Der Neue Merker

HELLE NÄCHTE

FilmCover  Helle Nächte x~1

Filmstart: 24. November 2017
HELLE NÄCHTE
Deutschland, Norwegen / 2017
Regie: Thomas Arslan
Mit: Georg Friedrich, Tristan Göbel u.a.

Wollte man das gegenwärtige Angebot von Filmen analysieren, würde ein hoher Prozentsatz davon von Familie handeln – desgleichen bei Büchern, Fernsehspielen, Zeitungsartikeln. Das Thema der Generationen – vielmehr von deren Auseinanderbrechen – scheint virulent wie je. Thomas Arslan, der deutsch-türkische Filmemacher, der für seine Analyse deutsch-türkischer Schicksale bekannt wurde, hat diesmal einen Film ohne die geringste vordergründig-politische Implikation gedreht.

Nur eine Familiengeschichte – nein, genauer gesagt: eine Vater-Sohn-Geschichte. Ein Road Movie, es führt durch das nördliche Norwegen. Der Versuch einer Annäherung, Versuch einer Aufarbeitung – und gänzlich ohne die sonst in solchem Rahmen aufgebotenen Klischees. Auf dieser Reise wird absolut nichts künstlich aufgemotzt, gibt es keine aufregenden Ereignisse, keine Natur- und sonstigen Katastrophen, keine dramatischen Begegnungen. Einfach wie ein abgefilmtes Stück Leben. Und auch kein „Ergebnis“, mit dem man sich zufrieden auf den Weg machen kann. Thomas Arslan verzichtet auf all das. „Helle Nächte“ ist einem Segment trauriger Wirklichkeit auf der Spur.

Zu Beginn ein Telefongespräch. Michael redet mit einer entfernten Schwester über den verstorbenen Vater. Die Familie ist offenbar schon seit längster Zeit heillos zerbrochen – nein, die Schwester kommt nicht zum Begräbnis. Michael wird hinfahren. „Man wird nur einmal beerdigt.“ Schon hier schlägt Georg Friedrich den Ton an: Trocken, spröde, alles andere als verbindlich. Auch mit seiner Freundin, die ihn damit konfrontiert, ein Jahr nach Amerika zu gehen, gibt es keinerlei freundlichen Umgangston. Man weiß: Dieser Mann kriecht in sich selbst hinein und kommt nicht leicht heraus.

Und dann ist da Michael mit seinem langhaarigen Sohn Luis (Tristan Göbel): Warum dieser mitfährt zu dem Begräbnis nach Norwegen, erfährt man später. Er wollte einfach Opas Haus sehen. Dass er dafür mit seinem Vater zusammen sein muss, den er endlos nicht gesehen hat, seitdem die Eltern sich getrennt haben und er mit seiner Mutter am Land wohnt – das geht ihm sozusagen am A vorbei. Zwei lapidare, aber im Grunde verletzte, verletzliche und grobe Charaktere bleiben sich in der Folge nichts schuldig.

Helle Nächte, die zwei x x~1

Der Vater, der von seinem Sohn so gut wie nichts weiß, will das zufällige Beisammensein durch das Begräbnis nützen: ein paar Tage gemeinsam verbringen, durch Norwegen fahren, ein bisschen wandern, alles, was dem Jungen nur unverständiges Kopfschütteln abringt. Er mag nicht einmal reden, worüber? Am allerwenigsten will er Erklärungen, was warum schief gelaufen ist zwischen den Eltern, wozu der Vater ansetzen möchte. Nur keine Sentimentalitätssuppe, bloß nicht.

Was immer der Alte versucht, um auch nur ein Gespräch zu beginnen, der Junge wird ihn zurückweisen. Da gibt es nichts, was auch nur friedliche Co-Existenz garantiere… Nicht einmal über Filme (für jeden ein gemeinsames Thema) können sie einigermaßen miteinander reden. Irgendwann begreift man, dass sie schweigen, weil sie einander nichts zu sagen haben.

So fährt man mit ihnen durch Norwegen, lange im Auto sitzend (in einer großartigen Passage auch in den Nebel, durch den Nebel), lapidare Sätze, Landschaft, eine Hütte, mit einem norwegischen Mädchen kann Luis kommunizieren, mit dem Vater nicht. Einmal geht das Benzin aus, einmal fährt der Vater wütend weg, weil der Sohn gar zu brutal-unhöflich war, alles nicht weiter dramatisch. Sie wandern, der Junge springt durch die Gegend (wenn er denn seine Aversion gegen den ganzen Ausflug überwinden kann), der Vater keucht sich eines. Man schläft im Zelt. Der Film setzt Schritt für Schritt einen filmischen Fuß vor den anderen. Das könnte langweilig sein. Und ist in seiner trocken-traurigen Aussichtslosigkeit seltsam spannend…

Am Ende fliegen sie heim, offenbar jeder woanders hin. Nichts ist geklärt, nichts ausgesprochen, keine triefende Versöhnung, keine Beschwichtigung für den Kinobesucher, der sich nach Harmonie sehnt. Starren Gesichts sitzt Georg Friedrich im Bus. Abspann.

Das war’s, und das ist nicht wenig. Nicht nur, weil die beiden Darsteller (außer ihnen gibt es nur in Kürzestrollen zwei andere) so stark sind – auf Schauspielerkino ist das auch nicht ausgerichtet. Da möchte ein Drehbuch-Regisseur keine falsche Hoffnungen machen, dass menschliche Kommunikation um jeden Preis möglich sein muss, wie uns die Plapperer in unsäglichen US-Filmen und öden TV-Laber-Shows vormachen wollen. Wie man hier sieht (und wie man es in tiefster Seele weiß): Es klappt nicht immer. Der helle Himmel Norwegens hat keine Erlösung gebracht.

Renate Wagner

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ANNA FUCKING MOLNAR

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Filmstart: 24. November 2017
ANNA FUCKING MOLNAR
Österreich / 2017
Regie: Sabine Derflinger
Mit: Nina Proll, Murathan Muslu, Uwe Ochsenknecht, Nadeshda Brennicke, Gregor Bloéb, Robert Palfrader u.a.

Es gibt eine gewaltige Dosis Nina Proll in diesem Film, den sie sich selbst (zusammen mit Ursula Wolschlager) auf ihren herausfordernden Leib geschrieben hat. Thema: Sex. Was er im Leben der Schauspielerin Anna Molnar bedeutet (das „Fucking“ hat die schöne Doppelbedeutung von Fuck=Verdammt und Fuck=Ficken). So gut wie – fast alles. Es ist ein Film, der sich in jeder Hinsicht in fröhlicher, mutwilliger politischer Inkorrektheit ergeht, was durchaus etwas Erfrischendes an sich hat…

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Es beginnt im schönen Schauspieler-Milieu der Josefstadt. Die Premiere von Schnitzlers „Reigen“ steht bevor, Anna Molnar (man erlebt sie in der ersten Szene von Fans umringt, denen sie huldvoll Autogramme gibt) ist in der Rolle der „Schauspielerin“ eingesetzt. Der Theaterdirektor, auch Schauspieler (so etwas kommt in der Josefstadt vor – hier besetzt mit Proll-Gatten im Leben, Gregor Bloéb, der eine unleugbare Überzeugungskraft für halbseidene Charaktere mitbringt), ihr Liebhaber, ist auch ihr Partner in der Szene „Der Dichter und die Schauspielerin“.

