Der Neue Merker

TOUR DE FRANCE

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Filmstart: 21. April 2017
TOUR DE FRANCE
Frankreich  /  2016 
Drehbuch und Regie: Rachid Djaidani
Mit:  Gérard Depardieu, Sadek, Louise Grinberg u.a.

Wer wäre nicht a priori ein Fan des französischen Films, der Legendäres hervorgebracht hat? In letzter Zeit aber häuften sich die „schaumgebremsten“ Produktionen, die echte Themen auf einen verlogenen Gefälligkeits-Nenner brachten – ob es die schwarz-weiße Behinderten-Schnulze „Ziemlich beste Freunde“ oder die Multi-Kulti-Familienschlacht „Monsieur Claude und seine Töchter“ war. Aber wenn sich die Franzosen für diese wohlmeinende Verzerrung ihres Alltags so dankbar zeigen, dass sie millionenfach ins Kino stürmen – wer wird dann noch wagen, ihnen die Wirklichkeit als solche vorzusetzen?

Wenn man nun als Vorgabe eines Films liest, dass Gerard Depardieu als alter Rassist sich  mit einem jungen Moslem auf einer „Tour de France“, einem Road Movie durch Frankreich, zusammen raufen soll, dann waren die Erwartungen auf das Gebotene nicht sonderlich hoch. Doch Regisseur Rachid Djaidani (Franzose algerisch-sudanesischer Herkunft) macht in diesem seinen auch in Cannes präsentierten Film zwar Fehler, aber erst einmal nicht die auf der Hand liegenden. Allzu verbindlich wird es erst später.

Der Ärger, den sich in Paris rivalisierende Banden auf den Straßen bereiten, ist sicher echt und annähernd beängstigend. Wenn da Todesdrohungen ausgesprochen werden, glaubt man das aufs Wort. Also zieht der Manager eines jungen Musikers – begabter und bekannter Rapper, der sein Gesicht meist unter einer roten Schirmkappe versteckt – diesen lieber bis zum Konzert in Marseille aus dem Pariser Verkehr.

Far’Hook (gespielt von einem jungen Mann namens Sadek, der auch im wahren Leben Erfolge als Rapper erzielt) erhält den Auftrag, Serge, den Vater des Managers, in einem Klapperauto herum zu kutschieren. Dieser Vater ist, fett wie immer und entschieden ungepflegt, Gerard Depardieu – offensichtliche Idealbesetzung für den faschistoiden, in der Vergangenheit auch kriminellen Unterschichts-Franzosen, der jeden Grimm der Welt gegen die Muslime hegt, die da sein Land überfluten.

Im übrigen aber ist der Papa Maler und stolzer Freund französischer Geschichte – hat also zumindest eine feinsinnige Seite, wenn er dem jungen Migranten („Warum sprichst Du mich immer auf meine Herkunft an?“ beschwert sich dieser) die Schönheiten der Gemälde von Claude Joseph Vernet vermitteln will. Es sind Hafenansichten, die dieser im 18. Jahrhundert im Auftrag von Ludwig XV. malte und die Serge nun, mit Staffelei, Farben und Spachtel unterwegs, in den Hafenorten nachempfinden will…

Was die Musik betrifft, so liebt Serge es eher gestrig: Wenn er seinem Begleiter, den er anfangs gar nicht mag, „zurück-rappt“, tut er es mit aller Verachtung. (Musik durchzieht den Film übrigens und spielt eine große Rolle, vielleicht im Hinblick auf ein jugendliches Publikum.)

Sicher, was sich nun auf dieser Tour durch Frankreich begibt, sind die üblichen Auseinandersetzungen, die zwischen Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener Weltanschauung logischerweise empor kochen. Da raschelt das Papier des theoretischen Schlagabtausches gelegentlich durch die Dialoge, so sehr Depardieu sie auch differenziert erfüllt und so sympathisch der junge Mann letztlich guckt…

Indem er beide Figuren nicht ultimativ extrem zeichnet (zumal der junge, sehr hellhäutige und neutral aussehende  Araber ist nicht furchteinflößend wie so viele seiner Kameraden, sondern wirkt eher sanft), kann man dem Regisseur vorwerfen, das Thema zu verwässern, besonders wenn die Klischees stärker werden (die hübsche junge „Zigeunerin“, Louise Grinberg, wird eingeführt, damit sie mit Far’Hook locker ins Bett geht und ihm eine Predigt hält, wie die Muslime ihre Schwestern und Frauen behandeln), wenn es dann einfach albernes Kintopp ist (Depardieu fesselt Far’Hooks Gegner in der Badewanne).

Und doch, so schlecht die Kritiken des Films teilweise ausgefallen sind, ganz verschenkt er sein Thema nicht. Und kann man letztendlich einem „betroffenen“ Autor / Regisseur nicht nachfühlen, lieber die „menschliche Möglichkeit“ des Zusammenlebens auszuloten, als immer wieder Öl ins Feuer zu gießen – was ohnedies ausreichend geschieht (und auch thematisiert wird)?

Renate Wagner

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THE FOUNDER

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Filmstart: 20. April 2017
THE FOUNDER
USA  /  2016 
Regie: John Lee Hancock
Mit: Michael Keaton, Laura Dern, John Carroll Lynch, Nick Offerman u.a.

Warum heißt „McDonald’s“ nicht „Kroc’s“? Weil Ray Kroc, der die Idee dieser Burger-Läden optimierte, genau wusste, dass er einen so uramerikanischen Namen wie jener der Brüder McDonald brauchte, um ein Millionen-, was heißt: Milliarden-Unternehmen aufzuziehen. Gestohlen hat er ihnen Idee und Firma ohnedies. Denn dieser Ray Kroc (1902-1984) war schon eher ein üblicher Kerl. Und man wundert sich über die Lust, mit der Michael Keaton ihn auf die Leinwand bringt.

Als man Ray Kroc zuerst begegnet, ist der Mann aus Illinois Vertreter, der sich die in den fünfziger Jahren so beliebten Motivations-Bänder anhört – mach was aus Dir! Wie man erfolgreich wird!  Aber  „No thanks“ sagen die Besitzer von Essensläden, denen er sich mit seiner Idee einer Milkshake-Maschine nähert. Wenn er seine Frau (Laura Dern) anruft, simuliert er natürlich enormes Interesse, das angeblich an seinem Angebot herrscht (die Ehe geht später auseinander).

