ERL: L’ITALIANA IN ALGERI- hinreissend unterwegs zum Rossini-Festival

by ac | 29. Dezember 2016 11:49

Erl: UNTERWEGS ZUM ROSSINI-FESTIVAL IN ERL:  HINREISSENDE „L’ITALIANA IN ALGERI“ UNTER GUSTAV KUHN  ( 26.12.2016)

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Bianca Tognocchi, Oliviero Giorgiutti. Copyright: Tiroler Festspiele: Enrico Nawrath

Zunächst war es Richard Wagner, der den „Nick Name“ „Grüner Hügel von Tirol“ provozierte. Inzwischen mausert sich Erl auch zu einem österreichischen Pesaro – zumindest beim Winterprogramm, bei dem heuer eine hinreißende „L‘italiana in Algeri“ unter der Stabführung von Gustav Kuhn neu herauskam.

Nach „Guillaume Tell“ und „Barbier von Sevilla“ beschäftigt man sich also bereits jetzt mit Frühwerken wie „Die Italienerin Algier“, die 1813 in Venedig uraufgeführt wurde. Gioacchino Rossini war damals 21 Jahre jung, schrieb die Partitur seiner 11.Oper für das Teatro San Benedetti innerhalb weniger Wochen und die Geschichte vom „erotisch übersättigten“ Pascha Mustafa, der sich durch eine „klasse Italienerin“ aus seinem hormonellen Tief befreien möchte, gehört zu den immer wieder gespielten Opern des in Pesaro geborenen Komponisten. Nun ist er drauf und dran im Inntal mit Richard Wagner gleichzuziehen. Das hat mehrere Gründe: da ist einmal die wunderbare Akustik des neuen hochmodernen Festspielhauses. Die steilansteigenden Sitzreihen wirken wie in Orange oder in Epidaurus. Und das junge Orchester mit einem großen Anteil von Weißrussen spielt mit Enthusiasmus und delikater Detailverliebtheit. Und auch Gustav Kuhn scheint in seinem Element zu sein. Die Besetzung war hervorragend und aus seiner italienischen Sommerakademie in „Montegral“ hervorgewachsen. Etwa die Interpretin der Isabella  – Aurora Faggioli  : sie wurde in Bozen geboren, studierte Bratsche, Klavier und Gesang und ist in Erl seit 4 Jahren aktiv, zuletzt als Rosina. Die attraktive Mezzo-Sopranistin, die den Pascha Mustafa überlistet und wieder mit seiner Gattin Elvira zusammenbringt, ist ein Paradebeispiel für das „Geheimnis von Erl“. Gustav Kuhn ist nicht nur ein besessener Utopist, fand mit Hans Peter Haselsteiner den idealen Mäzen und ist allein für sein Aufstöbern von Hochbegabungen zu loben.

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Bianca Tognocchi, Giovanni Battista Parodi. Copyright: Tiroler Festspiele/ Enrico Nawrath

Die soeben genannte Elvira – sie wird hochkarätig von Bianca Tognocchi interpretiert- hat eine ähnliche Biographie wie ihre Mezzo-Gegenspielerin. Geboren in Como, Wechsel vom Schauspiel zur Oper samt steiler Karriere mit Auftritten unter Muti etwa als Nanetta an der Mailänder Scala. Seit 2012 gehört sie zum „Talente-Club von Erl“. Und ihr komisches Talent, ihr offensichtliche tänzerische Begabung und ihre brillanten Koloraturen führten zu einem der vielen Höhepunkte dieser „L’italiana“. Denn  auch die Regie des jungen deutschen Regisseurs Wolfgang Berthold mit Bühnenbilder von Jan Max Halama war originell, modern und doch ganz aus der Musik entwickelt. Erster Eindruck: man befindet sich im Foyer des neuen Festspielhauses. Zweiter Eindruck: über die riesigen Fenster erblickt man nicht die Alpen sondern eine mediterrane Stadt am Meer ( soll es Algier sein? Oder Istanbul?). Und inmitten dieser unkonventionellen Umgebung wird eine alte Geschichte neu erzählt. Als Slapstick, als Parodie – aber vor allem als Mischung aus Theater, Tanz und Körper-Einsatz. Oper neu und originell! Für diesen Kultur-Mix wurde Regisseur Berthold übrigens von der Choreographin Katharina Glas  optimal unterstützt. Und die vier Tänzer Jerca Roznik-Novak, Manaho Shimokawa, Thomas Leopold und Thomas Riess sollen – ebenso wie die spielfreudige Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl  – mit Sonderlob versehen werden. Dies gilt auch für den japanischen Tenor Yosuke Kobori. Er ist ein strahlender, höhensicherer Lindoro: witzig, charmant und liebenswert. Ausgezeichnet auch der italienische Bass Giovanni Battista Parodi als „Pascha“. Er kommt aus Genua, verfügt über ein imposantes Stimm-Volumen, hat nur mitunter Schwierigkeiten bei den  mitunter zu holprigen Bass-Koloraturen. Zuletzt Oliviero Giorgiutti  als Taddeo: die vokalen Mittel sind begrenzt, dafür berührt seine introvertierte Komik. Alles in Allem: „Übervater“ Gustav Kuhn kann einmal mehr sehr zufrieden sein.

Peter Dusek

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