Der Neue Merker

ESSEN/ Aalto-Theater: LE PROPHÈTE von Meyerbeer. Premiere

ESSEN: LE PROPHÈTE                 Premiere am 9. April 2017


Copyright: Aalto-Theater

Haben die Essener Opernbesucher ihre Wertmaßstäbe aus den Augen verloren? Als nach der Premiere von Giacomo Meyerbeers „Prophète“ VINCENT BOUSSARD (sein Beruf wird mit Regisseur angegeben) vor den Vorhang trat, war nicht das geringste Murren zu hören, kein Zeichen von Irritation zu spüren. Um recht verstanden zu werden: es sei nicht zu rüden Reaktionen aufgerufen. Wenn aber jemand eine schlechte Arbeit abliefert, muss ihm das deutlich zu verstehen gegeben werden. Boussards Inszenierung ist nicht nur schlecht, sie ist sogar grottenschlecht. Es sei nicht weiter gewertet, wie weit er bei der Vorbereitung in das Werk wirklich eingedrungen ist (Interview im Programmheft). Abner von Absichtserklärungen bis hin zur Bühnenrealisation können Welten liegen.

Die Misere des Abends beginnt bereits mit dem Bühnenbild. VINCENT LEMAIRE begrenzt die Szene mit zwei quer gestellten Wänden. Auf der sehr aktiven Drehbühne ist ein Wandrondell mit drei Raumsegmenten installiert. Das sorgt zwar für flüssige Bildwechsel, aber der ganze Aufbau wirkt aseptisch, die gräulich neutrale Farbe nichtssagend. Der gespiegelte Boden wirft freilich Lichtmuster auf sie, was schon mal ganz nett ausschauen kann, aber keine interpretatorischen Signale bietet. Im 4. Akt regnet es tüchtig (Projektion). Die in Armut geratene Fidès wird also, bewegungslos auf einem Stuhl sitzend, mit aufgespanntem Regenschirm hereingefahren und trifft später auf Berthe, ebenfalls mit einem Regenschirm bewaffnet. Berthe greift sich dann beide, hüllt sich gewissermaßen in sie ein und singt dazu ihre Arie. Ein Bild von wahrhaft bestechender Aussagekraft. Noch archetypischer ist die Idee, der hausmütterlich gekleideten Fidès (für die Kostüme ist ebenfalls Herr Boussard verantwortlich) ein Handtäschchen aufzuzwingen, welche sie von Anfang zu tragen hat und auch bei ihrer Szene „O prêtres de Baal“ nicht ablegt. Für die Sängerin eine inszenatorische Zumutung.

Zumutungen gibt es weiterhin. Etwa den Pinkler im zweiten Akt, zwei überflüssige Tänzerinnen, welche im dritten zu „Les Patineurs“ ein hirnrissiges Spektakel absolvieren, die verblödelte Szene mit dem Grafen von Oberthal im vierten Akt. Wo immer der Chor in Erscheinung tritt (vokal top von JENS BINGERT vorbereitet): er steht herum, gebannt ins Auditorium (bzw. auf den Dirigenten) blickend. Zur instrumentalen Introduktion mit den zwei Klarinetten wird einer der Instrumentalisten malerisch auf einem Bühnenpodest vorbeigefahren; das Gleiche geschieht später triumphal mit einer Blaskapelle beim Krönungsmarsch.

All diese Unzulänglichkeiten und Albernheiten sind mit der Frage zu konfrontieren: was bringt das dieser schwierig gewordenen Oper, die sich nun wahrlich nicht prima vista spielen lässt. Herr Boussard hat in seinem bereits erwähnten Interview ein gewisses Verständnis für das Werk erkennen lassen. Aber die von ihm angedeuteten Ideen umzusetzen, gelingt ihm nicht, zum Verrecken nicht.

