Der Neue Merker

Elisabeth Badinter: MARIA THERESIA

BuchCover Badinter  Mria Theresia

Elisabeth Badinter:
MARIA THERESIA
DIE MACHT DER FRAU
302 Seiten, Zsolnay Verlag, 2017

Es gibt eine Fülle neuer, großer und ernst zu nehmender Biographien über Maria Theresia – nicht jene Art von Zeitungs-Feuilletonismus, die Privatgeschichten dann zwischen Buchdeckel bindet. Diese Biographien müssen nun, das ist jeder Autor seinem Leser schuldig, erkennbare Ansätze bieten. Jener von Elisabeth Badinter, Professorin für Philosophie an der Pariser Ecole Polytechnique, ist eindeutig. Die Autorin, Französin, kannte Maria Theresia vor allem als – Mutter von Marie Antoinette, jener Königin von Frankreich, die unter der Guillotine starb.

Der Blick von außen also, der sich immer als so wertvoll erweist. Zumal von einer Wissenschaftlerin, deren Forschungsansatz ein feministischer ist (u.a. zum Thema „Mutterliebe“). Also besteht der Ansatz ihrer Betrachtung nicht im Anspruch einer Herrscherinnen-Biographie. Badinter sieht die drei Lebensaufgaben Maria Theresias – Gattin, Mutter, Herrscherin. Ihre Frage lautet, wie sie diese Rollen vereinbaren konnte, wo sie in ihrem Leben unter dieser Last siegte, wo sie scheiterte. Es geht also um Logistik – und um Strategien.

Man bekommt also eine Lebensgeschichte, die erstaunlich vieles ausspart, das man in diesem Zusammenhang erwartet hatte (dass sie drei ihrer Töchter auf die Bourbonen-Throne von Frankreich, Neapel-Sizilien und Parma setzte, ist der Autorin keine Betrachtung wert, obwohl hier die „Rollen“ Mutter und Herrscherin ganz schmerzlich aneinander schrammten), die auch vergleichsweise wenig Politik und Schlachtengetümmel bietet, hingegen immer nach der Frau fragt und ihr mit vielen – zum Thema passenden – Originalzitaten so nahe rückt wie möglich: Maria Theresias eigene Briefe und die Berichte ihrer Zeitgenossen kommen zu Wort.

Dass Maria Theresia eine außergewöhnliche Persönlichkeit war – was wohl niemand bestreiten wird -, leitet die Autorin von ihren weiblichen Vorfahren, Mutter und Großmutter mütterlicherseits, ab. Ihren Vater, Karl VI., schätzt die Autorin (so wie viele Zeitgenossen, die seine Faulheit und mangelnden Geistesgaben betonten) gering, Hingegen zeichnet sie Maria Theresias Mutter, die in ihrer Jugend wunderschöne Elisabeth-Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, als besonders kluge, ehrgeizige, machtbewusste Frau, die am Wiener Hof durchaus als mächtige „graue Eminenz“ wirkte. (Da Töchter oft den Müttern gleichen, war Maria Theresia in ihrer Jugend auch hübsch, wenn auch nicht so schön wie die Mutter – und im Alter bis zur Unbeweglichkeit dick, so wie diese).

Und schärfer noch erscheint das Bild der Großmutter, Christine Luise von Oettingen-Oettingen, verheiratet mit Prinz Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel – eine so intrigante wie intelligente (und bei ihren Besuchen am Wiener Hof nicht gern gesehene) Frau: Sie verheiratete ihre Töchter in die Häuser Habsburg, Romanow und wieder Braunschweig, so dass sie die Großmutter von Maria Theresia, der Königin von Preußen (die unglückselige Gattin von Friedrich II.) und eines russischen Zaren wurde, was man natürlich nicht wissen konnte: Aber geplant war es. Und es klappte.

Auf diese Frauen führt die Autorin Maria Theresias gewissermaßen „politischen“ Verstand zurück, und wenn sie auch mit ihrer Mutter nicht sonderlich gut stand und ihre kindlichen Gefühle durch die „Aja“, die Gräfin Fuchs, erfüllt wurden, so waren Elisabeth Christine und ihre angeheiratete Tante, Kaiserinwitwe Amalia Wilhelmine (auch eine Braunschweigerin), doch Frauen von intellektuellem Niveau, die am Wiener Hof als Vorbilder gelten konnten.

