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Ein Gespräch mit YUSIF EYVAZOV zu seinem Debüt in Wien

YUSEF EYVAZOF als Kalaf in der Wiener Inszenierung 2016

YUSIF EYVAZOV als Kalaf in der Wiener Inszenierung 2016

Ein Gespräch mit Yusif Eyvazov       26. April 2016
Inhalt und Gestaltung: Peter Skorepa/MerkerOnline. Das Interview führte Ella Gallieni

 

 Yusif Eyvazov

„Habe großen Respekt vor dem Wiener Publikum“

 

Wie fühlen Sie sich an diesem Haus, in dem ja, ähnlich wie an der MET, schon die größten Tenöre ihre Vorgänger waren. Spüren Sie etwas von der Erwartungshaltung im Publikum? Sind Sie aufgeregt ?
Ja, sehr aufgeregt, nervös, um ehrlich zu sein. Es ist mein Debüt an der Staatsoper und ich habe großen Respekt vor dem Wiener Publikum – sie lieben Musik nicht nur, sie verstehen sie auch sehr gut. Ich werde mein Bestes geben !

Was war ihr erster Kontakt mit der Staatsoper ?
Ich war das erste Mal vor drei Jahren zu einem Vorsingen hier, es gefiel, aber da an dem Haus so weit im Voraus geplant wird, war es damals nicht möglich, mir bereits etwas Konkretes anzubieten. Nachdem ich dann den Calaf an der MET gesungen hatte, bot man mir einen Vertrag für Tosca für 2019 an. Darüber hab ich mich sehr gefreut. Und dann bekomme ich vor drei Wochen einen Anruf, dass Herr Botha aus gesundheitlichen Gründen leider seine Mitwirkung in „Turandot“ absagen musste …

 Ein glückliche Fügung für Sie sozusagen ….
Ja, aber ich muss sagen dass mich unter solchen Umständen natürlich nur bedingt freuen kann. So etwas kann jedem von uns passieren, Johan Botha ist ein wundervoller Künstler und ich wünsche ihm alles, alles Gute.

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Sie sind ja bereits in der MET einmal in der Rolle des Calaf eingesprungen, jedoch zu einem viel späteren Produktionszeitpunkt. Wie war es hier die Proben von Anfang an mitmachen zu können ?
Ganz so entspannt war es nicht. Ich hatte gerade eine  vierwöchige Asientour mit Anna (Netrebko, Anm.d.Red.) beendet, bei der wir sechs Konzerte in vier verschiedenen Ländern gegeben hatten, als der Anruf aus der Staatsoper kam. Ich befand mich noch vollkommen im Jetlag. Wir hatten eigentlich vorgehabt uns im April ein wenig auszuruhen und nur ein, zwei Konzerte in den USA zu geben. Und plötzlich sollte ich ein paar Tage später zu Probenbeginn in Wien sein ! Ich flog also nach Wien, probte eine Woche intensiv, reiste zurück nach Kalifornien für die beiden Konzerte und kam wieder zu den Orchesterproben zurück. Der Jetlag war ein Wahnsinn !

Wie war die Arbeit mit dem Regisseur Marco Arturo Marelli ?
Marelli war sehr glücklich, ich habe seine Anweisungen zu großen Teilen umsetzten können.

Ich liebe es mit ihm zu arbeiten, er ist ein wundervoller Mensch. Und ich mag seine Ideen sehr. Am ersten Probentag gestand ich ihm, dass ich das Ende von „Turandot“ eigentlich nicht mag und er meinte nur: „Ich auch nicht!“ Wir waren also von Anfang an auf der gleichen Wellenlänge.

Ich bin der Meinung, dass diese Oper mit dem Tod Lius enden sollte.Ich möchte hier keine absoluten Theorien aufstellen,  aber ich glaube dass Puccini die Oper nicht aus Zeitmangel nicht beendet hat, sondern weil er kein Ende finden wollte.

Wie sehr ist dieser Calaf ihre persönliche Interpretation ?
Ich füge mich da völlig der Interpretation des Regisseurs, Kompromisse gab es nur bei ganz kleinen Details, ansonsten sah ich es als meine Aufgabe, seine Ideen umzusetzen. Die Beschäftigung des Regisseurs mit dem Werk übersteigt die meine um Jahre, das heißt ich sehe keinen Grund hier meine Meinung verteidigen zu müssen.

Wenn ich mit einer Produktion in großen Zügen nicht einverstanden bin, dann nehme ich von vornherein Abstand und würde absagen, wenn ich mich aber einmal darauf eingelassen habe gebe ich alles, um ihr gerecht zu werden. 