Im übrigen ärgert Kroc sich darüber, dass in den Essensläden die Bedienung für den Kunden so schlecht funktioniert. Und eines ist klar, er gibt nicht auf. Mit ein paar historischen Filmaufnahmen aus den fünfziger Jahren sorgt Regisseur John Lee Hancock für das Flair eines Amerika, durch das Doris Day zu tänzeln scheint… und das zur Beute von Abenteurern wurde.

Alles änderte sich, als Kroc den Brüdern Brüder Mac (John Carroll Lynch) und Dick McDonald (Nick Offerman) begegnete, die in ihrem kleinen Burger-Restaurant vieles besser machten. Aber Kroc sprudelte vor Ideen nur so über –kurze Wartezeit aufs Essen, Konzentration auf Burger, Fritten und Cola, der Ort als Treffpunkt für eine Familie, die sich kein Restaurant leisten kann, hier aber satt wird. Zweifellos hatte Kroc das Marketing System der Zukunft begriffen.

Und er war rücksichtslos genug, um alle Ängste der Brüder – denen es ganz strikt um Qualität ging – wegzuwischen. (Sie wollten beispielsweise kein Milkshake, in dem keine Milch war…) „Think bigger!“ war Krocs Motto, „wir sind nicht gierig“, setzten sie ihm entgegen. Es ist wirklich hart, dem Untergang der Anständigen zuzusehen.

Foto  the-founder M. Keaton  klein

Kroc war gierig, und er hebelte die beiden gnadenlos aus, sie waren hilflos gegen seine fundamentale Unanständigkeit. Denn am Ende stahl er ihnen nicht nur das Geschäft, sondern auch den Namen, den er für unabdingbar hielt, „weil er wie Amerika klingt“. Und er hatte ja tatsächlich recht Mit der Magie des Namens, mit der Effizienz der Vorgangsweise, mit der gnadenlosen Ausbeutung, die sich nie wirklich um Qualität kümmerte.

Der Film folgt dem furiosen geschäftlichen Triumphzug, den Keaton als Kroc hinlegt, bis zu 1600 Restaurants in 50 Staaten. Dann darf, um wieder das historische Flair zu beschwören, der echte, uralte Kroc kurz auf die Leinwand. Er hat den amerikanischen Traum verwirklicht. Es ist ein Traum des Brutalo-Kapitalismus, und er wird unsympathisch genug als solcher dargestellt. Wie schön, dass Kino einmal von der schrankenlosen Verherrlichung des Geldes um jeden Preis abrückt…

Dass das US-Publikum aber den Film nicht sehen wollten (die Flops mehren sich), mag gut und gern damit zu tun haben, dass sie sich ihr McDonalds’s von keiner Realität madig machen lassen wollen.

Renate Wagner

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THE BYE BYE MAN

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Filmstart: 21. April 2017
THE BYE BYE MAN
USA  /  2017 
Regie:  Stacy Title
Mit: Douglas Smith, Carrie-Anne Moss, Faye Dunaway u.a.

Das Genre des Horrorfilms ist vielfältig, sowohl thematisch wie auch in der Qualität des Gebotenen. Einen durchaus interessanten Ansatz findet der Thriller „The Bye Bye Man“, der den Schrecken in den Köpfen der Menschen verankert – was ja die Grundlage für viele „Wahnsinn“-Erkrankungen ist. Zwangsvorstellungen, die weiter getragen werden und sich im Hirn des „Befallenen“ nicht nur riesig aufblähen, sondern selbständig machen…

Tatsächlich weiß man gar nicht, wer der „Bye Bye Man“ eigentlich ist, wenngleich er zweifellos in die Welt der „Urban Legends“ gehört, jener unheimlichen Geschichte, die erzählt werden, ohne dass jemand sie belegen kann  – aber die Warnung, nicht an ihn zu denken und seinen Namen nicht auszusprechen, bewirkt natürlich (wie Menschen eben so sind) das Gegenteil. Gleich zu Beginn sieht man einen Mann, der wie hysterisch fragt, ob man „ihn“ erwähnt hätte – und schießt. Tötet. „Töte alle, die seinen Namen kennen, und dann töte Dich selbst.“ Was er am Ende auch tut. „The Bye Bye Man made me do it.“ Das war 1996.

In der Gegenwart ziehen drei junge Leute in ein großes, billiges Haus am Stadtrand – Studenten, Elliot (Douglas Smith) und Sasha (Cressida Bonas), ein Pärchen, sowie beider Freund John (Lucien Laviscount). Das große, unheimliche Haus mit Wald rundum, der Keller, da spielt Regisseurin Stacy Title mit den üblichen Tricks des Genres, man soll sich halt ungemütlich fühlen. Kollegin Kim (Jenna Kanell) kommt zu Besuch, sie ist „psychic“ und sagt schlimme Dinge voraus. Sie ist der Erste, die nicht überlebt… (Übrigens würde man niemand von dem jungen Quartett eine große Karriere voraus sagen.)

Und dann findet Elliot im Haus die Hinweise auf den „Bye Bye Man“, und die Katastrophe der Zwangsvorstellungen beginnt sich zu entrollen, alle haben auf einmal schreckensvolle Visionen. Alle verlieren gewissermaßen zugleich den Verstand und werden von Alpträumen gequält.  Als Elliot in der Vergangenheit recherchiert, findet er Hinweise auf den Massenmord, den ein Journalist, der sich mit dem Thema befasst hat, beging…

Für Filmfans ist Elliots Weg zu dessen Witwe interessant – Faye Dunaway, einst unvergessene Bonnie an der Seite von Warren Beattys Clyde, Star von “Chinatown” und “Network”, meisterliche Darstellerin von “Rabenmutter” Joan Crawford, spielt nun, was sie als 75jährige ist, eine alte Frau. Und doch ist da immer noch das geheimnisvolle Flair des Besonderen, das so wenigen Darstellern von heute eignet…

