Der Neue Merker

DVD: André Tschaikowsky DER KAUFMANN VON VENEDIG

DVDCover Merchant of Venice

DVD (EuroArts / Unitel Classica)
André Tschaikowsky 
DER KAUFMANN VON VENEDIG
Von den Bregenzer Festspielen 2013

Es ist bedauerlich, dass mit der Ära Pountney offenbar auch ein ebenso bewährtes wie wichtiges Programmkonzept der Bregenzer Festspiele zu Ende geht. Wurden doch im letzten Jahrzehnt neben der populären „großen“ Oper auf der Seebühne im Festspielhaus immer besondere Raritäten gezeigt, die echte Opernfans immer ein kleines bisschen klüger und informierter gemacht haben. (2014 wird man im Festspielhaus „Hoffmanns Erzählungen“ zeigen – nicht gerade eine Novität.)

Als letztes dieser Werke kam 2013 „Der Kaufmann von Venedig“ des polnischen Komponisten André Tchaikowsky zur Uraufführung, eine Co-Produktion mit dem Teatr Wielki, Warschau, ein interessantes Werk, wenn auch nicht jene Art von „Moderne“, die dem Publikum ins Gesicht springt. Shakespeares Stück ist bekannt und problematisch genug, die Umsetzung von Tchaikowsky, an der er eineinhalb Jahrzehnte gearbeitet hat, war bei seinem Tod 1982 mehr oder minder vollendet, die Uraufführung stand noch aus – Bregenz erwies dem Komponisten seine Reverenz und machte sich selbst als Festival Ehre damit.

Man hat in Keith Warner einen jener britischen Regisseure mit der Inszenierung beauftragt, denen immer etwas einfällt, ohne dass sie das Werk verbiegen würden. Wenn sich also Shylock und die anderen (die ja letztendlich auch „Geld-Menschen“ sind) in Büroräumen finden, die mit ihren Schreibtischen irgendwie an das Ende des 19. Jahrhunderts gemahnen, so passt das vorzüglich zu der Geschichte – wenn auch die zentrale Szene, wenn Shylock seinem Schuldner Antonio buchstäblich das Fleisch aus den Rippen schneiden möchte, zwar ungemein spannend, aber doch nicht wirklich glaubhaft ist. Aber Theater hat eben seine eigene Wahrheit.

Kaufmann von Venedig Bregenz

Und hier funktioniert die Geschichte nicht zuletzt dank Wiens Adrian Eröd in der Rolle des Juden, der sich nicht scheut, die Figur auch in ihrer Körpersprache als „jüdisch“ zu charakterisieren, ohne dass es diskriminierend wirkt. Dennoch – der Haß des Mannes gegen alle, die ihn ausgrenzen, beherrscht mehr oder minder das Geschehen und wird auch im Verhalten der anderen begründet. Das ist eine große Rolle in Eröds Karriere.

Hervorragender Counterpart für den Bariton ist der Countertenor Christopher Ainsley als Antonio (der ja eigentlich der titelgebende „Kaufmann“ ist), und auch der Rest der bunt gemischten Besetzung überzeugt.

André Tchaikowskys Musik, von den Wiener Symphonikern unter Erik Nielsen realisiert, ist illustrativ, eindrucksvoll, vielfältig in ihren Stimmungen zwischen Dramatik, Lyrik und durchaus auch Witz und tut, wie erwähnt, „nicht weh“.

Das mag natürlich auch eine Chance sein, dass sich das Werk zumindest für eine Aufführungsserie in dem einen oder anderen größeren Opernhaus wieder findet. Nicht für die Ewigkeit, aber als Beitrag zur Musik des 20. Jahrhunderts und zum breiten Angebot der Shakespeare-Vertonungen.

Renate Wagner

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