zur irreal-surreal-geheimnisvollen „Haus“- und „verstörte junge Frau“-Geschichte passt.

Die Verstörung geht weiter, denn vieles, was Aronofsky angetippt hat, interessiert ihn nicht mehr, vielmehr überdreht er das Geschehen sukzessive bis zur beabsichtigten Unerträglichkeit. Erst wird das Haus von den rücksichtslosen Besuchern gestürmt, die der Trauerfeier-Party für den Toten (die seine Eltern selbstverständlich hier veranstalten) beiwohnen. Dann bricht die Geschichte wieder ein, um in scheinbarer Ruhe zu verlaufen – unsere Heldin ist schwanger, freut sich auf das Kind. Der beglückte Gatte schreibt sein Buch, hat Riesenerfolg.

Und dann läuft die Geschichte endgültig aus dem Ruder, indem alles, was sich begibt, nicht nur in kein Schema, sondern auch in keine Dramaturgie passt. Wenn die Fans des Autors sein Haus stürmen, völlig außer Rand und Band geraten (so schauerlich, dass man dem Regisseur immerhin zugestehen muss, wie sehr er sein Handwerk versteht, eine wahre Apokalypse auf die Leinwand zu zaubern), das neu geborene Baby im Sinn von „Rosemary’s Baby“ in Stücke reißen – was die Hauptdarstellerin da erleiden muss, ist unvorstellbar und wird von ihr mit Selbstentäußerung gebrüllt und gezuckt. Wobei dann die „Schlusspointe“ noch viel, viel kränker und schlimmer ist… (Das Filmplakat, das die Heldin mit einem blutigen Herz in der Hand zeigt, ist nicht gänzlich aus der Luft gegriffen.)

… dann hat Darren Aronofsky das Stückwerk seiner Ideen wahrlich nicht in den Griff bekommen. Er hat vielfache Anläufe für einen Horrorfilm genommen, bei dem am Ende nichts zu nichts passt. Mit dem Ergebnis, dass man nicht weiß, was man damit eigentlich anfangen soll. Die blutigen Wände und Dielen des Hauses, die Jennifer Lawrence so verschreckt haben und die sie so verzweifelt geputzt hat … wofür soll das eigentlich gewesen sein?

Renate Wagner

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LOGAN LUCKY

 

FimPoster  Logan Lucky~1

Filmstart: 15. September 2017
LOGAN LUCKY
USA / 2017
Regie: Steven Soderbergh
Mit: Channing Tatum, Adam Driver, Daniel Craig, Katie Holmes, Hilary Swank u.a.

Kaum zu glauben, dass hier derselbe Regisseur am Werk war wie jener, der einst einen hocheleganten George Clooney ausgeschickt hat, um in mehreren „Ocean“-Filmen an der Seite schöner Frauen große Casinos um ihr Geld zu erleichtern. Kaum hat Steven Soderbergh seine eigene Produktionsfirma gegründet, ist es aus mit den Gentlemen-Gangstern, dann macht er einen ganz anderen Film – man glaubt es kaum.

Sonderbergh, viel gelobt (von „Traffic“ bis zuletzt „Magic Mike“), aber auch immer wieder mit Fehlgriffen abgestürzt, ist nun nach einer längeren Pause wieder da. Zu einem Drehbuch von „Rebecca Blunt“ – sagen wir es gleich: Es hat sich herausgestellt, dass hinter diesem Pseudonym seine Frau steckt. Ein Familienunternehmen. Und elegant ist an „Logan Lucky“ absolut nichts – und so richtig spannend fällt das Verbrechen (ein Geldraub) auch nicht aus. Hier ging es offensichtlich um etwas anderes…

Wir sind im ländlichen West Virginia unter den armen Leuten. Zu Beginn wird Jimmy Logan entlassen, nicht durch eigenes Verschulden, der Arbeitgeber zuckt die Achseln. Channing Tatum, mit dem Sonderbergh vor fünf Jahren „Magic Mike“ gedreht hat, spielt den Durchschnitts-Wutbürger, der immer chancenlos zum Oper wird. Alles in seinem Leben läuft schief – die unliebenswürdige Ex-Frau (Katie Holmes, die Ex von Tom Cruise, sucht sich wieder kleine Rollen), will auch noch mit den Kindern weit weg übersiedeln…

Dann lernt man seinen Bruder Clyde (Adam Driver, das Gesicht ganz von dunklen Haaren umrahmt, was ihm etwas primitiv Affenartiges gibt) kennen: Nach dem Irak-Krieg einarmig, sieht man dennoch bewundernd zu, wie er in einer Bar die Cocktails mixt. Dennoch – ein Leben ist das nicht. Mellie (Riley Keough), die Schwester der beiden, ist Friseurin. Gut getroffen haben sie es nicht, die Logans. Fast begreift man, dass sie (wie jüngst auch die Brüder in „Hell or High Water“) ihr Glück auf der anderen Seite des Gesetzes suchen wollen.