“Je mehr man daran denkt, umso näher kommt es” – leider gelingt es dann nicht wirklich, die Spannung kontinuierlich zu steigen, selbst wenn dann in der Phantasie der Beteiligten Monster (Skelett des Todes oder ein eher seltsamer, vager Riesenhund) erscheinen. Als Zuschauer weiß man nicht, ob die Aktionen (auch Morde), die man sieht, wirklich stattfinden oder nur im Kopf der Besessenen herumspuken…

Die Polizistin Detective Shaw (Carrie-Anne Moss, das zweite bekannte Gesicht des Films) weiß es auch nicht. So schleppt sich die Geschichte eher ihrem Ende zu, als dass man mit atemberaubender Gewalt auf ein Finale zurasen würde. Mit der vagen Hoffnung, dass niemand den “Bye Bye Man” erwähnt hat (um die nächste Welle der Katastrophen auszulösen), darf man scheiden… aber vermutlich flüstert es der schwer verletzte John doch der Polizistin ins Ohr, oder? Was Genaues weiß man schon wieder nicht.

Und was anfangs ein psychologisch interessanter Ansatz war, versucht einen letztlich dann lahmen Film mit der Beschwörung des Genres zu retten: ein paar Horrorbilder. Das reicht wirklich nicht. Schade drum.

Renate Wagner

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FAST & FURIOUS 8

Film Poster Fast 4 Furious 8~1

Filmstart: 13. April 2017
FAST & FURIOUS 8
The Fate of the Furious  /  USA  /  2017 
Regie: F. Gary Gray
Mit: Vin Diesel, Dwayne Johnson, Charlize Theron, Jason Statham, Michelle Rodríguez, Helen Mirren, Kurt Russell u.a.

Wenn es eine Filmserie wie „The Fast and the Furious“ schafft, sich über eineinhalb Jahrzehnte zu erstrecken und die Dollar-Milliarden nur so zu scheffeln, dann verzichtet man nicht darauf, nur weil ein Hauptdarsteller stirbt – selbst, wenn das Schicksal es so schaurig liebt, einen Mann, der durch Autoraserei-Filme berühmt wurde, bei einem Autounfall ums Leben kommen zu lassen. Das war Paul Walker, der als Polizist Brian O’Conner vom ersten Teil an dabei war, ebenso wie Vin Diesel und Michelle Rodriguez, die nicht immer auf der richtigen Seite des Gesetzes standen (was sich aber gebessert hat!).  

Ab Teil 5 stieß Dwayne Johnson als Polizist dazu, ab Teil 6 kamen – als grimmige Gegner – die Brüder Shaw in Gestalt von Jason Statham und Luke Evans zum Team, in Teil 7 nahm Paul Walker seinen ungewollten Abschied (er starb während der Dreharbeiten und wurde teilweise als Körperdouble von seinen Brüdern ersitzt), und Kurt Russell durfte als amerikanischer Regierungsmann Pointen setzen. Und obwohl die Regisseure und die Drehbuchautoren abwechselten, blieb das Konzept der Filme gleich – möglichst atemberaubende und ohrenbetäubende Auto-Action, starke Typen mit knackigen Dialogen.

Und das Ganze so locker-ironisch dargeboten, dass man gar nicht auf die Idee kommt zu fragen, wie ernst das gemeint sein kann: Denn dann dürfte nach zehn Kinominuten ohnedies niemand mehr am Leben sein, so schreckliche Unfälle sind an der Kino-Handlung-Ordnung, wobei die Protagonisten unzerstört wie Comic-Figuren aus den komplett zertrümmerten Autowracks steigen…

Dass in Film 8 nun Brian O’Conner / Paul Walker nicht dabei ist, wird weiter nicht erklärt: Man hat immer noch Dominic Toretto (Vin Diesel) und seine verständnisvolle, ebenso der Raserei verfallene Letty (Michelle Rodriguez), die vor keiner Verrücktheit (und keinem Stunt) zurückschreckt. Und so geht es gleich in Havanna los (prachtvolle Luftaufnahmen von der Stadt, echt in Cuba gedreht!!!) – selbstverständlich ein Autorennen durch die Straßen, wobei Toretto mit einem alten Klapperkasten, dem die meisten Außenteile fehlen (wer braucht schon eine Kühlerhaube?), durch die Stadt fetzt und am Ende das Auto brennend ins Meer stürzen lässt, während er geschickt hinausspringt – gewonnen! (Es kommt nicht auf den Motor an, sondern nur darauf, wer am Steuer sitzt, verkündet er vollmutig – ob die Formel 1-Betreiber da zustimmen werden?)

Aber so richtig genussreich werden die Flitterwochen in Cuba nicht, denn plötzlich taucht eine wirklich attraktive Blondine auf und ist gar nicht lieb: In diesem achten Teil der Serie, der so star-bestückt ist wie noch nie, übernimmt Charlize Theron die Rolle der Bösewichtin, der Cyber-Verbrecherin mit Namen „Cipher“, und sie macht das wirklich sadistisch-cool (nur ist ihr Gesicht so glatt, dass hier Mutter Natur sicherlich nachgeholfen wurde – vielleicht ist ihre Bösheit deshalb so unbeweglich). Kurz, sie erpresst Toretto mit einem so starken Mittel (man erfährt erst später, was sooo wirkungsvoll ist), dass er sich bereit erklärt, ihr bei ihren düsteren Plänen zu helfen…

Dann schwenkt die Handlung zu Luke Hobbs alias Dwayne Johnson, dem Ex-Agenten, der – wie niedlich – eine Kleinmädchen-Mannschaft für ihr Fußballspiel trainiert und ihnen beibringt, ihre Gegnerinnen im Stil eines Maori-Kriegstanzes zu bedrohen. Aber der Mann wird gebraucht, ebenso wie der Rest des „Teams“ von Toretto – zwei attraktive Damen (Elsa Pataky und Nathalie Emmanuel, deren Finger so schnell über den Computer fliegen) und zwei schwarze Komiker (Tyrese Gibson, dauernd beleidigt, weil er nicht als Supergangster gilt, und Chris Bridges, die Herren im steten Schlagabtausch).