Bevor es allerdings dazu kommt, ertappt sie ihn in der Garderobe im Liebesspiel mit der Kollegin, die das „süße Mädel“ spielt (Josefstädterin Alma Hasun). Na, da geraten sich die Damen in die Haare, und das im Wortsinn, Anna säuft ihren Kummer weg und kollabiert während der Premiere auf der Bühne. Abbruch. Ein Feuerwehrmann, der noch eine sehr große Rolle spielen wird (Murathan Muslu), trägt sie weg.

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Die nächste Wendung der Handlung gleicht (sicher unbeabsichtigt) jener, die man kürzlich mit Veronica Ferres in „Unter deutschen Betten“ erlebt hat: Die Dame, vom mächtigen Liebhaber vor die Tür gesetzt (auch das im Wortsinn: rausgeworfen, nimm Dein Zeug und verschwinde), steht vor dem Nichts und muss sich neu erfinden.

In diesem Fall gibt es den scheinbar reichen Papa, bei dem sie untertauchen kann: Dieser Herr, besetzt mit Uwe Ochsenknecht (der dermaßen nicht nach ihm selbst klingt, dass man meinen könnte, er sei österreichischen synchronisiert worden), ist würdiger Vater seiner Tochter, nämlich sexsüchtig (man kann ihn auch beim Rotkäppchen-und-böser-Wolf-Spielen mit einschlägiger Dame beobachten). Und das, obwohl er seiner verbiesterten Frau (Nadeshda Brennicke) doch einen so schönen neuen Busen gekauft hat… Mit seinen Unterleibsproblemen wird man auch reichlich konfrontiert, ob man das schätzt oder nicht (und Simon Schwarz genießt es, als unerträglich heiterer Arzt dort tätig zu werden). Im übrigen ist der Papa nicht so reich, wie er tut, aber immerhin kommt Töchterchen bei ihm unter.

Was nun? Erst einmal Sex – weil kein Mann greifbar ist, besorgt Anna es sich genüsslich in der Badewanne selbst, und man darf zusehen: Keine Frage, der Film ist ein richtig süffiger Soft-Porno, Nina Proll gibt sich hemmungslos exhibitionistisch, auch wenn sie riskiert, dass man diese Anna für ihr zweites privates Ich hält… Der Doktor, der sie komatös im Spital behandelt hat (Robert Palfrader, ganz auf blöd, was ihm nicht schwerfällt), landet später tief zwischen ihren Beinen, auch das ausführlich zu betrachten. (Als er von unten wieder auftaucht, fragt er hoffnungsvoll, ob er jetzt an der Reihe sei…)

In der Folge sorgt Nina Prolls Drehbuch dafür, dass die Schauspielerin Nina Proll alle Register ziehen darf, sozusagen das schauspielerische Können (und sie hat es) auf und ab bedienen. Und das muss sie auch, um über manchen (wohl selbst verfassten) hölzernen Dialog hinweg zu kommen. Vor allem, wenn es um den Feuerwehrmann geht, den sie zum Sexvollzug herausfordert, was der arme Mann nicht bringt, weil so auf Kommando und ohne Gefühl… Die Dame ist gnadenlos (und da wird’s peinlich), wenn sie ihn immer wieder in seiner Männlichkeit anzweifelt und aufreizt. Armer Kerl. Doppelt arm, weil er eine wirklich miese Frau hat (Franziska Weisz), die den Verlassenen (sie hat inzwischen offenbar einen Besseren) nach allen Regeln der üblen Weiber-Kunst mit der kleinen Tochter quält… Dass das arme Kind, zwischen den Eltern hin- und hergerissen, zu beten anfängt und folglich als „gestört“ betrachtet wird, ist sicher ein Element, das man sich hätte schenken können.

Witzig-parodistisch sind jene Sequenzen, wenn Anna Molnar wieder in den Job zurückfindet, indem sie in einer der unsäglichen Mittelalter-Schnulzen spielt, die das Fernsehen so schätzt. Da kann man ganz schön Vitriol über die Branche und ihre verlogenen Klischees gießen…

Kurz, Anna Molnar ist kein Opfer, darum geht es in diesem Film, den Sabine Derflinger um die Hauptdarstellerin gebaut hat. Auf besondere Glaubwürdigkeit ist das Ganze ja nicht angelegt, aber man kann es auch übertreiben: Ich möchte die Schauspielerin sehen, die von einer „Romy“-Preisverleihung wegläuft, wo sie soeben als „beste Schauspielerin“ gekrönt wurde, um ihrem Liebsten beim Strippen zuzusehen… aber das ist für das Happy End nötig.

Erstens darf sich nun auch der Feuerwehrmann mit seinen Muskeln und sonstigem ausstellen – und zweitens fällt auf, dass selbst in einem Film, der so fröhlich so viele Tabus bricht, der Erwählt trotzdem am besten ein Mann mit Migrationshintergrund (aber schönem Wienerisch!) ist. Irgendwo muss man sich doch dem Zeitgeist anpassen…

Im übrigen kann man Nina Proll nur gratulieren. Die fürchtet sich wirklich vor gar nichts.

Renate Wagner

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THE JUSTICE LEAGUE

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Filmstart: 16. November 2017
THE JUSTICE LEAGUE
USA / 2017
Regie: Zack Snyder
Mit: Ben Affleck, Gal Gadot, Henry Cavill, Jeremy Irons, Amy Adams u.a.

Schade, dass „Wonder Woman“ wohl doch eine Ausnahme war, die Superheldin, die sich solo im eigenen Film mit so viel Charme und Humor herumtreiben durfte. Nun ist schon wieder der altbekannte Auftrieb der Comic-Superhelden angesagt, nicht die von Marvel, sondern die von DC – der zweite Riesenkonzern, der mit den Figuren von Batman und Superman auch nicht schlecht bestückt ist.

So richtig froh ist man mit den letzten Filmen dieses Franchise allerdings nicht geworden, nicht mit „Batman v Superman: Dawn of Justice“ im Vorjahr und noch weniger mit „Suicide Squad“. Aber die Namen der gezeichneten „Helden“ bringen offenbar doch das Publikum ins Kino, also hat man wieder Regisseur Zack Snyder geholt, um die Herrschaften in einem Film zusammen zu treiben – wobei er ein Problem hatte: Denn am Ende seines vorigen Films, „Batman v Superman“, hat – wenn man sich recht erinnert – Ersterer den Letzteren gekillt. Nun ja, Comic Figuren sind bekanntlich unsterblich, wen wundert also die Auferstehung, wenn er nun in „The Justice League“ dringend gebraucht wird…

Kurz gesagt, die Welt ist wieder einmal vom ultimativ Bösen bedroht. Er nennt sich „Steppenwolf“ (Hermann Hesse kann nichts dafür und hat absolut nichts damit zu tun) und muss (es gibt immer so alberne Aufgaben) drei magische Behälter aus der Erde holen, um seine Weltherrschaft zu sichern: Optisch wirkt er zerklüftet unmenschlich unter einem Hörner-Kopfschmuck, und Ciarán Hinds steckt nur hinter dem, was Computer aus ihm gemacht haben… Flankiert wird er von wirklich hässlichen Dämonen, die bei jeder Gelegenheit kreischend herumflattern (und sich am Ende als ziemlich unzuverlässig erweisen…).

