Der Neue Merker

ERFURT: GIULIETTA E ROMEO – Oper von Riccardo Zandonai. Klassenzimmer, weiße Betten, Kriegsfilm und eine Nicht-Tragödie. Premiere

Theater Erfurt/ Giulietta e Romeo Oper in drei Akten von Riccardo Zandonai/ Premiere am 08.04.2017/Lyrische Tragödie

Klassenzimmer, weiße Betten, Kriegsfilm und eine Nicht-Tragödie

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Copyright: Lutz Edelhoff

Die Premiere beginnt mit dem Blick in ein Klassenzimmer. Dann kommt Tebaldo mit seinem Capuleto-Clan dazu. Schnell wird es amourös und die Massenorgie steigert sich im grünen Licht, wie durch ein Nachtsichtgerät gesehen. Der Capuleto-Clan feiert ausschweifend. Dann geht es weiter im Klassenzimmer, in dem Tebaldo seine Truppe zur Wachsamkeit vor den Montecchis mahnt und seinen Verdacht deklamiert. Die Montecchis feiern ebenfalls ausgelassen und bald gibt es eine handfeste Schlägerei der Familien-Clans. Danach krabbelt Giuletta um den Schultisch und wirft verliebte Blicke durch ihr Brillchen auf ihren liebsten Romeo. Der geht von den Schmachtblicken getroffen auf die Knie und vergöttert sie mit einer schönen Arie. Später krabbeln sie aufeinander zu, bis sie sich um einen gemeinsamen Tisch versammeln. Auch hier blicken sie wechselseitig über die Tischkante und schmachten sich an. Dann entledigen sie sich ihrer Klamotten und steigen auf die Tische. Hier gestehen sie sich in Unterwäsche ihre gegenseitige Liebe. Das alles erfolgt sehr clean und ohne Jugendgefährdung, denn sie bleiben angezogen und singen weit voneinander entfernt (gefühlte ca. 30m) über ihre tiefe Liebe zueinander. Tja, auch so kann es gehen. Dabei singen sie in den Zuschauerraum hinein, damit auch alle was davon haben. So wird die Individualität geteilt. Nach so viel äußerlich klinisch-reiner Distanz liegen sie irgendwann im Klassenraum auf dem Boden und kuscheln. Das ist Romantik im 21. Jahrhundert oder um 1900? Jedenfalls war das gerade die „berühmte Balkonszene“, sie spielt sich nämlich auf dem Klassenzimmerboden ab. Zu guter Letzt gibt es noch den geritzten Blutschwur auf die ewige Liebe der beiden Liebenden.

Danach Szenewechsel, im Schlafraum, auf vielen weißen Betten, gibt es Getuschel, das wird übrigens musikalisch von den Chordamen sehr schön lautmalerisch umgesetzt. Dann wollen alle Internats-Schülerinnen neugierig wissen, wo Giuletta war. Es wird noch ein Gruppentänzchen veranstaltet und dann ein Kerzen-Orakel von den Internats-Schülerinnen befragt, wer sind die Verliebten? Dem Spaß wird durch Tebaldo ein Ende gesetzt, als er Giuletta peinlich befragt, mit wem sie denn so Umgang hat. Ihr wird es schnell zu bunt und so beendet sie das Palaver um die Familienehre mit einer Drohung, mit dem Taschenmesserchen in ihrer Hand. Dabei erzählt sie auch noch gleich, dass sie Romeo und nicht den Grafen Ladrone heiraten will. Tebaldo kocht vor Wut, muss sich allerdings erst mal um die nächste Schlägerei kümmern, von der ihm Gregorio berichtet. Mit dem Ausruf: „Romeo! Maledetto! Egli e` morto!“ verlässt er erst mal den Internatsschlafsaal.