Meyerbeer hat aus den unterschiedlichsten Gründen an seiner Oper über Gebühr lange gearbeitet. Bis zur Uraufführung (1849) gingen also Jahre ins Land. Es hatte u.a. die 48er Revolution stattgefunden, und die war der Öffentlichkeit und damit auch dem Pariser Premierenpublik noch frisch im Gedächtnis. Das nahm Einfluss auf die Handlung, an welcher der Komponist (wie bei anderem auch) bis zuletzt Änderungen vornahm. Heute sind wir ständig mit Eruptionen von islamistischem Wahnsinn konfrontiert, was für moderne Inszenierungen ein Anknüpfungspunkt sein könnte. Das sollte freilich auf keinen Fall plakativ geschehen, sondern mit Fingerspitzengefühl. Aber Herr Boussard hat den Essener „Prophète“ töricht vergeigt. Doch wie gesagt: die Besucher des Aalto Musiktheater scheinen gewillt, mit diesem unsäglichen Brimborium zu leben.

Musikalisch kann man das freilich durchaus. GIULIANO CARELLA, derzeit GMD der Opéra de Toulon und am Aalto Musiktheater schon mit „Nabucco“ und „Tosca“ erfolgreich, bringt mit den blendend aufgelegten ESSENER PHILHARMONIKERN die raffiniert gearbeitete Musik Meyerbeers dramatisch zum Glühen und entfaltet ihren Farbenreichtum. Gleichwohl lässt sich bei ihr das Vorhandensein von Äußerlichkeiten nicht ganz negieren, wie es der „Grande Opera“ auch in anderen Werken typischerweise eignet. Das kann man musikhistorisch fraglos begründen und interessant finden, aber leicht nervig ist es doch hin und wieder. Das Libretto von Eugène Scribe wirkt auch schon reichlich vergilbt (was die Essener Übertitel spiegeln); emotionaler Überdruck und Spruchblasenromantik im Text sind an manchen Stellen fast schon peinlich (z.B. bei der Schilderung des Mutter-Sohn-Verhältnisses). Da wäre also ein sensibel gegensteuernder Regisseur gefragt. In Herrn Boussard hat man ihn nicht kennen gelernt.

Bei den eifernden Wiedertäufern macht TIJL FAVEYTS (Zacharie) mit seinem raumfüllenden Bass den stärksten Eindruck. Aber auch ALBRECHT KLUDSZUWEIT (Jonas) und PIERRE DOYEN (Mathisen) liefern ganz und gar treffliche Porträts. Ähnliches ist von KAREL MARTIN LUDVIK (als fieser Graf von Oberthal) zu sagen.

Die Protagonisten. LYNETTE TAPIA becirct mit innigen Spitzentönen und melodischer Sanftheit; für die Rolle der immerhin mit einiger Leidenschaft agierenden Bethe wirkt ihre Stimme freilich etwas zu Blondchen-haft. Voll und ganz wirft sich MARIANNE CORNETTI auf die über zwei Oktaven umfassende Partie der Fidès. Es beeindrucken ungeachtet minimaler Grenzwirkungen Inbrunst des Ausdrucks, geschmeidige Kantilenenformung und dramatische Attacke. Auf den Sängerthron möchte man freilich JOHN OSBORN als Jean de Leyde heben. Der 44jährige Amerikaner verfügt über einen schön timbrierten, kraftvollen Tenor, welcher sich selbst in extremer Höhe mit raffinierten dynamischen Abstufungen zu artikulieren vermag. Übrigens hängt in Jeans lediglich von einer nackten Glühbirne erhelltem Zimmer das Poster irgendeines Fußballstars, er selber greift immer wieder zu einer Rockgitarre – diese genialen Bildeinfälle seien zum Schluss doch noch erwähnt. Osborns (auch von der äußerlich Erscheinung her stimmige) Rollenpersönlichkeit ficht das kaum an. Nicht zuletzt wegen ihm hält man die viereinhalbstündige Aufführung zwar mit Ingrimm, aber tapfer durch.

Christoph Zimmermann

 

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