Der Neue Merker

Erik NIELSEN (Dirigent) / Oliver PY (Regisseur) „Ich verlange Offenheit, offen für eine neue Interpretation“

Interview mit Erik Nielsen, und Oliver Py 8. April 2016

nielpy

 

Erik Nielsen © Theater Basel    Olivier Py  © Sandra Then STF

Vielen Dank Erik Nielsen, Oliver Py, dass sie sich während der intensiven Proben für Verdis MacBeth Zeit genommen haben für ein Interview mit dem Neuen Merker Wien.

Erik Nielsen: Was erwarten Sie von den Orchestermusikern bei der ersten Probe für ein neues Werk?

Offenheit! Für mich heisst eine Einstudierung eine Stilerforschung, Artikulationen zum Beispiel sind bei Verdi komplett anders als bei Mozart oder Wagner oder Strauss. Die Analyse und die Ausführung dieser Unterschiede, das ist für mich ein wichtiger Schritt, den ich mit dem Orchester machen will. Für mich ist ein gutes Orchester ein Ensemble, welche zumindest die drei Stile Verdi, Wagner und Mozart sehr gut unterscheiden/spielen kann.

Olivier Py: Was erwarten Sie von den Sängern/Sängerinnen bei der ersten Probe für ein neues Werk?

Offenheit! Offen für eine neue Interpretation, eine neue Sichtweise! Dass sie ihre früheren Erfahrungen mit dem Werk vorerst in den Hintergrund stellen. Ich erwarte aber auch, dass sie ihre Rolle, Text und Musik, beherrschen.

Erik Nielsen: Sie haben keine Berührungsängste mit dem Regietheater, mit modernen Inszenierungen. In der Oper, im Musiktheater spielt Musik/Gesang die tragende Rolle. Es gibt nun sehr viele Puristen, welche jegliche Änderung der Handlung in Zeit und Ort ablehnen, also eine Statik in der Werkinterpretierung stipulieren. Sie prophezeien sogar den Untergang der Oper, wenn nicht wieder die überlieferten Zeiten, Orte, Interpretationen eingehalten werden. Was ist Ihre Meinung als Dirigent zu dieser Frage?

Wichtig für mich ist, obgleich ich nicht selber auf der Bühne stehe, dass sich Sängerinnen und Sänger in Ihrer Rolle wohl fühlen, dass sie sich mit der vom Regisseur verlangten Interpretation identifizieren können, dass sie an diese glauben. Ich glaube, dass Dirigent und Regisseur als Team Werk erarbeiten, eine neue Sichtweise auf die Bühnen bringen. Es ist meiner Meinung nach falsch, wenn ein Dirigent sich als König, neuhochdeutsch „Macho“ gebärdet und eine absolute Kontrolle auch über die Regie haben will. Wie leben in einer globalen Welt, welche sich weiter entwickelt. Auch das Musiktheater soll/muss sich entwickeln. Und! Musiktheater, die Oper ist kein Fernsehen, kein Film, sondern ein Kunstwerk, welches jeden Abend neu entsteht, in jeder Interpretation neu daherkommt. Und das kann und muss das Musiktheater ertragen, erträgt es auch! Nur so kann sich die Oper weiterentwickeln. Stagnation bedeutet Rückgang und  schlussendlich tatsächlich den „Untergang“ der Oper.

Olivier Py: Viel ist die Rede vom Regietheater. Regietheater führt oft zu massiven Änderungen in Handlung und Zeit. In extremen Fällen sogar zur Veränderung der Musik. Halten solche Mechanismen nicht oft das Publikum vom Theaterbesuch ab?

Abhalten?! Aus welchem Grund? Ich glaube nicht. Das Publikum kommt ins Theater, in die Oper weil sie eine neue Generation Regisseure, Dirigenten erleben wollen. Auch ändert sich natürlich der Zuschauer, die Zuschauerin. Und ich glaube auch, dass das neue Publikum Interpretationen sehen will, welche mit der modernen Welt verbunden ist, der neuen Welt einen Spiegel vorhält. Wenn das Publikum fehlt, ist der Grund meiner Meinung nach der Eintrittspreis, welcher doch oft sehr hoch, zu hoch erscheint! Wobei anzumerken ist, dass eher das Sprechtheater unter dem Zuschauerschwund leidet. Musiktheater kommt meiner Erfahrung nach sehr gut an und verkauft sich auch gut.

