Der Neue Merker

SALZBURG: EIN RÜCKBLICK AUF DIE PFINGSTFESTSPIELE 2017

SALZBURG : PFINGSTFESTSPIELE vom 2.- 5.Juni 2017 – ein Rückblick

DIe von Cecilia Bartoli künstlerisch geleiteten Salzburger Pfingstfestpiele sind vielleicht das kompakteste und dramaturgisch durchdachteste Festival der Welt. Heuer war das Programm -unter dem Titel „Wonne der Wehmut“ – Werken gewidmet, die als roter Faden ihre Beziehung zu Schottland verbindet.


Bryn Terfel, Tatjana Serjan. Copyright: Marco Borelli

So spielte beim Orchesterkonzert die Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Antonio Pappano zuerst Felix Mendelssohn Bartholdys Konzert-Ouverrtüre „Die Hebriden“ und dann seine Symphonie Nr.3, gennant die „Schottische“. Dazwischen sangen Bryn Terfel und Tatiana Serjan Arien aus Verdis „Macbeth“. Terfel war sympathisch, wortdeutlich und ehrfurchtsgebietend wie immer, wieso allerdings Frau Serjan quasi ein Monopol für die Rolle der Lady besitzt, ist für ihren Berichterstatter angesichts des Charakters ihrer Stimme nicht ganz nachvollziehbar.


© State Academic Mariinsky Theatre / Valentin Baranovsky

Am Abend desselben Tages gastierte anschließend das Marijnsky-Theater aus Sankt Petersburg mit dem Ballett „La Sylphide“, das ja bekanntlich ebenfalls in Schottland ansiedelt ist. Die technische Brillanz der russischen Tänzer/innen ist über jeden Zweifel erhaben, schließlich und endlich wurde das klassische Ballett in der ehemaligen Hauptstadt des Zarenreichs quasi „erfunden“. Die Inszenierung jedoch wirkte leider auch wie aus dieser Zeit, sozusagen einem lebendigen Theatermuseum entsprungen. Und vor lauter Schottenröcken (ich habe noch nie sooviele auf einer Bühne gesehen) bekam man gegen Schluss fast schon selber karierte Augen.


Gianluca Capuano. Copyright: Monika Rittershaus

Am Tag darauf wiederum freuten sich schon alle auf die konzertante Aufführung von Rossinis „La Donna del Lago„(nach dem Roman des Schotten Sir Walter Scott). In der Titelrolle der femme fatale vom See Elena, die sich – im Gegensatz zu Cenerentola – g e g e n den Prinzen entscheidet, war Cecilia Bartoli selbst zu hören. Die in Salzburg total vergötterte Chefin wurde nach drei Stunden wieder einmal völlig zu recht einhellig bejubelt. Einige Damen der Gesellschaft mäkelten hingegen an der Besetzung des Uberto herum – aus dem einzigen Grund, weil es nicht der umschwärmte Juan Diego Florez war. Was total ungerecht ist, denn der junge uruguayanische Tenor Edgardo Rocha bot wie schon in den letzten Jahren seiner internationalen Karriere (zB. im Otello oder im Barbiere) auch hier eine tadellose und hervorragende Leistung. Nichts zu mäkeln gabs auch am restlichen Ensemble – Vivica Genaux, Norman Reichhardt und Nathan Berg sowie am Orchester Les Muisciens du Prince unter Gianluca Capuano.


Kathryn Leweck, Christophe Dumaux. Copyright: Monika Rittershaus

Den absoluten Höhepunkt des schottischen Themenwochenendes in Salzburg stellte aber  naturgemäß die szenische Produktion des Händelschen „Ariodante“ dar, wieder mit der Göttin in der Titelrolle. Eine intelligente Regie von Christof Loy, grossartige, die Handlung verdoppelnde und kommentierende Tanzszenen von Andreas Heise, dazu ein handverlesenes Sängerensemble, das seinesgleichen sucht. Daraus besonders hervorzuheben Sandrine Piau als geile Dienerin und der Countertenor Christophe Dumaux als absoluter Bösewicht, vor allem jedoch die Entdeckung Kathryn Lewek als Ginevra. Ihre fünfzehnminütige Arie im zweiten Akt zählt (gemeinsam mit der ebensolangen Arie der Bartoli als Ariodante) zum Sublimsten, zum Zeitstillstehmachendsten, zum Nichtvondieserweltseiendsten, das man in den letzten Jahren in der Oper erleben durfte. Zum Süchtigwerden. Gott sei dank gibt es im Sommer bei der Wiederaufnahme noch einige Vorstellungen dieses barocken Wunders…

Robert Quitta, Salzburg

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Salzburger Festspielsplitter

Salzburger Festspielsplitter — »Die Liebe der Danae«

Bedeckt hatten sich die Damen und Herren des Feuilletons vor der Uraufführung von Tomas Adès’ The Exterminating Angel gehalten, sehr bedeckt. Man hätte sich ja blamieren können.