Ausführlicher als sonst in Biographien Maria Theresias wird ihr Gatte, Franz Stephan von Lothringen, behandelt, der allerdings auch nicht die Gunst der Autorin genießt. Es gibt Biographen, die ihm eine Menge guter Eigenschaften zuschreiben – hier steht er vor allem als der Versager da, besonders in Kriegsbelangen (als Feldherr hat er sich nie bewährt), als eitler Mann, den Maria Theresia gewissermaßen immer „streicheln“ musste (daher, meint  Badinter, sein Status als Mitregent), ein Mann, der Maria Theresia immer unter starken emotionalen Druck setzte, was sie sehr belastete. Offenbar war sie sexuell von ihm abhängig (und er mag durchaus mit „Liebesentzug“ manipuliert haben), und sie erkaufte ihre unwandelbare Liebe zu einem zwar rücksichtsvollen, aber nicht treuen Gatten offenbar teuer. (Sie hätte niemals den Mut gehabt, ihm die Wahrheit zu sagen, meint Elisabeth Badinter… und bezahlte nach seinem Tod noch die Summen, die er seiner letzten Geliebten versprochen hatte).

Was die Beobachter am Wiener Hof Maria Theresia konzedierten, war eine „männliche Seele“, und zweifellos war sie intelligent genug, um über ihre schwierige, schwankende Stellung als „Frau mit Macht“ zu reflektieren. So wie Badinter kommen immer mehr Biographen zu dem Schluß, dass Maria Theresia – nach Aussage ihres Gatten „die beste Schauspielerin“, von der immer wieder auch betont wurde, wie deutlich sie sprach! – ihre Rolle als „Frau“ spielte, um alles, was daran positiv besetzt war, zu ihren Gunsten einzusetzen. So hat sie wohl gewusst, dass sie als schöne junge Frau das Talent hatte, Menschen zu beeindrucken, mehr noch, sich beliebt zu machen – welche kluge Frau hätte es nicht genützt, zumal, wenn sie es in ihrer schwankenden Stellung als „Frau mit Macht“ benötigte.

Denn sie konnte und wollte nicht wie Elizabeth I. von England oder Katharina II. von Russland „wie ein Mann“ leben – sie hat die Frauenrolle  (nicht zuletzt aus Liebe zum Gatten und im unersättlichen Kinderwunsch) willig angenommen. Mit einer Melange aus Sanftmut und (nötiger) Autorität fuhr sie recht gut. Dass man nie wissen kann, wo sie spontan und wo sie überlegt handelte – das ist klar, das konzediert die Autorin ohne weiteres.

Tatsächlich hatte Maria Theresias Weiblichkeit und ihre viel kritisierte Religiosität (mit den bekannten Folgen des Puritanismus in späten Jahren) eine wirklich gute Seite: Im Gegensatz zu männlichen Herrschern kam es bei ihr nie zu Blutbädern und Hinrichtungsorgien (wenn die Vertreibung von Juden und Protestanten für die Betroffenen auch kein leichtes Schicksal gewesen sein mag). Sie hat auch Menschen, deren sie sich entledigte, nicht mit einem Fußtritt weggeschickt, sondern mit Geld und Ehren überhäuft…

Männliche Entschlossenheit (die sie auch den Gatten zur Seite schieben ließ, aber möglichst so, dass er es kaum merkte – bis sie ihm als Entschädigung die Kaiserkrone erhandeln konnte) und weibliche Raffinesse: Maria Theresia hat es weit damit gebracht. Ob sie alle ihre Taten bis ins Detail berechnet hat (sie könnte ja auch einfach ein aufrechter, anständiger Mensch gewesen sein), ist natürlich Interpretationssache. Jedenfalls sieht die Autorin die Frauenrolle stärker als andere Biographen, die über 16 Schwangerschaften in 20 Jahren hinweggehen, als wäre das nichts gewesen – und nicht etwas, wo eine Frau (ob Kaiserin oder nicht) damals jedes Mal, bei jeder  Geburt, nicht weniger als ihr Leben riskierte (Gebären sei ein „ellendes Handwerk“, sagte sie selbst). Wie ein Frauenkörper sich nach 16 Geburten angefühlt hat, kann man sich nicht wirklich vorstellen.