„Mr. Nobody“, wie der Regierungsmann heißt, den ein leicht angegrauter Kurt Russell mit souveränem Humor verkörpert (ihm auf den Fersen in einer nicht sehr sinnvollen Rolle: Scott Eastwood, ja, natürlich, der Sohn…), holt sie alle zusammen, das Team Cipher / Toretto zu bekämpfen, und setzt ihnen noch Deckard Shaw (Jason Statham) in den Pelz, den alle nicht leiden können, bis er sich dann als sooo toll entpuppt (aber erst später, zwischendurch hält man ihn für tot… was ohnedies niemand glaubt).

Und um die Starparade komplett zu machen, gibt es ein paar Miniauftritte eine hinreißenden Dame, die sehr britisch Tee trinkt, völlig undurchsichtig ist und sich als Deckard Shaws Mama herausstellt: Helen Mirren in einem Cameo, wo man doch so gern mehr von ihr gesehen hätte… (Dass der einst böse Bruder von Deckard Shaw, Owen – der aus früheren Filmen bekannte Luke Evans – ganz am Ende auch noch dabei sein muss… wer wird denn da „dramaturgisch“ den Kopf schütteln?)

Hat man die Figuren, jede für sich stark genug, dann geht es nur darum, sie in die Action einzubauen, und das gelingt dem hier neuen Regisseur F. Gary Gray vorzüglich. Vor allem kann man nie sagen, wo die absolut unglaubliche Materialschlacht echt ist und wo sie aus dem Computer kommt. Das Kunststück ist jedenfalls bemerkenswert.

Nach dem Prolog in Havanna findet der erste Höhepunkt in New York statt, eine Jagd durch die Straßen, an der sich absolut sämtliche Autos der Stadt, von unsichtbaren Computerhänden geleitet, zu beteiligen scheinen, und wenn sie aus den oberen Stockwerken von Parkhäusern auf die Straße stürzen müssen… ein Chaos ohnegleichen, man glaubt dem Auge nicht, was es da sieht.

Warum Dominic Toretto bereit ist, sich gegen alle seine Freunde zu stellen, um für Cipher die Atomraketenpläne eines russischen Delegierten zu stehlen, der durch die Stadt fährt? Weil er (da blubbert die Sentimentalität nur so) entdeckt hat, dass er einen kleinen Sohn hat… dass dessen blonde Mutter im Lauf des Geschehens einfach abgeschossen wird, scheint ihn nicht im geringsten zu stören (im Gegenteil, das ist dramaturgisch nötig, da er schließlich eine neue Frau hat, der er das Kind am Ende bringt…). Alles dreht sich um seinen Sohn, mit dem ihn Cipher gnadenlos erpresst –  und ihn schließlich zum Finale mit bösen Absichten noch in eine russische Eiswüste schickt, wo sein Team natürlich auch wieder hinter ihm herdüst.

Was sich dort begibt, fällt gegen die New York-Szenen keinesfalls ab, das muss man einmal gesehen haben, wenn das Eis bricht, weil sich ein Unterseeboot in die Höhe hebt und der Begriff „Feuer und Eis“ angesichts eines Feuersturms ohnegleichen eine ungeahnte Dimension erhält…

All das dirigiert Cipher von ihrem Flugzeug aus, und wenn Deckard Shaw (samt Bruder) sie dort jagt, schlägt die Comedy-Stunde des Jason Statham: Der killt nämlich alles um ihn herum, während er Torettos Söhnchen in einem kleinen Buggy mit sich herumschleppt und sich zwischen den Schußwechseln immer wieder vergewissert, dass es dem Kleinen gut geht…

Zum allgemeinen Happyend wird der kleine Junge nach der verschwunden Paul Walker-Figur Brian genannt und es werden ein paar Kitsch-Tränen verdrückt und die Familie als höchstes Gut gepriesen (Trump-Amerika?)  – und Cipher, ja, die ist verschwunden, die konnte sich mit einem Fallschirm gerade noch rechtzeitig aus der Flugzug-Gefahrenzone katapultieren…

Aber da Vin Diesel für Frühjahr 2019 und Frühjahr 2021 bereits Teil 9 und 10 angekündigt hat, besteht die gute Möglichkeit, dass man auf eine so glitzernde Bösewichtin nicht verzichtet und wieder auf sie zurückgreift… Dass „The Fast and the Furious“ ihren Kassenrapport-Status nicht halten werden, ist nicht zu befürchten: Man bekommt in zweieinviertel Kinostunden wirklich sehr viel für sein Geld geboten.

Renate Wagner  

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THE BIRTH OF A NATION – AUFSTAND ZUR FREIHEIT

Film Poster Birth of a nation~1

Filmstart: 14. April 2017
THE BIRTH OF A NATION – AUFSTAND ZUR FREIHEIT
The Birth of a Nation  / USA  /  2016
Drehbuch und Regie: Nate Parker
Mit: Nate Parker, Armie Hammer u.a.

Wer war Nat Turner (1800-1831)? In unseren Zeiten rangiert er unter den wichtigsten Afroamerikanern. Für die Sklavenhalter des amerikanischen Südens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er ein Rebell, Führer eines überaus blutigen Sklavenaufstands, der hingerichtet wurde. Eine zwiespältige Figur, die so viel Unrecht erlitten wie getan hat.

Dennoch hätte der Film des noch nicht 40jährigen Afroamerikaners Nat Parker, der wie sein Vorbild aus Virginia stammt, wahrscheinlich bei der letzten „Oscar“-Verleihung unter so viel „schwarzem“ Kino („Moonlight“, „Fences“, „Hidden Figures“) als einziges wirklich hartes historisches Drama prominent mitgekämpft, hätte den Regisseur seine Vergangenheit nicht eingeholt. 1999 haben er und sein Freund Jean Celestin (er schrieb das Drehbuch für „Birth of a Nation“) eine betrunkene Frau vergewaltigt. Die beiden konnten Einvernehmlichkeit behaupten und wurden frei gesprochen. Aber, wie das Leben so spielt, nicht jeder hat nur Freunde – in der Nähe eines Erfolgsfilms, der „Oscar“-Chancen hatte, erinnerte sich der Bruder der betroffenen Frau (die Jahre später Selbstmord begangen hatte) an die  Geschichte, und nicht nur das feministische Bewusstsein des heutigen Amerika sorgte dafür, dass Nat Parker auch aus der Distanz von knapp zwei Jahrzehnten nicht verziehen wurde. Keine „Oscar“-Nominierung, mehr noch – der Film sackte in den Kinos ab. Obwohl ein wichtiges Kapitel ihrer Geschichte beschrieben wird, wollte auch die afroamerikanische Bevölkerung „The Birth of a Nation“ nicht sehen. Kaum anzunehmen, dass europäische Einspielergebnisse den Film an den Kassen noch retten wird…