An Beide: In welcher Richtung sollte sich das Theater bewegen, mehr traditionelle Produktionen, welche von Opernbesuchern und leider auch einigen Kritikern gefordert werden oder progressive, moderne Produktionen?

Erik Nielsen: Zeitgemässe europäische Inszenierungen werden gerne als „Eurotrash“ bezeichnet, dies vor allem von überseeischen Kultur-Kreisen, welche die traditionellen, altmodischen Produktionen im Musiktheater bevorzugen. Diese schwarz – weiss Sichtweise kann ich so nicht begreifen. Die künstlerischen Mittel, welche der Oper zur Verfügung unterscheiden sich gewaltig vom Fernsehen vom Sprechtheater. Wir haben die Stimmen der Sängerinnen und Sänger, ein grosses Orchester sitzt im Graben und spielt. Wir müssen uns klar sein, was wir auf die Bühne stellen! Kein Schauspiel, kein Fernsehen, keinen Film! Wir machen Musiktheater, ob diese nun traditionell oder modern inszeniert wird, spielt für diese Überlegung überhaupt keine Rolle. Auch wird heutzutage zu viel  Wert auf das Aussehen der Künstler auf der Bühne gelegt. Augen zu: Wunderbare Stimme! Augen auf: Interessante Regie, spannende Personenführung, stringente Interpretation sowohl musikalisch als auch in der Handlung!

Olivier Py: SängerInnen singen nicht mehr gleich wie vor dreissig Jahren. Die Gesangs-Ästhetik hat sich geändert, ändert sich immer noch, ist im Fluss! Genau so hat sich das Spiel der Orchester, die Arbeit der Dirigenten geändert. Alles ist im Fluss, verändert sich! Auch der Geschmack der ZuschauerInnen ändert sich, hat sich geändert. Noch schwieriger wird die Frage nach den Erwartungen des sehr heterogenen Publikums. All das ist keine Frage der Modernität, des Regietheaters. Wichtig ist eine gute „Show“.

Erik Nielsen, Oliver Py: Wichtig ist, dass wir klar kommunizieren, nicht das Sprechtheater, das Fernsehen oder den Film zu kopieren, sondern dass Musiktheater eine Kunstform für sich ist, welche wir dem Publikum näher bringen wollen.

Olivier Py: Regietheaterismus ist schlussendlich eine journalistische Sichtweise. Jeder Künstler, Regisseur, Dirigent, Sänger oder Sängerin ist ein Original, nie eine Kopie und hat seine eigene Sichtweise auf eine Rolle, ein Werk. Ich bin überzeugt, dass ein Regisseur zum Beispiel nicht bewusst schockieren will, sondern an seine Sichtweis als ein schönes Kunstwerk glaubt. Es kommt vor, dass ich ein Stück traditionell, originalgetreu inszeniere und damit den grossen Skandal hervorrufe. Wieso? Ich weiss es nicht.

An Beide: Walter Felsenstein verlangte von seinen Sängern präzise-akribische Diktion. Oft liegt die Handlung des Dramas im Text. Dies gilt speziell bei vertonten Werken aus dem Sprechtheater. Gilt diese Forderung auch noch bei heutigen Produktionen im Musiktheater?

Erik Nielsen: Das ist etwas, was sich schon währen der ersten Proben zeigt. Entweder man versteht die SängerInnen oder sie haben eine schlechte Diktion. Auch ist es wichtig, dass Sänger und Sängerinnen verstehen, was der Text aussagt.

Olivier Py: Wenn die Diktion schlecht ist, die Sprachverständlichkeit fehlt, gibt es keine Musik! Denn die Musik ist auch im Wort, im Text, nicht nur in der Partitur, den Noten. Es erscheint mir auch, dass bei einer schlechten Diktion oft auch die sängerische Interpretation unglaubwürdig wird. Musikalität und Diktion sind eine Einheit und können nicht getrennt werden. Die Künstler auf der Bühne müssen die Worte, den Text singen die Worte den Text inhaltlich verstehen.

Erik Nielsen, Olivier Py, Vielen Dank für dieses Gespräch.

Peter Heuberger, Basel

 

Erik Nielsen ist ab der Saison 2016/2017 Musikdirektor Theater Basel

Diese Seite drucken