Auch war es interessant zu beobachten, wie die publizierte Meinung sich mit jeder Stunde Abstand zur Uraufführung von euphorisch zu »na ja« verschob. Da gab es dann ja auch schon mehr Rezensionen (hier und hier) zum Abschreiben.

'Die Liebe der Danae', 1. Akt: Krassimira Stoyanova als Danae © Salzburger Festspiele/Forster

»Die Liebe der Danae«, 1. Akt: Krassimira Stoyanova als Danae
© Salzburger Festspiele/Forster

Nun aber, vor der Première von Richard Strauss’ Die Liebe der Danae, seinem opus 83, stolpert der Opernfreund über Wortmeldungen der Feuilletonisten zuhauf: »Das ist unser Fall, sagt man sich, da wacht man auf, da ist man bei der Sache!« Wenn’s denn so wär’.

»1944, im Zweiten Weltkrieg, hatte Richard Strauss den mythologischen Stoff der Danae vertont«, schrieb Hedwig Kainberger in den »Salzburger Nachrichten«. Und deren Ressort-Chefin »Kultur« muß es ja wissen. Hätte doch bloß auch Richard Strauss die Salzburger Nachrichten gelesen. Nie hätte er es gewagt, das Datum »28. Juni 1940« ans Ende der Partitur zu setzen.

»Die Liebe der Danae ist eng mit der Festspielgeschichte verbunden«, heißt es in der Presseinformation der Salzburger Festspiele. So eng, daß man sich noch im selben Absatz widerspricht: »[…] die Oper konnte erst 1952 uraufgeführt werden. Seitdem stand es (sic!) nur ein weiteres Mal — im Jahre 2002 — auf dem Spielplan.«

Mit den bisher zehn Aufführungen ist die enge Verbindung zur Festspielgeschichte nachvollziehbar. Nie und nimmer vermag da ein Strauss’sches Randwerk wie Der Rosenkavalier mitzuhalten.

Weiter: »So sollte es 1944 eigentlich in Salzburg uraufgeführt werden.« Und »uneigentlich«? »Die Festspiele wurden allerdings nach der Generalprobe abgesagt […]« Die Festspiele waren schon vor der Generalprobe abgesagt worden, wie ein Blick in die Salzburger Festspielchronik oder den Briefwechsel zwischen Clemens Krauss und Richard Strauss lehrte. Minister Goebbels konnte allerdings dazu überredet werden, eine öffentliche Generalprobe vor ca. 1000 geladenen Gästen zuzulassen. Aber wen kümmern schon historische Fakten?

»Sein (Richard Strauss’, Anm.) Augenmerk lege er dabei auf Jupiter, der mit Pomp in der Tonart des Göttlichen, in C-Dur, eingeführt werde«, wird Franz Welser-Möst zitiert. Dumm nur, daß der mit »Der Goldregen« überschriebene Abschnitt in Ges-Dur steht, ehe die Musik nach einem Wechsel nach C-Dur für das Duett zwischen Danae und Xanthe wieder nach Ges-Dur zurückkehrt. Daß Jupiter sich der Mythologie nach Danae als Goldregen näherte… Und wie konnten unzählige Musikwissenschafter und Strauss-Experten, welche Jupiter sowohl das tranzendentale Ges-Dur als auch das strahlende C-Dur zuordneten, bloß so irren?

»Der Göttervater wird zum Menschen. — Das ist für mich die Grundaussage dieses Stückes«, bieten die Salzburger Festspiele in ihrer Aussendung der Presse Franz Welser-Mösts Ansicht an. Und weiter: »Strauss selbst sei Atheist gewesen und habe sich mit Jupiter identifiziert.« Ja, eh. Und zuvor mit Herodes. Und dem Ochs. Und mit Bacchus. Und dem Kaiser. Und Mandryka. Und Sir Morosus — nein, vielleicht lieber doch mit Henry? Für solche Ansicht muß man schon »wirklich mit allen Strauss-Wassern« gewaschen sein.

