Der Neue Merker

Walter Braunfels: ULENSPIEGEL (DVD, Linz 2014)

DVD Ulenspiegel

Walter Braunfels:
ULENSPIEGEL
Aufgeführt in der Linzer Tabakfabrik anlässlich des Brucknerfestes 2014
CAPRICCIO

Auch Walter Braunfels (1882-1954) gehört, obwohl er – ein verfemter „Halbjude“ – das Glück hatte, das Dritte Reich zu überleben, zu jenen Komponisten, die aus ihrer Karriere und aus ihrem Schaffen gerissen wurden. Zwischen 1905 und dem Zweiten Weltkrieg hat er zahlreiche Opern geschaffen, deren Wiederentdeckung ansteht. „Die Vögel“ kamen bereits gelegentlich zur Aufführung (u.a. 1999 an der Wiener Volksoper), der „Ulenspiegel“ nach dem seinerzeit sehr bekannten Roman von Charles de Coster, 1913 in Stuttgart uraufgeführt, musste bis 2011 warten, dass er in Gera wieder einmal das Licht einer Bühne erblickte.

Besonders eindrucksvoll war dann die nächste Produktion des Werks, die 2014 in Linz anlässlich des Bruckner-Festes herausgebracht wurde und die nun auf DVD zu betrachten ist. Damals hatte Werner Steinmetz im Auftrag der Produzenten eine Fassung für Kammerorchester erstellt, die vom Israel Chamber Orchestra unter Martin Sieghart realisiert wurde, ohne dass man das Gefühl gehabt hätte, eine „kleine“ Version des Werks zu hören.

Die Geschichte spielt an sich in und um Gent in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als der Herzog von Alba im Auftrag von König Philipp II. von Spanien als Statthalter gnadenlos regierte. „Terror in Gent“ hatte in der Linzer Tabakfabrik (der ehemalige Prestigebau der Nazis bietet ein echte Hallenambiente, das auch in der Aufzeichnung zu spüren ist) keinerlei historischen Anstrich – Ulenspiegel bewegt sich hier in einer Welt der Wohnwägen, der alten Autos, der Unterprivilegierten, aber gegen die wird ja genau so brutal vorgegangen wie einst gegen die einheimische Bevölkerung: „Terror in Gent“ hat also ganz aktuellen Charakter, „die Spanier sind da, Gnade uns Gott“ kann man ohne weiteres in diese Welt „übersetzen“, und das gibt der Inszenierung von Roland Schwab jede Glaubwürdigkeit. Diese Oper führt im Grunde in einen Kampfschauplatz, Brutalität, Folter und Hinrichtungen beherrschen diese Welt.

Braunfels ist in seiner Musik noch der Erbe der Tonalität, obwohl er sich in seiner Expressivität jenseits jeder Gefälligkeit befindet, und das gilt auch für die Aufführung, die in ihrem düsteren Umriß solcherart im Grunde umso eindrucksvoller wird.

Till ist hier kein Schalk, das Geschehen ist nicht lustig, und Marc Horus geht den Weg zum Widerstandskämpfer (für den sich sein Vater geopfert hat) höchst überzeugend. Gar nicht lieblich, aber besonders ergreifend ist Christa Ratzenböck als seine Nele. Stark wirkt Joachim Goltz als Profoss, der Vertreter der ungerechten Macht. Die restlichen Darsteller und der Chor fügen sich in ein dichtes Gesamtbild.

Das ist freilich kein Werk, das man in den DVD-Player schiebt, um sich einen „gemütlichen Opernabend“ zu machen: Aber wer sich für das Genre an sich und zumal für Unbekanntes interessiert, der wird hier gut bedient sein.

Renate Wagner

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Walter Braunfels
Ulenspiegel

Till Ulenspiegel…Marc Horus
Nele… Christa Ratzenböck
Profoss…Joachim Goltz ·
Klas…Hans Peter Scheidegger
Jost / Schuster…Andreas Jankowitsch
Bürgermeister / 1. Ablasspriester…Tomas Kovacic
Schreiner / Arkebusier…Martin Summer

Dirigent:  Martin Sieghart 
Israel Chamber Orchestra
EntArteOpera Chorus
Regie: Roland Schwab
Ausstattung: Susanne Thomasberger
Eine Co-Produktion der EntArte Opera mit dem Internationalen Brucknerfest Linz 2014

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Arnold Schönberg: GURRE-LIEDER (DVD, Amsterdam 2014)

DVD  Gurrelieder

Arnold Schönberg:
GURRE-LIEDER
für Soli,Chor & Orchester (Bühnenversion)
Szenische Weltpremiere im Het Muziektheater, Amsterdam, am 2. September 2014
Opus Arte, 2016

Wir sind gewöhnt, den Gurre-Liedern, Arnold Schönbergs großem „romantischen“ Werk (keine Angst hier vor den „neuen Tönen“, für die dieser Komponist steht!) im Konzertsaal zu begegnen. Doch es ist abendfüllend, es beschäftigt mehrere Sänger, es hat eine Handlung, und man konnte zweifellos versuchen, es als Geschichte auf die Bühne zu bringen, wie es 2014 überzeugend genug in Amsterdam geschehen ist, um das Ergebnis auch auf DVD zu bannen. Es war tatsächlich die„Szenische Uraufführung“ des Werks über den dänischen König Waldemar, seine Liebe zu Tove, deren Ermordung und sein wahnsinniges Rasen gegen Gott…

Pierre Audi hat sich für die szenische Aufführung natürlich nicht für ein historisierendes Ambiente entschieden. Keine königliche Welt, wie es einem alten dänischen Märchen (Jens Peter Jacobsen schrieb die tragische Geschichte aus dem Mittelalter nieder) zukäme, sondern die Optik grotesk-heutig, schäbig-häßlich, eine Halle aus Beton (Christof Hetzer), wo ein „Sprecher“ in Gestalt von Sunnyi Melles (im Herrenanzug und mit Strohhut) vor das Publikum hinspringt und den leicht surrealen, leicht grotesken Ton anschlägt, der dann den Abend durchzieht. Hier geht es um Liebe und Verlust, um Psychologie und Mystik.