Hier in Europa kennen sich wohl nur die ultimativen Auto-Freaks mit den inneramerikanischen Rennsport-Veranstaltungen aus. Das „Coca-Cola 600“ in der Nähe von Charlotte, North Carolina, ist jedenfalls ein Riesenevent – der Film nimmt den Zuschauer mitten in den jahrmarktartigen Rummel mit. Wo so viele Leute sind, ist auch viel Geld. Und Jimmy erinnert sich, dass das ganze Gelände von Gängen und Schächten unterminiert ist. Und dort liegt in einem Tresor sehr, sehr viel Geld. Aber die Logans kennen sich vielleicht mit krimineller Strategie aus – für den Raub brauchen sie einen Fachmann.

Das ist Joe Bang in Gestalt eines strohblonden Daniel Craig: Wenn er gewünscht hat, mit dieser Rolle sein James-Bond-Image (das ja immer cooler und eleganter geworden ist) zu zerstören – er ist erfolgreich. Was er hier abzieht, mit einem Wahnsinns-Akzent, der die Sprache der anderen noch unterbietet (und sie ist katastrophal, fordert das scharfe Ohr des Englisch-sprechenden Ausländer), ist einfach eine irr-komödiantische Show, und so sehr Sonderbergh nie vergisst, dass er von armen Leuten erzählt – lachen darf man über die Geschichte ja doch.

Craig in der gestreiften Sträflingskluft im Gefängnis (zum Brüllen komisch, ob brav mit Essenstablett, ob beim „Workout“), ist bereit, mitzumachen – und das Sicherste ist, wenn er sich mal kurz aus dem Gefängnis entfernt und längst wieder da ist, wenn die Geschichte auffliegt. Was hier mit Krankenstation und getürkten Häftlingskrawallen abgezogen wird (da ist ein verkleideter Clyde behilflich), ist mehr spaßig als spannend.

Während „oben“ unter Karacho das Rennen läuft, wird der Raub im Untergeschoß als Familienunternehmen durchgezogen (Millie sitzt am Steuer des Fluchtautos) – und der Safeknacker liegt rechtzeitig mit Unschuldsmiene in der Krankenstation des Gefängnisses, so genau muss man das alles nicht bewiesen und gezeigt  bekommen, es geht eher um Pointe und Klamotte als um Krimi.

Irgendwie freut man sich, dass die Logans nicht erwischt werden. Es gibt ein verhältnismäßiges langes „Nachspiel“, in dem auch Hilary Swank als FBI-Agentin auftaucht, entsprechend ärgerlich, weil sie nichts beweisen kann. Und am Ende sieht man sich mit Milieu und Humor, mit Genrebild und einer Arbeiterklasse-Version von Sonderberghs chicen Gaunerfilmen bedient. Ein Regisseur, der immer für Überraschungen gut ist.

Renate Wagner

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THE CIRCLE

FimPoster  The Circle~1

Filmstart: 8. September 2017
THE CIRCLE
USA / 2017
Regie: James Ponsoldt
Mit: Emma Watson, Tom Hanks u.a.

Als George Orwell im Jahre 1948 den Roman „1984“ schrieb, gab er der Menschheit dreieinhalb Jahrzehnte bis zu dem von ihm prophezeiten Überwachungsstaat. 1984, als noch nicht jedem sein Smartphone auf der Handfläche angewachsen war, konnte man noch hoffen, dass es vielleicht nicht ganz so schlimm wird. Heutige Voraussagen wissen, dass es schon viel schlimmer ist – und das Allerschlimmste daran? Nur einiges (etwa der Tugendterror derzeitiger politisch korrekter Sprachregelungen) ist wirklich „von außen“ her aufgezwungen. Im übrigens sind vor allem die jungen Menschen begeistert in ein System der totalen Veröffentlichung ihres Lebens hineingestürmt, aus dem einfachen Grund, weil sie sich endlich wichtig und beachtet fühlen können (und gar nicht darauf kommen, welch ein Irrtum das ist – weil selbstverständlich jeder, wie sie selbst, sich nur für sich selbst interessiert…).

