Der Neue Merker

DVD LA FILLE DU PHARAON (Bolschoi Ballett)

DVD Cover  Ballett  La Fille du Pharaon

LA FILLE DU PHARAON
Ballett von Marius Petipa
Aufgezeichnet im Bolschoi Theater, Moskau
1 DVD, Label: BelAir

Ägypten ist immer gut – allerdings in unserer europäischen Vorstellungswelt vor allem in Großausstellungen und natürlich im Kino. Es als exotischer Hintergrund in einem Ballett zu sehen, überrascht im ersten Augenblick – aber ein Klassiker ist ein Klassiker, man muss ihn nehmen, wie er ist. Wobei die „Tochter des Pharao“ interessanterweise nie so berühmt wurde wie andere Schöpfungen des großen Petipa – und doch ist gerade dieses Ballett auch heute eine Moskauer Legende.

Als Marius Petipa es 1862 schuf, hatten der Orientalismus, dabei vor allem die Ägyptomanie, ihre hohe Zeit, man suchte nach Pharaonengräber, schmuggelte Mumien (mit oder ohne Sarkophage), es war noch nicht das Land der endlosen Touristenströme, sondern eine geheimnisvolle Welt mit einer uralten Kultur. Théophile Gauthier, als Schriftsteller ein später Romantiker, bediente damals den Zeitgeist und schrieb  „Le Roman de la Momie“. Man nahm das Werk als Vorlage für das Ballett, und die Tochter des Pharao ist wahrlich nicht die einzige Mumie, die in der Phantasie der Nachwelt zum Leben erweckt wurde…

Das Moskauer Bolschoi-Ballett hat im Jahr 2000 den französischen Choreographen Pierre Lacotte beauftragt, den Klassiker zu revitalisieren, und er tat es ohne Modernisierungsversuche, auch ohne Angst davor, dass der mitteleuropäische Zuseher bei dieser Ausstattungsorgie schmunzelt – auch wenn er mehr als genügend Anlässe dafür findet.

Da kommt offenbar ein europäischer Reisender im Tropenanzug, mit Tropenhelm nach Ägypten, begleitet von einheimischen Arabern, im Hintergrund schimmern die Pyramiden, ein Sturm kommt auf… Die Herren schmauchen Opium – und schon geht es los. Das ist übrigens die Rahmenhandlung, wenn der Reisende, er heißt Lord Wilson, am Ende wieder erwacht, war alles eben nur ein Traum…

In diesem Traum tanzt auch irgendeinmal als komischer Effekt ein roter Affe, vor allem aber erscheint ein Sarkophag mit einer wirklich wunderschöne Dame, die heraus steigt: Es ist Pharaonentochter Aspicia, für die sich der Lord gleich in einen jungen alten Ägypter verwandelt, sonst gäbe es ja keine Liebesgeschichte.

Moskau heute baut dieses klassische Petipa-Ballett (er steckt in jedem Atemzug dieser Neufassung) auf eine seiner berühmtesten Ballerinen, Svetlana Zakharova, bei der sich technische Meisterschaft und Ausstrahlung so überzeugend treffen, und auf Sergei Filin, Chef des Bolschoi-Balletts und auch noch mit gut 40 ein überzeugender Principal Dancer.

Im übrigen ist es für den Betrachter witzig, ein Corps mit den üblichen Tutus, das ebenso aus einem der anderen klassischen Ballette kommen könnte, im ägytpischem Ambiente zu sehen – ein Tempel innen (man könnte „Aida“ darin spielen), desgleichen die eindrucksvolle Außenfront dieser monumentalen Anlagen, man hat Prospekte nicht geschont und nicht Maschinen…

Kurz, das klassische russische Ballett hat sich nach Ägypten verirrt und macht auch dort, was es immer macht. Und da man sich daran bekanntlich nicht sattsehen kann, legt man diese Pharaonentochter als unverwechselbare Erfahrung zu dem Zauber des großen, klassischen russischen Balletts.

Renate Wagner

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