Ein verzweifelter Mann von Anfang an, hockt Waldemar (der beeindruckende Burkhard Fritz) sehr unköniglich, verworren, verwahrlost (im T-Shirt) auf seinem Bett, umgurrt von der noblen Tove (Emily Magee). Und schon kommt der Engel mit den großen schwarzen Flügeln (Anna Larsson) als Todesverkünder (Toves Tod wird nur berichtet). Dann schwer zu ortende Figuren, ein Bauer (Markus Marquardt), ein Narr (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in Weiß, erscheint in einer Art Ballon), viel szenisches Chaos, in dem sich auch Soldaten tummeln – schließlich fordert der verzweifelte König ja Gott heraus und will mit einer Armee Toves Tod rächen.

Pierre Audi hat allerdings mehr die verzweifelte Stimmung als eine logisch nachvollziehbare Handlung bebildert, aber das turbulente Geschehen trägt nicht nur die Handlung, sondern auch den Betrachter fort. Auch das Live-Publikum ist, wie die Aufzeichnung zeigt, in stürmischen Applaus ausgebrochen.

Wie man weiß, ist vor allem der Orchesteraufwand, den Schönberg getrieben hat (und man hört es auch!), gigantisch: 120 Musiker, gestellt vom Niuederländischen Philharmonischen Orchester, mit denen Dirigent Marc Albrecht jenen romantisch-impressionistischen, man kann auch sagen jugendstilartig-vergoldeten Klangrausch entfesselt, für den das Werk berühmt ist, unterstützt auch von einer gewaltigen Chorschar. Der musikalischen Macht dieser Post-Wagner-Welt kann man sich nicht entziehen.

Man würde sich nicht wundern, wenn es künftig mehr Versuche gäbe, Schönbergs Werk als Oper zu begreifen (auch wenn man weiß, dass er selbst gegen eine Bühnenrealisierung war…)  – Schreker, Zemlinsky, Korngold sind „in“, warum auch nicht hier reizvolle Musik mit einer Handlung szenisch verquicken? Dieser sehenswerte erste Versuch aus Amsterdam beweist jedenfalls eindrucksvoll, dass es sich lohnt.

Renate Wagner

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Gurrelieder

Für Soli, Chor und Orchester
Text: Jens Peter Jacobsen
Deutsche Übertragung: Robert Franz Arnold
Musik: Arnold Schönberg
Szenische Weltpremiere im Het Muziektheater am 2. September 2014
De Nederlandse Opera

Inszenierung …Pierre Audi
Bühne und Kostüme …Christof Hetzer
Musikalische Leitung …Marc Albrecht
Nederlands Philharmonisch Orkest
Koor van De Nationale Opera
KammerChor des ChorForum Essen

Waldemar …Burkhard Fritz
Tove …Emily Magee
Waldtaube …Anna Larsson
Bauer …Markus Marquardt
Klaus Narr …Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Sprecher …Sunnyi Melles

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Philip Glass: EINSTEIN ON THE BEACH (DVD, Paris 2014)

DVD Cover  Einstein on the Beach

Philip Glass
EINSTEIN ON THE BEACH
Gesprochene Texte Lucinda Childs, Samuel M. Johnson, Christopher Knowles
Musikalische Leitung Michael Riesman
Inszenierung, Bühnenbild und Licht Robert Wilson
Choreographie Lucinda Childs
Lucinda Childs Dance Company
Philip Glass Ensemble
Aufgenommen im Théâtre du Châtelet, Paris, 7.
Jänner 2014
Opus Arte

Man braucht Philip Glass Anhänger und Freunde auf sein Werk nicht vorzubereiten oder zu warnen, und man weiß auch, was man von den Arbeiten von Robert Wilson zu erwarten hat. Wenn das Cover der Doppel-DVD also verkündet, dass die „Running Time“ von „Einstein on the Beach“ ungefähr 264 Minuten beträgt, also knapp viereinhalb Stunden, dann stellt man sich darauf ein. Auf das Besondere einer Glass-Meditation, adäquat bebildert von Robert Wilson.

Man muss ein paar Worte zu dieser Produktion, die 2012 im Pariser Théâtre du Châtelet aufgezeichnet wurde, sagen: Die Wilson-Umsetzung der Glass-Musik geht auf das Jahr 1976 zurück, als sie zuerst beim Festival von Avignon zu sehen war. Die neue Fassung, bereichert durch die Mitarbeit der  Choreographin Lucinda Childs, ging weltweit auf Tournee und wurde im Jänner 2014 im Théâtre du Châtelet in Paris aufgezeichnet. Kritiken in aller Welt sprechen von einer legendären Produktion („ein überwältigendes, bahnbrechendes Meisterwerk des 20. Jahrhunderts“), solcherart nun auf DVD und BlueRay allgemein zugänglich.

Man tut auch gut daran, sich ein wenig voraus zu informieren, man hat entschieden mehr von dem Werk, das als „Sprechrollen“ zwei Frauen, einen Mann und einen Jungen verlangt, dazu einen Kammerchor und ein Kammerorchester. Es ist auch gut zu wissen, dass man nicht auf Albert Einstein warten soll, denn er kommt nicht vor – außer man ist damit zufrieden, dass der Solo-Violinist mit wilder weißer, abstehender Haarpracht entfernt an den großen Mann erinnert. Es soll auch gar keine erkennbare Handlung geben, nur einen stilisierter Zugang (wozu? Das muss man sich selbst ausdenken), wobei einige von Wilsons bekannten Formalismen (etwa die “Knee Plays”, gleich zu Beginn) eingearbeitet sind.

Weiß man also, was einen erwartet, lässt man sich leichter darauf ein. Das bedeutet – viel Pantomime zur Musik, das bedeutet – viel Geduld für den, der da bewusst zusieht. Was zwei Darsteller an Tischen zu Beginn mit Verzögerung rezitieren, erkennt man als Englisch, nicht unbedingt als Sinn des Gesagten. Zahlen, Silben (Glass ist ein Virtuose der Silben), Teile von abgerissenenen Sätzen, these are the days… my friend. Worte tropfen etwa 20 Minuten, bevor Musik sich dazu gesellt, ein Chor, der das hören lässt, wofür man Glass liebt – minimalistische Wirkung aus Mini-Silben und –Tönen (tatsächlich singen sie „One, Two, Three, Four“…). Man muss sich nicht wundern, dass die DVD keine deutsche Übersetzung anbietet.

