Der Neue Merker

ENCORES – ROMAIN NOSBAUM Klavier

Encore

ENCORES – ROMAIN NOSBAUM Klavier, ARS Production CD

Ad libitum – intim belauscht

Stellen Sie sich vor, sie belauschen jemanden, wie er vor sich selbst hinsingt oder am Klavier seine Lieblingsstücke dahinträumt, ja leidenschaftlich im Spiegel seiner selbst improvisiert, ohne zu bemerken, dass er nicht alleine ist. Genau das ist das Besondere an der neuen CD des Schweizer Pianisten Romain Nosbaum mit dem eher prosaischen Titel „Encores“ (=Zugaben). 

Genau dieses freie Mäandern in höchst persönlichen klanglichen Assoziationen und Bezügen auf einem ganz spezifischem Trip durch die Musikgeschichte macht dieses Album so hörenswert. Die Erkundung des intimen Kosmos beginnt bei einer Bearbeitung der Prélude in B-Moll BWV 855a von Bach durch Alexander Siloti, ungewohnt romantisch, wobei Siloti das Werk von e-Moll zu h-Moll transponierte, eine Wiederholung zufügte und die Akkorde der linken Hand arpeggierte.  Der kurzen Étude Op. 15 Nr. 9 des Ukrainers Sergei Bortkiewicz folgt das Arrangement der Vocalise Op. 34 Nr. 14 des Sergeij Rachmaninov durch den Pianisten Zoltán Kocsis. Hier entfesselt Bosbaum ein fein abgemischtes Feuerwerk an polyphoner Bravour, virtuose Kaskaden an perlender pianistischer Eleganz. Nosbaum war hörbar von der Eigenständigkeit der Behandlung der Vorlage durch Kocsis fasziniert, der nur die Melodie übernahm und Rest nach eigenem Gutdünken varriierte.

Das Zentrum der CD bilden sieben Stücke französischer Komponisten, die neoklassische Improvisation Nr. 13 in A-Moll von Francis Poulenc sowie die überwiegend dem Impressionistismus zuzurechnenden Stücke Rêverie, Nocturne, Brouillards, Feuilles mortes, Ondine und das unglaublich moderne Feux d‘artifice (Feuerwerk) von Claude Debussy. Diese genialen freien Tonmalereien zuegen von einem programmatischen Faden der Aufnahmen, nämlich die Verknüpfung von freier Form und Harmonie mit Naturlementen, wie hier dem Nebel, den toten Blättern oder dem jungfräulichem Wassergeist Ondine. 

Von Frankreich geht es nach Italien, wo Luciano Berio mit dem Wasserklavier (aus den six encores pour piano), dem einzigen tonalen, unter dem Eindruck von Schubert und Brahms entstandenen Stück des Komponisten überrascht. Dem für mich faszinierendsten amerikanischen Komponisten Philip Glass begegnet Nosbaum mit zwei seiner typischen Etudes (Nr. 9, Nr. 16): „Im Glass‘ Minimalismus breiten sich über den repetitiven Strukturen und Elementen Klangteppiche aus. Hier können sich unter Abwesenheit von Melodien, die Harmonien frei bewegen.“ Dabei entgeht Nosbaum nicht ganz der „Pedalfalle“. Diese Stücke verlangen durchaus nach einer gläsernen Klarheit im Anschlag.

Mit zwei wenig gespielten Kostproben aus dem Schaffen des Japaners Tōru Takemitsu, der frühest erhaltenen Romance sowie dem ebenfalls Natureindrücken verpflichteten Rain Tree Sletch II – im memoriam Olivier Messiaen, tauchen wir wieder in das universelle Element des Wassers, archaisch erhaben, eine gewaltige und doch klanglich logische Brücke schlagend zu Albena Pertovic-Vratchanska aus Bulgarien. Für das Schaffen dieser hochinteressanten Musikerin, setzte sich Nosbaum schon mit dem Album „Crystal Dream ein, für das er sechs ihrer Werke erstmals einspielte. Surviving Bridges of Love Op. 182 ist vom Maler Orlin Atanasov inspiriert. Das Stück wartet mit asiatischem Kolorit (tibetanischer Gong) und weiteren transgressiven Elementen wie dem Dämpfen der Saiten auf. Eine spannende Begegnung, die Lust auf mehr macht. 

Romain Nosbaums Spiel ist durchwegs romantisch grundiert, wobei er bei strukturell großer Klarheit ein großes innere Glühen vermittelt. Diesem Spiel kann sich niemand entziehen, so suggestiv und emphatisch lädt es zum Verweilen und Innehalten ein. Und jetzt bitte ran an das große Repertoire, ich möchte Schubert von diesem außergewöhnlichen Musiker hören.

Dr. Ingobert Waltenberger

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