Eva Demmerle: KAISER KARL

by R.Wagner | 9. Januar 2017 16:31

BuchCover  Kaiser Karl

Eva Demmerle:
KAISER KARL
MYTHOS & WIRKLICHKEIT
230 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 


Die Zeit rast, 2016, das Jahr, das in Österreich Franz Joseph „gehörte“, ist vorbei, schon ist 2017 da, in Besitz von Maria Theresia. Da hat man Kaiser Karl dazwischen kaum wahrgenommen, falls man es überhaupt als „Jubiläum“ betrachten konnte – denn der Tod von Kaiser Franz Joseph 1916 machte ja aus dem 29jährigen Erzherzog Karl den „Kaiser Karl“, den letzten Kaiser. Eine Figur, die in der Geschichte gewissermaßen „schräg“ zu hängen scheint.

Wenn nun Karl Habsburg, der Enkel des letzten Kaisers, das Vorwort zu der neuen Biographie von Eva Demmerle (langjährige Mitarbeiterin von Otto von Habsburg) schreibt, zeigt das a priori die Intention des Buches  –  Kaiser Karls Charakterbild soll zurecht gerückt werden, klarerweise in ausschließlich positive Richtung. Wozu die Autorin natürlich festhalten muss, welch negative Urteile / Vorurteile über Karl in Umlauf sind: Tatsächlich hat da eine sehr gezielte Propaganda von Anfang an (Karls Lebzeiten, vor allem während des Ersten Weltkriegs) so tief und nachhaltig gegriffen, dass diese Urteile bis heute immer wieder übernommen wurden.

Es geht also um einiges – und das Buch arbeitet die Dinge ab, stets in der Intention, sie von Schwarz auf Weiß umzudrehen. Nein, man kann nicht sagen, dass Karl unvorbereitet in sein Amt ging, keinesfalls war er schlecht ausgebildet. Schließlich stand spätestens seit 1900, als Thronfolger Franz Ferdinand (der ältere Bruder von Karls Vater Otto) für seine Nachkommen auf Thronansprüche verzichtete, fest, dass Karl der nächste Kaiser nach Franz Ferdinand sein würde (sein eigener Vater Otto kam aus vielen Gründen nicht in Frage, starb dann auch 1905).  Also, er war gut ausgebildet, er zerbrach sich ausführlich und kenntnisreich den Kopf über die Problematik der Monarchie, und er konnte natürlich  nicht – wie auch niemand sonst – voraussehen, dass sein Vorgänger nicht viele Jahrzehnte lang Franz Ferdinand heißen würde, sondern dass sich 1914 alles änderte.

Da war die Ermordung des Onkels in Sarajevo, der Weltkrieg, der alte Kaiser, der seinen nunmehrigen Thronfolger und Großneffen Karl freundlich heranzog, wobei scharfer Wind von Seiten der Generalität wehte, und schließlich der Tod von Kaiser Franz Joseph 1916, der Karl 29jährig mit einem Krieg und einer untragbaren Bürde unlösbarer Probleme konfrontierte. Es war nicht seine „Schwäche“, dass alles schief lief, will die Autorin ziemlich überzeugend vermitteln, es konnte zu diesem Zeitpunkt gar nichts mehr gut laufen.

Nun geht es um die Sixtus-Affäre, wie sie später genannt wurde. Eva Demmerle betont nicht zu Unrecht, dass aus heutiger Perspektive (fälschlicherweise werden Urteile über die Vergangenheit ohnedies of leichtfertig vom Heute aus betrachtet gefällt), Karl geradezu als Held gelten muss, weil er es gewagt hat, mitten in einem Krieg, der sich von der Bevölkerung und von den Krieg führenden Mächten her noch allgemeiner Akzeptanz erfreute, an den Frieden zu denken – aus seinem christlichen Bewusstsein, aus Schreckensbildern von der Front heraus.

Kaiser Karl war  ein oberster Entscheidungsträger, er meinte, zumindest einen Separatfrieden mit den Franzosen schließen zu können. Dazu bediente er sich seiner Bourbonischen Schwäger, den Brüdern seiner Gattin Zita, und damit wurde er in den Augen vor allem der deutschen Verbündeten doppelt zum Verräter – als „Aussteiger“ aus dem Krieg und als Mann, der bereit war, seinerseits die deutschen Ansprüche auf Elsaß-Lothringen den Franzosen zuzugestehen. Man hat es Karl nie verziehen, zumal die Bemühungen scheiterten: Als ob es nicht immer geheime diplomatische Verhandlungen gegeben hätte, wurde Karls Ruf durch seine besten Absichten gänzlich zerstört.

In eher schnellem Durchlauf wird das weitere Geschick des Kaisers, der zwar abdankte, aber nie auf seine Rechte verzichtete, gezeichnet: Man kann sich die Bemühungen um Ungarn, das Hin- und Herziehen im Exil, die tragische Ungewißheit der Situation der Familie um einiges „dramatischer“ vorstellen, als sie hier dargestellt wird. Dass er sein Schicksal mit Würde getragen hat, kann nicht angezweifelt werden. Die äußere Größe eines „Kaisers“ (die sogar der lächerlich polternde Wilhelm II. auf seine eigene, möglicherweise parodistische Art hatte) ist er der Welt schuldig geblieben. Das beschädigt sein Andenken bis heute.

Das Buch bemüht sich sehr um Karl, bringt auch Neues in Form von Augenzeugenberichten, wobei Kaiserin Zita wohl eine eher belletristische Quelle darstellt (nach ihren Berichten sei Franz Ferdinand im Mai 1914 überzeugt gewesen, „demnächst ermordet zu werden“!).

Mythos & Wirklichkeit stehen einander nach wie vor gegenüber, es wird, wie die Autorin richtig feststellt, auf den Blickwinkel des Betrachters ankommen, wie Karl erscheint – als humanitärer Held, als Heiliger, der stets das Gute wollte, oder als hoffnungslos überforderter Schwächling, der alles falsch machte.

Gut und übersichtlich interpretiert, lesbar dargestellt, ist das ein weiterer Mosaikstein im Bild der Karl-Darstellungen. Ein strahlend heller unter vielen dunklen.

Renate Wagner

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