Dann setzt „richtige Musik“ (mit Kammerorchester) ein, und der Tanz verlangt seine Rolle. In einer Welt des Robert-Wilson-Blau tritt die Lucinda Childs Dance Company an, um hier der nunmehrigen Bewegung der Musik zackig Ausdruck  zu geben. Spielt die stilisierte Eisenbahn-Lokomitive, die sich in den Hintergrund schiebt, eine Rolle? Oder geht es um eine Magritte-Anspielung? Jedenfalls ist „Train“ eine Vorgabe, so wie in der Folge „Trial“ (ja, es gibt ausführliche Gerichtsszenen, sogar mit langen englischen Lockenperücken, auch Gefängnisszenen), später „Field“ oder „Space Machine“ (hier wird es fast szenisch etwas spektakelartig): Im Booklet zu den DVDs finden sich Robert Wilsons Zeichnungen zu seinen Bühnenentwürfen, die sich dann in der Realität rätselhaft-magisch ausnehmen, wobei man auch die Bildregie von Don Kent würdigen muss, der spannungsvoll zwischen Totale und Details schneidet.

Eines ist klar – die folgenden Stunden werden ein Rätselwerk, es gibt Szenen, in denen nahezu etwas wie „Aktion“ (nicht Action) zu finden ist, andere, die (das ist wohl auch individuell) auch ein wenig an den Nerven zerren, bis man endlich bei der Erkenntnis landet, die die Briten – immer cool und nicht leicht zur Bewunderung zu bringen – angesichts des Gastspieles in London 2012 so knapp formulierten: „Five hours long with no interval and no plot, Einstein on the Beach is not an easy watch. But it had moments of sublime brilliance”. schrieb Sameer Rahim damals im „Telegraph”.

Nach diesen etwa fünf Stunden erhebt man sich steif (dabei konnte man sich zwischen DVD 1 und DVD 2 wenigstens eine individuelle Pause geben!). Resümee: Höchster, brillantester Stilwille. Herrliche Glass-Musik. Eine extrem seltsame Wilson-„Show“. Der Betrachter holt sich aus dem Gebotenen genau das, was er persönlich daraus gewinnen kann. Aber eines steht fest: nichts für Ungeduldige.

Renate Wagner

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Philip Glass/Robert Wilson: EINSTEIN ON THE BEACH, 2 Blu-rays – OPUS ARTE

Philip Glass/Robert Wilson:  EINSTEIN ON THE BEACH, 2 Blu-rays – OPUS ARTE

Tanz-mathematisch inszeniertes formal variiertes „Improvisationstheater“

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„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle“ Albert Einstein

Also Oper ist das keine. Die 1976 geschaffene klanglich theatrale Betrachtung der Welt in unzusammenhängenden Szenen mit dem Feature „Einstein“ als optischem Symbol  ist ein Stück mächtiges Theater, durch Robert Wilson in seine gewohnt strenge Form gezwängt. Die vorliegende Produktion hatte 2012 in Montpellier ihre Premiere, sie wurde anlässlich einer Aufführungsserie im Théâtre Châtelet in Paris 2014 auf Zelluloid gebannt.

Die nicht narrative „Oper“ in vier Akten erkundet den Raum mittels Richtungs- und Positionswechsel der Tänzer im Verhältnis zu den anderen. Der reiterativen Musik, die rhythmisch präzise die optische Vision Wilson in Klang transponiert, stehen eine Serie von eindrucksvollen changierenden Bildern gegenüber, denen von Lucinda Childs kreativ gestaltete Tanzsequenzen zugefügt sind. Das Leben Einsteins, dessen Gewohnheiten und stereotypes Outfit (am Anfang stand dessen Kleidung mit weiten grauen Hosen, gestärkten weiße T-Shirts und Hosenträgern) bilden eher die Schablone für die vollkommen avantgardistische Erkundung der Kunstszene von Downtown New York (SoHo). Eine synkretistische Erfahrung mit Musik, Bildhauerei und psychologischer Abstraktion. 

Laut Philip Glass ist in der Musik die Zeit Dauer. Die Kult gewordene Aufführung spiegelt wie kaum ein anderes Theaterereignis eine verlorene Welt der schönen Abstraktion, der präzisen Darstellung von Welt im Raum, der Abbildung unvorhergesehener formaler Strenge, unentrinnbar wie das Ablaufen einer Sanduhr. Etwas Liturgisches durchdringt diese Arbeit, die meditative Länge der Aufführung mit über 260 Minuten stellt den auf Action getrimmten Zuhörer bisweilen auf harte Geduldsproben. 

„Einstein on the Beach“ ist sozusagen ein ideologisches Gegenprogramm zu schriller Unterhaltung, zum raschen Statement, zur pragmatisch- realen Weltenschau, zu Hollywood. Es ist höchst artifizielles Bewegungs-Theater, das durch Wilsons Ästhetik noch mal eins drauflegt. Die Farbe Blau dominiert, das den Begriff der Zeit zum Gegenstand erhebende Epos will die Aufmerksamkeit lehren. Pädagogik statt Freiheit: Der Zuhörer wird in eine Art Schwimmer mit Gegenstromanlage verwandelt, der Wiederholung als etwas Irreales begreifen soll. Genau um diese fein graduelle Veränderung ist es den Schaffenden gegangen, um dieses merklich (unmerkliche) Fließen von etwas, das dem Zuschauer anheim gegeben ist zu vollenden. Eine Spielwiese des Zudenkens und der Mitkreation, ein Mythos, der sich selbst zum Gegenstand hat.

„Einstein on the Beach ist Dichtung. Dichtung in Musik und Prosa, in Tanz und im Bühnenbild, welche weit mehr die Aura Einsteins als seine physische Realität aufruft. Es geht hier um die Spur, die er in unserem kollektiven Gedächtnis hinterlassen hat“ (Jérémie Szpirglas). Das wie Litaneien stilisierte Reden auf der Bühne, das Violinspiel Einsteins wird von Antoine Silverman, Helga Davis, Kate Moran, Jasper Newell und Charles Williams  mit ungeheurer Präzision und Präsenz realisiert. Autismus, Atomzeitalter, Apokalypse wird mit Ritualen geantwortet, einem Stummfilm um Knee Plays, Prozess- und Bauwerkszenen, schließlich die Dance Fields und das Spaceship. Mein Einwand bei so viel an philosophisch kalkulierter Eigenmythologisierung: Schöne Theaterbilder allein können  nicht über die mangelnde Emotionalität dieses Stücks hinwegheben. Sie vermögen den Zuschauer abseits des Liveerlebnisses  – also schon gar nicht vor dem TV-Schirm – nicht jene Katharsis durchleben zu lassen, die jeder Mythos sublimierend dem geduldig Ausharrenden als Belohnung schenkt. Jede/r kann sich ja so wie er/sie  will erlösen lassen. Alles Schattenboxerei, eine als Oper getarnte Sphinx ohne Rätsel?