Der Mann ist offenbar so hoch gefährlich, dass man alles zusammentrommeln muss, was positive Superkräfte hat, voran glücklicherweise Wonder Woman, wieder in Gestalt von Gal Gadot. Sie darf zwar nur andeutungsweise jenen Witz und jene Lockerheit zeigen, die sie in ihrem „eigenen Film“ hatte, aber irgendwie war auch Regisseur Zack Snyder klar, dass es bluternst nicht mehr geht. Dennoch – so ernst war es ihm mit dem Humor auch nicht, das Hölzerne, das Pathetische überwiegt. Und vor allem die Kampfszenen – geschätzte drei Viertel des Films geht immer irgendjemand auf irgendjemanden los, die Computer lassen es krachen, Feuer sprühen, alle möglichen Geschöpfe durch die Lüfte fliegen… so kunstvoll kann das gar nicht sein, dass es nicht immer dasselbe wäre.

Batman Wonder Woman x

Immerhin ist Wonder Woman (manchmal mit einem ironischen Lächeln über die Männerwelt) Mittelpunkt der Geschichte. An ihrer Seite ein optisch schwer und schwerfällig gewordener Ben Affleck, der als Batman im Grunde gar nichts hermacht und peinlich herumsülzt. Rekrutiert werden noch ein martialischer Aquaman (Jason Momoa hat etwas Wikingerhaftes an sich), ein hysterischer Teenager, der zu „The Flash“ mutiert (Ezra Miller ist tatsächlich der Komiker des Films) und schließlich ein verwundeter Farbiger voll von metallenen Ersatzteilen in Körper und Gesicht – Cyborg is here (gespielt von Ray Fisher).

Aber solche Nebenfiguren bringen es ja nicht. Endlich darf Amy Adams auftauchen, zuerst in einer Szene mit Nebenrollendarstellerin Diane Lane: eine traurige Lois Lane und eine traurige Mama Kent glauben ihren Freund / Sohn tot, aber nein, Superman kommt wieder: Henry Cavill mit unendlich glattem, etwas dummem Gesicht, aber nötig, damit man mit vereinten Kräften gegen den Steppenwolf vorgehen kann. Womit dann, wenn endlich alle beisammen sind, in der Handlung außer dem Gekämpfe gar nichts mehr passiert.

Freunde feiner Schauspielkunst werden auf Neben-Nebenrollen verwiesen: Jeremy Irons in der Rolle, die einst Batmans Butler war, sitzt jetzt dauernd an Computern, und welche Funktion J. K. Simmons (der irgendwie einst als Polizeichef von Gotham City zu Batman gehörte) hier hat, weiß man nicht, aber er ist ein guter Schauspieler. Was man von den meisten Beteiligten an diesem Streifen ehrlichen Herzens nicht behaupten kann.

Das Ganze wäre nicht so trostlos, hätte man nicht inzwischen bewiesen (ja, mit „Wonder Woman“, und das war nicht nur Frauenpower, sondern auch Filmverstand), dass es anders und besser geht. Wenn sie schon immer wieder die alten Comic-Herrschaften verkochen, sollte nicht immer wieder die alte Suppe herauskommen.

Renate Wagner

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THE SQUARE

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Filmstart: 17. November 2017
THE SQUARE
Dänemark, Deutschland, Frankreich, Schweden / 2017
Regie: Ruben Östlund
Mit: Claes Bang, Elisabeth Moss, Dominic West u.a.

Die Skandinavier sind anders, man merkt es, wenn man in ihren Ländern reist. Sie wirken aufgeschlossener, liberaler, lockerer, freundlicher – und sind es teilweise wohl auch. Aber dieses (auch spürbare) Bemühen, sich richtig zu verhalten, hat seinen Preis. Und davon – in viele Themenstränge auseinander dividiert und wieder zusammen gebunden – handelt dieser Film des schwedischen Filmemachers Ruben Östlund, heuer in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und wohl auch noch für einen Auslands-„Oscar“ gut. Denn hier geht es um ein ganzes Bündel von Problemen, eines interessanter als das andere, perfekt geknüpft an die zentrale Figur.

Er heißt Christian, ist vielleicht an die 40, sieht gut aus, was heutzutage auch dazu gehört, hat Macht und Prestige – und ist trotzdem kein A-Loch. Vielmehr versucht er aufrichtig, alles richtig zu machen, und stolpert über alle Fallen, die das Leben einem legen kann.

Dass Christian Museumschef ist, ist für die „Titelstory“ nötig: „The Square“ – ein Quadrat am Boden – ist Zentrum eines für unsere Tage typischen Kunst-Projekts, wo vor allem eine „moralische“ Idee dahinter stecken muss: ein Quadrat, das jedem Schutz bieten soll, der es betritt, das zur Mitmenschlichkeit auffordert, all die Dinge, die so leicht postuliert und in der Realität so schwer durchgeführt werden. Da kann man die Museumsbesucher schon beim Eintritt maßregeln, indem man sie zwingt, sich per Knopfdruck dafür zu entscheiden, ob sie ihren Mitmenschen vertrauen oder nicht – wie viele wagen da schon, nein zu sagen?

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Aber wie ist das in der Realität, wenn man Bettlern gegenüber ablehnend den Kopf schüttelt – und sich dann von der Unverschämtheit einer Sandlerin klein kriegen lässt, die in einem Imbißladen noch unverschämt „bestellt“, was der reiche Mann ihr mitbringen soll – und das Sandwich ohne Zweibel. Und ohne Dank genommen. Da brodelt die Abneigung zwischen den sozialen Schichten so richtig auf. Wie überall.

Und wie ist das, wenn eine junge Frau schreiend über den Platz rennt und offenbar Hilfe vor einem Verfolger sucht? Christian weiß nicht recht, was er tun soll, will sich eigentlich nicht einmischen, nicht belästigt werden, hält die Frau dann doch schützend fest – und stellt später fest, dass alles weg ist: Handy, Geldtasche, die Manschettenknöpfe, die er vom Großvater geerbt hat… Nicht so leicht mit der Mitmenschlichkeit, wenn diese locker ausgenützt wird.

Manche Kritiker fanden den Handlungsstrang, wie Christian versucht, in Alleinregie sein Handy wieder zu bekommen, humoristisch, aber er ist es überhaupt nicht. Zuerst die Erkenntnis, dass man sich nur selber helfen kann. Er setzt einen jungen Mitarbeiter (ein Migrant, die in dieser Gesellschaft selbstverständlich dazu gehören) an den Computer und lässt ihn sein Handy orten. (Bei uns wäre er für diesen privaten Missbrauch von Arbeitskraft vermutlich mit Compliance-Strenge rausgeflogen.) Schließlich findet sich das Handy in einem großen Wohnhaus in einem „schlechten“ Viertel (in der Nähe des Imbißladens) – und was nun? Zettel drucken, auf denen steht, man wisse, Ihr habt die Sachen gestohlen, aber wenn sie im Laden abgegeben werden, lässt man die Sache auf sich beruhen. Und diese Zettel in jede Wohnungstür stecken… (Das mag der vollmundige junge Mitarbeiter übrigens plötzlich doch nicht tun, der Chef muss selbst ran, was er gar nicht gerne hat – Unangenehmes delegiert man schließlich.)