Nach dem gleichnamigen Roman von Dave Eggers (2013) erzählt der Film „The Circle“ von James Ponsoldt nun eine Geschichte, die erschreckt, weil sie so total echt wirkt und Ereignisse aufzeigt, die wohl vor der Türe stehen. Da spielt Emma Watson – so sympathisch, klar, auch klug – die junge Mae Holland, die nach ihrem Studium einen Job bei „The Circle“ bekommt, eine Firma, deren Engagements bei den jungen Digitalgenies so begehrt sind wie heutzutage wohl ein Job bei Google. Man wird von einer Menge von Leuten empfangen, die gleich inniges Interesse an dem Neuling hegen, wobei man sich natürlich geschmeichelt fühlt.

Und da ist da auch noch der charismatische Chef, der große Mann: Tom Hanks spielt diesen Bailey so freundlich-gelassen, dass man nie auf die Idee käme, er könne vielleicht Böses im Schild führen. Auch wenn er bei öffentlichen Veranstaltungen seines Konzerns als souveräner Moderator seiner selbst einzelne Mitglieder des Teams vorführt – das ist doch eine Ehre, nicht wahr, auch wenn Mae sich begreiflicherweise anfangs nicht ganz in solcher „Prüfungssituation“ wohlfühlt.

Was will diese schöne neue Welt des „Circles“? Sie möchte jeden Menschen auf dieser Welt einbeziehen, möchte immer wissen, beobachten, aufzeichnen, was er macht, jede Sekunde seines Lebens. Man stelle sich den Vorteil vor – keine Verbrechen mehr! Jeder Abweichler kann sofort erwischt werden! Es gibt Spiele, wie man Menschen, die sich der totalen Überwachung entziehen wollen, jagt und findet, wer ist am schnellsten dabei? Das ist doch beste Unterhaltung!

Man kann nicht sagen, dass es nicht an Warnung für Mae fehlte, nicht zuletzt von der Freundin, die ihr den Job vermittelt hat und die zu Einsichten gekommen ist. Aber unsere Heldin, die schrittweise in diese Circle-Welt gerutscht ist, ist eigentlich sehr angetan von dem Ganzen. Mehr noch, sie wird auserwählt, die neue BodyCam des Konzerns auf sich zu tragen, das heißt, die ganze Welt sieht ihr jede Sekunde ihres Lebens zu! Das gibt Zuspruch ohne Ende!

Dass jeder, mit dem sie in Kontakt kommt, auch betroffen ist, steht auf einem anderen Blatt. Doch selbst als ihre Eltern ihr eines Tages sagen, dass sie das bitte nicht mehr aushalten… selbst als ihr Boyfriend auf der Flucht vor den „Circle“-Jägern tödlich verunglückt… selbst als sie begreift, dass die Chefs in ihren Taten von der Überwachung selbstverständlich ausgenommen sind…

… der Film zeigt uns am Ende nicht das Aufbegehren der Mae Holland, nicht den üblichen Kampf gegen die erstickende Überwachung, die sich wie eine Krake über die Menschheit gelegt hat. Sie bleibt am Ball. Die Allmacht des Konzerns bleibt unangetastet. Und das ist an dieser würgenden Geschichte das schrecklichste…

Unfreundliche Kritiken in den USA werfen dem Film vor, dass alles, was er zeigt, so schrecklich simpel auf der Hand liegt. Aber kann es solcherart nicht umso einleuchtender die Zukunft sein? „The Circle“ ist das Menetekel an der Wand, vor der wir bereits zentimeternahe stehen. Man sollte das überlegen und sich fragen, was man tut, bevor man schnell wieder seine tiefsten Geheimnisse auf Facebook mit der ganzen Welt teilt.

Renate Wagner

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MEINE COUSINE RACHEL

FimPoster  Meine Cousine Rachel

Filmstart: 8. September 2017
MEINE COUSINE RACHEL
My Cousin Rachel / USA / 2017
Regie: Roger Michell
Mit: Rachel Weisz, Sam Claflin, Holliday Grainger, Holliday Grainger u.a.