Dr. Ingobert Waltenberger

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Bizet: LES PECHEURS DE PERLES (DVD, Met 2016)

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Georges Bizet: 
LES PECHEURS DE PERLES
Metropolitan Opera, 2016
DVD  ERATO  Warner Music

Es liegt wohl an „Carmen“, dem überwältigenden Welterfolg dieser Oper, und das wird auch so bleiben: „Carmen“ hat alles andere, das Georges Bizet für die Bühne schrieb, gleichsam weggefegt. Wenn überhaupt eine seiner anderen Opern (und das auch nur sehr gelegentlich) gespielt wird, sind es die „Perlenfischer“, ungeachtet dessen, dass man im Vergleich zur Camen-Musik nicht auf die Idee käme, es handelte sich um denselben Komponisten. Wo die andalusische Zigeunerin ein Exempel musikalischer Spritzigkeit und (bei aller hoch emotionaler Dramatik) doch Leichtigkeit ist, handelt es sich bei den „Perlenfischern“ von 1863 um ein Werk konzentrierter, schwelgerischer Romantik. Die paar bekannten Highlights, das Duett von Tenor und Bariton, das bald zu Beginn kommt („Au fond du Temple Saint“), oder die berühmte Tenorarie des Nadir („Je crois entendre encore“), haben Wunschkonzert-Charakter und werden meist bei Starauftritten geboten. Allerdings ist auch der Rest der Oper, wenn man romantische Grand Opera liebt (allerdings – wer gibt das heutzutage schon zu?), höchst hörens- und durchaus auch sehenswert.

Dennoch werden die „Perlenfischer“, die im exotischen Ambiente des damaligen „Ceylon“ spielen, selten aufgeführt, wohl auch, weil die zentrale Partie der Priesterin Leila, die sowohl von Nadir wie von Zurga geliebt wird, die ursprünglich enge Freunde sind, so schwer zu singen ist. Wenn nun ein Star wie Diana Damrau diese Rolle für sich wählt, dann ist die Met dabei.

Denn Met-Intendant Peter Gelb ist ein Direktor der Primadonnen. Er hat ein Riesenhaus zu füllen, und er weiß, dass das nicht ohne besondere Angebote geht. Wenn Anna Netrebko die Lady Macbeth singen will, setzt er die Oper für sie an. Er hat Renée Fleming, die sich nun auf weisem Rückzug befindet, alle Wünsche erfüllt. Er spielt für Kristine Opolais die Rusalka und das Trittico. Und er wird alles ins Repertoire nehmen, was Diana Damrau, eine der souveränsten Sängerinnen unserer Tage, sich wünscht – zumal ein Werk, das seit genau hundert Jahren (1916) nicht mehr am Haus zu sehen war. Dass Gelb dann dank der Besetzung aus dem Risiko des „Unbekannten“ einen veritablen Erfolg machte, der nun auf DVD überzeugend zu überprüfen ist – das war Intendantenglück.

Wobei Diana Damrau an der Met mit der Inszenierung entschieden mehr Glück hatte als im Theater an der Wien 2014, wo Regisseurin Lotte de Beer eine jener Umsetzungen wählte, bei denen das Originalwerk nicht mehr erkennbar ist und entsprechend kaputt geht (Filmaufnahmen in Sri Lanka für eine Fernseh-Reality-Show). Nun hat auch die britische Regisseurin Penny Woolcock ihre ursprünglich (schon 2010) für die English National Opera in London geschaffene Version nicht ausschließlich im historischen Ceylon angesetzt, und wenn Zurga im dritten Akt im T-Shirt, mit Uhr und vor verschmutzten Aktenschränken agiert, wird der Versuch, einst und jetzt zu verschmelzen, schon schmerzlich.

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Im allgemeinen aber verschwimmen die Grenzen zwischen einst und jetzt, man kann die gewaltigen Wasserprojektionen zwischendurch nicht nur als Tsunami-Zitat, sondern einfach als dramatische Stimmungen nehmen, und Diana Damrau darf im Sari ganz die schöne Priesterin, aber auch die liebende Frau sein – also das, was man konventionellerweise von den „Perlenfischern“ erwarten kann.

Die Damrau ist auch das Zentrum der Aufführung, so gut ihre Partner sind, ohne sie würde das Ganze nicht dermaßen funktionieren. Heute eine der bemerkenswertesten Sängerinnen – solche Spitzentöne hört man selten -, ist sie ein Wunder an Beherrschung einer immer schönen, großen, aller technischen Raffinessen fähigen Stimme. Sie überzeugt auch darstellerisch (nicht nur mit dem eleganten Wehen der Sari-Tücher), gibt so viel, dass die Dramatik der Geschichte geradezu vibriert. Ihre Chemie mit tenoralen Partnern funktioniert im allgemeinen wunderbar (hier wiederum sehr schön), und sie erfüllt bis ins Letzte diese Traumrolle, die natürlich nur für Sängerinnen wie sie geeignet ist, die alles können und sich vor nichts fürchten müssen. Tatsächlich braucht sie, nachdem sie Strauss (die Zerbinetta ist wohl Geschichte) hinter sich gelassen hat und von den Mozart-Mädchen zu den Damen vorgedrungen ist, solche Rollen. Es kann nicht immer nur Bellini und Lucia sein, obwohl ihr dramatischer Weg vermutlich zu den drei Donizetti-Königinnen führen wird (aber noch nicht).

Der Amerikaner Matthew Polenzani, der Met in den letzten zwei Jahrzehnten verbunden wie keinem anderen Haus und dort der „Tenor für alle Fälle“, der (außer Wagner) jegliches Repertoire singt, klingt und strahlt, wie man es von einem Tenor erwartet, hat die technische Souveränität für die Schwierigkeiten der Rolle, und er bringt Schmelz und glaubhafte Innigkeit in seine Beziehung zu Leila.

Mariusz Kwiecien, der am Anfang ein wenig trocken und angestrengt klingt, arbeitet sich in die Dramatik seiner Rolle hinein, man glaubt ihm die Brutalität im dritten Akt (da lässt ihn die Regisseurin aus verzweifelter Liebe fast zum Vergewaltiger werden), wendet sich aber dann überzeugend zum Edelmut – was die Baritone in der Oper eben alles zu leiden haben…

Wie auch in Wien sang Damrau-Gatte Nicolas Testé den Priester Nourabad (der diesmal wie ein solcher wirken durfte), und er ist ein mächtiger französischer Baß, der keine Protektion braucht.

