Der Neue Merker

ERFURT: DIE VERKAUFTE BRAUT – schöne Bilder ohne Tanz

Premiere Erfurt, 17.12.2016/Komische Oper in drei Akten von Bedřich Smetana „Die verkaufte Braut“

 Text von Karel Sabina in der Übersetzung von Winfried Hönsch und Carl Riha

 Schöne Bilder ohne Tanz

19
Copyright: Theater Erfurt

Die Ouvertüre beginnt im Dunkel und kurz danach geht das Licht im Saal wieder an und bleibt auch an während der ganzen Oper. Nur kurz nach der Pause, am Anfang des 3. Aktes, wird es noch mal kurz dunkel. Regisseur Markus Weckesser will mit dieser Atmosphäre das Publikum in das Geschehen auf der Bühne hineinnehmen und die Distanz zwischen Bühnen- und Zuschauerraum aufheben. Ob diesen Einfall das Erfurter Publikum nachvollzieht, ist Ansichtssache. Präsentiert wird eine urige Gesellschaft in schönen und passenden Kostümen von Mila van Daag, die auch sonst für die Ausstattung sorgt. Atmosphärisch wird man auf jeden Fall in das volkstümliche Dorfleben hereingeholt. Die Kulisse ist üppig aus dem Dorfleben entnommen und widerspiegelt die böhmische Lebenswelt. Sehr zum atmosphärischen Gelingen trägt auch das Licht von Torsten Bante bei.

Regisseur Markus Weckesser lenkt den Blick auf die Handelnden. Da ist dieses Geflecht aus Beziehungen und Bedeutungen. Die unüberbrückbaren Gegensätze von Reichtum und Liebe. Das Opfer scheint Marie (Margrethe Fredheim) zu werden, die als Braut verkauft werden soll. Wäre da nicht der pfiffige Hans (Thomas Paul) mit seinem genialen Plan, der sich im Laufe der Oper enthüllt und der dann bekanntlich alles zum Guten wenden wird, nämlich die Festlegung, dass Marie nur einen Sohn des Micha heiraten darf.

 Das vollkommene „Kommödienstadl- Milieu“ vermeidet Markus Weckesser mit der insgesamt nüchtern gehaltenen Bühne.

 Gregor Loebel als Kezal, der Heiratsvermittler, ist ein überlegener und sympathisch schlitzohriger Bursche. Er braucht nicht großspurig auftrumpfen, hat er doch alle Fäden längst in der Hand. Loebels klangvoller Bass wird souverän mit den Klippen seiner Partie fertig.

Julian Freibott als Wenzel der Stotterer, Sohn des Grundbesitzers Micha, der Marie heiraten soll, macht sich aber zum Schluss vom Acker. Julian Freibott wartet mit feinen Spiel- und Tenortönen auf. Er weiß auch Kraft zu entwickeln und ist ein agiler Darsteller und bleibt dabei höchst sympathisch. Freibott stottert sich in die Herzen der Zuschauer und wird zum absoluten Liebling des Abends. Sein hüpfender Abgang in die aufgehende Sonne ruft frenetischen Szenenapplaus hervor.

 Juri Batukov als Kruschina und Stéphanie Müther als Ludmilla (Maries Eltern), Vazgen Gazaryan als Micha und Astrid Thelemann als Agnes (die Eltern von Hans) sind prächtige Typen und singen tadellos. Die Vaterrollen werden von Juri Batukov und Vazgen Gazaryan sehr glaubwürdig verkörpert und stimmlich eindrucksvoll gesungen. Genau so überzeugend in ihren weiblichen Rollen treten Stéphanie Müther und Astrid Thelemann auf.

Witzig und amüsant sind auch noch der Direktor der Wandertruppe Ks. Jörg Rathmann und Nicole Enßle als Esmeralda. Ihnen liegt das Buffoneske sowohl im Spiel als auch im Gesang.

