Der Neue Merker

EINE KULTURREISE NACH PILSEN, der EU-Kulturhauptstadt des Jahres 2015: NACHWEHEN UND NACHHALTIGKEIT

Eine Kulturreise nach Pilsen, der EU-Kulturhauptstadt des Jahres 2015: NACHWEHEN UND NACHHALTIGKEIT

von Meinhard Rüdenauer

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Theater Pilsen. Copyright: Czechtourist

Pilsen – die Kulturhauptstadt Europas. Für zwölf Monate jedenfalls ist dieses regionale Zentrum südlich von Prag im Jahr 2015 als Kulturhauptstadt der EU geführt und beworben worden. Das ist ein gutes, ein interessantes Jahr für Pilsen gewesen: Zahllose internationale Künstler haben hier gastiert und ein reger Austausch zwischen den tschechischen Kulturschaffenden und Organisationen hat sich ergeben. Viele Gäste sind aus dem Ausland angereist gekommen, und dieses gewaltige Mehr an Besuchern wie das kräftig aufgestockte Kulturbudget haben der Stadt  gut getan. Doch was ist geblieben? Alle Antworten auf diese Nachfrage, stets nach längeren Nachdenkpausen: „Eine gute Frage ….“.

Pilsen ist eine sehenswerte alte regionale Metropole in Westböhmen: Eine im späten 13. Jahrhundert großzügig angelegte Stadt mit sehr, sehr großem, von attraktiven historischen Gebäuden wie dem Renaissance-Rathaus umringten Marktplatz und der hochaufragende düsteren gotischen Kathedrale St. Bartholomäus. Schmucke Bürgerhäuser aus frühen Jahrhunderten bis zu Jugendstilbauten (und nur mit wenigen Relikten aus den kommunistischen Jahren) stechen ins Auge. Nicht übermäßig reger Stadtbetrieb, doch an jeder Ecke finden wir Lokale – Pilsener Urquell (in japanischem Besitz nun seit kurzem) und andere heimische Biersorten scheinen hier als Hauptnahrungsmittel zu dienen. Doch eher geistige Nahrung bieten diverse Museen und Galerien, das liebevoll gestaltete Brauereimuseum oder Führungen durch die ausgedehnten unterirdischen Kelleranlagen viel früherer Epochen.

An Auftritten historischer Persönlichkeiten hatte es durch die Jahrhunderte nicht gemangelt: Die disziplinlose Hussiten–Horde unter Jan Zizka und im Dreißigjährigen Krieg der ebenfalls nicht zimperliche Söldnergeneral Ernst von Mansfeld haben bei Belagerungen der Stadt Blut fließen lassen. Wallenstein residierte hier vor seiner Ermordung in Eger. Rudolf II. hat auf Flucht vor der Pest in Prag für ein Jahr Pilsen zur Hauptstadt des Habsburgerreiches erhoben. Kaiser Franz Josef war ein einziges Mal auf Besuch in diesem damals wichtigen Industriestandplatz der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (Skoda-Werke, Staatsbahnen). Friedrich Smetana ist hier zur Schule gegangen, hat aber keine guten Zeugnissen nach Haus gebracht. Und Adolf Loos ist in seinen späteren Jahren mehrmals eingeladen worden, hier für jüdische Bürger Wohnungen stilvoll modern einzurichten.

Pilsen scheint zur Zeit frei von Migranten zu sein. Frei auch von Österreichern? Heimelige Bibliotheksräume in altem Gemäuer werden von der Österreich-Auslandskultur betreut. Gerade ist hier eine kleine, doch informative Siegmund Freud-Ausstellung zu sehen. Und ein besonders erfolgreicher österreichischer Fußball-Internationaler ist diese Saison beim tschechischen Fußball-Meister Viktoria  Pilsen engagiert: Andreas Ivanschitz. Doch er kommt nicht mehr ganz so gut wie in seinen Glanzzeiten an.

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Neues Theater. Foto: Czechtourist

Nachhaltiges aus dem Jahr 2015 ist doch geblieben: Die EU-Kulturhauptstadt hat Pilsen ein neues Theater beschert. Nahe dem schönen, ganz im Stil der Monarchie-Opernhäuser erbauten Großen Theater steht nun ein hochmoderner Theaterkomplex mit allen technischen Finessen: Nové Divadlo. Allerdings …. manch Pilsener Kulturbeflissene dürfte nicht so ganz so glücklich mit der Novität sein. Theaterchef Martin Otava, früher als Opernregisseur in Deutschland, Japan, den USA unterwegs, muss pragmatisch denken und disponieren: „Pilsen hat eine große Kulturtradition. Die Bürger sind aber auch sehr patriotisch, stolz, wünschen sich traditionelles Theater. Mit unseren 25 Premieren pro Saison – Oper, Ballett, Musical, Sprechtheater – müssen wir drei verschiedene Bühnen profilieren. Man muss wissen, für wen man spielt.“

Und somit gibt es hier im DJKT – Divadlo J. K. Tyla v Plzni nennt sich das Pilsener Theater – so gut wie alles zu sehen. Bunt gemischt. Smetanas „Libussa“, Dvoráks „Rusalka“, Verdis „Macbeth“, Kálmáns „Czardásfürstin“ finden wir im Repertoire. Carlo Goldoni, Agatha Christie, Thomas Mann wechseln sich mit Tschechows „Drei Schwestern“ ab. Ein „Schwanensee“ darf nicht fehlen, und auch nicht „Romeo und Julia“ getanzt. Schließlich bleibt noch die Wahl zwischen „Cats“, der „West Side Story“ oder Unterhaltungstheater mit böhmischem Charme. Das Repertoire: es ist einfach riesig!