Herrlich, wie der italienische Dirigent Gianandrea Noseda das Schwelgerische in Bizets Musik auskostet, aber auch die Dramatik hochpeitscht. Es ist im Ganzen ein mitreißendes Spektakel, nicht nur auf der Bühne und durch die Kraft der Interpreten, sondern auch aus dem Orchesterraum. Und wer gerne ein bisschen „alte Oper“ hat – der darf sich an der Musik erfreuen und an einer Aufführung, die ja doch ein wenig indisch (ceylonesisch…) aussieht. Wo bekommt man das heute außerhalb der New Yorker Met sonst noch geboten?

Renate Wagner

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Gaetano Donizetti: ROBERTO DEVEREUX (Genua 2016)

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Gaetano Donizetti: ROBERTO DEVEREUX
Live aus dem Teatro Carlo Felice, Genua, 2016

DYNAMIC Blu-ray

Lektion in Belcanto der beinahe 70-jährigen Opernlegende Mariella Devia

Mariella Devia war zeitlebens ein geschätzter lyrischer Sopran, hat lange an der MET gesungen, bei vielen Festivals geglänzt und in den letzten 10 Jahren den Sprung ins dramatische Belcanto-Fach gewagt. Und das mit umwerfendem Erfolg. Norma (Rollendebut 2013) und die Donizetti „Tudor Opern“ Maria Stuarda, Anna Bolena und Elisabetta in Roberto Devereux sind nicht nur zum Markenzeichen von Mariella Devia geworden, sondern haben diese außerordentliche Sängerin jetzt im Spätsommer ihrer Karriere endgültig zur umjubelten Primadonna werden lassen.

Elisabetta in Roberto Devereux: Carnegie Hall 2014 (Rollendebüt), Madrid Teatro Real 2015 (DVD BelAir), Teatro Felice in Genua 2016 (Blu-ray Dynamik), Stationen des Belcanto-Wunders Devia, das dank medialer Aufmerksamkeit nun auch schon in zwei Versionen als Filmmitschnitt erhältlich ist.

In Genua hat Regisseur Alfonso Antoniozzi rund um die Diva des Abends einen simplen, aber wirkungsvollen Rahmen gebaut: Eine fünfstufige Bretterpawlatschen in der Mitte der Bühne mit wenigen Requisiten (Thron, Kandelaber, Vogelkäfig als Gefängnis), sechs Mimen und üppigen historischen Kostümen (Gianluca Falaschi) genügen, um das Liebesdrama zweier Frauen (Elisabeth und Sara) um Roberto Devereux plastisch erstehen zu lassen. Nach der Hinrichtung Robertos wegen Hochverrats verkündet Elisabetta den Thronverzicht, übergibt die Insignien ihrer Macht an ihren Neffen James, König von Schottland.

Mariella Devia kann in dieser genuesischen Produktion all ihre Trümpfe beeindruckend ausspielen. Ihre Stimme, die keinerlei Ermüdungserscheinung zeigt, aber auch nicht warm ist wie diejenige der wohl besten Elisabetta auf Tonträgern, nämlich Leyla Gencer (Neapel 1964), wartet dennoch mit einem Füllhorn an kräftigen Primärfarben, berauschend schönen Kuppeltönen und exakt und prägnant gesungenen Verzierungen auf. Herb und herrisch wie eine Infantin auf einem Gemälde von Velazquez, kann der Zuseher nicht nur staunen, wie Belcanto stilistisch einwandfrei zu singen ist, und zwar ohne Wenn und Aber  (es gibt keinen einzigen Schleifer, nicht eine einzige Intonationstrübung), sondern auch an den Zügen der alternden Königin den aussichtslosen Kampf um die Liebe eines jüngeren Mannes ablesen. Das berühmte Finale der Oper „Alma rea! Spietato core!“ und die Cavatine Vivi, ingrato“ geraten zur vokalen Apotheose, ein Trumpf der Gattung Oper allein dank des stimmlichen Raffinements der ligurischen Sängerin. 

Von Beverly Sills wurde die Rolle der Elisabetta als mörderisch bezeichnet und das ist sie wohl auch. Sie verlangt nicht nur alle Attribute eines leicht-verzierten Belcanto Gesangs, sondern auch dramatische Sprünge sondergleichen, also leichtgehende Höhen und eine massiv ausladende untere Lage. Devia wartet aber auch mit einer klugen Darstellung auf, die ohne zu outrieren oder der Stimme Groteskes abzutrotzen, einen modernen und humanen Charakter sowie eine greifbare Persönlichkeit wachsen lassen, psychologisch klar umrissen, königlich und vokal beherrscht bis zuletzt. Ob Umgarnen, Wut oder verletzte Resignation, alles dient  der Oper und der Rolle. Der umglaubliche Jubel am Ende der Aufführung bestätigt das seltene Niveau dieser historischen Rolleninterpretation.

Das Orchester und der Chor des Teatro Carlo Felice unter der Leitung von Francesco Lanzillotta haben nichts falsch gemacht, begeistern aber auch nicht sonderlich. Genauso verhält es sich für mich mit den Interpreten der anderen Partien. Die brave, etwas blasse Sara der Sonia Ganassi, der heldisch auftrumpfende, zu sehr brüllende Roberto Devereux des Stefan Pop, Allessandro Fantoni als Lord Cecil und Claudio Ottino als Sir Gualtiero Raleigh bleiben nicht nur wegen der teils zugegeben wenig dankbaren Rollen in der zweiten Reihe. Nur der Koreaner Mansoo Kim als gehörnter Nottingham erreicht mit edlem dunkel timbriertem Bariton und einer ausdruckssatten Interpretation die Klasse der Devia. 

Die technische Qualität des Mitschnitts ist zufriedenstellend, keineswegs brillant, die Kameraführung beim Schlussvorhang ziemlich grotesk, weil nur noch die dunklen Hinterköpfe des standig ovations spendenden Publikums zu sehen sind.