Filme über Sklaverei sind immer ein Problem, man erinnert sich, wie Quentin Tarantino attackiert wurde, weil er das Problem in „Django Unchained“ (worin es wirklich brutale Szenen gab) angeblich nicht ernsthaft genug behandelt hat. Im Grunde hat nur der Film „Twelve Years a Slave“ des Regisseurs Steve McQueen von der Hoffnungslosigkeit des Sklavendaseins erzählt, ohne dass jemand etwas daran auszusetzen hatte. Nat Parker wollte es mit aller Brutalität klar machen: Er treibt die Gestaltung von schauerlichen Gewaltszenen zum Exzess (nur eine Vergewaltigung lässt er quasi jenseits der Kamera stattfinden…), aber er setzt sie natürlich ebenso spektakulär ein wie die sentimentalen Szenen von Leid und Verzweiflung.

Immerhin soll man wissen, wie Nat Turner zum Aufständischen wurde. Er war ein überaus begabter Junge, und die Hausfrau auf der Plantage nahm sich seiner an, lehrte ihn das Lesen, natürlich auf der Basis der Bibel. Und das wurde sein Schicksal. Zuerst von seinem Herrn auf die Baumwollfelder zurückgeschickt, entdeckte sein nächster Besitzer Samuel Turner (Armie Hammer in einer interessant schillernden Rolle), dass ein predigender Schwarzer in einer Welt unruhiger Sklaven etwas wert sein könnte. Später vermietete er ihn an verschiedene Plantagenbesitzer, damit er die Sklaven besänftige und im Namen Gottes erklärte, es sei ihre Pflicht, ihren Herren bedingungslos zu gehorchen… „Slaves, submit yourselves to your masters“, Sklaven, unterwerft Euch Euren Herren…

Hier baut Nate Parker als Regisseur und Drehbuchautor nicht nur die Szene von der Vergewaltigung von Net Turners Frau ein, sondern auch die grausamen Szenen aus dem Sklavenalltag, Brutalität gegen und Demütigung von Menschen, die kaum wagten, ihren Blick zu erheben und sich mühten, ihren kochenden Haß nicht zu zeigen, wollten sie nicht zu Tode geprügelt werden…

So geht man – auch Ned Turner wird einmal der brutalen Prügelstrafe unterzogen – gewissermaßen den logisch Weg, bis das Faß überquillt und es zur scheinbar unvermeidlichen, von Turner angeführten Revolution kommt, die er eigenhändig mit der Ermordung seines Herren beginnt.

Dann folgt ein Schlachtfest, in dem sich blutiger Haß entlädt – und das „Heldentum“ des Nat Turner dann doch fraglich macht. Es wurde zwar alles getan, um detailfreudig aufzuzeigen, dass die „Berechtigung“ bestand, sich zu wehren, auch zu vergelten, aber tatsächlich waren Unrecht und Gewalt auf beiden Seiten so groß, dass die Heldentauglich von Turner fraglich ist.

Ebenso die Qualität des Films, der weniger mit Analyse als mit der emotionalen Keule arbeitet und eigentlich nur erschreckt und abschreckt. Vielleicht war das die Absicht. Aber in einer Welt, wo die Dinge in den USA sich zwischen Schwarz und Weiß langsam konsolidieren, den alten Haß aufzustacheln – das ist wohl auch keine so gute Idee…

Renate Wagner

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DIE TASCHENDIEBIN

Film Poster  Taschendiebin~1

Filmstart: 13. April 2017
DIE TASCHENDIEBIN
Ah-ga-ssi / The Handmaiden / Südkorea  /   2016
Regie: Chan-wook Park
Mit: Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong u.a.

Man kann sich die Geschichte, die ein hoch raffinierter psychologischer Krimi ist, sehr gut in England vorstellen – dort spielt auch die Vorlage, der Roman „Solange du lügst“ von Sarah Waters. Regisseur Chan-wook Park – der mit Ausnahme des amerikanischen Krimis „Stoker“ bisher nur Filme im heimatlichen Korea gedreht hat (und damit immer Festival-Erfolge einfuhr) – hat die Handlung nun in die dreißiger Jahre versetzt, in ein von den Japanern besetztes Korea. Das Hin- und Her zwischen den beiden Nationen, die für den europäischen Zuschauer optisch nicht wirklich zu unterscheiden sind, löst hierzulande vielleicht Verwirrung aus, zumal der Film in Originalfassung gezeigt wird: Vor allem die zweifellos angesprochenen kulturellen Differenzen sind ziemlich undurchsichtig. Jedenfalls ist es ein historischer Film mit opulentem Ambiente, in dem europäische Herrenhäuser offenbar die übliche Wohnform für die Reichen und Schönen darstellten…

Undurchsichtig ist auch der Krimi, bei dem sich Chan-wook Park (wie auch schon bei „Stoker“) auf Hitchcock beruft. Erst später, wenn man Kapitel 2 und 3 sieht, weiß man, warum ein Kapitel 1 angekündigt wurde: Dieselbe Geschichte wird gewissermaßen dreimal erzählt, aus verschiedenen Aspekten, sie sieht dann ganz anders aus, und man merkt schnell, dass das Vertrauen, dass man zu Beginn aufgebaut hat – naiv in der Annahme, die Dinge seien, wie sie sind, wenn auch kompliziert genug -, nicht trägt: Alles ist immer anders. Fragt man nach Guten und Bösen, kommt man zu keinem Schluß. Nach „Ehrlichen“ zu fragen, wäre lächerlich, denn Betrüger sind sie alle…

Details zu erzählen, wäre Spoiling, aber einiges muss sein, um zu verstehen, worum es eigentlich geht: Da ist Fräulein Hideko, eine wunderschöne, reiche Erbin (eine Augenweide: Kim Min-hee), die mit ihrem Onkel Kouzuki (Cho Jin-woong) offenbar im besetzten Korea lebt. Dieser Onkel missbraucht sie dazu, vor männlichen Gästen erotische Vorlesungen zu halten – und im übrigen selbst auf sie und ihr Geld spitzt (wie man später herausfindet).

