Der Neue Merker

DVD Salzburger Festspiele: Mozart, Schreker, Berg, Zimmermann

DVD Cover  Nozze di Figaro dvd  DVD Cover  Modern Operas

DVD EuroArts / Unital Classica

Aufzeichnungen von den Salzburger Festspielen

Mozart:  LE NOZZE DI FIGARO  (2015)

MODERNE OPERN
Zimmermann:  DIE SOLDATEN
Schreker:  DIE GEZEICHNTEN
Berg: LULU

Die Salzburger Festspiele betreiben das Veröffentlichen ihrer Aufzeichnungen nicht so konsequent wie andere Institutionen (man denke daran, wie Pereira einst in Zürich dafür sorgte, dass seine Produktionen auf DVD verewigt wurden und bis heute erhältlich sind). Dabei ist man noblerweise bereit, sehr vieles vom Fernsehen senden zu lassen. Doch das ist stets ein punktueller Termin – die weltweite Verfügbarkeit jederzeit ist nur durch den Handel garantiert. Dazu gibt es nun eine Oper aus dem Vorjahr (2015) und eine ganze Box unter dem Motto „Modern Operas“, die drei vorhandene Einzelerscheinungen zum Sonderpreis zusammen fasst.

Was Mozart betrifft, so hat Sven-Eric Bechtolf auf sich selbst nicht so sehr acht gegeben, obwohl er doch im Direktorium saß und sicherlich an Entscheidungen mitwirken konnte. Den Mozart / Da Ponte-Zyklus von Vorgänger Claus Guth konnte man in einer DVD-Cassette bald geschlossen kaufen. Von seinen drei Mozart / Da Ponte-Inszenierungen kam nun nur eine, die letzte, auf den Markt.

Wobei man sagen muss, dass diese vor allem überaktive, fröhliche „Nozze di Figaro“ (wo erstaunlich viel mit Waffen herumgefuchtelt wird) als ziemlich gelungen und irgendwie „zeitgemäß“ betrachtet werden kann. Wenn es denn heute schon für ein Konzept genügt, dass man die Original-Zeit des Werks, wie von Librettist und Komponisten vorgesehen, kräftig verrückt. In diesem Fall auf einen englischen Landsitz der 30er Jahre (Kritiker dachten dabei an „Downton Abbey“…), und da man auf einer Simultanbühne auf zwei Ebenen (ebene Erde, erster Stock) immer das ganze Geschehen im Blickfeld hat, sind Turbulenzen aller Art angesagt, denn es muss ja immer überall etwas geschehen. Wir leben in hektischen Zeiten, das kommt auch als Gefühl von der Bühne herab. Das Fokusieren fällt dem Betrachter der DVD wohl leichter als demjenigen, der im Haus für Mozart saß und nicht wusste, wohin er zuerst blicken sollte – das entscheidet hier der Schnitt…

„Alte“ Opernbesucher denken an legendäre Besetzungen, das sollte man hier nicht vergleichsweise tun. Die Damen sind hübsch und beweglich (Anett Fritsch, Martina Janková und Margarita Gritskova als Bilderbuch-Cherubin), die Herren von elegant-unsicher (Luca Pisaroni als Conte Almaviva) bis grobschlächtig-selbstsicher (Adam Plachetka als Figaro). Dass Ann Murray, einst ein Star bei den Salzburger Festspielen, hier als Marcellina wiedergekehrt ist, empfindet man als schöne Pointe.

Die Wiener Philharmoniker unter Dan Ettinger liefern guten Mozart – von einer Sternstunde wird niemand sprechen, aber (gerade durch den Fernseh-Touch des Ganzen) als einigermaßen heutigen Mozart kann man den Spaß gelten lassen.

Die Aufnahme beruht auf der Aufzeichnung, die voriges Jahre von Servus TV gesendet wurde. Der damals angebotene „Digitale Opernführer“, der Erläuterungen und Zusatzmaterial von Eric Schulz bietet, ist auch hier dabei. Die zeitgemäße Art, Dinge „populär“ zu machen. Oldies in der Opernwelt brauchen das wirklich nicht.

x

Man muss es den Salzburger Festspielen lassen – sie drücken sich nicht um die Moderne, wobei man bei diesem Begriff natürlich eher an Rihm oder Ades denkt als an Schreker, Berg und Zimmermann, wenn von wirklich „heutigen“ Opern die Rede ist. Aber auch „Klassiker der Moderne“ sind nicht ganz so leicht zu verkaufen. Dass man ihnen Sorgfalt angedeihen lässt, steht außer Zweifel, und dass sie ein Wiedersehen wert sind, auch.

Der Reihe nach stünde „Die Gezeichneten“ (DVD Nr.2 von den vier der Cassttte) an der Spitze. 2005 hat Nikolaus Lehnhoff  (der im Vorjahr verstorben ist) das selten gespielte Schreker-Werk in Salzburg auf die Bühne der Felsenreitschule gebracht, damals feierte man die Aufführung als mutige Tat des damaligen Intendanten Peter Ruzicka und als  „Wiederentdeckung“, aber dennoch hat sich – ganz versteht man es ja nicht – Schreker auf unseren Bühnen letztendlich nicht durchgesetzt. Er taucht höchsten hie und da als Rarität, nie als Bestandteil des Repertoires auf. Hier sieht man nun die natürlich etwas pathetische Geschichte vom hässlichen Alviano Salvago (Robert Brubaker), der schönen Carlotta (Anne Schwanewilms) und dem Rivalen Tamare (Michael Volle), die stilisiert genug auf einem riesigen, liegend über die Bühne gegossenen Frauenkörper spielt. Szenisch wie musikalisch kommt die Aufführung „flirrend“ genug (Kent Nagano mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin) auf den Betrachter zu, um einen Opernabend zu ergeben, den man – aus der Distanz von gut einem Jahrzehnt – gerne wieder sieht.

2010 gab es dann (erstmals bei den Salzburger Festspielen übrigens) in der Felsenreitschule Alban Bergs „Lulu“, wobei der mehr oder minder einzige Clou der Inszenierung von Vera Nemirova darin bestand, dass sie die Darsteller immer wieder in den Zuschauerraum schickte. Patricia Petibon, als Lulu – in Netzstrümpfen, mit weißen Federn, die Exzentrik, die zu ihrer künstlerischen Persönlichkeit  passt, schlechthin  – wie ein exotischer rothaariger Clown wirkend, ist auch aus der Distanz immer noch das Besondere dieser Aufführung, die in Michael Volle, Franz Grundheber oder Pavol Breslik  noch ein paar starke Besetzungen der Nebenrollen aufzuweisen und in Marc Albrecht am Pult der Wiener Philharmoniker einen kompetenten Dirigenten hat. Auch hier das Prädikat „wieder sehenswert“ – und das ist schließlich das Motiv dafür, sich eine DVD zu kaufen…

2011 schließlich gab es mit „Die Soldaten“ von Zimmermann die erste und erfolgreichste Zusammenarbeit von Ingo Metzmacher und Alvis Hermanis (Birtwistles „Gawain“ 2013 ist ihnen nicht annähernd so gelungen und wurde auch nicht aufgezeichnet). Die Schwierigkeiten des schon vom Komponisten her gigantomanischen Werks (120 Musiker, 22 Sänger, 18 Schauspieler) sind bekannt, und Hermanis hat die Breite der Felsenreitschule genützt, um die Vielfalt der Vorgabe zu einem tatsächlich rauschhaften theatralen Ereignis zusammen zu binden. Solche künstlerische Ergebnisse verdienen es, aufbewahrt zu werden.

Renate Wagner

Diese Seite drucken