Fazit: Ein wichtiges Dokument einer großen, einzigartigen Gesangsleistung, die sich alle Liebhaber des Belcanto auf keinen Fall entgehen lassen sollten. Alternativ sind auch die diversen Rolleninterpretationen der Elisabetta durch Beverly Sills, Leyla Gencer, Monserrat Caballé oder Edita Gruberova zu empfehlen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Jean-Philippe Rameau: DARDANUS

DVD Dardanus

Jean-Philippe Rameau: DARDANUS 
Ensemble Pygmalion, Raphaël Pichon

harmonia mundi DVD, Blu-ray

Schrill-bunter live Mitschnitt aus Bordeaux April 2015

Die fünfaktigen meisterlichen tragédies lyriques Rameaus samt Prolog fristen zumindest auf französischen Bühnen schon längst kein Schattendasein mehr. Das Ensemble Pygmalion unter dem engagierten künstlerischen Leiter Raphaël Pichon, die schon eine vielbeachtete Gesamtaufnahme von Castor und Pollux vorgelegt hatten, steht im Zentrum dieser Neuinszenierung von Dardanus überwiegend in der ursprünglichen Version von 1739 als Ko-Produktion zwischen der Opéra National de Bordeaux und dem Chateau de Versailles Spectacles.

Der Librettist Charles-Antoine Le Clerc de la Bruère hat aus den spärlich überlieferten mythologischen Elementen (Dardanus – als sterblicher Nachkomme der Atlas Tochter Elektra und des Zeus dessen Lieblingsspross – war Ahnherr des trojanischen Herrschergeschlechts der Dardaniden) eine Tragödie mit lieto fine gebastelt. Der Hochzeit des Dardanus mit Iphise im fünften Akt gehen mannigfaltige Verwicklungen und Intrigen voran, gespickt durch getanzte Divertissments, große Chöre, auch Beschwörungs- Schlaf- und Sturmszenen und ein schreckliches Ungeheuer dürfen nicht fehlen. Übernatürliche Kräfte führen entscheidende Wendungen des Geschehens herbei. Dass diese Oper nach nur wenigen Ausführungen wieder abgesetzt wurde, war dem abstrusen Libretto und nicht der großartigen Musik geschuldet.

Leider ist dem Regisseur Michel Fau und seinem Bühnenbildner Emmanuel Charles nichts anderes eingefallen, als das Rameau’sche Meisterwerk „inspiriert von Ludwig XV.“ in zuckerlbunte schrille barockisierende Kulissen mit Blümchen und Knospen sowie dazu passende Kostüme (David Belugou) zu packen. Kein Klischee und keine optische Überfrachtung werden in dieser surreal überhöhten Deutung ausgelassen. Das kann man mögen, für mich ist das Kitsch pur. Die Zugaben des Choreographen Christopher Williams sind ebenso nichts weniger als originell. Was aber am meisten ärgert, ist die schlechte Bildqualität trotz Blu-ray und eine Bildregie bar jeder Fantasie.

Bleibt die durchaus beachtliche musikalische Seite der Aufführung, die neben den ausgezeichneten Sangesleistungen von Karina Gauvin als Venus und der Gaëlle Arquez als Iphise insgesamt gediegen ausfällt. Reinoud van Mechelen als Dardanus, Florian Sempey als Anténor, Nahuel di Pierò als Teucer und Isménor, sowie Katherine Watson, Ètienne Bazola und Giullaume Gutiérrez in kleineren Rollen singen stilistisch untadelig, ohne wirklich die ganz großen Gefühle oder Theaterzauber zu evozieren. Raphaël Pichon dirigiert das heterogene Stück mit den hochkomplexen rhythmischen Vorgaben transparent durchsichtig und historisch korrekt. Mit den musikdramatischen Finessen der Referenzaufnahme dieser Oper unter Mark Minkowski (1998 Maison Radio France mit Delunch, Gens, Naouri, Kožená, Ainsley) kann er nicht mithalten.

Fazit: Für diejenigen im Publikum, die der exzentrischen überladenen Optik und Ästhetik der Aufführung etwas abgewinnen können, ist das Video sicherlich eine Empfehlung wert. Wer jedoch primär an der Musik von Dardanus interessiert ist, sollte auch der Tonqualität wegen zu der nach wie vor unübertroffenen Einspielung unter Mark Minkowski und den Musiciens du Louvre greifen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Wolfgang Amadeus Mozart: LE NOZZE DI FIGARO, Salzburger Festspiele 2015 EuroArts

Wolfgang Amadeus Mozart: LE NOZZE DI FIGARO, Salzburger Festspiele 2015 EuroArts

High-Definition Sensation: Erste Oper in 4K Ultra HD 

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Der Mitschnitt einer szenisch geglückten, musikalisch gediegenen Aufführung von „Le nozze di Figaro“ von den Salzburger Festspielen 2015 in der Regie von Sven-Eric Bechtolf ist soeben – als Oper überhaupt zum ersten Mal in der Tonträgergeschichte – im Format Ultra HD Blu-ray in 4K-Auflösung mit DTS 5.0 Surround-Sounds und einer PCM 2.0 Tonspur im Handel erschienen. Niemand muss Ingenieur sein, um die qualitativen Vorzüge dieser Opernaufführung zu Hause genießen zu können, vorausgesetzt, er verfügt über einen Allroundplayer mit 4K Ultra HD Funktion.  Die UHD Blu-ray ist überdies mit einem digitalen Opernführer ausgestattet, der vor allem spritzige Kommentare des Regisseurs Sven-Eric Bechtolf enthält. Die Pop-up Fenster in Form antiquierter Buchseiten am linken und rechten unteren Bildschirmrand sind aber gewöhnungsbedürftig. 

Um es gleich vorwegzunehmen, der Sprung von Blu-ray zu 4K Ultra HD ist nicht ein qualitativer Quantensprung in der gleichen Dimension wie von der normalen DVD zur Blu-ray. Aber dennoch eine hochinteressante evolutionäre Weiterentwicklung, der Erfolg zu wünschen ist. Wenn noch dazu die Filmregie (Tiziano Mancini) stimmt und eine Aufführung gefilmt wurde, die ein kluges ästhetisches Bühnenkonzept samt grandiosen Kostümen (Mark Bouman) mit durchwegs guten Sängerleistungen verknüpft, dann ist so einen Neuerung wirklich ein Grund zum Feiern. Das machen ja auch die Protagonisten am Schluss des vierten Aktes im Glashaus des Grafen….

