Der Neue Merker

FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY: Streichquartette

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FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY: Streichquartette; Quatuor AROD, ERATO CD

Feuerprobe furios bestanden

„Die Wissenschafter suchen Antworten in den Sternen. Wir suchen sie in den Noten der Musik. Und indem wir uns über Partituren von Genien wie Mendelssohn beugen, werden wir von dem gleichen schwindelerregenden Gefühl ergriffen wie beim Betrachten des Weltraums: Es ist das Gefühl angesichts einer ewigen und absoluten Größe, die unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Die Musik ist ebenso groß und geheimnisvoll wie das Universum“ Quatuor Arod

Junge französische Musiker haben vor vier Jahren beschlossen, ihr Leben mit glühender Leidenschaft und einer brennenden Unbedingtheit, wohl ein Prärogativ der Jugend, der Kammermusik zu widmen. Vier Jahre später haben sie einen Exklusivvertrag mit dem Label ERATO und legen nun mit ausgewählten Streichquartetten von Mendelssohn ihr fulminantes CD-Debüt vor. Wie Mendelssohn 1827 mit dem musikalischen Erbe des gerade verstorbenen übermächtigen Beethoven, so setzen sich die wohl von allen Musen geküssten Musiker Jordan Victoria (Violine), Alexandre Vu (Violine), Corentin Apparailly (Viola) und Samy Rachid (Cello) mit Mendelssohns Musik in der Tradition der größten Vorbilder auf eine bereits ganz eigene unverwechselbare Art und Weise auseinander. 

Als gleichsam kleine musikalische Biographie wählte das Quartett das Streichquartett in a-Moll Op. 13, das Mendelssohn unter dem Eindruck von Beethovens Tod verfasste, das Quartett Op. 44, Nr. 2, das 10 Jahre später während der Flitterwochen mit Cécile Jeanrenaud eher im Stile Haydns und Mozarts Glück versprühte sowie die „Vier Stücke für Streichquartett“, Op. 81, die in verschiedenen Lebensphasen komponiert, erst posthum zusammengefasst worden sind. Das Album schließt mit dem frühen kurzen Lied „Frage“ in einem eigenen Arrangement für Streichquartett und Gesang, dem die salzburgerprobte Marianne Crebassa ihren Edelmezzo leiht. In diesem Lied zitiert der Komponist zu den Worten „Ist es wahr?“ den Anfang des zweiten Satzes der Klaviersonate Nr. 26 von Beethoven. Diese Anregung führt wiederum zum Quartett Op. 13, in dem Mendelssohn aus den unterschiedlichsten Quellen schöpfte. Das Lied „Frage“ zählte ebenso dazu wie das legendäre Op 132 von Beethoven.

Vielleicht kommen die Tugenden ihres Spiels, das Ungestüm in der Interpretation, aber auch die lyrisch heitere Note am besten im Streichquartett Op. 44 zutage. Auf Basis einer perfekten Technik scheinen die vier Musiker interpretatorisch zu einer einzigen verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen zu sein. Hell knackig im Ton, zelebriert das Quartett Arod einen erstaunlichen Reichtum an Zwischentönen, geht den musikalischen Lianen und deren Flechtwerk auf die Spur und lotet in einer unüberbietbaren Agilität und mutigen Vision die Grenzen von Tempo und Dynamik im Presto agitato aus. Da sehen wir vier Abenteurer auf einem schwankenden Floss in einem reissenden Gebirgsbach, die ihre Ruder präzise und flott einzusetzen wissen. In einer Landschaft, in der neben Felsen, Wasser und einer unbändigen Natur auch Elfen und andere Waldgeister ihr Wesen treiben. Dies wiederum passend zum Namensgeber des Quartetts Arod, der im Fantasy-Epos Der Herr der Ringe von Tolkien das Pferd des Elbenprinzen Legolas bezeichnet.

In einem berührenden und klugen „Brief“ im Booklet wenden sich die Musiker an das Publikum, die Musikliebhaber, alle Freunde. Sie enden mit: „Vielen Dank, dass Sie da sind. Dieses Album ist für Sie. Wir freuen uns darauf, Sie im wahren Leben (wieder) zu sehen!“

Sicherlich wird sich dieses so höflich apostrophierte Publikum als dankbar erweisen, dass ein neues Quartett jetzt im Tonträgerolymp angekommen ist und nicht nur eine Kostprobe, sondern bereits ein vollendetes Album vorgelegt hat. Diese hohe Qualität ist aber auch Auftrag und Mission für die Zukunft, für die wir alles erdenklich Gute wünschen wollen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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