Die einfache Idee, Danaes Liebe zu Midas könne über eines Gottes Verführungskünste siegen, erschiene auch viel zu abwegig.

Die Liebe der Danae, schreiben die Salzburger Festpiele Franz Welser-Möst zu, »[…] zeige eben auch einen alten Menschen, der Abschied nimmt von der Welt […]« Deshalb komponierte Richard Strauss danach auch noch Capriccio, op. 85, auf einen witzigen Text von Clemens Krauss (Uraufführung am 28. Oktober 1942 in München.).

Ach, wären doch alle Abschiede von der Welt so hintersinnig hoffnungsfroh wie Strauss’ Oper, alle Veröffentlichungen so gut lektoriert und alle unter die Leser gestreuten Informationen so akkurat. Mehr bedürft’s nicht.

MerkerOnline
Thomas Prochazka
31. Juli 2016

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Salzburger Festspiele 2015 : WAR DA ETWAS ?

Salzburger Festspiele 2015: War da etwas?
 
Von Thomas Prochazka
 
Gab es zu Gerard Mortiers Intendanz in den Salzburger Sommern immer wieder Aufregung wegen dessen künstlerischen Ansichten und seiner Ansagen unter anderem gegenüber den Wiener Philharmonikern, taugt heuer — sieht man von Claus Guths Sichtweise auf Beethovens Fidelio ab — einzig der Schlagabtausch zwischen dem Direktorium (Frau Dr. Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf) und Manuel Brug, dem Hans Dampf-in-allen-Gassen des deutschen Feuilletons und österreichischen Wochenmagazinen, für Emotionen. Manchmal ertappt man sich sogar bei dem Gedanken, daß selbst dies Teil einer Inszenierung ist, um nicht vollends aus den Feuilleton-Seiten zu verschwinden…
 
Aber: Hat Herr Brug mit seinen im „Profil“ geäußerten Vorhaltungen unrecht? Wäre Il trovatore mit Anna Netrebko auch ohne die erst lang nach dem Beginn des Kartenverkaufes zurückgezogene Mitwirkung Señor Domingos ausverkauft gewesen? War es bislang nicht undenkbar, daß die Salzburger Festspiele auf ORF III Werbung schalten, um Karten für Vorstellungen von Der Rosenkavalier an den Mann zu bringen? Und dies trotz der zum Teil hymnischen Rezensionen — „So geht Festspiele!” (© Gert Korentschnig) — im Vorjahr? Aber im Gegensatz zu den Rezensenten bezahlt das Publikum seine Karten selbst, und so bleibt die Nachfrage nach Frau Stoyanova als Marschallin und Herrn Groissböck als Ochs sowie dem Chefdirigenten des Cleveland Orchestra am Pult trotz der Wiener Philharmoniker hinter den Erwartungen zurück.
 
Ja, auch die Konzerte dieses Orchester werden nicht mehr als so attraktiv wahrgenommen wie noch zu Karajans Zeiten. „Die Wiener Philharmoniker und ihre Komponisten“ ist ein Zyklus betitelt, welcher zu Preisen bis zu EUR 250,— immer dieselben Mahler- und Bruckner-Symphonien offeriert. Und Franz Schmidts zweite Symphonie: Die war allerdings unter Semyon Bychkov bereits im Mai 2014 im philharmonischen Abonnement-Zyklus zu hören. Aber die hat man „noch drauf“, das spart Probenzeit. Von Aufführungen aller Symphonien des philharmonischen Cellisten Franz Schmidt im Laufe eines Salzburger Sommers ist keine Rede… Außerdem: Gibt es wirklich niemandem zu denken, daß die Konzerte (mit Ausnahme des „Chef-Termins“ unter Riccardo Muti) schon seit Jahren nicht mehr weit im voraus ausverkauft sind?
 
Schlimm steht es auch um die szenischen Werke des Genius loci bestellt: Gewiß, die Bechtolfsche Interpretation von Le nozze di Figaro ist besser als jene der anderen beiden Da Ponte-Opern und bietet gediegene Unterhaltung. Das ist zwar nicht, was in der Partitur steht, erlaubt aber einem von den hohen Temperaturen an den Salzkammergut-Seen mitgenommenen und weitgehend unkritischen Publikum, sich vier Stunden lang zu amüsieren. Allerdings dürfte es schwer gewesen sein, die Qualität der Arbeiten aus den Vorjahren noch zu unterbieten. Für das nächste Jahr, wenn alle drei Da Ponte-Opern aufgeführt werden, steht das Schlimmste zu befürchten — mit Ausnahme des Kassen-Rapports vielleicht.
 