Die Methode funktioniert sogar, hat aber ein echt tragikomisches, vom Regisseur breit ausgewalztes Nachspiel – von einem tobenden kleinen Migranten-Jungen, der Christian nun vorwirft, er werde jetzt für einen Dieb gehalten, und der eine Entschuldigung verlangt, sonst würde er „Chaos“ machen. Was er auch tut, das mit der Entschuldigung klappt dann so doch nicht… und wird peinlich und traurig, wie so vieles an Christians Geschichte.

Auch der One-Night-Stand mit der Journalistin Anne (Elisabeth Moss), wobei die beiden am Sex nicht den wahren Spaß zu haben scheinen. Dass sie dann unbedingt das Kondom mit seinem Sperma haben will und nachher Christian bezüglich einer „Beziehung“ zur Rede stellt, was er nie im Sinn hatte… unglückselig, lästig, weil gänzlich unerwartet, aber er weiß natürlich, dass er sich anständigerweise damit auseinandersetzten muss.

So, wie er sich um seine beiden kleinen Töchter kümmern muss (von einer Mutter erfährt man nichts), sie aber im Kaufhaus verliert, weil er natürlich am Handy hängt, und dann seine Einkäufe einem Bettler als Hüter anvertrauen muss, um die Mädchen zu suchen… „Können Sie mir helfen?“ fragt der elegante Herr im Anzug den Migranten, der in demütiger Pose am Boden liegt…

Und natürlich geht es im Leben des Museumsmannes (wenn er auch vom Problem des Wiederfindens seines Handys sehr abgelenkt ist) um Kunst, um die moderne Kunst von heute, die er persönlich durchaus nicht  unreflektiert betrachtet. („Ist alles, was im Museum steht, Kunst? Ist eine Handtasche, wenn ich sie dorthin stelle, Kunst?“) Wenn das Kunstwerk aus aufgehäufelten Erdhügeln besteht und, um Gottes Willen, einer davon „beschädigt“ wird, will er nicht, wie seine Mitarbeiter, großen Wirbel machen und die Versicherung verständigen, sondern befiehlt einfach (und vernünftig), den Hügel heimlich, still und leise neu zu machen…

Ein Kunst-Event muss natürlich auch „verkauft“ werden, und Christian, den Kopf voll von anderen Dingen, hört kaum zu, wenn zwei junge Mitarbeiter überlegen, wie man am provokantesten für das „Square“-Objekt werben kann. Wo sehen die meisten Menschen hin? Ein Kind. Ein Bettlerkind. Ein blondes Bettlerkind. Im Quadrat. Und dann sprengt man es in die Luft. Christian weiß von nichts, als dieses Video auf YouTube erscheint und zahllose Male angeklickt wird, aber er ist verantwortlich. Es kostet ihn seinen Job. Er trete freiwillig zurück, sagt er, worauf ach so liberale Journalisten fragen, ob das die Grenzen seiner Toleranz seien?

Ja, der Liberalismus: Selbstverständlich ist unter den Mitarbeitern ein Mann, der in unserer Welt längst in Pension geschickt worden wäre, und niemand sagt etwas, wenn ausgerechnet dieser alte Mann ein Baby (sein Baby?) zu einer Besprechung mitbringt. Bei einem öffentlichen Interview mit einem Künstler (Dominic West) beginnt im Publikum ein Mann mit Tourette-Syndrom zu schimpfen. Hierzulande würde man ihn höflich entfernen. Dort wird jemand, der leisen Unmut über die Störung äußert, scharf zurecht gewiesen, es handle sich schließlich um einen kranken Menschen… Und wenn schließlich als provokante Kunst-Aktion ein „wilder Mann“, der sich wie ein Menschaffe gebärdet, auf eine luxuriöse Abendgesellschaft losgelassen wird – wie lange dauert es, bis man zu reagieren wagt, als der Mann alle Grenzen überschreitet und fast zu einer Vergewaltigung ansetzt? (Da bleibt die Gesellschaft allerdings länger stockstarr, als man es für glaubhaft halten möge.) Ruben Östlund ist zum Thema heutigen Verhaltens und Verhaltens-Unsicherheit sehr viel eingefallen…

Und als Christian trägt der dänische Schauspieler Claes Bang alle Schicksalsschläge zweieinviertel Kinostunden lang mit aller Würde, die er aufbringen kann. Nie überdreht, nie als lustig Leidender, nie demonstrativ. Bestenfalls gestresst. Der Intellektuelle ist der Prügelknabe der Gesellschaft, nicht aber des Films. Einmal wurde am lebenden Beispiel – mit Humor, aber ohne Häme – gezeigt, wie schwer es ist, sich so richtig zu verhalten, „wie es im Buch steht“…

Renate Wagner

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TIERE

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Filmstart: 17. November 2017
TIERE Schweiz, Österreich / 2017
Regie: Greg Zglinski
Mit: Birgit Minichmayr, Philipp Hochmair, Mona Petri, Michael Ostrowski, Mehdi Nebbou u.a.

Selten haben so viele Kritiker – nicht irgendwelche, sondern von hochkarätigen Zeitungen – eingestanden, einen Film nicht durchschaut zu haben. Sich nicht auszukennen. Was der Regisseur wollte… Und wenn er genau das wollte? Das wäre nämlich die einzige „Lösung“, auf die man im Zusammenhang mit „Tiere“ kommt. Das ist übrigens, es sei gleich gesagt, ein wirklich spannender Film. Ein Psychothriller. Ohne Lösung.

Was ins Absurde und Rätselhafte abgleitet, muss „normal“ beginnen, sonst funktioniert es nicht. Also – er ist Koch (Philipp Hochmair als Nick segelt gleich zu Beginn mit hoher Kochmütze durch ein Restaurant), sie ist Autorin (Birgit Minichmayr als Anna durchgehend mit einer Verkniffenheit, die von ihrem inneren Unbehagen erzählt). Dass er sie betrügt, ist für niemanden ein Geheimnis – mit Andrea aus dem dritten Stock? Oder mit Mischa, die quasi engagiert wird, um als „Wohnung-Sitterin“ zu fungieren?

Nick und Anna wollen nämlich zwecks Ehe-Heilungs-Urlaub einen Szenenwechsel, ein Haus an einem Schweizer See mieten, er Schweizer Rezepte erforschen, sie einen „erwachsenen“ Roman schreiben, bisher waren es Kinderbücher. Die Geschichte begleitet die beiden auf ihrer Reise.

Daneben aber läuft immer wieder die Handlung im heimatlichen Wien – dabei werden Andrea und Mischa (und später eine Schweizer Kellnerin) von derselben Schauspielerin (Mona Petri) gespielt. Und die Handlung, die sich um sie rankt, ist undurchsichtig bis zum Exzess. Gab es einen Selbstmord? Einen Unfall? Da ist der Blumenhändler, der Andrea rabiat nachsteigt (Michael Ostrowski ohne sein übliches Geblödel), da ist der Arzt, der – ja welche der Damen? – im Spital kennen lernt (Mehdi Nebbou) und mit ihr ein Verhältnis beginnt. Ist diese Geschichte nur (am Ende gibt es eine Andeutung, die Idee einer Möglichkeit) Erfindung, die Handlung von Annas Roman? Aber wenn sie real ist – was hat sie letztlich mit unserem Paar zu tun? Es ist eindeutig der weniger interessante Teil des Films, tatsächlich könnte man fast darauf verzichten. Nicht hingegen auf Anna und Nick.

