Der Neue Merker

ERWIN SCHROTT: Zwischen Tango und – eines Tages! – Wagner…

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ERWIN SCHROTT

Zwischen Tango und
– eines Tages! – Wagner…

Erwin Schrott (43) wird am 15. November 2016 den „Great Voices“-Zyklus des Konzerthauses mit seinem „Cuba Amiga“-Programm eröffnen, das er erst selten, aber dann mit triumphalem Erfolg hören ließ. Wiens Opernfreunde kennen den Bassbariton aus Uruquay mit seinen großen Rollen an der Staatsoper (Don Giovanni, Leporello, als dämonischer Méphistophélès in Gounods „Faust“ oder als urkomischer Dulcamara im „Liebestrank“), haben aber auch schon sein legendäres „Rojotango“-Programm live erlebt. Nun steht wieder ein großer „Südamerika“-Abend bevor.

Das Gespräch führte Renate Wagner

Herr Schrott, wenn Sie jemand fragte: Ich habe schon „Rojotango“ gesehen, ist „Cuba Amiga“ etwas anderes?

Dann würde ich sagen: Jeder dieser Abende ist eine Reise, und „Cuba Amiga“ ist wie die Fortsetzung von „Rojotango“, woraus es natürlich einzelne Nummern als Erinnerung gibt – wenn man das mochte, will man gern wieder etwas davon hören. Aber es ist ein neues  Repertoire, es sind unsere neuen Arrangement für Songs, die wir selbstverständlich nicht „modernisieren“, dazu haben wir überhaupt kein Recht. Wir wollen einfach diese Musik in den Herzen der Zuhörer bewahren. Dazu habe ich ein Orchester, das aus lauter Freunden besteht, aus echten Multi-Musikern, Multi-Instrumentalisten, manche spielen zwei zugleich mit verschiedenen Händen, das ist wirklich witzig.

Sie gestalten dieses Programm auch als Hommage auf den großen Tango-Künstler Carlos Gardel, der möglicherweise heutzutage bei uns nicht so bekannt ist.

Carlos Gardel war der Künstler, der den Tango auf eine neue Stufe gehoben hat. Als er 1935 bei einem Flugzeugunglück starb, war er ein Hollywood-Star und weltberühmt. Damals wollte Gardel eine Südamerika-Reise unternehmen, die durch diesen Tod vereitelt wurde – und wir machen sie metaphorisch, musikalisch für ihn, von Buenos Aires über Chile, Brasilien, viele Stationen bis Kuba. Eine Reise in und durch Musik. Wobei ich nie verleugne, dass ich ein klassisch ausgebildeter Opernsänger bin – ich habe schließlich mein ganzes Leben daran gearbeitet, das zu werden.

Gardel war lange tot, bevor Sie geboren wurden. War er für Sie dennoch lebendig?

Und wie! Bei uns zuhause haben mein Vater und meine Mutter nie gestritten, aber wenn doch, dann über das Radioprogramm. Mein Vater wollte immer Tango hören, meine Mutter Strauss, Vivaldi, Wagner, das war dann die  „klassische“ Prägung meiner Jugend. Aber bei meinem Vater erklangen immer Piazzolla und Gardel, ich habe deren Songs gesungen, seit ich ein Kind bin. Tango, Rumba, Salsa haben mich seit meiner Jugend begleitet.

Haben Sie den Abend schon oft gemacht? Aus München wurde von einem Riesenerfolg berichtet.

Nicht so oft, wie ich es gerne täte, weil ich gar nicht alle Angebote annehmen kann. Ich habe nur eine Stimme, auf die ich aufpassen und der ich immer wieder Ruhe gönnen muss. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich üblicherweise vom Licht geblendet. Aber bei „Cuba  Amiga“ kam es mir vor, als hätten alle gestrahlt, ich sehe ins Publikum und jeder lächelt mich an. Stellen Sie sich vor, wie man sich als Künstler da fühlt. In München haben mehr als 3000 Leute mit mir gesungen und getanzt. In Genf nahm der Abend kein Ende, weil das Publikum einfach nicht gehen wollte.

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Verlangt ein Abend wie dieser von Ihnen nicht mehr als ein Opernauftritt, wo Sie ja „nur“ ein Teil des Ganzen sind. Während Sie an solchen Abenden quasi als „Entertainer“ funktionieren müssen, Sie plaudern mit dem Publikum, der Abend ist gewissermaßen voll und ganz Ihre eigene Verantwortung.

Immer, wenn ich auf die Bühne gebe, bin das grundsätzlich Ich und zwar Ich, der alles gibt. Ich brauche immer den Dialog, mit Publikum, es ist meine Verantwortung, ein Publikum zu beglücken oder, wie bei meinen Tango-Abenden, zum Lächeln zu bringen. Darum gebe ich immer 150 Prozent, denn es geht nur darum, die Leute glücklich machen.

Das hat auch Kristine Opolais in einem Gespräch gesagt, dass es ihr wirklich nicht um Geld und Ruhm geht, sondern um die Beglückung des Publikums.

Genau das ist es. In München war Kristine Opolais übrigens unter den Gästen meines „Cuba Amiga“-Abends, und sie hatte so viel Spaß. Hier in Wien wird es auch Überraschungsgäste geben, aber ich sage nicht wer, sonst ist es keine Überraschung. Tatsächlich bin ich super aufgeregt vor diesem Wiener Abend.