Man muß sich nicht bis in die 40er- bis 60er-Jahre zurückdenken (was ältere Semester wohl tun werden), um von einem Mozart-Stil zu schwärmen, welcher, obzwar viel bewundert, verlustig ging. Gegen die Interpretationen eines Bruno Walter, eines Josef Krips, eines Karl Böhm, eines Wilhelm Furtwängler, eines Herbert von Karajan, eines Riccardo Muti, aber auch eines Clemens Krauss mag man einwenden, daß man Mozart nach Nikolaus Harnoncourt und René Jacobs nicht mehr so spielen könne wie seinerzeit. Aber kann man als Zuhörer den Unterschied in der Orchesterbehandlung etwa zwischen Bruno Walter (1937), Herbert von Karajan (z.B. Wien, 1978, live, auf Orfeo) und Dan Ettinger (2015) leugnen? Wo sind die führenden Mozart-Dirigenten unserer Zeit, wenn es sie denn noch gibt? In Salzburg, scheint’s, jedenfalls nicht.
 
Dasselbe gilt für die Sänger: Einen Cherubino von der Qualität einer Sena Jurinac wird man nur alle paar Jahrzehnte einmal finden, aber: Rechtfertigt Frau Gritskovas Gesangsleistung Kartenpreise bis zu EUR 430,—? Und wie ist es um die Leistungen des übrigen Personals im gräflichen Haushalt bestellt, spiegelt man diese an der Partitur?
 
Müßte man von Salzburger Festspielen, wenn sie sich denn selbst ernst nähmen, nicht erwarten, z.B. den Rosenkavalier zugunsten des Capriccio zu streichen und dieses dafür in einer Modellaufführung auf die Bühne zu bringen, anstatt umgekehrt (wie es 2014 der Fall war)? Wird man 2016 Die Liebe der Danae ohne Striche spielen, adäquat besetzt und in einer Inszenierung, die dieses — immerhin 1952 in der Mozartstadt uraufgeführte Werk — breiten Publikumsschichten erschließen wird? Was man bisher über dieses Projekt erfuhr, läßt einen zweifeln.
 
Vielleicht hülfe es, all diese entbehrlichen Leitthemen einzumotten und sich wieder der Gründungsidee zu besinnen, die besten Künstler zu gemeinsamem Wirken an diesem Ort zu versammeln — also einfach „nur“ Festspiele zu veranstalten. Kleiner, feiner, und mit dem Anspruch höchster Qualität anstelle des Mittelmaßes, welches in den letzten Jahren Platz griff.
 
Auch möge man bitte aufhören, von seiten des Direktoriums zu insinuieren, daß auch 50 % der Opernkarten unter EUR 105,— kosten. Tatsächlich sind es viel weniger, was bedeutet, daß finanziell schlechter Gestellte von den Hauptattraktionen der Salzburger Festspiele in überwiegendem Maße ausgeschlossen sind. Denn die sind nun einmal neben dem Jedermann die Opern, die großen Orchesterkonzerte und die Lieder- und Arien-Abende der Stars. (Man kann eine solche Preisgestaltung ja für legitim und/oder notwendig halten. Aber dann sollte man sich nicht argumentativ darüber hinweg schwindeln.)
 
Zugegeben, Manuel Brug polemisch zu antworten mag Frau Dr. Rabl-Stadler und Herrn Bechtolf ein Anliegen gewesen sein. Die Antworten auf den Salzburger Bühnen zu geben wäre allerdings besser gewesen, viel besser. Aber davon ist im Salzburger Festspielsommer 2015 leider wenig zu bemerken.
 
Thomas Prochazka
MERKEROnline
18.8.2015
 

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Macbeth, eine TV-Tragödie

Macbeth. Eine TV-Tragödie

 
Dramolett in einem Prolog, einem Aufzug und einem Epilog.
 
Von Thomas Prochazka.
 
Prolog.
 
Foyer eines der führenden Opernhäuser der Welt, am Abend der Première von Giuseppe Verdis Oper „Macbeth“.
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (steht in einem orangefarbenen Abendkleid im Foyer, hinter sich die große Haupttreppe, hält das Mikrofon wie eine tropfende Salzgurke mit drei Fingern): Guten Abend, mein Damen und Herren, herzlich willkommen zu unserer Live-Übertragung von Giuseppe Verdis Oper “Macbeth”! 
 