Um diese geht es hauptsächlich. Nachdem sie auf einer Schweizer Landstraße ein Schaf überfahren haben und Anna ein paar Stunden im Spital war, geraten die Wahrnehmungen aus den Fugen. Nicht nur, dass Nick auch hier auf sexuelle Abwege geht – Anna weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen ist; die spricht mit einem großohrigen, gespenstischen schwarzen Kater; sie sieht sich selbst zu, verdoppelt sich. Und auch Nick spricht mit ihr, wie er glaubt, und spricht ins Leere…

Ja, und am Ende, ja, da ist einer von beiden tot. Und Regisseur Greg Zglinski, der alles gewissermaßen selbstverständlich erzählt (so ist es – das „Ist es so?“ denkt man sich selbst) hat uns keine wohlfeile Lösung geliefert, ein bisschen Geisteskrankheit vielleicht oder lieber die Krimi-Verstrickung, dass jemand in den Wahn getrieben werden soll? Und… und… und… Fragen über Fragen (nicht zuletzt: Wenn Tiere sprechen, in welcher Art von Welt, in welcher Art von Film befindet man sich?). Das Drehbuch (nach dem Roman des mittlerweile verstorbenen Jörg Kalt) lächelt sich eins und spinnt sich in seine Absurdität ein.

Und doch – das Ganze ist wirklich spannend. Auch wenn man weiß, dass es zu nicht führt, was mit den Gesetzen der Logik zu fassen ist, sieht man diesem Paar unglaublich gespannt zu. Das sind starke Schauspieler, die eine unglaubliche Chemie miteinander entwickeln, zusammen, gegen einander. Man will immer wissen, wie es weitergeht. Bis es nicht mehr weitergeht. Auch dann ist man nicht böse: Können starke Geschichten nicht einfach an sich, in sich interessant sein?

Renate Wagner

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LICHT

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Filmstart: 10. November 2017
LICHT
Deutschland, Österreich / 2017
Regie: Barbara Albert
Mit: Maria Dragus, Devid Striesow, Maresi Riegner, Stefanie Reinsperger u.a.

In Wien hat man sie nicht vergessen – nicht nur der Paradisgasse in Döbling wegen (Betonung auf dem zweiten A). Aber man denkt an Maria Theresia Paradis ((1759-1824), die damals so berühmte blinde Pianistin der Mozart-Zeit, doch vor allem im Zusammenhang mit Franz Anton Mesmer (1734-1815), dem Zauberer und Scharlatan der Epoche (dessen „magnetische“ Behandlungsmethode Mozart bekanntlich in „Cosi fan tutte“ parodiert hat, wenn Despina sich als Arzt verkleidet). Um die Geschichte der versuchten „Heilung“ der jungen Frau durch Mesner ranken sich die bösen Gerüchte, dass er sie auch missbraucht haben soll – eine seltsame Geschichte voll Ungewissheit.

Der romantische Plüsch des 18. Jahrhunderts, der diese real-historische Episode in konventioneller Weise einrahmen würde, wird in dem Film „Licht“ von Barbara Albert höchst kritisch eingesetzt: Es ist keine reizvolle Welt, die sie pinselt, so üppig Rokoko-Kostüme und Perücken auch wogen. In dieser Umgebung wird die junge, fast grotesk hässliche blinde Pianistin vorführt, die von ihren unangenehmen Eltern herumgeschleppt und wie ein Ausstellungsstück vorgeführt wird und an der nur fasziniert, wie sie das Klavier beherrscht. Da wird das unsichere halbe Kind zur bewunderten Meisterin. Von Anfang an stellt die Regisseurin klar, was hier vorgeht: ein junges Mädchen als hilflose Marionette, als Opfer ihrer Umwelt, von gierigen Eltern, die sie vermarkten, und einer gierigen Gesellschaft, die sich an ihr wie an einer Jahrmarktskuriosität weidet…

Licht Mutter und Tochter

Und da ist Franz Anton Mesmer, den man heute wohl als Guru oder Alternativheiler betrachten würde, der behauptet, er könne dieses Mädchen von seiner Blindheit befreien. Also wird die 18jährige 1777 in das Schloß gebracht, wo er residiert und wohin man ihm schon andere Kranke (vor allem Nervenkranke) hin- und abgeschoben hat. Eine Heilanstalt, die kläglich und armselig anmutet, nichts von dem Glanz vermittelt, den Mesners Name damals umstrahlt haben muss.

Barbara Albert zeigt nach dem Drehbuch, das Kathrin Resetarits nach Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ geschrieben hat, nicht wirklich, was Mesner nun mit dem armen Geschöpf angestellt hat, außer hypnotisch beschwörend auf sie einzureden und seine Idee vom magnetischen Fluidum zu beschwören, und man erfährt auch nicht, ob ihre Bestätigung, nach und nach etwas zu „sehen“, einfach nur eine Schutzbehauptung war. Es spielt sich auch nichts besonders Spannendes zwischen den beiden ab. Wenn die Regisseurin etwas darstellt, dann die Glanzlosigkeit des ganzen Unternehmens und die Armseligkeit des Schicksals dieser jungen Frau. Die dann, als sie vielleicht tatsächlich Schatten sieht, die atemberaubende Sicherheit verliert, mit der sie früher die Klaviertasten bearbeitete…

So, wie Maria Dragus (einst in Hanekes „Das weiße Band“ als eines der Kinder dabei) diese „Resi“ spielt, gelegentlich fast ein wenig debil wirkend, in hohem Maße hilflos jedenfalls, sich durch die Welt tastend, entfaltet sich kaum eine Ahnung ihrer Genialität, selbst wenn sie sich ans Klavier setzt – und wenigstens das hätte man ihr nicht schuldig bleiben sollen. Und auch Devid Striesow als Franz Anton Mesmer hat nicht die geringste Ausstrahlung eines Wunderdoktors, ja, nichts Besonderes haftet ihm an. Und das scheint dann doch etwas wenig für die Geschichte, sie ist irgendwie rund um die berühmten Protagonisten zu klein geraten.

Liciht Sie und Dienstmädchen

Interessant, wie weit eher Nebenfiguren zu genuinem Leben erwachsen, vor allem Maresi Riegner als die Magd Agnes, neugierig um die Blinde herumstreichend, später – auch sie ein klassisches Opfer – weggeschickt, weil sie sich von einem Patienten verführen ließ und schwanger geworden ist. Oder Stefanie Reinsperger als die Köchin Johanna, Mutter eines debilen Kindes, die demütig hinnehmen muss, als es ums Leben kommt.

Doch nicht alle Frauen sind Opfer – sowohl die stets betriebsame, die Tochter gnadenlos vorschiebende, an ihr herumzupfende und herumbessernde Mutter von Resi (Katja Kolm) wie auch die Gattin von Mesmer (Johanna Orsini-Rosenberg) behaupten ihren Platz, ebenso wie einzelne Männer (Lukas Miko als Resis angeberischer Vater, der auf einen Adelstitel besteht, den er nicht besitzt) oder Hermann Scheidleder als der Professor, der Mesner nach Möglichkeit erniedrigt und Resis Heilung anzweifelt – sie alle auf Kosten der Schwachen.