Überzeugend und stimmlich ausgewogen gelingt zum Beispiel das Sextett des dritten Aktes. Neben Kezal (Gregor Loebel) und Marie (Margrethe Fredheim) singen Juri Batukov als Kruschina, Stéphanie Müther als Ludmilla, Vazgen Gazaryan als Micha und Astrid Thelemann als Agnes.

Zum ganz großen Glanzpunkt dieses Premierenabends wird Thomas Paul als Hans. Der österreichische Tenor spielt und singt mit viel Schalk und Spaß seine Rolle. Er ist als Verhandler ein Witzbold und Charmeur, dem das Schelmenhafte aus den Augen blinkt. Etwas weniger überzeugend wirkt er allerdings in seinen Liebesbezeugungen seiner Marie gegenüber. Die ganz großen Gefühle unterliegen hier manchmal einer ironischen Brechung. Ansonsten singt Thomas Paul einen sehr warmen Tenor, der nur in den Höhen nicht immer ganz fließend brilliert.

 Als Marie steht ihm Margrethe Fredheim in der Rolle der verkauften Braut gegenüber. Sie gefällt durch einen gut sitzenden Sopran mit schöner, offener Höhe, wenngleich mit etwas steifem Spiel. Zu aufdringlich ist sie auch als „Blondpüppchen“ drapiert. Dennoch gehört Margrethe Fredheim zu den ganz großen Glitzerpunkten dieses Premierenabends.

31
Copyright: Theater Erfurt

 

Musikalisch ins Staunen kann der Zuschauer zu Beginn des dritten Aktes kommen, denn nach der ersten Arie Wenzels hört man das Moldaumotiv (Vltava) aus dem späteren Werk „Mein Vaterland (Má vlast)“. Das passt sich musikalisch zwar gut ein, ist aber erst von Smetana 1872 komponiert worden. Schade, dass man im Erfurter Programmheft nur eine kleine Notiz, als „Einlage“ tituliert, darüber findet, wie dieser Mix zustande kommt. Bei einem solchen starken Eingriff in die originale Partitur sollte man den Hörer schon aufklären, warum dies geschieht. 

Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Zoi Tsokanou. Sie führt das Orchester mit großer Beschwingtheit und sorgt für eine präzise Unterstützung der Sänger und des Chores. Sie spannt die schönen böhmischen Melodiebögen und gibt beim Furiant ein flottes Tempo vor.

 

Als “Begegnung zwischen den Geistern des Gesanges und des Tanzes” hat man Smetanas komische Oper Die verkaufte Braut aus dem Jahre 1866 oft bezeichnet. Leider fehlt es bei der Inszenierung von Markus Weckesser komplett an Tanz und viele Szenen sind zwar mimisch gut, wirken aber im Ablauf eher statisch. Es wird einfach zu viel herumgestanden, bis dann mal zwischendurch plötzlich eine Aktion erfolgt. Dabei kann der Erfurter Chor, in der Einstudierung von Andreas Ketelhut, Bewegungsszenen gut präsentieren. Da wären auch Tanzszenen gut möglich gewesen, die vermisst man leider komplett.

 Am Schluss produziert Markus Weckesser noch einige Bühnen-Gags. Ganz schön ist die Zirkusszene, in der Esmeralda den Stotterer Wenzel mit einem Geweih krönt oder hörnt? Auch diese Szene wird ironisch gebrochen. Am Ende erscheinen noch mal die Zirkusleute mit der Bemerkung: „Wir sind der gestrichene Zirkus!“ Ja, und auch der Bär tritt auf und verschwindet schnell mit der „Gestrichen“-Bemerkung.

 Für die Sänger gibt es viel Applaus, sowohl Margrethe Fredheim als auch Thomas Paul werden besonders stürmisch bedacht. Julian Freibott als Favorit des Abends erhält wirklich Beifallsstürme. Regieteam und Dirigentin Zoi Tsokanou werden ebenfalls mit viel Applaus beschenkt.  

 Larissa Gawritschenko und Thomas Janda

Diese Seite drucken