Und da ist ein koreanischer Hochstapler, der so genannte Graf Fujiwara (schmierig: Ha Jung-woo), der einen ganz ausgefeilten Plan hat: Er will Hideko in sich verliebt machen, sie heiraten, dann ins Irrenhaus sperren und mit ihrem Geld abpaschen. Als Hilfe setzt er die titelgebende Taschendiebin Sookee ein (hinreißend, halb offen, halb hintergründig: Kim Tae-ri). Sie soll die Situation ausspionieren und dem „Grafen“ den Boden bereiten… Was zuerst herauskommt und dem Film zweifellos eine breite männliche Klientel verschafft, ist eine (echte?) Zuneigung der beiden Frauen, in der Folge eine ausführliche lesbische Liebesgeschichte, die sich zum süffigen Soft-Porno ausweitet: Da gibt es etwas zu sehen zwischen zwei ebenso attraktiven wie sensiblen Frauen…

Der erste Teil der Geschichte führt bis zur Einlieferung ins Irrenhaus, wo man die erste Kardinalpointe der Geschichte serviert bekommt: Wer hat jetzt wen betrogen? Eine Frage, die sich verdichtet, wenn die Sache noch einmal (und dann noch einmal) erzählt wird und wir lernen, den Motivationen zu misstrauen, bis zum Ende, nicht wissend, was da läuft… bis zu etwas, das auf einem Schiff ein Happyend sein könnte. Wenn’s diesmal wahr wäre.

Das ist ein Krimi mit zahllosen vertrackten Drehungen und Wendungen und ein Erotik-Thriller von eigener Qualität… Asien-Kino der anderen Art, aber keinesfalls abgehobenes Arthouse, das nur für ein minimales Publikum gedacht wäre.

Renate Wagner

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GOLD

Film Poster  Gold~1

Filmstart: 14. April 2017
GOLD
USA / 2016
Regie: Stephen Gaghan
Mit: Matthew McConaughey, Édgar Ramírez, Bryce Dallas Howard u.a.

Goldgräber- bzw. Goldsucher-Geschichten gibt es viele, sie üben zweifellos eine gewisse Faszination aus. Und dies ist – man nehme nur den Titel – eine solche Geschichte. Allerdings geht sie über das Suchen und Finden von Gold hinaus, und das macht sie trickreich. Das beruht übrigens auf einer wahren Geschichte, die noch gar nicht so lange zurückliegt, also musste man Namen verändern. Aber unglaubwürdig ist a priori gar nichts daran.

Wer Geldprobleme und einen ungesunden Sinn fürs Abenteuer hat, mag bei der Goldsuche landen – schließlich gibt es davon noch Vorräte auf unserer Welt, man muss sie nur finden. Und man braucht einen Darsteller, dem man jede Verrücktheit glaubt. Matthew McConaughey. der auch schon auf die 50 zugeht, hat gemerkt, dass es ihm mehr einbringt, schräg statt hübsch zu sein: Man denke an seinen „Oscar“ für „Dallas Buyers Club“. Also auch hier: etwas mehr Kilos und viel weniger Haare, absichtsvoll gar nicht gut aussehend, aber letztlich noch immer der unbeschwert-schräge-aufgedrehte Typ, dem man den Kopfsprung in verrückte Aktionen glaubt.

Als Kenny Wells, dem man Ende der achtziger Jahre in Nevada begegnet, hat er leider die Familienfirma zu Bruch gefahren. Wie wäre es, denkt er, in Borneo Gold zu suchen? Dazu benötigt er den Schmuck der Freundin (Bryce Dallas Howard, die später, reich geworden, in verrückten Outfits prunken darf) bzw. das Geld, das er dafür bekommt, und den Geologen Mike Acosta (Édgar Ramirez). Ab nach Jakarta, wo er diesen überredet, mit ihm in den Dschungel zu gehen – und der erste, klassische Teil des Films ist fertig, weißer Mann unter Eingeborenen, Hitze, Malaria, Probleme, und schließlich, hurra, das Gold. Eine echte Mine, in der man üppig fündig wird. Dergleichen reicht meist für einen ganzen Film.

Aber hier wurde, aufgrund realer Ereignisse, einmal weiter gedacht: Stephen Gaghan („Syriana“) ist schließlich kein Durchschnittsregisseur. Und den konkreten Fall, der 1993 als Goldminen-Schwindel durch die Presse ging, gab es auch. Da ist das Gold – und was nun? Wie bringt man es unter die Leute, wie macht man Geld daraus? Hier geht Kenny mit seiner Washoe Corporation an die Börse und an die Wall Street. Und da geht es noch weit schlimmer zu als im Dschungel. Das fordert ebenso viel Unverschämtheit, Risikobereitschaft und, als Unterstützung, Whisky wie der erste Teil der Geschichte.

Aber gegen die Haie der Wall-Street und ihre skrupellose Gier kommt niemand auf, zumal sich bei diesem Geschäft auch die Politiker (ob in Amerika, ob in Indonesien) ein gewaltiges Stück abschneiden wollen. Und natürlich interessiert sich auch das FBI für die Sache…

Die Geschichte wird immer wilder, immer mehr Leute tauchen auf, denen selbst Kenny nicht gewachsen ist, aber seltsamerweise ist man ja als Normalmensch bereit, alles zu glauben, was man von den bösen Geldhaien so hört… Und da wird der Film zum Wirbelwind.

Nur eines steht leider fest: Obwohl „Gold“ ein durchaus gescheiter Film mit satirischen Untertönen ist, war er an der Kinokasse keineswegs golden, die Einspielergebnisse bewegen sich in den untersten Regionen. Da verliert man als Produzent sein Geld an der Wall Street genau so sicher…

Renate Wagner

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NICHTS ZU VERSCHENKEN

Film Poster  Nichts zu verschenken~1

Filmstart: 7. April 2017
NICHTS ZU VERSCHENKEN
Radin! / Frankreich /   2016
Regie: Fred Cavayé
Mit: Dany Boon, Laurence Arné, Noémie Schmidt u.a.