Man will nicht denken, was ein konventioneller Fernsehfilm aus dieser Geschichte Spektakuläres gemacht hätte, die Barbara Albert hier so gnadenlos und zweifellos absichtsvoll trocken anpackt. Aber etwas mehr dramatischer Grip hätte dem Film nicht geschadet, der sich allerdings auf seinen ehrlichen Zugang zum Geschehen berufen kann. Dass diese Maria Theresia Paradis nach dieser Behandlung noch zu einer Weltberühmtheit ihrer Zeit wurde und an Fürstenhöfen konzertierte – man würde es diesem Geschöpf, das dieser Film zeichnet, nicht zutrauen…

Renate Wagner

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SUBURBICON

FimPoster Suburbicon~1  FimPoster Suburbicon 2~1

Filmstart: 10. November 2017
SUBURBICON
USA / 2017
Drehbuch: Ethan Coen,Joel Coen
Regie: George Clooney
Mit: Matt Damon, Julianne Moore, Noah Jupe, Karimah Westbrook, Leith M. Burk, Oscar Isaac u.a.

Es gibt sie nicht oft, aber doch: Jene Filme, die ihre „Macher“ geradezu herausschreien. Man sieht „Suburbicon“ und weiß – Coen Brothers, Coen Brothers! George Clooney, der sicher ein ambitionierter Mann ist und diesen Film inszeniert hat, hat sich ein altes, bis dahin unverfilmtes Drehbuch der beiden hergenommen und teils daran mitgeschrieben. Aber die Handschrift des Ganzen zeugt vor allem von der Lust der Coens, ein scheinbar ganz durchschnittliches Amerika in seinem Wahnsinn mit allerschwärzestem Humor zu durchleuchten.

Freilich, grundsätzlich Neues ist ihnen dazu nicht eingefallen, wenn sie eine Muster-Kleinstadt namens Suburbicon erschaffen, ganz USA der fünfziger Jahre (der gewisse Doris-Day-Look in allem), eine selbstzufriedene weiße Gesellschaft, die sich unheimlich gut vorkommt – und empört rebelliert, als die  „schwarze“ Familie Myers (Karimah Westbrook und Leith M. Burke) es wagt, hier einzuziehen. Die will man nun einmal gar nicht hier haben, und ein starkes (und allzu zeigefingerhaft deutliches) Segment des Films besteht darin, was die guten Bürger alles tun, um die tapfere kleine Familie samt Sohn Andy (Tony Espinosa), die standhaft durchhalten, zu terrorisieren… Das hat voll grausame, starke Momente – ist aber in jedem Detail so schrecklich auf der Hand liegend.

Aber das ist eigentlich nur die Nebenhandlung. Diese Myers sind die Nachbarn der Familie Lodge, um die es eigentlich geht und die auf den ersten Blick so verlogen perfekt scheint. Ein starr braver Papa, wie es scheint (Matt Damon, in anderen Filmen durchaus smart, ist hier dicklich und stockig), mit einer Gattin im Rollstuhl und ihrer Schwester im Haushalt (beide – die eine blond, die andere braunhaarig – gespielt in ironischer Meisterschaft von Julianne Moore). Und der kleine Sohn Nicky (meisterlich, wie er kritisch in die Welt schaut: Noah Jupe), der mehr begreift, als den Eltern lieb ist – und mit dem schwarzen Nachbarjungen die selbstverständliche Freundschaft von Gleichaltrigen pflegt.

Nun, die Rollstuhl-Mama gibt es bald nicht mehr: Auch in einer idealen Welt werden brave Familien überfallen (Glenn Fleshler und Alex Hassell sind beängstigend wie aus dem Bilderbuch), und dabei stirbt die Mutter. Die Schwester muss sich natürlich um Schwager und Neffen kümmern – sie erblondet, und Nicky merkt bald, dass das Interesse der Erwachsenen verdächtig einander gilt.

Ja, es ist kein Spoiler, es zu verraten, denn es wird ohnedies klar – in dieser scheinbar ach so braven Welt werden auch Morde bestellt, wird nach Kräften gelogen, um alles  zu verschleiern, und Kinder, die das durchschauen, geraten in Lebensgefahr. Papa sieht sich unter Erpresserdruck genötigt, selbst mörderisch Hand anzulegen. Ein Onkel (Gary Basaraba), der den Neffen retten will, bezahlt das teuer. Desgleichen ein Versicherungsbeamter (Oscar Isaac), der wittert, was der Zuschauer längst weiß: Die Sache mit der kürzlich aufgestockten Lebensversicherung für die Ermordete stinkt zum Himmel…

Freilich, wie die Coens dann den Lauf der Handlung drehen, dass sich die Bösen in ihren eigenen Netzen fangen – das ist die Hohe Schule dieser Art von Filmen. Gar nicht Hohe Schule ist es, dass hier eigentlich die tausendfach repetierte Geschichte über die Abgründe der braven Bürger wieder einmal mehr oder minder nach Schema F erzählt wird – auch wenn es schwer sein mag, dem Thema noch eine neue Facette abzuringen, denn es ist in seiner Wohlfeilheit oft genug gedreht und gewendet worden.

Jedenfalls kommt hier eigentlich nichts wirklich Bemerkenswertes heraus, so stylish Regisseur George Clooney das Milieu zu pinseln vermag – auch wenn man es als Attacke auf speziell die Selbstgefälligkeit (und notabene Verlogenheit) des Trump-Amerika nehmen kann. Was auch abgegriffen genug und absolut keine Neuigkeit ist.

Renate Wagner

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MORD IM ORIENT EXPRESS

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Filmstart: 10. November 2017
MORD IM ORIENT EXPRESS
Murder on the Orient Express / USA / 2017
Regie: Kenneth Branagh
Mit: Kenneth Branagh, Michelle Pfeiffer, Penelope Cruz, Johnny Depp, Willem Dafoe, Judi Dench, Derek Jacobi u.a.

Wahrscheinlich wurde kaum ein Agatha-Christie-Roman so oft verfilmt wie „Mord im Orient Express“ – bisher dreimal, davon 1974 so exemplarisch und glanzbesetzt unter Regisseur Sidney Lumet, dass man jedem neuen Versuch nur skeptisch entgegen sehen musste. Nun, alle Befürchtungen sind unbegründet – der neue „Orient Express“ von 2017 ist ein Gustostück für sich, und das verdankt man dem Hercule Poirot des Kenneth Branagh, der auch Regie führte. Und dabei hat er seine Figur sehr, sehr gut bedacht und ganz gezielt in den Mittelpunkt gestellt. Aber wer ein so großartiger, witzig-ironischer Schauspieler (und ein so geschickter Regisseur) ist wie er, der darf das…

Alle bisherigen Verfilmungen sind recht frei mit dem Original umgegangen, haben einzelne Figuren verändert und umgetauft, aber das grundlegende Konzept bleibt dasselbe: Edward Ratchett, ein wahrer Schurke, wird ermordet, und 12 Passagiere des Orient Express, der irgendwann in den dreißiger Jahren in einer Schneekatastrophe im Balkan stecken geblieben ist, sind tatverdächtig. Ein Fall für Poirot…

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Bis es dazu kommt, wird die Handlung noch ein wenig ausgebaut: Sie beginnt an der Klagemauer in Jerusalem, lässt einen kleinen Jungen mit Eiern zweimal durch die Stadt in ein Luxushotel laufen – warum? Weil Monsieur Poirot seine Frühstückseier auf ganz bestimmte Weise wünscht und sie zurückschickt, wenn sie nicht passen… Der ganze Mann wird in seinem exzentrischen Charme und seiner reizvollen Zickigkeit umrissen, „schlanker“ als Peter Ustinov (der übrigens nicht im „Orient Express“ spielte, aber in seiner Epoche „der“ Poirot schlechthin war) und so anders, dass Branagh keinen Vergleich scheuen muss, weil es keinen gibt: Er ist so unikat, wie es sein Vorgänger war…

