Der Neue Merker

Giuseppe Verdi: UN BALLO IN MASCHERA – Bayerische Staatsoper München live 3.-9.3.2016, C-Major Blu-ray

Giuseppe Verdi: UN BALLO IN MASCHERA – Bayerische Staatsoper München live 3.-9.3.2016, C-Major Blu-ray

Beczala und Harteros sorgen für Weltklasse in banalem Dutzendregietheater 

0814337013950

Mitten auf der Bühne steht ein bürgerliches Bett, gar fein mit Linnen bezogen. Das war es denn auch schon mit dem Einheitsbühnenbild (Heike Scheele). Ach ja und das Bett spiegelt sich an der Decke und da liegt auch noch eine Puppe des toten Riccardo, Kopf nach unten, Mund sperrangelweit offen, drin. Dazwischen eine Wendeltreppe nach oben, auf der fallweise Ulrica herumgeistert und final Riccardo nach oben abtritt, seine Doppelgänger aus Stoff am Boden und dem Bett liegend hinter sich lassend. 

In einem solchen Ambiente kann man ein Dutzend Operetten aufführen, dann fielen mir noch „The Turn of the Screw“, „Arabella“ oder „Macbeth“ ein, wenn man unbedingt einen „Küchenfreudianismus“ in Szene setzen will. Regisseur Johannes Erath setzt seinen „Ballo“ in den Dreißigern“ an, das gesamte Bühnenpersonal ist schwarz-weiß gekleidet (Kostüme Gesine Völlm) , meistens in Frack und Fliege, dazwischen dürfen auch blaue China-Morgenmäntel nicht fehlen, das weiße Spitzenkleid Amelias im Finale nicht ausgenommen. Im Booklet erklärt Malte Krasting (Dramaturg): Es geht in der Oper „um Menschen, die ihr ganzes Leben hinter Masken verbringen. Nicht nur im Finale ist ein Maskenball, sondern das ganze Stück. Jeder spielt zu jeder Zeit einen bestimmte Rolle Verstellung auf Schritt und Tritt.“

Krasting geht aber weiter und legt den Maskenball als eine schwarze Farce an, ein Requiem von Beginn an, die Hauptfiguren wandeln wie untote Tote, blass und distant, hübsch anzusehende Zombies im glatt schicken Dekor. Das kann man natürlich so sehen, zwingend und überzeugend ist das allerdings nicht. Das Herumgestakse von Sängern auf einem schwankenden Bett ist sowieso alles andere als schön anzusehen. Als ein gültiger Regieeinfall der Personenführung mag angehen, dass Oscar hier als alter ego Riccardos konzipiert ist, meist mit Riccardos „sprechender“ Puppe in der Hand. 

Gott sei Dank sind die sängerischen Leistungen überwiegend top und der musikalische Part insgesamt überaus erfreulich. Für mich allen voran Piotr Beczala als dünnschnauzerbewehrtem Dandy Riccardo. Ideal sowohl von Stimme als auch vom Typ her, wie einstens di Stefano das war. Beczala allein bringt die Bühne zum Vibrieren, er ragt als pralle Figur heraus. Ein das Schicksal herausfordernder leerer Lebemann, in seiner Exaltiertheit voller Trauer, in seinem Leichtsinn des Todes Fesseln immer fester ziehend. Dieser Riccardo wird zu einem Prototypen des unbewussten „Mordes, den jeder begeht, an sich selbst oder an anderen“. Ein kömodiantischer Tristan, der seine Isolde, Amelia eher als Projektion begreift als wirklich liebt. Wenn Beczala auf der Bühne steht, dann spürt man jene packende Energie, die schäumende Kraft und das Leben mit vollen Zügen verbrauchende Intensität, die verständlich macht, warum diese Oper in ihrer Emphase so tief wirkt.