Wird wie in München auch ihre Tochter wieder dabei sein?

Nein, sie war ja schon einmal die Überraschung. Es werden Kollegen sein, jeder mit Sicherheit der Beste in dem, was er tut.

Um jetzt zu dem Opernsänger Erwin Schrott zurück zu kehren, da steht Ihnen im Februar 2017 etwas sehr Aufregendes bevor, nämlich Ihr erster Scarpia in Berlin, in der Linden-Oper.

Ja, und die Rolle fühlt sich für mich so gut an, dass ich mich fast davor fürchte (it scares me). Ich habe so lange auf den Scarpia gewartet, jetzt habe ich ihn im Kopf  und in meiner Kehle, und ich sollte mich nicht so gut mit ihm fühlen, weil das natürlich gefährlich ist. Die Rolle ist sehr schwer, man muss sie erst einmal singen können, Scarpia hat, wenn er einmal auf der Bühne ist, keinen ruhigen Moment (außer vielleicht während Toscas Arie), es gibt keine Pause, es geht immer um Macht, um Mord, um seinen Willen. Das muss man nicht nur im Kopf, sondern auch gewissermaßen im Körper haben.

Als wir uns zuletzt sprachen, sagten Sie, Verdi klopfe bei Ihnen an. Inzwischen haben Sie im Februar dieses Jahres in Palermo erstmals den Attila gesungen. Wie ist es Ihnen damit gegangen?

Die Kritiken sagten freundlicherweise, ich sei der größte Attila, aber wenn Sie mich fragen, war es nicht gut genug. Es war mein erster Versuch mit dieser Rolle, und ich habe noch nicht erreicht, was ich mir vorstelle – ich bin einfach niederschmettern selbstkritisch (devastatingly self critic). Aber was ich von Publikum und Presse als Reaktion bekam, sprach von einem großen Erfolg, und ich werde diese Rolle sicher immer und immer wieder versuchen. Und außerdem, ganz wichtig, haben wir in Palermo einen „Don Carlo“ abgemacht…

Ich dachte, dass Sie eines Tages einen großen Philipp abgeben könnten, aber ich vermutete, dass es erst in zehn Jahren so weit ist…

Wenn wir den „Don Carlo“ in fünf Jahren machen, werde ich 48 sein, so lange will ich warten, davor ist es zu schwierig. Aber ich sehe mich absolut in dieser Rolle, so wie ich mich eines Tages auch bei Wagner sehe. Wenn ich 50 bin, wird es dann Zeit sein, diese verrückten Rollen (crazy repertoire) anzugehen. Wenn man das macht, dann gibt es keinen Weg zurück. Das muss eine Entscheidung sein, die man nicht durch Zufall findet oder weil jemand es einem sagt, das muss man selbst wissen. Es kann dann nur darum gehen, dass man als Künstler weiterkommt. Alle anderen Ambitionen sind zweitrangig, die muss man hintanstellen. Es geht nicht um Ruhm und Geld, und ich sage das immer wieder, weil ich hoffe, dass junge Sänger das lesen und beherzigen. Man muss einfach seinen Herausforderungen begegnen und versuchen, langsam immer und immer besser zu werden.

Ich könnte Sie mir als idealen Holländer vorstellen.

Ja, das sagen mir viele. Ich kann die Rolle übrigens bereits, ich kenne sie genau – bedenken Sie, ich habe diese Musik gehört, seit ich ein Junge von acht Jahren war. Ich habe gar keine Möglichkeit, dem zu entkommen. Eines Tages wird es Wagner sein. Mein Deutsch wird besser und besser, unser nächstes Interview werden wir auf Deutsch machen. Sie werden überrascht sein.

Hier in Wien werden wir Sie in Ihrem Mozart-Repertoire hören, und zwar hintereinander an zwei verschiedenen Häusern – als Don Giovanni im Theater an der Wien, als Leporello an der Staatsoper.

Ja, der Dezember wird für mich eine Art persönliches Mozart-Fest sein, ich werde in München, Wien und Budapest Don Giovanni singen, das ist wie das Bermunda-Dreieck von Mozart. Und in der Staatsoper kommt danach Leporello, wie auch später wieder an der Met. Aber nach dem Don Giovanni wird mehr gefragt.

Es gibt Kollegen, die auch ein breites Fach singen wie etwa Michael Schade, der dennoch sagt, er wolle als Mozart Sänger begraben werden. Möchten Sie diese für Sie so idealen Rollen auch im Repertoire behalten?

Ich hoffe, dass ich ihn immer singen kann, hoffe, dass er mich bis meine sechziger Jahre begleitet, denn ich versuche, meine Stimme so leicht wie möglich zu halten.

Mit 70 wollen Sie dann Don Alfonso sein?

Wenn ich in meinen Siebzigern noch da bin, werde ich, glaube ich, nur noch glatzköpfig und fett (bold and fat) sein… (Erwin Schrott lacht)

Was ziemlich unvorstellbar ist… Sprechen wir noch einmal vom „Cuba Amiga“-Abend im Wiener Konzerthaus. Was erwarten, erhoffen Sie sich davon?

Ich weiß nur eines, dass ich immer alles gebe, und ich denke, die Menschen spüren das. Und wenn sie glücklich sind, werden sie mit mir singen und tanzen.

Herr Schrott, herzlichen Dank für dieses Gespräch und viel Erfolg für alle Ihre Vorhaben und Pläne!

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