Warum passiert es den Franzosen immer wieder, dass sie Komödien mit einer durchaus realen Ausgangssituation drehen, deren Handlung sie nach und nach verschenken – um dann eilends in ein Happyend zu flüchten, das die Sache mehr oder minder wertlos macht? „Nichts zu verschenken“ ist nur ein Beispiel unter vielen. Und es ist schade, denn schließlich hat Dany Boon hier wieder einmal eine Charakterrolle angepeilt, die am Ende im Zuckerguß erstickt.

Und warum passiert es gerade diesem ambitionierten Dany Boon immer wieder, dass er sein grundsympathisches Selbst verleugnen und ein interessantes Ekelpaket spielen will, man ihn aber die Sache nicht zu Ende bringen lässt? Denn zu Beginn ist er wirklich faszinierend: ein Getriebener, geduckt unter der permanenten gesellschaftlichen Forderung, Geld auszugeben, was ihm geradezu körperlich widerstrebt. Dieser Mann ist total verkrampft, in steter Angst, man könne an seine Geldbörse wollen…

Dazu gibt es eine amüsante einleitende Szene, die uns sagen will (die Theorie existiert), dass ein Fötus im Mutterleib schon alles mitbekommt, was „draußen“ geschieht: Wenn also Mama mit Papa ständig wegen des Geldes auszankt, dass er gewissenlos hinauswirft, dann merkt das schon der kleine François Gautier im Bauch. Und hat seinen Komplex, seine Manie, seine Paranoia lebenslang weg. Gönnt sich gerade 50 Euro pro Woche, 10 pro Tag, am Wochenende isst er die Reste. gespart wird an Strom, Gas, an allem, und es darf natürlich auch keine menschlichen Beziehungen geben, denn die könnten am Ende einmal ein Abendessen kosten…

Natürlich muss die Dramaturgie eines Drehbuchs nun auf Heilung dieser „Krankheit“ (denn genau das ist es) hinauslaufen. Schade nur, dass es in der Regie von Fred Cavayé letztendlich so plump geschieht – und dem Thema eigentlich ausweicht.

Francois, der in einem Orchester offenbar höchst brillant Violine spielt (und schamlos aus den Eltern eines Geigenschülers das Optimum herauspressen will – es gibt wirklich peinlich-schmerzliche Szenen), bekommt in der Cellistin Valerie (Laurence Arné, bezaubernd und sympathisch) wirklich eine Traumfrau vor die Nase gesetzt. Aber kein Gefühl ist stärker als die Besessenheit, die ihn in den Krallen hält – was er sich einfallen lässt, um die unverschämte Rechnung im Luxuslokal nicht zahlen zu müssen, das ist blanke Komödien-Dramaturgie, aber das sieht man noch ein.

Aber dann steht – Neuigkeit! Wie oft war das schon da? – angeblich seine Tochter vor der Tür. Das kommt davon… dass er nicht nur abgelaufene Lebensmittel isst, sondern einst auch ein lange abgelaufenes Kondom benutzt hat. Nun ist Laura da (Noémie Schmidt, das klassische bebrillte, ach so liebenswerte Hascherl), die Mama bestätigt, dass sie wirklich seine Tochter ist, und er soll sie gefälligst eine Zeit lang behalten. „Papa“ sagt ja – für 140 Euro Miete. Wieder eine Szene, die weh tut…

Von da an ist aber die Sturzfahrt in den Kitsch nicht mehr aufzuhalten, es wird immer toller und immer schlimmer: Die große Lüge steht im Raum (von der Tochter ehrlichen Herzens verbreitet, die schließlich einen Supervater haben will), dass er nur so geizig ist, um alles Geld an mexikanische Waisenkinder zu verteilen (was die verärgerten Nachbarn dann geradezu rührt); es kommt die scheinbar große Outing-Szene, die dann doch anders umschlägt; die Tochter muss gerettet werden, und das kann nur er… kurz, das Ganze kippt in so viel Kitsch ab und um, dass die Ausgangsposition, die Studie eines krankhaft Besessenen, letztlich verschenkt ist.

Ist der Geizige am Ende geheilt? So genau weiß man das nicht. Es ging dem Film ja nicht um das echte Problem, sondern nur darum, mit der üblichen Weichspülung wieder einmal eine der verlogenen Komödien loszulassen, die seltsamerweise so erfolgreich sind… und von denen uns Frankreich besonders viele beschert.

Renate Wagner

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FREE FIRE

Film Poster  Free Fire~1

Filmstart: 7. April 2017
FREE FIRE
GB / 2017
Regie: Ben Wheatley
Mit: Brie Larson, Cillian Murphy, Armie Hammer, Babou Ceesay, Sam Riley u.a.

Es sind die Briten, die Filme auf die Leinwand knallen, die mehr oder minder Nonsense sind, aber verführerisch genug verpackt – „Trainspotting“ ist ein typisches Beispiel dafür. Charakteristischerweise werden alle Drehbuchvorgaben, die etwa bei den Amerikanern schwer klischiert walten, unterwandert. So auch in „Free Fire“ von Regisseur Ben Wheatley, wo Gangster sich nicht wie Gangster, sondern wie dumme Buben benehmen…

Zuerst wirkt alles einigermaßen professionell: Justine („Oscar“-Preisträgerin Brie Larson versucht, sich cool zu geben, lernt aber bald das Fürchten) ist offenbar Agentin, die einen Deal vermittelt. Zwei IRA-Iren, Chris (Cillian Murphy) und Frank (Michael Smiley), wollen in Boston Waffen kaufen (wir sind in den siebziger Jahren, heute sind ja alle – hoffentlich – brav). Vernon (Sharlto Copley) und Martin (der farbige Babou Ceesay) sind die Händler, Ord (Armie Hammer) ist auch dabei, und es gibt eine Menge Schießzeug in der Halle.

