Der Neue Merker

DVD Franco Faccio AMLETO

DVD Cover  Facccio  Hamlet

Franco Faccio:
AMLETO
Aufgenommen bei den Bregenzer Festspielen 2016
2 DVD
C Major (Naxos Deutschland GmbH) Unitel Classica

Es sei nicht nur eine Wiederentdeckung gewesen, sondern geradezu ein Coup, fand die Presse, als die Bregenzer Festspiele 2016 eine Oper an den Tag förderten, die ebenso vergessen war wie ihr Komponist – zumindest hierzulande.

Es war zweifellos der allmächtige Schatten von Giuseppe Verdi, der so viele seiner Zeitgenossen überstrahlte – nicht nur Arrigo Boito, der, selbst Komponist, für den Größeren als Librettist arbeitete, auch der lebenslange Boito-Freund Franco Faccio (1840-1891), der dem Meister wieder als Dirigent seiner Werke an der Scala dienen durfte.

Einen „Hamlet“ hätte Boito als Librettist später auch für Verdi schreiben können, aber es war Franco Faccio, der das Werk vertonte, das 1865 am Teatro Carlo Felice in Genua seine Uraufführung erlebte. Und dann unverdient in Vergessenheit geriet.

Dabei fesselt die Musik – natürlich im Verdi- und Verismo-Stil der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – von der ersten Minute an. Sie ist stark, stimmungsvoll, großartig zu singen und voll von dramatischen Farben. Paolo Carignani war dafür, am Pult der Wiener Symphoniker, ein idealer Dirigent.

Der Prager Philharmonischer Chor wurde von Regisseur Olivier Tambosi besonders gefordert, die an sich klar laufende Shakespeare-Handlung (in der Bühnenlösung von Frank Philipp Schlößmann, in den historisierenden Kostümen von Gesine Völlm) gewissermaßen surreal zu konterkarieren, so dass das Geschehen immer spannend, nie den Eindruck eines historischen Schinkens erweckt.

Der aus Brünn stammende tschechische Tenor Pavel Černoch, der im italienischen Repertoire ebenso zuhause ist wie im slawischen, bietet mit teils stählernem Timbre nicht nur gesanglich eine exzellente Leistung – er ist wahrlich der verstörte Prinz Shakespeares.

Als König läßt Claudio Sgura bezüglich seiner Erscheinung und seiner Stimmkraft keine Wünsche offen, nur etwas stimmliches Wabern stört dann doch. Zwei eindrucksvolle Damen: Die verführerische Mezzo-Mama (Dshamilja Kaiser als Gertrude) und der zarte rumänische Sopran (Iulia Maria Dan als Ophelia).

Dieser „Amleto“ zeigt, wie hochkarätig fündig man werden kann, wenn man im vernachlässigten italienischen Repertoire des 19. Jahrhunderts stöbert.

Renate Wagner

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Franco Faccio
Amleto (Hamlet)
Oper in vier Akten (1865)
Libretto von Arrigo Boito
Kritische Ausgabe von Anthony Barrese

Musikalische Leitung    Paolo Carignani
Wiener Symphoniker
Prager Philharmonischer Chor    

Inszenierung        Olivier Tambosi
Bühne        Frank Philipp Schlößmann
Kostüme     Gesine Völlm

Amleto       Pavel Černoch
Claudio      Claudio Sgura
Polonio      Eduard Tsanga
Orazio        Sébastien Soulès
Marcello     Bartosz Urbanowicz
Laerte         Paul Schweinester
Ofelia         Iulia Maria Dan
Gertrude     Dshamilja Kaiser
Der Geist | Ein Priester  Gianluca Buratto
Ein Herold | Der König Gonzaga Jonathan Winell
Die Königin        Sabine Winter
Luciano | Erster Totengräber  Yasushi Hirano

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