Dieses durch den Theaterneubau sehr breit gewordene Angebot muss von Martin Otava bewältigt werden: „Wir hatten ein neues System aufzubauen. Mit verstärkter Kommunikation, Reklame, Information. Man musste sich im modernem Haus einleben und ein erweitertes neues Repertoire schaffen, dass den Möglichkeiten der großen Bühne im Neuen Theater gerecht würde und einen weiteren neuen Raum – die Kleine Bühne – in den lebendigen Organismus des DJKT eingliedern.“ Geglückt ist seit dem EU-Kulturhauptstadt-Jahr auch eine Steigerung der Besucherzahlen. Pilsen hat die meisten Theaterabonnenten von ganz Tschechien. Und …. Theater für Kinder, für die ganz Kleinen bereits, wird groß geschrieben. Wer hilft mit dabei? Papageno. Im Vorschulalter beginnt es mit der Veranstaltungsreihe „Suchen wir Papageno“ mit Blicken hinter die Kulissen und direktem Kontakt zu den Sängern als allererste Einführung für den erhofften Opernfreunde–Nachwuchs.

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ALFA-Theater/ Tschechiens Puppentheater/ Puppenmuseum wird auch als UNESCO-Welterbe geführt. Copyright: Puppentheater/ Czechtourist

Gemeinsam mit den Kindern jetzt aber zum besonderen Stolz der Pilsener – nun ja, neben den Pilsener Urquell- und Gambrinus-Freuden: Pilsen ist Heimatstadt der großen tschechischen Puppenspiel-Tradition. Einer aus früherer populärer Volkskunst seit 1900 gewachsener. Tschechiens Puppentheater wird auch als UNESCO-Welterbe geführt. Im ansehlichen ALFA-Theater wird jeden Vormittag für die Schuljugend gespielt. Phantasievolles Spiel mit den verschiedensten Möglichkeiten. Mit Marionetten, kleinen wie überdimensionierten, mit Klappmaulpuppen, Schauspielern, Projektionen. Von kecken Wortspielen getragen, gänzlich ohne Angst vor besonders grotesken Erzählungen und Figuren. Im Gegenteil, gräuliche Typen und Teufel, gar Aliens marschieren munter auf und ab. Strongman kämpft gegen bösartige Entführer, befreit in einem Truck gefangen gehaltene Mädchen. Oder in der Schulklasse wird von der gestrengen Frau Lehrerin den folgsamen Püppchen eingetrichtert, wie sie sich zu verhalten haben – um nicht gescheiter, sondern dümmer zu werden! 

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Tschechiens Puppentheater/ Puppenmuseum wird auch als UNESCO-Welterbe geführt. Copyright: Puppentheater/Czechtourist

Dazu wird im Puppenmuseum am Hauptplatz in die Welt des tschechischen Puppenspiels eingeführt: Josef Skupa hat mit seinen legendären Spejbl und Hurvínek–Kreationen das Vater-Sohn-Problem aufgegriffen. Der gute Schwejk ist hier zu finden. Jirí Trnkas Animationsfilme aus den 50er, 60er Jahren wurden weltweit herumgereicht. Den Kasperl gibt es auch – Kaspárek, immer mit der Narrenkappe unterwegs. Frech und unbotmäßig hat er hier während der letzten Kampftage des blutigen I. Weltkrieges folgenden Abgesang gewagt (ohne in den Kerker geworfen zu werden): „Gute Nacht, Österreich, schlaf süß, lass dir was träumen von k.u.k., schlaf süß, gute Nacht. Ohne deine Hilfe wird jetzt weitergemacht.“

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Tschechiens Puppentheater/ Puppenmuseum wird auch als UNESCO-Welterbe geführt. Copyright: Puppentheater/Czechtourist

Nochmals in die Gefilde des DJKT: Ganz anders als in der Wiener Theaterszene, in der kreuz und quer gastierende ausländische Kunstschaffende, darstellende Künstler, Kuratoren herumschwirren und gefüttert werden, ist hier mit zwei, drei Ausnahmen zu beobachten: Sämtliche engagierten Sänger, Musiker, Schauspieler kommen auf dem eigenen Land, sind in den eigenen Ausbildungsstätten geschult worden. Der Heimatbegriff hat in Tschechiens Kultur nach wir vor seinen Stellenwert. „Tschechien ist ein kleines Land“, ist dazu von den Künstlern zu hören. „Heimat: es ist für uns die tschechische Sprache!“ Oder auch: “ … dort, wo du deine Jugend verbracht hast.“ Also: In den Nachwehen zum EU-Jahr 2015 ist ein intakter Kulturbetrieb zu  registrieren. Ohne große Schlagzeilen zwar, doch ein auf eigenem Boden gewachsenes, der eigenen Tradition folgendes Kulturleben – und somit mit einer bestimmten Nachhaltigkeit für die Menschen der Region.  

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Spejbl und Hurvínek, Vater und Sohn im Puppenmuseum. Copyright: Puppenmuseum

wien@czechtourism.com

www.czechtourism.com und www.barockintschechien.de

www.visitpilsen.eu

 

Meinhard Rüdenauer

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