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In Ihrer Rolle gehen Sie über die sprichwörtlichen Leichen, zumindest über jene der Liu, die sich für Sie aufopfert. Wie gehen Sie da mit der Rolle um? Sind Sie persönlich mit dem Charakter der Rolle einverstanden, wie hätten Sie als echter Calaf reagiert?
Calaf ist ein „bastardo“. Momentan spiele ich Marellis Calaf, der ein sehr fragiler, verlorener Charakter ist, der um Turandot fast seinen Verstand verliert. Ich persönlich sehe ihn nicht als Opfer, sondern finde es unmöglich dass er Liu und Timur nicht rettet. Für mich kann er nach dem Tod der beiden einfach nicht mehr glücklich werden. Ich selbst könnte so nicht weiterleben.
Ich verstehe nicht warum, diese Ambiguität selten thematisiert wird und Calaf oft als positiver Held dargestellt wird. Niemand redet über die Opfer, die dieses Happy End auf dem Gewissen hat.
Auch weil dieses Ende für mich moralisch so unverständlich ist, glaube ich dass Puccini sich nicht für ein Happy End entschieden hätte.

Welches Ende würden Sie denn schreiben ?
Ich finde dass Kalaf Liu retten müsste. Er ist nach dem Lösen der Rätsel der Gewinner der Situation und begibt sich trotzdem freiwillig in Gefahr. Seine Großzügigkeit gegenüber Turandot ist im Grunde eine Ignoranz, welche seinen engsten Vertrauten das Leben kostet. Und dieses Verhalten löscht für mich alle positiven Momente, die ich mit seiner Figur assoziiere, aus.

Am Ende bleiben viele Fragen offen. Ich bin natürlich kein Puccini-Experte, aber es wäre sehr spannend, eruieren zu können, wie es wirklich zu diesem Ende kam.

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Sind Sie in Baku oder in Algier geboren? Wieso findet man im Wikipedia so differente Angaben?
Mein Vater war Meteorologe und arbeitete damals, zur Zeit meiner Geburt im Zuge eines Austauchprogramms der UdSSR in Algier, wo wir aber nur ein paar Jahre verbrachten. Aufgewachsen bin ich dann in Baku. 

Wann und wie kamen Sie mit klassischer Musik in Berührung ?
Ich hatte keine Ahnung von klassischer Musik, begann aber mit 17 oder 18 Jahren zu entdecken dass ich eine gewisse stimmliche Begabung hatte. Ich beschloss also ans Konservatorium zu gehen, mit dem Ziel danach Pop zu singen. Und dann sah ich eines Tages ein Konzert von Montserrat Caballè, ein wirklich magischer Moment, der mich begreifen ließ, was diese Art von Musik bewirken kann. Und sofort war da auch eine Art naiver Ehrgeiz, ich fragte mich ob ich fähig wäre, auch so zu singen. Ich ging also am nächsten Tag ins Konservatorium in Baku und sang meinem Gesangslehrer all diese berühmten Arien vor, Una furtiva lagrima, Di quella pira, La donna è mobile … nach 20 Minuten hatte ich keine Stimme mehr … (lacht) Mein Lehrer, der mich nicht gestoppt hatte, war nicht sehr amüsiert und schickte mich nach Hause, zum Ausruhen. Bei unserem nächsten Treffen sprach er Klartext:“Schau, du bist sehr jung, du hast überhaupt keine Technik, du kannst dich nicht einfach so in ein Repertoire stürzen, für das man fünf, sechs, manchmal zehn Jahre braucht, um es sich anzueignen.“ Ich war schockiert, zehn Jahre erschien mir eine unglaublich lange Zeit. Und raten Sie mal: Es war genau zehn Jahre später, als ich dann auch meinen ersten Cavaradossi in der Tosca sang !

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Dieser Lehrer riet mir auch nach Italien zu gehen, um wirklich den italienischen Gesang, den italienischen Stil zu erlernen. Und so kam ich mit zwanzig Jahren nach Mailand, wo eine harte Zeit begann. Ich ging zu jeder Masterclass, die ich finden konnte, arbeitete als Kellner, um mein Studium zu finanzieren. Aber gerade zu Beginn war es ein wirklicher Kampf, ich fand meine Stimme nicht, die Noten waren gegen mich. Es dauerte wirklich lange bis ich mir genug Technik angeeignet hatte um auf größeren Bühnen bestehen zu können. Dass ich dann endlich den Cavaradossi sang, das ist jetzt genau acht Jahre her, damals dachte ich noch, ich hätte es damit „geschafft“. Aber natürlich merkt man dann schnell, dass die Entwicklung einer Rolle nie wirklich aufhört. Es ist ein lebenslanges Lernen und ich merke immer wieder, dass ich zwar große Fortschritte mache, der Prozess aber nie abgeschlossen ist. Ich übe auch heute noch regelmäßig mit einem Coach um meine Technik zu verbessern. Und wenn ich meine frühen Aufnahmen höre merke ich, wie ich mich entwickelt habe !

