Der Neue Merker

ERL/ Tirol: GUGLIELMO TELL

ERL/Tiroler Festspiele: GUGLIELMO TELL am 8.7.2016

IMG_8135
Die Armbrust. Copyright: Tiroler Festspiele/ Xiomara Bender

 Gioacchino Rossinis letzte, für Paris komponierte Oper „Guillaume Tell“ gilt als Prototyp und Inbegriff der französischen Grand‘ Opéra.

Gustav Kuhn hat sich für die Tiroler Festspiele Erl aber (aus verschiedensten Gründen) für die italienische Fassung entschieden. Was zwar von vielen Puristen bemängelt wurde, dem unbefangenen Musikfreund jedoch ein äußerst interessantes Hör-Erlebnis bescherte.

Denn der Wechsel der Sprache verändert auf mysteriöse Art und Weise den Charakter des Werkes total (wie vorher auch schon – wenn auch in umgekehrter Reihenfolge – bei Il Viaggio a Reims und Le Conte Ory, denen ja eigentlich dasselbe Notenmaterial zugrunde liegt). Beim Tell würde man – wenn man es nicht besser wüsste – tatsächlich meinen, eine genuin italienische Oper vor sich zu haben, die teilweise bereits schon nach Verdi klingt.

Kuhn dirigiert das – selbst in dieser Version – viereinhalbstündige Werk mit großer Präzision, großer  Verve und nie nachlassender Energie.

Ihm stehen dabei nahezu ausschließlich großartige, aus seiner Accademia di Montegraal hervorgegangene Sängerinnen und Sänger zur Verfügung. Bei manchen überwiegt die Pracht des Stimmaterials noch dessen Kultiviertheit, die verwendete Sprache ist (selbst bei Muttersprachlern) nicht immer als Italienisch erkennbar, und auch der Versuchung, das Orchester lautstärkenmäßig zu übertönen, wird nicht immer widerstanden.

Das vorausgeschickt, überzeugen aus dem durchaus beachtlichen Cast am allermeisten Giulio Boschetti (Tell), Bianca Tognocchi (Gemmy) und Anna Princeva (Mathilde).

IMG_8137
Gessler und die Girls. Copyright: Tiroler Festspiele/ Xiomara Bender

Wegen Maestro Kuhns in Personalunion mit sich selbst erstellten Regien kommt man ja eigentlich nicht ins idyllische Erl. Vorzüge und Mankos seines pseudo-minimalistischen, in Peter-Steinscher-Manier interpretationsverweigernwollendem Inszenierungsstil sind ja mittlerweile hinlänglich bekannt. Beim Tell fielen als Plus die äußerst ambitionierte, wenn auch die Protagonisten gelegentlich – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in einem Karajanschen Dunkel lassende Lichtregie auf, als Minus die manchmal an nationalsozialistische Leibesübungen erinnernden Bewegungen des in gagerlbraune Trainingsanzüge gekleideten Balletensembles.

Bis auf diesen Ausrutscher ansonsten sind die Kostüme von Lena Radecky sehr elegant (besonders faszinierend ihre transparenten Hochzeitskleider für die unterhosenlosen Schweizer Bräute).

Trotz einiger Punkteabzüge bleibt unterm Strich das große Verdienst der Tiroler Festspiele Erl bestehen, neben der Wagner-Schiene im Passionsspielhaus auch eine Belcanto-Schiene im neuen Festpielhaus eingeführt zu haben. Guglielmo Tell wird am 22.Juli noch einmal aufgeführt, am 30. und 31.Juli ist er im ORF zu erleben. Und nächstes Jahr soll ein weiteres Rossinisches Hauptwerk – Semiramide – folgen.

 Robert Quitta, Erl

Diese Seite drucken