„Meine Cousine Rachel“ ist neben „Rebecca“ der schönste und berühmteste Lady-Thriller, den Daphne du Maurier geschrieben hat, romantisch und „gothic“, beide einst legendär verfilmt (und „Rebecca“ auch noch auf Theater- und Musicalbühnen gebracht). Nun ist die Cousine Rachel wieder an der Reihe, gespielt von einer echten Rachel, nämlich Rachel Weisz, deren dunkelhaarige Schönheit perfekt der geheimnisvollen Protagonistin des Romans entspricht – an deren Unschuld wir allerdings nicht glauben wollen und wohl auch nicht sollen.

Das Ambiente hat seinen berühmten Reiz, schon seit Jane Austen und den Brontes und früher – die Welt des englischen Landadels, wo es letztendlich immer um Geld geht, wer heiratet wen und wer macht die beste Partie? Der junge, noch nicht volljährige Philip ist der Erbe seines im Ausland befindlichen Cousins. Auf Philip (der 30jährige, locker jünger wirkende Sam Clafin, der mehr und mehr zu Hauptrollen aufsteigt) wirft sein Vormund und Finanzberater Nick Kendall (Iain Glen) ein wohlwollendes Auge, nicht zuletzt für seine Tochter Louise (Holliday Grainger, deren britische Schlichtheit als Kontrast zur „Exotik“ der Heldin eingesetzt wird), die durchaus eine sympathische und gute Partie für den jungen Mann abgäbe. Diese beiden vor allem müssen nun wissenden Auges mit ansehen, was in der Folge geschieht – und der Zuschauer betrachtet die Geschichte (rechtens) quasi mit deren Misstrauen gemeinsam…

Erst kommen die Briefe von Cousin Ambrose, den man nicht kennen lernt. Er hat geheiratet, aber die Schwärmerei für Gattin Rachel weicht bald dem Misstrauen, ja, der Angst, von ihr ermordet zu werden… und tatsächlich, die Todesnachricht lässt nicht auf sich warten. Und Rachel, die sich tatsächlich auf das englische Landgut des Verblichenen wagt, auch nicht. Sie kommt unter dem Verdacht, eine Gattenmörderin zu sein, und nimmt in aller Eleganz den Kampf gegen das Misstrauen aller auf…

Nun ist sie ja in Gestalt der geradezu „schmelzenden“ Rachel Weisz eine verdammt schöne Frau, die sich so sanft und zurückhaltend gibt, dass es nicht wahr sein darf, und so nachdrücklich versichert, dass sie keinerlei Geld möchte, dass Philip Mühe hat, seine Hingerissenheit zu beherrschen… Wunderbar, wie beide alle Facetten ihrer Entwicklung ausspielen, wobei bei ihr gnadenlose Bewusstheit dahinter steht, bei ihm die Unschuld des Naiven.

Und nun geht es Schritt für Schritt, wir sehen, wie Rachel ihn einfängt, wie sie anfängt, ihr Verhalten zu ändern, als sie seiner sicher ist, man möchte direkt zur Leinwand hinauf schreien, er solle doch nicht so blöd sein und erkennen, was sich da abspielt… aber Daphne du Maurier hat auch ein Buch über die fatale Macht von Frauen über Männer geschrieben, ein hoffnungsloses Gespinst aus verwirrten Gefühlen, die die Wahrheit nicht sehen wollen.

Freilich, schon bei der Lektüre des Buches hat man gefunden, dass die Autorin sich es mit dem Ende leicht gemacht hat – sicher, es bleibt gänzlich unklar, ob der Reitunfall, der der „Bösewichtin“ das Leben kostet, Manipulation war oder Zufall, aber jedenfalls werden alle Kalamitäten, die da noch kommen müssten, solcherart billig beendet.

Wie dem auch sei: Es ist ein Klassiker seiner Art. Und so hat ihn Regisseur Roger Michell (Jane Austen-, aber ebenso Komödien-geeicht) auch inszeniert. Detailfreudig-schön das Milieu ausmalend, geht es ja dann um die Studie des jungen Mannes, der in die Fänge der raffinierten Frau gerät – der Psychothriller, der behutsam die Falle stellt und in dessen Hintergrund Machtspiele und Geldgier stehen, das ideale Unterfutter für jegliche Art von Verbrechen…

Alles in allem: Wenn man Rachel auch als misstrauischer, Krimi-geeichter Zeitgenosse keine Sekunde lang ihre Unschuld glaubt, man lässt sich doch gern in ihren Bann ziehen – und in den eines schönen Kostümfilms, der gestrige Welten so verführerisch ausmalt, auch noch. Herrlicher Eskapismus.

Renate Wagner

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