Haben Sie bestimme Lehrer oder Lehrerinnen, die Sie geprägt haben ?
Ich habe bei sehr vielen verschiedenen Menschen gelernt und mir von jedem etwas mitgenommen, kann aber keinen herausstreichen.

Ich habe gelesen dass Sie auch bei Franco Corelli studiert haben ?
Das war leider nur eine kurze Masterclass, er war damals schon sehr krank. Für mich ging es vorrangig darum, dieser Legende einmal zu begegnen. Er ist neben Luciano Pavarotti und Placido Domingo wirklich eines meiner größten Idole.

Hören Sie sich zum Rollenstudium Aufnahmen dieser Sänger an ?
Ja, aber nicht um Sie zu imitieren, sondern um von Ihnen zu lernen. Man kann unglaublich viel von Pavarotti lernen, der auch Rollen sang, die nicht ideal für seine Stimme waren, die er aber – ganz ohne Druck – zu seinen eigenen machte. Gerade höre ich „Andrea Chenier“ mit ihm, eine Partie, die ich selbst nächstes Jahr im Jänner in Prag singen werde.

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Welche Rollen stehen bei Ihnen jetzt an ?

Nach dem Kalaf in Wien beginne ich gleich für „Andrea Chenier“ zu arbeiten. Dazwischen singe ich „Aida“ und einmal „Manon Lescaut“, aber der Chenier ist die nächste neue Rolle, die ich einstudieren werde. 

Gehen wir von der nahen Zukunft mal in die Ferne … wo sehen Sie sich in 10 Jahren ? Welche weiteren Rollen würden Sie gerne noch singen ? Was wünschen Sie sich für ihre Karriere ?
Wenn ich ganz ehrlich sein darf bin ich unglaublich glücklich mit dem, was ich bis jetzt erreicht habe. Im Grunde singe ich jetzt alle Rollen, die ich je singen wollte, es fällt mir also schwer zu sagen, was ich mir in dieser Hinsicht noch wünschen könnte.

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Die Zukunftspläne bezüglich neuer Rollen, neuer Engagements – das ist ein wundervoller Teil unseres Lebens, aber es ist eben auch nur ein Teil, und es ist vor allem immer Arbeit, egal wie viel Freude sie einem bereitet. Meine ganz persönlichen Träume gehen jetzt etwas darüber hinaus und der größte Traum wäre, eine gemeinsame Tochter zu haben.

Ich träume davon, weil ich sicher bin, dass sie so schön und talentiert wie Anna sein würde.

Wie entspannen Sie sich? Haben Sie noch Zeit für ein Hobby ?
Mein Hobby zur Zeit ist schlafen (lacht) … Aber das liegt am Jetlag.

Anna und ich lieben das Kino, wir schauen uns sehr gerne Filme zur Entspannung an. Und ich koche sehr gerne, aber dafür brauche ich Muße.

Wer organisiert Ihre Termine? Fühlen Sie sich gejagt, wenn Sie nach einem schwierigen Auftritt an der Met am nächsten Abend schon wieder in Graz bei einem Konzert auftreten ? Wo ist momentan ihr Lebensmittelpunkt ?
Wir leben in Wien, verbringen aber auch Zeit in New York, wo Tiago, Annas Sohn, zur Schule geht.
Wir haben ein gemeinsames Management, was die Terminkoordination erheblich erleichtert. Und wenn ein Engagement uns zu lange voneinander trennen würde, nehmen wir es einfach nicht an. Ich bin der festen Überzeugung dass zwei Leute, die wirklich zusammen sein wollen, immer einen Weg finden werden, der das möglich macht.

 

Wir danken Herrn Eyvazov für dieses Gespräch und wünschen ihm viel Erfolg bei seinem Debüt an der Wiener Staatsoper.

 

Peter Skorepa – Ella Gallieni
MerkerOnline

Fotos: Michael Pöhn/Wr. Staatsoper und Interviewfotos P.Skorepa

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