Dass die Kinder nicht nur Dekoration waren, sondern dass Maria Theresia sich zumindest so weit um jedes einzelne kümmerte, dass sie sich genau über deren Entwicklung berichten ließ, steht fest. Umso erstaunlicher, dass in dem Buch nur eines ihrer Kinder wirklich behandelt wird: Joseph.

Eine besondere Rolle spielt aber auch der Mann, den Maria Theresia nie traf, der ihr Sargnagel war – und vice versa, wie viele von seinen Aussprüchen und Schriften beweisen: Friedrich II. von Preußen, ihr genaues Gegenteil, den sie an Skrupellosigkeit nie erreichen konnte, wenngleich sie das politische Geschäft der Täuschung und Falschheit auch lernte. Sie ist ja auch von angeblichen Bundesgenossen oft genug fallen gelassen und betrogen worden. Und sie legte ihre Sanftmut im Lauf der Zeit ab – da häuften sich dann auch die Zornesausbrüche. Und auch schwere Depressionen kamen nicht erst nach dem Tod von Franz Stephan.

Dass die 15 Jahre zwischen dem Tod des Gatten (1765) und ihrem eigenen Tod (1780) für Maria Theresia und auch für ihren Sohn Joseph II. die Hölle waren, das schildert die Autorin in aller Ausführlichkeit. Eine alternde, immer kränker werdenden Mutter, die dennoch mit aller Gewalt und Entschlossenheit an der Macht festhielt, ein Sohn, der pro forma Mitregent war, das Meiste, was sie tat, missbilligte und keinen Freiraum für eigene Aktionen hatte – da mussten zwei starke Persönlichkeiten aufeinander prallen, und sie taten es auch. Alles, was Maria Theresia bisher an Erfolgsstrategien im Umgang mit Menschen entwickelt hatte, scheiterte an ihrem eigenen Fleisch und Blut. Und bis aufs Blut haben sie auch gekämpft – die Autorin unterstellt Maria Theresia sogar bewusste Demütigung des Sohnes.

Nun, der Blick in andere Literatur und eigene Einschätzung macht es möglich, Dinge natürlich auch ganz anders zu beurteilen. Dass Maria Theresia, um ihr Land und ihren Sohn Joseph II. vor einem Krieg zu schützen, bereit war, mit Erzfeind Friedrich II. direkt brieflich zu verhandeln (was 1779 den Frieden von Teschen brachte und den Bayerischen Erbfolgekrieg tatsächlich vermied), muss man nicht ausschließlich dahingehend interpretieren, dass sie  Joseph wieder einmal zeigen wollte, wo die wahre Macht wohnte, nämlich bei ihr… Kann man nicht weit eher meinen, dass eine Herrscherin, alt geworden, einen Krieg um jeden Preis vermeiden wollend, die eigene Demütigung auf sich nahm, sich direkt an den Mann zu wenden, der ihr so viel angetan hatte, und dieser, alt geworden, es glücklicherweise damit bewenden ließ, die Gegnerin auf den Knien zu sehen, und (wohl kalkulierten) „Großmut“ zeigte?

Aber individuelle Interpretationen des vorliegenden „Materials“ über einen Menschen und Fakten (und nichts anderes ist die Geschichtsschreibung), muss natürlich erlaubt sein. Als Leser kann man immer noch seinen inneren Protest gegen die eine oder andere Betrachtungsweise formulieren.

Am Ende Dank an den Verlag, der sich die Mühe machte, die Zitate im Text jeweils gleich am Ende der jeweiligen Seite anzuführen. Das ist ein System, das dem Leser das Leben ungeheuer erleichtert und sein Wissen bereichert, wenn er nicht – vielleicht aus Bequemlichkeit, weil er nicht immer an das Ende des Buches blättern will – auf die Verweise verzichten muss. Und da die Autorin absichtsvoll sehr viel zitiert, ist dieser formale Entschluss doppelt zu begrüßen.

Renate Wagner

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