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Wenn er sich auf den Orient Express begibt, blättert der Film nach und nach seine Mitreisenden auf, die man alle in Konfrontation mit ihm erlebt. Vielleicht war die Besetzung 1974 um einiges stärker, etwa wenn das junge Grafenpaar Andrenyi damals mit Jacqueline Bisset und Michael York besetzt war, während es diesmal mit Lucy Boynton und Sergei Polunin so gut wie unter den Tisch fällt. Aber es gibt auch hier genügend starke Besetzungen. Schön, dass sich für die unverändert attraktive Michelle Pfeiffer doch noch Rollen finden, auch wenn sie (eine unverzeihliche Sünde in Hollywood) auf die 60 zugeht: Sie kann immer noch sexy, süffisant und leinwandfüllend sein (so wie einst Lauren Bacall in dieser Rolle). Und wenn Johnny Depp auch nicht kraftvolle Ausstrahlung eines Richard Widmark hat – dass er ein Bösewicht ist, glaubt man dieser halbseidenen Erscheinung ohne weiteres – und verurteilt ihn glatt zum Tode. Passiert auch. Erstochen. Oftmals.

Ungemein witzig ist Willem Dafoe in der Rolle eines Detektivs diesmal in der deutschen Fassung, weil er sich als Wiener ausgibt und einen hinreißenden Kunstdialekt hinlegt (muss auf Englisch auch ganz lustig sein, aber nicht so wie diesmal in der Synchronisation). Der gute Mr. Arbuthnot, einst als Sean Connery ein grundsolider Colonel, ist hier (politische Korrektheit) ein farbiger Arzt (Leslie Odom junior) geworden, wieder in Mary Debenham verliebt. Einst war das eine junge Vanessa Redgrave, nun erlebt man die junge, frische Daisy Ridley, die man bisher nur aus der letzten „Star Wars“-Verfilmung kannte. Ein zwielichtiger Sekretär konnte einst nicht besser besetzt werden als mit Anthony Perkins – nun gibt sich der Sonst-Komiker Josh Gad ernsthaft.

Branagh hat ein paar der kostbarsten englischen Schauspieler mitgebracht – Judi Dench überstrahlt in ihrer trockenen Art als alte Prinzessin Natalia Dragomiroff sämtliche (auch berühmte) Vorgängerinnen, und Derek Jacobi liefert als todkranker Kammerdiener des (bald) Toten eine wunderbare Leistung.

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Nicht zu vergessen ist die Rolle, die Ingrid Bergman (für eine Charge, wie man offen sagen muss) einst den Nebenrollen-„Oscar“ einbrachte: Die gibt es hier nicht. Sie ist zu einer Latina namens Pilar Estravados geworden, gespielt von der köstlichen Penélope Cruz, die sich allerdings darstellerisch nicht ganz so weit aus dem Fenster hängen darf wie die Vorgängerin in derselben Rolle (mit anderem Akzent…).

Branagh begnügt sich als Regisseur nicht damit, diese Figuren (und Darsteller) lustvoll aufzubereiten, er hat auch Sinn für das Ambiente und das Flair der dreißiger Jahre, dann erst für den Orient, später für den Luxuszug und für die zunehmend verschneiten Umwelt (bald ist man ja von Istanbul kommend im Balkan), und er lässt Kameramann Haris Zambarloukos die köstlichsten Kunststücke vollbringen, etwa dem Geschehen immer wieder auf den Kopf sehen, was durchaus als zynische inszenatorische Schräglage zu begreifen ist. Und er führt die Handlung immer wieder auf Poirot zurück. Logisch. Bei ihm laufen ja alle Fäden zusammen…

Dieser wird übrigens, nachdem er den Fall gelöst hat, schnell abberufen: Er müsse sich sofort nach Ägypten begeben, dort hätte es einen rätselhaften Mord auf dem Nil gegeben. Ja, wir freuen uns auf „Tod auf dem Nil“ und andere weitere Poirot-Filme, wenn das schöne Niveau dieser hier so hoch vergnüglichen Unterhaltung auch sicher gehalten werden kann…

Renate Wagner

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THE SECRET MAN

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Filmstart: 3. November 2017
THE SECRET MAN
Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House / USA / 2017
Regie: Peter Landesman
Mit: Liam Neeson, Diane Lane, Bruce Greenwood u.a.

Damals, als Bob Woodward und Carl Bernstein (unvergesslich im Kino als Robert Redford und Dustin Hoffman) von der „Washington Post“ den Watergate-Skandal aufdeckten, kannte man weder den Namen des Informanten, dessen Deckname „Deep Throat“ lautete, noch den Begriff „Whistleblower“. Mittlerweile weiß man, dass ohne diese wackeren Leute, die von den Regierungen und Mächtigen gehasst und verfolgt werden, noch viel mehr Schmutz unter dem Teppich bliebe, als es vermutlich ohnedies der Fall ist.

Der Tipp über die Watergate-Schmutzerei der Nixon-Administration kam aus dem FBI direkt, und zwar von oberster Stelle: Mark Felt (1913-2008) war als FBI-Vizechef eine der höchsten Führungspersönlichkeiten, zumal nach dem Tod von Edgar Hoover (1972). Wie es dazu kam, dass er zum „Verräter“ wurde, versucht nun dieser Film des amerikanischen Regisseurs Peter Landesman zu klären, der als Spezialist für „kritische Themen“ gilt.

So ganz gelingt es ihm nicht – weder die Motivation von Felt (war er vielleicht doch verletzt, dass er nach Hoover nicht FBI-Direktor wurde?) noch die Ereignisse an sich, weder rund um Watergate (wo Nixon-Mitarbeiter vor seiner Wiederwahl 1972 in den Räumen der rivalisierenden Demokratischen Partei einbrachen, um dort Wanzen anzubringen), noch was im FBI selbst geschah. Durch diese Fülle von Personen und Intrigen ist kein Durchblick zu gewinnen. Aber ist es nicht bekanntlich so, dass selbst die Insider sich nicht auskennen, was dort vorgeht? Und das nicht nur, weil die Geheimnistuerei ja geradezu notorisch ist und jeder jedem alles unter dem Vorwand „It is classified“ verschweigt…

Jedenfalls geht es darum, die Geschichte eines „ehrenwerten Mannes“ zu erzählen, mit vielen privaten Einsprengseln – eine unruhige Ehefrau (Diane Lane) und eine verschwundene Tochter (Maika Monroe) bekommen relativ etwas Raum, damit die Sache nicht nur in den Büros spielt. Hauptsächlich aber geht es darum, dass der viel geschmähte Hoover das FBI stets unabhängig vom Weißen Haus geführt hatte, für das er persönlich (mit seinen Akten über einfach jedermann) stets eine Bedrohung darstellte. Diese Unabhängigkeit des FBI, das politisch nicht weisungsgebunden war, gehörte auch zum Credo von Mark Felt, der nach Hoovers Tod erkennen musste, dass hier nur gefällige Führungskräfte eingesetzt wurden, die gewissermaßen dem Präsidenten berichteten… Der neue FBI-Direktor Patrick Gray (Marton Csokas) versuchte alles, was über Watergate auf den Schreibtischen landete, möglichst schnell unter diese Tische zu kehren.