Da kommt Romeo aus seinem Versteck und krabbelt mit in ihr Bettchen. Es folgt eine sehr innige Beruhigungs- und Liebesszene unter der Decke, im Verlauf auch auf dem Bett kniend. Das Glück währt nur kurz, schon ist der Choleriker Tebaldo zurück und zerstört das junge Glück mit Geschrei. Romeo ist noch für Frieden und Liebe, aber mit Tebaldo ist kein Schwätzchen möglich und so verschärft sich die Situation schnell. Einige unschöne Worte fliegen hin und her. Doch als Tebaldo die von Romeo verehrte Giuletta dann als „maledetta“ bezeichnet und ihr mit Strassenmobbing droht, da platzt dem ritterlichen Romeo der Kragen und kurz darauf sinkt Tebaldo von einem Messerstich getroffen zu Boden. Auch erste Hilfe ist nicht mehr möglich und so kann Romeo nur feststellen: „No…! Tebaldo…! Morto…!“ Die Szene wird beendet vom Ausrufer, dem Banditori, mit: „chi il sangue sparge avrà l’onta e la morte“. Was so viel heißt wie, das vergossene Blut bringt Schande und Tod. Damit wird der zweite Akt beendet und alle werden vom Ausrufer verscheucht.

Der dritte Akt beginnt (ausdrücklich dreißig Jahre später) mit einem vitalen italienischen Volksfest. Alle sind im Stil der italienischen Enddreißiger gekleidet. Auch ein schwarzgekleideter Faschist ist dabei. Der geneigte Zuschauer erfährt, dass das Ganze dreißig Jahre später stattfindet. Also Anfang der vierziger Jahre. Romeo konsultiert den Wirt Barnabo über das Wohlergehen von Giuletta. Der Wirt weiß nix, dafür aber der Straßensänger. Er besingt Giulettas Tod. „E questa mane sul Ponte Novo, là, presso Verona trovai dei Cantatori miei fratelli che dissermi: Racconciati con Dio e con la fame, chè a Verona più non si fan maritaggi. Ella, Giulietta, è morta“ Unter dem Eindruck dieser Sangesworte begibt sich Romeo, begleitet von einer instrumentalen Kavalkade des Orchesters, nach Verona. Zu diesem temporeichen und farbenprächtigen Intermezzo sitzt der greise und grauhaarige Romeo gemütlich auf der Bühne und lässt sich von den über ihm per Video im Kriegsfilm ausgeklinkten Bomben nur wenig beeindrucken. Danach läuft er dorthin, wo Giuletta gestorben sein soll. Immer begleitet von einem Blinden mit Stock, seinem ständigen Begleiter. Auf surreal eingerichteter Bühne ruft er nach ihr, sie solle erwachen. Mit den Worten: „Dannato me!“ (Verdammt soll ich sein!). Nimmt er kein Gift, sondern schlitzt sich die Pulsadern auf, um sich mit ihr im Tod zu vereinen. Da erwacht die Geliebte und berichtet von ihrem Schlaftrunk. Nun ist leider nichts mehr zu ändern. Allerdings findet ein Austausch von Liebesworten bis zum Morgengrauen statt. Das wird mit lieblich-tragischer Musik umrahmt, während die Lichtprojektion bunte Blüten auf die Bühne malt. Dazu gibt es das Schlussresümee des Chores: „Per chi vive, chi lagrima e chi muore benedetta sii tu, alba di vita“ (Wer lebt, der stirbt und gesegnet sind die Tränen für ein neues Leben.) Nach diesem apotheotischen Ende braust eine Menge Applaus.

Unbenannt
Copyright: Lutz Edelhoff

Dennoch bleiben an der Regie von Generalintendant Guy Montavon viele Fragen offen. Warum sind die ersten beiden Akte, mit Ausnahme weniger Szenen, so ohne dramatische Bewegung? Wieso sind die Liebenden in ihrem Klassenzimmer so weit von einander entfernt? Weshalb gibt es gerade in den Liebesszenen so wenig Kongruenz zwischen gesungenem Wort und gespielter Handlung? Und die entscheidendste Frage: Welche Gründe gibt es eigentlich, dass Romeo geschlagene dreißig Jahre wartet, um seine geliebte Giuletta wiederzusehen? Und warum nimmt sie erst nach dreißig Jahren noch den Schlummertrunk für den Scheintod?

