Der Neue Merker

DVD Camille Saint Saens: SAMSON UND DALILA

DVD Cover  Saint Sanes  Samson und Dalila

Camille Saint Saens:
SAMSON UND DALILA
Badisches Staatstheater Karlsruhe, 2010
1 DVD, Arthaus Musik

Vielleicht ist es unsere gnadenlose Welt, in der Alter nicht als Qualität zählt, sondern weggeschoben wird: Jedenfalls kann der argentinische Tenor José Cura, derzeit Mitte 50, nicht mehr damit rechnen, in der Kaufmann-Oberliga gehandelt zu werden, wenngleich ihn Thielemann (obzwar als Einspringer) etwa als Othello nach Salzburg holte. Aber Cura hatte immer besondere Ambitionen, die über das bloße Singen hinaus gingen.

So hat er sich des öfteren als Dirigent versucht, für das Prager Symphonieorchester ist er nicht nur „Artist in Residence“ mit zwei Konzertprogrammen pro Jahr, er stellt sich in diesem Rahmen auch als Komponist vor (mit seinem Werk „Modus“ im Oktober 2017). Als Sänger wählte Projekte, die für ihn unüblich schienen: So hat er in Monte Carlo Wagners „Tannhäuser“ in der französischen Fassung (!) auf französisch gesungen. Er hat schon vor einiger Zeit begonnen, zu inszenieren und gleichzeitig auszustatten, und nächstes Jahr wird er in Monte Carlo, als sein eigener Regisseur und Ausstatter, seinen ersten Peter Grimes singen. Die vorliegende DVD zeigt seinen ambitionierten Versuch, 2010 im Badischen Staatstheater Karlsruhe „Samson und Dalila“ von Saint Saens auf die Bühne zu bringen und dabei selbst die Hauptrolle zu verkörpern. Dabei zeigt er, dass er kein Bilderstürmer ist – und dass er sein Handwerk versteht.

Er braucht für seinen „Samson“ keinen historisierenden Rahmen, sondern schuf sich eine heutige Szenerie (wie es heutzutage üblich ist, um das hinzu zu fügen): Was man an Gestängen, Leitern und Kränen sieht, definiert sich wohl als Ölbohranlage im Nahen Osten, zumal Feuer aus Ölfässern lodert, dazu Menschen im Alltagsgewand (nur ein paar Damenkleider wehen lang und weiß). An sich sehr zeitgemäß, aber nicht unbedingt a priori einleuchtend für eine biblische Geschichte. Da er sie aber so kraftvoll-brutal hinstellt wie hier, gewinnt das Ganze einige Überzeugungskraft, wenn auch das religiöse Element in den Hintergrund tritt. Jedenfalls beschwört der Regisseur Cura keine Exzesse, die das Geschehen stören würden, und wenn er Ideen einbringt (die Kinder der Philister und Hebräer spielen miteinander), sind sie zumindest nicht uneinsichtig.

Außerdem inszenierte Cura, mit wildem Bart und Langhaar, stimmlich ein starker, kraftvoller und schon von der Persönlichkeit her überzeugender Samson, mit seiner schönen Dalila überzeugende Interaktion, und die reizvolle Russin Julia Gertseva lässt da einen wirklich überzeugenden Mezzo leuchten. Der während der Liebesszene in einem Vorhangschleier gefangene Samson wird dann in einem Sack schauerlich behandelt, und Cura schont ihn nicht, das erinnert an zeitgemäße Folter. Am Ende „brennt“ die ganze Bühne…

Der Holländer Jochem Hochstenbach, Karlsruhes Erster Kapellmeister, packt das reizvolle Werk überzeugend an, große Oper, exotisches Kolorit, musikalisch reich konturierte Zeichnung der Titelfiguren – das stimmt. Für Karlsruhe und Cura-Freunde ein großer Abend, für alle anderen ein durchaus interessanter Beitrag zur „Samson“-Rezeption.

Renate Wagner

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Camille Saint Saens:
SAMSON UND DALILA

Musikalische Leitung …Jochem Hochstenbach
Regie und Ausstattung…José Cura
Chor…Ulrich Wagner
Badische Staatskapelle
Badischer Staatsopernchor 

Dalila… Julia Gertseva
Samson…José Cura
Oberpriester des Dagon…Stefan Stoll
Abimelech, Befehlshaber der Philister…Lukas Schmid
Der alte Hebräer…Ulrich Schneider (Stimme) /Walter Schreyeck (Darsteller)
Kriegsbote…Andreas Heidecker
Erster Philister…Sebastian Haake
Zweiter Philister…Alexander de Paula

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