Dabei ist das genreartig putzige Bühnenkonzept von Alex Eales alles andere als einfach auf Film zu bannen. In den ersten drei Akten und Bechtolfs Regie sind verschiedene Konstellationen des  hyperrealen englischen Landhauses aus den 20-er Jahren à la „Ebener Erde und Erster Stock“ von Nestroy als Aufschnitte mit simultanen Spielebenen zu sehen. Von Figaros Schlafzimmer, Bad, Treppenhaus, gräflichem Gemach, Weinkeller bis zum Speisesaal, „Downton Abbey“ pur für die Opernbühne adaptiert und nun wieder ins TV zurücktransferiert. Wie bei der Salzburger „Cavalleria rusticana“ und „Bajazzo“ mit Jonas Kaufmann kann dieses Konzept aufgrund der raschen Schnitte und der szenischen Überfrachtung den Zuschauer (anfangs) überfordern und von der Musik ablenken. Für  einen vom Schauspiel kommenden Regisseur wie Bechtolf bietet diese Idee allerdings eine ideale Spielwiese, seine Sicht der Personen, ihr Zu- und Gegeneinander, ihre Liebe, Sehnsüchte und Ängste in dramatische Miniaturen zu gießen. Bechtolf wertet Nebenfiguren wie Barbarina oder den Gärtner dramaturgisch auf, und löst das verflochtene Kuddelmuddel des Personals im Stück als zeitlose Parabel menschlicher Affekte und erotischer Irrungen und Wirrungen virtuos auf. Ewiges Welttheater über Fragen der Generationen, von Macht und deren Missbrauch, der Geschlechter zueinander, von Arm und Reich, Diener und Herren. Da darf schamlos durchs Schlüsselloch geschaut, intrigiert, verkleidet, geflirtet, bezirzt und geliebt werden. Die „Bösen“ (der Graf, Marcellina) sind dabei gar nicht so schlimm wie sie scheinen, die Guten auch nicht ganz von Berechnung und Opportunismus frei.

Sängerisch ist die Welt in diesem Figaro in Ordnung. Mit Ausnahme von Carlos Chausson als Don Bartolo und Ann Murray als Marcellina ist es eine durchwegs junge Besetzung. Allesamt filmreif, singen und spielen sie nicht nur ihre Rollen, Arien und Ensembles voller Passion und schauspielerischer Finesse, sondern bilden wirklich so etwas wie ein aufeinander abgestimmtes Ganzes. Mozart ist sicherlich ein Komponist, für den es genug erste Sängerinnen und Sänger gibt. Dass aber nicht alle guten Sänger heute über ein markantes Timbre oder eine einzigartige Bühnenpräsenz verfügen, ist auch kein Geheimnis mehr. Ich verstehe allerdings nicht ganz, warum das Grafenpaar und Figaro und Susanna derzeit oftmals von denselben Interpreten wahlweise gesungen werden. Da gibt es doch einen wesentlichen Fachunterschied. Ein Kavaliersbariton à la Graf oder Don Giovanni ist eben klanglich kein Leporello oder Figaro. Eberhard Wächter, Cesare Siepi oder Fischer-Dieskau wäre es nicht in den Sinn gekommen, zu den Dienerfiguren zu wechseln. Ebenso sind Erich Kunz oder Walter Berry beim Figaro geblieben. So gut Luca Pisaroni vom Typ her die Rolle des Grafen erfüllt, als Figaro hat er mir besser gefallen. Adam Plachetka ist daneben ein schon fast raumsprengender Figaro, prächtigst bei Stimme und ideal die Balance zwischen Rebell und Duckmäuser erfüllend. Anett Fritsch ist eine sehr attraktive, moderne Gräfin, die ihren Part tadellos singt. Eine klassische Figaro-Gräfin ist sie aber nicht, dafür fehlen etliche Dezibel und in der Mittellage die nötige Fülle. Martina Jankovà ist stimmlich eine Idealbesetzung als Susanna, voller Charme und quirliger Tatkraft. Margarita Gritskova bringt für den Cherubino sowohl Ausstrahlung als auch den forschen Ton mit. Paul Schweinester darf als große Zukunftshoffnung gelten. Was er aus der undankbaren Rolle des Don Basilio macht, ist wirklich in jeder Hinsicht außerordentlich. Außerdem hat der Mann eine immense Bühnenpräsenz. Christina Gansch als Barbarina spielt den frühreifen Tollpatsch, Eric Anstine einen attraktiven Gärtner und Franz Supper einen kreuzbraven Don Curzio.

Die Wiener Philharmoniker klingen prächtig wie eh und je, allerdings kann Dirigent Dan Ettinger nicht immer die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben wahren. Das ist ein musikalisches (vielleicht auch schlagtechnisches) Manko, das besonders in manchen Ensembles erheblich stört.

Fazit: Diese Veröffentlichung von ‚Le nozze di Figaro‘ könnte ein Vorreiter auf dem Klassikmarkt der audiovisuellen Produktionen sein. Die Aufführung ist szenisch kurzweilig und sängerisch erfreulich. Ein weiterer Meilenstein in der Figaro-Rezeption, einem immerhin 230 Jahre alten Stück ohne jeglicher Patina. Die Aufführung ist auch als normale Blu-ray Disc erhältlich.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Giuseppe Verdi: AIDA – Teatro Regio Torino, Oktober 2015, UNITEL Blu-ray. Nicht exemplarische Dutzendaufführung

Giuseppe Verdi: AIDA – Teatro Regio Torino, Oktober 2015, UNITEL Blu-ray

Nicht exemplarische Dutzendaufführung

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Jüngst hatte ich in der CD-Kolumne anlässlich der Veröffentlichung eines italienischen Mitschnitts einer Opernrarität von Giovanni Paisiello die grundlegende Frage nach der künstlerischen Rechtfertigung der Veröffentlichung von (Opern)Aufführungen gestellt. Ein ganz wesentlicher Faktor dabei muss doch der Ausnahmecharakter bzw. eine exemplarische Gesamtleistung (Regie, Bühnenbild, Besetzung) sein. Und das gilt besonders bei sehr häufig aufgeführten Opern wie beispielsweise der Aida Giuseppe Verdis.