Riccardo Zandonai und sein Librettist Arturo Rossato hätten sich da schon eine kürzere Aufeinanderfolge vorgestellt! Und so lässt Generalintendant Guy Montavon den Abend mit einer Nicht-Tragödie ausklingen. Vielleicht ist das ja postmodern?

Francesco Calcagnini liefert als Bühnenbildner einen nicht immer abwechslungsreichen Blickfang, unterstützt aber mit den zeitentfernten Bildern die Idee eines ortlosen Geschehens. Die Kostüme von Frauke Langer widerspiegeln da schon eher Atmosphäre und zeitliche Einordnung mit viel Liebe zum Detail.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Myron Michailidis. Er führt das Orchester mit harmonisch vorwärts-treibender Hand. Alle Facetten der Instrumentierung arbeitet er sehr gut heraus. Volumen und Farbigkeit durchströmen das Erfurter Theater. Dabei begleitet er die Sänger mit Tempi und Lautstärke so präzis, dass die Zuschauer ein wirklich großes Hörerlebnis haben. Der künstlerische Leiter der griechischen Nationaloper führt das Philharmonische Orchester Erfurt mit kraftvollen Einsätzen durch mittelalter-anähnelnde Motive ebenso wie durch impressionistische Klangfiguren.

Die litauische Sopranistin Jomanté Šležaité als Giuletta und der ukrainische Tenor Eduard Martynyuk als Romeo entwickeln sich während des Stückes zu sehr guter Form. Anfänglich wirken ihre Stimmen etwas metallisch, vor allem im ersten Akt. Doch dann steigern sich beide mit viel Volumen und Wärme und verkörpern ihre Rollen auch gesanglich enorm glaubwürdig und brillant. Siyabulela Ntlale als Tebaldo wirkt authentisch und spielerisch gut, auch stimmlich überzeugt er mit seiner Darstellung. Won Whi Choi als Sänger beeindruckt mit seinem sensiblen tragik-lyrischen Spiel und seiner zurückhaltenden Komik eines Weiß-Clowns und einer großen Palette von Emotionen. Der texanische Tenor Paul Kroeger als Gregorio und der chinesische Bass Chao Deng als Sansone werden zur Hör-Entdeckung des Abends. Beide zeigen sich in hervorragender Form und versprechen auch in Zukunft großes Potential für weitere Rollen. Chao Deng könnte vielleicht ein Nachfolger für den wieder einmal glänzenden Vazgen Gazaryan werden, der an diesem Abend auch mit seinen kurzen Auftritten als Ausrufer (Un banditore) überzeugt und in der kommenden Spielzeit die Ohren des New Yorker Publikums mit seiner vielfarbigen Bass-Stimme in der „Met“ verwöhnen wird.

Margrethe Fredheim erhält viel Beifall für ihre Rollendarstellung als Isabella, ebenso wird für Christine Greese-Besel, Barbara Joseph und Nicole Enßle enthusiastisch applaudiert. Auch Mark Mönchgesang sowie Jan Rouwen Hendriks als Bernabó zeigen in ihren kleinen Rollen viel Engagement. Die vielleicht undankbarste Rolle als Romeos blinder Begleiter spielt Reinhard Becker. Auch diese Männerrolle wird vom Publikum mit viel Beifall gewürdigt. Viel Lob verdient auch der Chor unter der Leitung von Andreas Ketelhut, der alle Szenen gesanglich auf hohem Niveau ausgefüllt hat.

Auch wenn die Inszenierung von Generalintendant Guy Montavon viele Fragen nach einem schlüssigen und logisch nachvollziehbaren Regiekonzept aufwirft, war es zweifellos eine gute Idee des Erfurter Theaters, diese wenig bekannte Oper des italienischen Komponisten Riccardo Zandonai dem Erfurter Publikum zugänglich zu machen.

Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

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