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Wie das nun genau war mit Watergate – das wissen vielleicht nur Insider. Hier spielt Liam Neeson (so abgemagert und gespenstergleich, dass man ihn gleich in den Sarg legen könnte) den aufrechten Mann, der die Schmutzereien von Präsident Nixon und seiner Mitarbeiter nicht decken wollte und sich darum mit Bob Woodward in schmutzigen Coffee Shops traf, um ihm die Tipps zu geben, die er für seine Aufdeckungsstory brauchte (die Monate später dann tatsächlich zum Sturz Nixons führte).

Es ist eine fast trockene Polit-Story, die an die Filme von Oliver Stone erinnert. Der Zweck? Vielleicht wieder einmal zeigen, dass man durch das Geflecht von Politik nie durchsieht? Dass keiner keinem traut (und auch nicht trauen darf?). Oder einfach einen ehrenwerten Mann posthum ehren, der ja nun doch Nixons Absetzung in die Wege geleitet und damit zweifellos den Gang der Geschichte verändert hat…

Süffiges Unterhaltungskino ist das nicht. Man kann eine Menge mitdenken und sich Grundsätzliches überlegen. Das ist ja nun auch etwas wert. Allerdings ist Politik im Kino auch schon spannender gemacht worden. Aber dann hätte man wiederum simpler verfahren müssen…

Renate Wagner

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THOR: TAG DER ENTSCHEIDUNG

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Filmstart: 31. Oktober 2017
THOR: TAG DER ENTSCHEIDUNG
Thor: Ragnarok / USA / 2017
Regie: Taika Waititi
Mit: Chris Hemsworth, Tom Hiddleston, Cate Blanchett, Anthony Hopkins, Mark Ruffalo, Benedict Cumberbatch, Jeff Goldblum, Tessa Thompson u.a.

Also, um es vorweg zu sagen, Thor verliert ziemlich gleich zu Beginn seinen Hammer (was ihn schwer ankommt), und dann nimmt man ihm auch noch die hübschen blonden Zöpfchen und verpasst ihm einen militärischen Kurzschnitt, was das märchenhafte Image des zum Comic-Helden verkommenen nordischen Gottes etwas beeinträchtigt. Macht überhaupt nichts, Thor 3 ist trotzdem der beste Thor, den es je gab.

Das liegt einmal grundsätzlich an dem neuseeländischen Regisseur Taika Waititi, der zwar noch keine großen Blockbuster geliefert hat (erst jetzt, mit diesem), aber wohl geholt wurde, weil dieser 42jährige Maori als wahrer Allroundkünstler schon für zwei hoch erfolgreiche neuseeländische Komödien verantwortlich war. Offenbar hat man die leichte Hand gesucht, die er nun auch mitbrachte.

Außerdem tut es unserem Marvel-Helden gut, wenn er in seinen Welten bleibt – dieses Changieren zwischen Comic-Mythos und Erde (wie in den beiden ersten Filmen) ist ja doch immer ein bisschen mühsam. Hier finden wir Thor ganz bei sich daheim, und dass er Papa Odin in Norwegen findet, wo sich dieser zum Sterben zurück gezogen hat, ist ein Ausnahmefall. Sonst alles Mythos-Kosmos.

Zu Odin hat ihn übrigens Dr. Strange geschickt – nicht, dass dieser Auftritt nötig wäre, aber da er ein, wenn auch kurzes, Wiedersehen mit dem herrlich ironischen Benedict Cumberbatch bringt, ist er natürlich hoch willkommen. Marvel mixt ja seine Helden (eigentlich ziemlich grausig, aber offenbar muss es sein), also ist auch Hulk dabei (immerhin hat er die halbe Zeit sein menschliches Gesicht und ist nicht nur grünes Riesenmonster), und in einer winzigen Szene blinzelt auch Scarlett Johansson herein… Aber sonst ist Thor mit seiner Familie und sonstigen Abenteuern voll beschäftigt.

Thor  er x

Familie ist ja das, was man sich nicht aussuchen kann, und da hat es unser nordisch-göttlicher Donnerherr wirklich schwer getroffen. Papa Odin, den Anthony Hopkins wieder in seinem herrlichen Upper-Class-Englisch näselt, ist nur kurz da, aber immerhin eine unverzichtbare Präsenz. Dafür stiehlt Bruder Loki wieder die Show, wie er es seit dem ersten Film tut, da hilft nichts, Tom Hiddleston ist einfach ein zu herrlicher Intrigant, Lügner und Blender. Aber endlich hat sich Chris Hemsworth erfangen. Sein Thor, der jetzt gar nicht mehr lächerlich, sondern ziemlich erwachsen wirkt, nimmt es nun auch darstellerisch mit dieser Elite-Besetzung auf und schleudert die Pointen, die ihn erreichen, nur so zurück…

Neu in der Handlung ist ein herrliches Stück Bösewicht-Weib. Thor und Loki haben nämlich, falls wir das noch nicht wussten, eine böse ältere Schwester namens Hela, die die Weltherrschaft beansprucht und damit einen großen Teil des Films bestreitet. Und wenn sie mit Cate Blanchett besetzt ist, die ja ganz gern in Filme dieser Art abtaucht, dann hat man hier höchstkarätiges darstellerisches Potential. Abgesehen davon, dass die Dialoge ironisch und pointiert sind und die Darsteller nichts dagegen haben, sich über sich selbst lustig zu machen. Nicht auf die blöde, sondern auf die souveräne Art. Prächtig.

So fließt das Geschehen dahin, in dem sich Thor zu Beginn ganz souverän aus den Ketten befreien kann, in das ihn der Feuerdämon Surtur gelegt hat – nur um dann dem bösen Schwesterchen zu begegnen, das ihm den Hammer glattweg zerschlägt und auf seine Verblüfftheit, das sei doch nicht möglich, prophezeit, er werde schon sehen, was noch möglich ist. Zum Beispiel, dass es ihn auf den Planeten Sakaar verschlägt, wohin ihn eine Walküre (ja, so was wie Brünnhilde, nur in Gestalt von Tessa Thompson irrsinnig schlank, drahtig, hübsch und irre frech) verschleppt. Irgendwie ist kein Verlass mehr aufs Personal, sie arbeitet als Söldnerin für jenen Grandmaster, der in Sakaar Gladiatorenspiele veranstaltet und von Jeff Goldblum herrlich abgehoben-snobbisch gespielt wird…

Dort trifft Thor in der Arena seinen alten Freund Hulk (Mark Ruffalo zeigt auch Humor, als er sein Gesicht zeigen darf), aber bis er diesen daran erinnert hat, dass sie doch eigentlich Freunde sind, bekommt er eine Menge auf die Nase. Inzwischen intrigieren Hela, die himmlisch abgrundtief Böse, und Loki, und unser Held hat kaum Zeit, im Streit mit der hübschen Walküre auch etwas Zuneigung erblühen zu lassen…

Es geht, das sei versichert, in diesem Teil von „Thor“ hauptsächlich komisch zu, es wird hinreißend gespielt – aber, keine Angst, die Action ist wirklich nicht schlecht. Aber sie vernebelt einem nicht das Gehirn. Die Menschen und der Charme der Geschichte sind immerhin noch die Hauptsache. Wie erfreulich für einen Blockbuster…

Renate Wagner

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