Der Neue Merker

ERFURT: MEDEA von Luigi Cherubini – „Medea im Trump-Tower“. Premiere

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Theater Erfurt/ Premiere 11.11.17 / Oper „Medea“ von Luigi Cherubini

Medea im Trump-Tower

Der Medea-Stoff hat schon viele Künstler gereizt und Cherubinis Oper gehört zweifellos zu den ganz bedeutenden Schöpfungen. Am Erfurter Theater hat jetzt Generalintendant Guy Montavon seine Sichtweise des Stückes als Regisseur auf die Bühne gebracht. Er verlegt die Handlung in ein Bankbüro an der Wallstreet. Die Ausstattung und das Bühnenbild dafür liefert Annemarie Woods. Die Sprechtexte finden in deutscher Sprache statt und die Arien werden auf Französisch gesungen. Damit wendet sich Montavons Regie auch von der Rezitativfassung Franz Lachmanns ab, wie sie lange gespielt wurde. Das hat in Erfurt eine gewisse Tradition. Denn schon 1925 wagten Hans Schüler und Heinrich Strobel eine eigene Sprechfassung neben den Arien von Cherubini am damaligen Opernhaus in Erfurt. Das hatte allerdings nur kurzzeitigen Erfolg, weil die Oper auch insgesamt gekürzt wurde.

Regisseur Guy Montavon will vor allem die psychische Entwicklung Medeas nachvollziehbar machen. Der Zuschauer soll auch emotional begreifen, wie eine Frau zur Mörderin an den eigenen Kindern werden kann. Der Weg zur Tat hat viele Stufen und Facetten und die spielen alle Akteure sehr gut. Vor allem Ilia Papandreou als Medea. Sie spielt und singt eine in sich kämpfende und zerrissene Frau, die vieles erduldet, der aber letztlich alles genommen werden soll. Mit ihrer Stimme zeigt Papandreou an diesem Abend eine wahre Höchstleistung. Auch Siyabulela Ntlale als Vater Créon und Julia Neumann als Dircé zeigen sich ihren Rollen mehr als gewachsen. Sehr schön klingt auch Julia Stein in der Rolle der Neris, mit viel emotionalem Timbre. Die Rolle Jasons verkörpert Eduard Martynyuk schauspielerisch gut, sein Tenor wirkt aber manchmal etwas gepresst.

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Die Demütigungen Medeas nehmen kein Ende und Schmerz und Verzweiflung rauben ihr den Verstand. So wird sie zur Rasenden und Wütenden, die alles, was ihr lieb war, vernichten will. Als Zuschauer kann man Mitleid und Empörung miterleben. Es ist das ganz besondere Geschick Ilia Papandreous als Medea, dass man so viel Empathie als Zuschauer entwickeln kann. Gesanglich ist sie die Darstellerin, die alle überragt. Sie spielt ihre Rolle nicht nur, sie lebt ihre Rolle mit großer Überzeugungskraft. Ebenso überzeugend ist ihre Bürokollegin und aufopfernde Dienerin Neris, dargestellt von Julia Stein. Montavon deutet hier nicht nur ein kollegiales, sondern auch ein Liebesverhältnis an. Neris will ihr Leben für Medea opfern und mit ihr in die Fremde gehen. Das geschieht im 2. Akt in der 4. Szene auf sehr innige Weise mit der Arie (Néris): „Ah! nos peines seront communes“. Diese Szene könnte noch die Rache-Tat verhindern und Medea wird immer wieder, als eine sich zwischen Rache und moralischem Gebot Windende, gezeigt. Da ist Créon, gespielt von Siyabulela Ntlale, er stellt den eigentlichen Boss dar, der alle Fäden in der Hand hält. Seine Tochter Dircé (Julia Neumann) verhält sich wie ein blondes Naivchen, die sich eben einen Ehemann wünscht. Da hat Papa alles gut arrangiert, denn Jason bewährt sich als charakterloser Karrierist, allerdings ohne Führungsqualitäten. Deshalb zieht er sich auch aus dem operativen Geschäft zurück und überlässt alles dem künftigen Schwiegervater. Dircé plagen dennoch böse Vorahnungen, ob Jason sie nicht genau so behandeln wird, wie Medea und sie irgendwann verlässt. Sie begreift auch schnell, dass diese Ahnungen berechtigt sind, denn Jason reagiert durchaus sentimental auf Medeas Erinnerungsarie. Doch er verstößt sie dann kalt, was Medeas Racheabsichten noch mehr verstärkt. So wird die Tragödie unausweichlich und das Publikum kann diese emotionale Negativentwicklung begreifen. Créon behandelt Medea abfällig und fordert sie auf, einfach zu verschwinden. Auch bei den Kindern wird ihr keine Chance mehr eingeräumt. Das ist eine der Szenen, wo der Ärger in Hass umschlägt. Doch immer wieder kämpft Medea mit sich selbst und fordert Neris auf, ihre Kinder vor ihr zu bewahren. Und auch die guten Götter werden beschworen, sie vor der bösen Tat zu hüten. Das Umfeld insgesamt verhält sich herzlos. Die Banker, wirkungsvoll dargestellt vom Chor, machen sich über sie lustig und behandeln sie herablassend, obwohl sie die Firma ganz nach oben gebracht hat. Medea wird zur Außenseiterin gestempelt und zur „Nullnummer“ gemacht. Am Ende hat sie nichts mehr zu verlieren, außer ihren Kindern, die sie trotzdem verlieren wird. So reift bei ihr der Entschluss, Jason den größtmöglichen Schmerz zuzufügen. Vorher aber tötet sie Dircé, indem sie ihr den roten Liebesschal und eine Pistole zur Hochzeit schenkt. Dircé findet damit ihre Eifersucht bestätigt, dass Jason noch ein Verhältnis mit Medea hat. Das vergiftete Kleid wird von Guy Montavon durch den roten Schal ersetzt. Die Psyche der naiven Dircé wird vergiftet und verwirrt und der Boden entzogen. Aus ihrer Sicht bleibt Dircé nur Suizid und sie erschießt sich nach der lustigen Hochzeits-Feier. Jason entdeckt das Verbrechen und Medea wird von den aufgebrachten Bankern gesucht. Inzwischen hat Medea schon ihre Kinder getötet, mit denen sie kurz zuvor noch schön gefeiert hat. Die Tat geschieht mit dem Tortenmesser. Die Schuldige wird nicht gefunden, dafür bricht ein Feuer auf allen Etagen aus, das alles vernichtet.

Dazu führt Samuel Bächli mit seinem Dirigat das Orchester zu einem beeindruckenden dramatischen Finale. Musikalisch hält er die Fäden des Premierenabends gut und präzis in der Hand. Er weiß die dramatische Musik Cherubinis mit wechselnden Tempi und schönen Bögen zu gestalten. Bächli unterstützt die Sänger mit einfühlsamer Genauigkeit. Auch den wirklich eindrucksvollen Chor (Einstudierung Andreas Ketelhut) lässt er sehr pointiert einsetzen. So entsteht eine spannungsvolle musikalische Symbiose aller Akteure. Das Publikum wird davon mitgerissen und kann sich diesem Spannungsaufbau nicht entziehen, erst als der Vorhang fällt, entlädt sich diese Spannung im großen und langen Applaus.

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

 Weitere Termine: 15.11.17; 17.11.17; 01.12.17; 09.12.17; 14.01.18; 21.01.18

 

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