Kameramann (verflucht jene Idioten, welche der Moderatorin einen rosafarbenen Lippenstift verpaßten und ihr das einfärbige Präsentationstäfelchen in der Farbe der   Sendeanstalt in die Hand drückten).
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (mit vor Aufregung zitternder Stimme): Der heutige Abend stellt den Beginn einer Revolution in unserer Kultur-Berichterstattung dar! Erstmals bieten wir Ihnen nicht nur die Oper selbst, nein, wir senden auch Einblicke hinter die Kulissen, Einblicke in die Produktion!
 
Ambitionierter TV-Klassik-Nachwuchsmoderator (drängt sich ins Bild, der Kameramann justiert eilig den Fokus, damit zuhause vor den TV-Apparaten beide zu sehen sind. Betont leutselig): Guten Abend, guten Abend! Ja, wir beobachten heute auch alle Beteiligten — die Sänger, den Chor, das Ballett, die Bühnenarbeiter, die Musiker, alle die tausenden, helfenden Hände im Hintergrund — bei ihren Vorbereitungen und Auftritten, stellen Fragen und zeigen, wie das Präzisionsuhrwerk … äh … Präzisionswerk Oper funktioniert. Mit dieser … äh … Inti… äh … Initi… Initiative wollen wir mithelfen, der Oper neue Publikumsschichten zu erschließen…
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (reißt das Ruder wieder an sich): Hinter der Bühne ist das fast wie eine kleine Stadt. Die Menschen gestalten ihre Arbeitsplätze als keine Platzerln mit persönlichen Dingen wie Fotos, Zeichnungen und Blumen. Folgen Sie uns in einen aufregenden Abend, den Sie so schnell nicht vergessen werden!
 
(Vorhang.)
 
 
Aufzug.
 
Auf der halbdunklen Seitenbühne. Inspizient, Bühnenmeister, ein paar Bühnenarbeiter, Choristen, zwei als Gaukler verkleidete Statisten, eine Solo-Garderobiere, die weltberühmte russische Star-Sopranistin im prachtvollen Kostüm der Lady Macbeth. Auf der Bühne verkünden die Hexen Macbeth seine Zukunft.
 
Weltberühmte russische Star-Sopranistin (steht in der Nähe der vierten Bühnengasse und bereitet sich mental auf ihren Auftritt vor).
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (entdeckt letztere, eilt, den Kameramann im Schlepptau, mit gezücktem Mikrofon auf sie zu. Mit einem augenzwinkernden Lächeln in die Kamera): Eigentlich ist mir strengstens verboten, mit Sängern vor der Produktion zu sprechen! (Hält der Sängerin der Lady Macbeth das Mikrofon unter die Nase.) Sie werden jetzt gleich hinausgehen und eine unglaublich schwierige, anspruchsvolle Arie singen: Wie bereiten Sie sich diese letzten Minuten vor? Machen Sie Gesangsübungen? Beten Sie? Meditieren Sie? Ich habe auch gelesen, daß Sie sehr gerne Irish Folk Dance machen?
 
Weltberühmte russische Star-Sopranistin (komplett aus ihrer Konzentration gerissen, mit starr vor Schock geweiteten Augen): Ja, also… Betreffend den Irish Folk Dance: Das ist sehr entzückend. Klingt wie ein netter Witz. Glauben Sie mir, ich werde nicht zu sehr durch die Gegend springen, bevor ich zu singen beginne! Obwohl ich es mag zu tanzen…
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (unterbricht sie): Mit Ihren Freundinnen in Krasnodar…
 
Berühmte russische Star-Sopranistin (entrüstet): Das ist die Netrebko, nicht ich!
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (halblaut): Ah so? Na, auch wurscht!
 
Weltberühmte russische Star-Sopranistin (bietet alle Kräfte auf, um nicht rüde zu werden, mit wachsenden Anzeichen von Nervosität und flackerndem Blick): Kurz vor dem Auftritt bevorzuge ich es zu beten. (Will endlich allein gelassen werden, um sich konzentrieren zu können.)
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (tätschelt sie am rechten Oberarm. Jovial): Na, dann alles Gute und toi, toi, toi, wie man so sagt am Theater!
 
Inspizient: Auftritt Lady Macbeth, bitte!
 