Der vorliegende Mitschnitt aus Turin in einem historisierenden Ägypten-Pappmaschee-Ambiente (Bühnenbild und Kostüme Carlo Diappi) bietet auch sängerdarstellerisch nur biedere Rampentheater-Hausmannkost. Ich möchte gar nicht in Abrede stellen, dass man so einen Abend live bei entsprechender Laune durchaus genießen kann, als Zeugnis einer wie auch immer gearteten Exemplarität ist die Aufführung untauglich. Dies nicht nur im Vergleich zum herausragenden akustischen Erbe dieser Oper auf Tonträgern. Auch im Wettbewerb mit filmischen Aida-Konkurrenzprodukten aus jüngerer Zeit zeigt sich, dass etwa die einzige wirkliche Stimme von Weltformat der Aufführung, Anita Rachvelishvili als Amneris, in einer besseren Konstellation schon auf DVD vertreten ist (mit Carlo Colombara, Fabio Sartori, Matti Salminen, Chiara Isotton, La Scala Choir, La Scala Orchestra, Zubin Mehta 2015). Vom tapferen, aber ungeschliffen singenden Marco Berti als Radames gibt es sogar schon zwei Aida-Videodokumente (mit Andrea Ulbrich, Ambrogio Maestri, Roberto Tagliavini, Arena di Verona, Daniel Oren, 2012 und aus Brüssel immerhin in einer Robert Wilson Produktion aus dem Jahr 2007).

Kristin Lewis, die auch bei Domingos Fussballstadien-Aida mit von der Partie sein wird, singt eine in der Mittellage funktionierende Aida, in der Höhe klingt die Stimme dünn, intonationsunsicher und bisweilen scharf. Die beiden Bässe, Giacomo Prestia als Ramfis und In-Sung Sim als König verfügen über sonore, sehr ansprechende Stimmen, die beiden Rollen sind aber für den Gesamterfolg einer Aida-Aufführung nicht ausschlaggebend. Marc S. Doss als Amonasro ist rollendeckend. Allenfalls kann anhand dieser Produktion noch nachvollzogen werden, dass das Turiner Opernhaus über ein erstklassiges Orchester verfügt, dessen Qualitäten von Dirigenten Gianandrea Noseda allerdings nicht wirklich bis zum Letzten gefordert werden. Der Chor kommt über ein vibratoreiches Mittelmaß nicht hinaus.

Die filmische Umsetzung der ohnedies statischen Aufführung ist schablonenhaft langweilig. Ich frage mich, für welche Zielgruppe diese neue Aida-Videoproduktion (von denen es ohnedies schon über zwei Dutzend bessere und auch einige wenige schlechtere am Markt gibt) gedacht ist? Keine Empfehlung.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Alessandro Scarlatti: LA GLORIA DI PRIMAVERA; PBP Pure Audio Blu-ray Disc Barocker Frühling bringt gute Laune ins Wohnzimmer – Weltersteinspielung

Alessandro Scarlatti: LA GLORIA DI PRIMAVERA; PBP Pure Audio Blu-ray Disc

Barocker Frühling bringt gute Laune ins Wohnzimmer – Weltersteinspielung

Bildergebnis für scarlatti baroque orchestra und chorale

Herbstblues? Kalt und neblig draußen? Da kann die neue Aufnahme eines der renommiertesten Barockensembles der USA mit einer alle Sinne belebenden Live-Aufnahme der buslang nie gespielten Serenade von Allessandro Scarlatti über den Triumph des Frühlings mit Sicherheit aushelfen. Für welch aristokratisch prächtiges vokales Fest sorgen Altmeister Nicholas McGegan und sein fein aufspielendes Ensemble Philharmonia Baroque Orchestra&Chor aus San Francisco. Eine wahre akustische Wellness-Kur, zu der auch ein homogenes stilsicheres Sängerensemble nach Kräften beisteuert. Neben Jupiter (Douglas Williams) treten in der im Oktober 2015 in der Congregational Church Berkely mitgeschnittenen Aufführung die vier Jahreszeiten (Frühling Diana Moore Mezzo), Sommer (Suzana Ograjensek, Sopran), Herbst Clint van der Linde (Countertenbor) und Winter (Nicholas Phan, Bassbariton) auf. 

Nicholas McGegan hat mit dieser Einspielung dem Publikum und wohl auch sich selbst ein Geschenk anlässlich des Jubiläums seiner 30-jährigen Zusammenarbeit mit dem Philharmonia Baroque Orchestra gemacht. Die Aufnahme wurde auf CD schon am 8. April 2016, am Tag genau 300 Jahre nach der Uraufführung in Neapel herausgebracht. Nun folgt die klangtechnisch raffiniertere Blu-ray. Die in absoluter high definition, 5 channel surround Technik realisierte Einspielung spielt alle akustischen Stückerln.

Eine barocke Serenade ist eine Mischform aus Kantate und Opera seria, reicher instrumentiert als eine Kantate, kommt  aber mit weniger Personal als eine klassische Oper aus. Die Serenade „La Gloria di Primavera“ wurde aus Anlass der Geburt des Erzherzogs Leopold Johann, dem Erben des Kaisers Karl VI. geschrieben. Unglücklicherweise starb der musikalisch so glorios gehuldigte Prinz einige Monate nach der Geburt und Scarlattis allegorisches Werk verschwand nach drei Aufführungen in der Versenkung. 

Die vier personifizierten Jahreszeiten singen von der Donau, dem Reichsadler und Frieden. Da sich die vier streiten, wer denn bedeutender für die Geburt des Kronprinzen gewesen sein, wird Jupiter als Schiedsrichter aufgerufen. Der entscheidet sich für den Frühling. Jupiter evoziert final ein kommendes Goldenes Zeitalter. Für den heutigen Hörer ist diese „Handlung“ oder besser Huldigung nebensächlich. Man hört und staunt über den Reichtum an musikalischer Invention der dreiteiligen Arien, der Vielfalt der Rhythmen, der farbenfrohen Instrumentierung. Die Grundstimmung ist feierlich, lautmalerische Naturstimmungen wie das Fließen der Donau, Sturm oder der Gesang einer Nachtigall kontrastieren mit festlichen Chören.

Die Sängerinnen und Sänger evozieren barocke Pracht, allesamt stilsicher und mit wenig Vibrato, runden, technisch makellosen Stimmen. Die Damen haben in Bezug auf Wohlklang und Individualität aber um eine Nasenlänge den Vortritt. In den Ensembles mischen sich die Stimmen allerdings zu großer Homogenität. Für Freunde von Barockmusik ist diese Aufnahme ein Muss. Allerdings vermisst man bei der Blu-ray Version gegenüber der CD ein Booklet, das Aufschluss über Werk und Sänger gibt. Als einzige Info erhält man hier eine magere Liste der Tracks. Das tut aber der Qualität der Musik keinen Abbruch. Mit dieser Aufnahme holen Sie sich ein Stück herzerwärmenden Frühling ins Wohnzimmer.

Dr. Ingobert Waltenberger

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