Der Neue Merker

EDVARD GRIEG: SONGS Siri Karoline Thornhill: Sopran, Reinild Mees: Klavier ARS Produktion 2017

EDVARD GRIEG: SONGS

Siri Karoline Thornhill: Sopran, Reinild Mees: Klavier

 ARS Produktion 2017

 siri cover

Norwegen bietet so manches Geheimnis – und auch in der Musik immer neue Entdeckungspotenziale. Wir kennen Edvard Griegs schwelgerische Panoramen in der Peer Gynt Suite oder seinem berühmten Klavierkonzert. Eine deutlich verborgenere Welt tut sich in den Liedkompositionen auf, die schon rein zahlenmäßig den Löwenanteil im Ouevre des Norwegers stellen! Die ebenfalls aus Norwegen stammende lyrische Sopranistin Siri Karoline Thornhill und ihre niederländische Partnerin am Klavier Reinild Mees teilen auf jeden Fall ein künstlerisches Ideal mit dem weltberühmten Tonschöpfer: Geht es doch in beiden Fällen darum, das eigene eitle Ego zurück zu nehmen und damit zum Mittler für die Magie des gedichteten Wortes zu werden.

Um dem Wort zu dienen, wird Grieg in seinen Liedkompositionen zum genialen Meister der kleinen Form. Unerschöpflich scheint die Ausdrucksskala in den kurzen, prägnanten Liedern und (natürlich!) in diesen spezifischen, mystischen Klangfarben des hohen Nordens.

Siri Karoline Thornhills ausgesprochen ehrlich wirkender lyrischer Sopran und das von großem imaginären Potenzial durchdrungene Klavierspiel von Reinild Mees machen diese Ausdruckswelt nachhaltig erfahrbar. Warm abgestimmt, mit druckvollem Timbre auch in großen Höhen sind Siri Karoline Thornhills Gesangslinien erfrischend beweglich in der Ausgestaltung feinster Regungen. Der Gesang der Norwegerin türmt verzückte Emphase auf, streichelt zärtlich die Seele, aber kann herzzerreißend wehklagen. Die gebürtige Norwegerin ist als „native speaker“ ja auch sehr unmittelbar an dieser Sprache „dran“ und daher jeder artikulatorischen Herausforderung gewachsen.

Arne Garborgs Gedichtzyklus aus dem Jahr 1898 „Haugtussa“ (Ein Mädchen der Berggeister) ist die wohl gewichtigste Liedvertonung aus Griegs Feder. Dieses Hörkino braucht keine Anlaufzeit: Duftige Tongirlanden des Klaviers leiten über zu funkelnd-rätselhafter Melodieführung. Nicht nur das erste Lied aus dieser Palette ist eine metaphorische Überhöhung der Liebe, die ganz viel existentielle Kraft aus der Natur zieht. Von berührender Innigkeit ist die verspielte Momentaufnahme eines „Stelldicheins“ zweier Liebenden, die entrückten Liebesschlaf auf einer blühenden Wiese halten. Anderswo wird eine geradezu unschuldige Tierwelt in fast „naivem“ Realismus portraitiert. Echte Romantiker dürfen so etwas!

Aber auch das verzweifelte Warten und Hoffen auf jemanden, der nicht kommt, wird unmittelbar und traurig abgebildet. Im nächsten Moment wäscht schon wieder die Natur die Seele rein. Ein Bach wird zur Allegorie für den Lebensfluss. Das alles sind eindrückliche Gegenbilder zu einer technokratischen, hysterischen Gegenwart. Und tun daher jedem wohl, der sich beim Hören drauf einlassen kann!

Grieg vertonte einen weiteren Liederzyklus von John Paulsen, der hier als stimmige Fortsetzung wirkt. Mit Solveigs Wiegenlied aus Griegs „Peer Gynt Suite“ streift diese imaginäre (Zeit-)Reise bekannteres Terrain. Der umfangreiche letzte Teil der CD hilft dann wieder, mit einem Klischee aufzuräumen: Grieg wird zwar heute als „der“ norwegische Nationalkomponist verehrt – aber er verstand sich auch als weltgewandter internationaler Kosmopolit, der sich auch an der deutschen Romantik einfühlsam „abgearbeitet“ hat: Sechs Lieder von Geibel, Uhland, Goethe und Walter von der Vogelweide lassen eine tiefe Einfühlung in die „deutsche Seele“ im Zeitalter der Romantik erkenne

Stefan Pieper

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