Der Neue Merker

ERL/ Tiroler Festspiele: GUGLIELMO TELL. Premiere

Tiroler Festspiele Erl: GUGLIELMO TELL – 8.7.2016 Premiere

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Johannes Schmidt (Melchthal) & Chor,  (c) Tiroler Festspiele Ges. mbH/ Xiorema Bender

Mit Guglielmo Tell, einer großen französischen Oper, Rossinis letzter für Paris, macht sich Intendant Gustav Kuhn bei seinen Erler Festspielen an neues Repertoire jenseits von Wagner und Mozart heran. Und im gediegenen neuen Festspielhaus, dem Pendant zum urwüchsigen Passionsspielhaus in unmittelbarer Nachbarschaft gelingt ihm das auch zumindest musikalisch sehr gut. Wie das von außen sehr schneidig wirkende Festspielhaus eher einem Konzerthaus als einem Theaterbau ähnelt, kommt auch die Große Rossini-Oper eher mit oratorialer Massivität daher, ein wirklich lebhaft differenziertes Spiel kommt auch bei eher getragenen Tempi nicht entscheidend auf. Trotzdem ist es für die Festpiele eine geglückte Repertoireerweiterung, denn Kuhn nimmt die französische, aber italienisch gesungene Oper sehr ernst, indem er auch die Balletteinlagen mit TänzerInnen inhaltlich sinnvoll vertanzen läßt (Choreographie: Katharina Glas), was auf deutschen Bühnen von Regisseuren bei der Grand Opera sonst eher vermieden wird, weil man Angst vor Länge und Publikumsschwund hat. Kuhn kann sich aber auf sein Publikum verlassen, das die fast 4 Stunden Dauer in Gänze goutiert.
  Das Orchester ist wieder mit z.T.sehr jugendlichen Kräften besetzt, erscheint gut „austrainiert“, jedenfalls spielen sie einen markanten bis philigranen Part, und auch die bei den Steigerungen sich aufbauenden Spannungsverhältnisse, diese noch mal auf neue Höhe geführte Rossini-Spezialität, werden ihm vom Maestro mit leichter Hand übermittelt. Mit meist kleinen Gesten scheint Kuhn tatsächlich meist nur fürs Orchester zu dirigieren. Wenn das Orchester einmal bei einer massiven Steigerung rasant nach oben fährt, ist das als eimaliger Effekt. Als Regisseur erweist sich Kuhn diesmal weniger inspiriert. Leitbild seiner theatralen Umsetzung sind etwa 10 „Frauenbäume“, Riesinnen aus Pappmaschee?, unten Baumstämme, ab der Taille Frauenkörper, die wie griechische Statuen wirken, und deren gestreckte Arme in kleine Äste und Zweige münden. Diese statuen sind immer anders postiert und gruppiert und präsentieren sich in verschiedenem Licht (Kuhn) auch immer neu und anders, sollen wohl die die Power des kleinen Schweizervolkes symbolisieren, das auch gerade mit Hilfe der Frauen (die Habsburgerin Mathilde) die Unterdrücker besiegen. Sonst gibt es wieder viele weiße kleine Podeste, die bewegt und getragen werden und später mit herausragenden Spitzen auch Waffenfunktion übernehmen. Armbrust und Apfel werden symbolisch dargestellt, indem sie vom Bühnenhimmel gesenkt werden. Die Balletttruppe wird als fiese Geßler-Garde bevorzugt eingesetzt, und ist mit fulminant tanzenden Tänzern in braunen Körperbodies eingesetzt. Bei den Kostümen (Lenka Radetzky) sticht die grüne hochdekorierte Uniform des Geßler hervor, die Schweizer sind in braunen volkstümlichen Mantillen quasi vermummt. Das Bühnenbild, das sich noch durch eine hintere buntfarbige Wand auszeichnet, stammt von Alfredo Troisi.
 
  Die Chorakademie zeichnet sich durch hohe Qualität und packenden Rossini-Gesang aus. Die kurze Rolle des Leuthold singt sehr präsent Nicola Ziccardi. In der Nebenrolle des Rodolf, des Fischers und des Jägers treten Giorgio Valenta, Edoardo Milletti und Frederik Baldus auf. Den Geßler in großer Gestalt und Wirkung und einem prägnanten schlagkräftigem Baß singt Battista Parodi. Edwige, Tells Frau,wird von Anna Lucia Nardi überzeugend  und als liebende Mutter und Ehefrau  mit schönem Mezzo gezeichnet, der im Ensemble auch einen Kontrapunkt setzt. Bianca Tognocchi gibt mit lieblich süßem „Knabensopran“  den furchtlosen Gemmy im Jägerwams. Johannes Schmidt ist ein geeigneter Baß für den alten Melchthal sowie Adam Horvath als Baßbariton für Walther Fürst. In der Titelrolle überzeugt Giulio Boschetti mit einem gut geführten, strahlenden, teils schneidigem Bariton. Den Arnold gibt mit weichem gekonnt hoch geschraubtem Tenor, aber etwas blaß wirkendem Timbre Ferdinand von Bothmer. Seine Mathilde ist mit der jugendlich Dramatischen Anna Princeva besetzt, mit überraschend changierendem Timbre und spannenden Farben, vom Publikum am meisten akklamiert.        

Friedeon Rosen

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