Und unsere IRA-Jungs haben noch Bernie (Enzo Cilenti) und Stevo (Sam Riley) im Hintergrund – das ergibt langsam eine ganz schöne Mannschaft. Eine Tasche mit Geld ist auch dabei – nun sollte man doch meinen, die Kerle probieren die Waffen aus, zahlen und verdrücken sich schnellstmöglich. Da wäre professionell. Aber, Pech, da sind dann noch Gordon (Noah Taylor) und Harry (Jack Reynor) – ehrlich, jetzt wird es für den Zuschauer langsam unübersichtlich, die schweren Jungs auseinander zu halten.

Noch dazu, wenn plötzlich irgendwelche von ihnen auf einander los gehen, weil sie noch eine Rechnung offen haben – und dann alle schießen. Und schießen. Und schießen. Mit geringen Feuerpausen. Da überlegt sich eine Agentin, ob sie wohl – sie ist schließlich eine Frau – da noch unbeschädigt heraus kommt. Die anderen schreien, fluchen (im Original gibt es keinen Satz ohne „Fuck“), stöhnen, denn irgendwelche Wunden bekommt jeder ab. Was ihnen auch gotteslästerliches Lachen entlockt, denn man hat den Eindruck, diese späten Buben finden das alles mehr lustig als lebensbedrohend…

Aufwendig ist der Film nicht, außer der riesigen Lagerhalle gibt es faktisch keinen Schauplatz. Das Geballere allerdings wollte als solches choreographiert sein und punktgenau mit Pointen versetzt. (Täte ihm leid, dass sein Freund jetzt tot sei, meint einer der Schießwütigen. Worauf der vermeintlich Tote den Kopf hebt und krächzt: „Noch nicht!“)

Keine Frage, solche Filme sind nicht für jedermann. Aber wer den schrägen Humor dafür besitzt, der wird eineinhalb Stunden lang vergnügt beim filmisch wirklich gekonnten Dauer-Schießen zusehen…

Renate Wagner

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A UNITED KINGDOM

Film Poster  United Kingdom x~1

Filmstart: 31. März 2017
A UNITED KINGDOM
GB  /  2016
Regie: Amma Asante
Mit: David Oyelowo, Rosamund Pike u.a.

Kitschalarm! Schwarzer Prinz verliebt sich in blonde Sekretärin und beide erkämpfen ihre Liebe gegen Widerstände gleicherweise in England wie in Botswana. Eine wahre Geschichte noch dazu – eine im Leben so erstaunliche wie auf der Leinwand. Denn der farbigen Britin Amma Asante mit Vorfahren aus Ghana ging es nicht um eine – am Ende gar triefende, Taschentücher in Bewegung setzende – Liebesgeschichte. Sie ist ihr das Vehikel, die afrikanischen Unabhängigkeitsbestrebungen nach dem Zweiten Weltkrieg aufzuarbeiten. Und das gelingt ganz bemerkenswert.

Zwar wird die Ideologie deutlich, aber die „echte Geschichte“ dominiert (und das ist bekanntlich immer die überzeugendste Art, Inhalte zu vermitteln). Zu Beginn ist man im London der vierziger Jahre, was ja schon einmal Leinwand-Nostalgie bedeutet. Da hat eine Blondine – eine einfache Sekretärin aus einer klassischen Mittelklassefamilie – in ihrer Aufgeschlossenheit gar nichts dagegen, mit einem Farbigen zu tanzen. Wer weiß schon, warum er da ist? Sie mögen sich…

Jetzt könnte das Märchen beginnen: Ja, dieser Seretse Khama ist ein Prinz! Thronfolger in Bechuanaland, wie man das heutige Botswana damals noch nannte. Noch regiert sein Onkel daheim, der junge Mann wurde zum Studium nach England geschickt und soll dann nach Hause kommen. Sein Land, nördlich von Südafrika gelegen, ist für die Briten, die es als Protektorat verwalten, hoch interessant, besonders in Bezug auf mögliche Rohstoffe, die man damals mit Eifer sucht…

Nun, Ruth Williams ist eine gescheite junge Frau. Das bedeutet, meint sie, dass sie sich nun in Würde von dem jungen Mann trennt und ihn in sein Schicksal ziehen lässt. Aber er liebt sie, will sie heiraten, und eigentlich will sie das auch. Obwohl jetzt schon der Druck beginnt – vor allem von Seiten der britischen Regierung, die natürlich auf Rassentrennung besteht, und von Seiten einer entsetzten Familie: Der Papa neigt noch dazu, die Tochter zu verstoßen.

Aber in Afrika nach der Heimkehr sind die Probleme des Paares nicht geringer, gerade, dass Onkel, Tante und Schwester des Thronfolgers seine weiße Frau, die für sie eine wahre Provokation darstellt, nicht gleich wieder hinauswerfen… Es ist eine Beleidigung für die Stämme, denen er vorsteht, dass er nicht eine Frau aus seinen Kreisen heiratet, ja, das macht ihn eigentlich der Regierung unwürdig…

Wenn man nun mit ansieht, wie Ruth sich einfach durch beharrliches Ausharren durchsetzt, vor allem, wenn die Briten ihren Mann nach London zurück kommandieren und nicht wieder nach Afrika lassen… dann könnte das herzzerreißend sein. Aber es geht nicht um privates Leid, sondern um einen politischen Kampf, den dieser Prinz von Botswana ausfocht. Er wollte erstens die Unabhängigkeit seines Landes von Großbritannien und zweitens eine Demokratie anstelle des alten Königtums.

Wie man weiß, hat er es erreicht, wenn auch erst nach jahrelangen Kämpfen, wobei die Briten mit ihrem gnadenlosen Herrenmenschen- und Kolonialmacht-Verhalten alles andere als gut abschneiden. 1966 wurde Bechuanaland unter dem Namen Botswana unabhängig, Seretse Khama war bis zu seinem Tod 1980 der erste Präsident des Landes, das er erfolgreich so weit wie möglich aus den Kämpfen im südlichen Afrika heraushielt.

Das ist das Märchen – und nicht, dass er und seine englische Frau alle Widerstände überwanden. Obwohl auch das eine schöne Geschichte ist, die von David Oyelowo (der Martin Luther King des „Selma“-Films) und Rosamund Pike wunderschön selbstverständlich und unpathetisch gespielt wird.

Renate Wagner

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