Berühmte russische Star-Sopranistin (bekreuzigt sich, wirft der Moderatorin einen zornerfüllten Blick zu, atmet tief durch und geht auf die Bühne): Nel di della vittoria io le incontrai… Stupido io n’era per le udite cose; Quando … quando … i nunzi del Re mi salutaro… (Ihre Stimme flattert, sie ist unsicher.)
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (selbstzufrieden, in die Kamera): Das war wirklich Glück, daß wir die … die… (sucht nach dem Namen der Sängerin, dann mit wegwerfender Handbewegung) … die Lady Macbeth noch so kurz vor ihrem Auftritt zu einem Interview vor die Kamera bekommen haben!
 
Berühmte russische Star-Sopranistin (beginnt die erste Phrase des Rezitativs a capella, versingt sich so oft, daß selbst den Kinderkritikern des Online-Merker und ihren erwachsenen Ghostwritern das Wort „famos“ in der Tastatur hängen bleibt): Ambizioso spirito tu sei, Macbetto… alla grandezza aneli… ma sarai tu mal vagio? (kämpft tapfer weiter, nun mit Orchester) Fien di misfatti (erreicht das g“ nicht) è il calle della potenza… (Singt so falsch, daß sie abbricht.)
 
Gehypter Verdi-Dirigent (bringt das Orchester so zum Schweigen, daß man es als Teil der Inszenierung verstehen kann. Wartet, was jetzt kommen wird).
 
Berühmte russische Star-Sopranistin (stampft wütend mit dem Fuß auf, geht durch die zweite Bühnengasse ab.)
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (in die Kamera, verwundert): Bei den Proben dauerte die Szene immer länger. Wir werden schauen, ob uns jemand sagen kann, was da jetzt passiert ist. (Sieht die Sängerin der Lady Macbeth in der Seitengasse auftauchen, stürzt mit gezücktem Mikrofon auf sie zu.) Können Sie uns sagen, was da eben auf der Bühne vorgefallen ist?
 
Berühmte russische Star-Sopranistin (stößt einen lauten Schrei aus, holt aus und verabreicht der Moderatorin zwei Paar Ohrfeigen, die sich gewaschen haben).
 
Kompetente TV-Klassik-Star-Moderatorin (weiß nicht, wie ihr geschieht. Geht mit ausgerenktem Unterkiefer zu Boden, Blut fließt aus ihrer Nase).
 
Berühmte russische Star-Sopranistin (kocht immer noch vor Wut, steht über ihr, eine Erinnye, zeigt mit ausgestreckter rechter Hand auf das Gesicht der Moderatorin): Muori dannata! Muori! Muori!
 
Nach einem Moment absoluter Stille bricht auf der Seitenbühne unter den Anwesenden frenetischer Jubel aus, der des immer noch geöffneten Vorhanges wegen bis in den Zuschauerraum zu hören ist. Der Inspizient umarmt die gut aussehende Solo-Garderobiere und küßt sie (etwas, das er schon lange tun wollte), Chordamen und Bühnenarbeiter liegen einander mit Tränen in den Augen in den Armen, geben einander „High five“, es herrscht eine ausgelassene Stimmung, als ob von allen eine große, jahrelang gemeinsam geschulterte Last abgefallen ist.
 
Berühmte russische Star-Sopranistin (macht auf dem Absatz kehrt und rauscht zurück  auf die Bühne. Stellt sich in Position. Dann, völlig ruhig und gelassen, ohne jeden Zweifel): Nel di della vittoria io le incontrai…
 
Gehypter Verdi-Dirigent (vergißt seine Nervosität und folgt der Sängerin der Lady Macbeth willig).
 
Berühmte russische Star-Sopranistin (singt die Briefszene ihres Lebens. Das Publikum applaudiert für mehr als sieben Minuten). 
 
(Vorhang.)
 
 
Epilog.
 
Der Video-Ausschnitt mit dem Backstage-Vorfall und der Briefszene der Lady Macbeth erreicht auf YouTube innerhalb von 24 Stunden mehr als fünf Millionen Views weltweit und 3,6 Millionen „Likes“ auf der Facebook-Seite des Opernhauses.
 
Berühmte russische Star-Sopranistin (ersang sich mit dem Live-Mitschnitt der Briefszene der Lady Macbeth für zehn aufeinanderfolgende Wochen den ersten Platz in den U.K. Pop-Charts und für immerhin fünf Wochen in den U.S. Pop-Charts).
 
Ambitionierter TV-Klassik-Nachwuchsmoderator (mit der Neigung zur einseitigen und falschen Berichterstattung bei Rücktritten von Generalmusikdirektoren aller Art) „Likes“ das Video auf Facebook.
 
(Vorhang.)

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FESTSPIELE REFLEXIONEN

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