Anja Harteros beweist in ihrem Rollendebüt wieder einmal, was für eine formidable Verdi-Sängerin sie ist. In diesem Maskenball der Camouflage, der vernichtenden Langeweile singt sie voll dunkler Glut. Voll Wissen um das Unvermeidliche wirft sie ihren jugendlich dramatischen Sopran in die melodischen Stürme ihrer Arien, Duette und Ensembles. Eine Pythia ist diese Amelia, eine düstere Botin, die dem Schicksal nichts entgegenzusetzen weiß. Bevor sie ihrem ungeliebten Mann Renato erwürgt, bevor sie Selbstmord begeht, geht ihr auch schon wieder die Energie aus. Rein vokal ist Harteros‘ Amelia bravourös, wunderbare Kuppeltöne, eine satte Tiefe und die nötige Agilität sind Voraussetzungen einer mustergültigen Interpretation. Allein das hohe C gerät wie bei Tebaldi etwas kurz. 

Renato ist bei George Petean gut aufgehoben. Mit noblem hellem Bariton phrasiert und singt er stilistisch comme il faut. George Peteans Renato ist der Prototyp eines hingebungsvollen Vasallen, ein gehörnter Hofnarr, dessen Rache ungewollt tödlich ist. Seine Akolyten Samuel und Tom (charakterstark Anatoli Sivko, Scott Conner) bringen jenes Gift, das dem „Beamten“ Renato abgeht. Rein vokal ist er weniger Gegenspieler Riccardos, als das die Partitur glauben ließe. Ein vom Schicksal und Pflichtbewusstsein Getriebener, ein feiger Blinder.

Díe Rolle des Pagen Oscar (Sofia Fomina mit lyrisch rund leuchtendem Sopran) ist hier so etwas wie ein zweiter Riccardo. Im dritten Akt zieht sie ihre Perücke ab, und küsst als Frau Renato. Sie mutiert zum Mädel, Hosenrolle over. Na ja, Regietheater eben, über das sich keiner mehr wundert. 

Einzig Ulrika (Okka von der Damerau) enttäuscht stimmlich allzu hellem Mezzo. Eine gar blasse Wahrsagerin ohne Dämonie, ist sie eher beste Freundin aus dem Jenseits als Schicksalskünderin. 

Dirigent Zubin Mehta hat den richtigen Verdi-Dreh, Orchester und Chor der Bayerischen Staatsoper klingen luxuriös, offenbar wurde da richtig intensiv geprobt. Zwischendurch fällt die Spannungskurve bisweilen ab, manche Tempi sind eher breit gewählt.

Fazit: Eine prächtig musizierte Aufführung, die lange nachhallt. Der Regisseur ist seiner eigenen Ideenfalle erlegen. Intellektuelle Stimmigkeit und Logik ergeben noch kein schlüssiges packendes Theater. Da reicht der Griff in die Mottenkiste des Regietheaters einfach nicht.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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Arrigo Boito: MEFISTOFELE (München 2015)

DVD Cover  Mefistofele

Arrigo Boito: MEFISTOFELE
Bayerische Staatsoper, München 2015
1 Disc, 140 Minuten,
C Major (Naxos Deutschland GmbH)

Arrigo Boito, der Mann der selbst ein so herausragender Komponist war und sich als Librettist in den Dienst des Größeren, von Giuseppe Verdi, stellte – das ist schon eine besondere Persönlichkeit der Musikgeschichte. Von seinen eigenen Opern hat nur „Mefistofele“ überlebt, 1868 erfolglos an der Scala uraufgeführt, nach Umarbeitung (Faust wurde nun vom Bariton zum Tenor) 1875 in Bologna ein Erfolg. Diese Zweitfassung hat sich durchgesetzt, denn auch in unseren Tagen kehrt diese musikalisch ungemein reizvolle Goethe-Vertonung zwischen Verdi und Wagner, Verismo und Romantik, immer wieder auf unsere Bühnen zurück.

Inszenierungen in München sind (wie auch in Brüssel) immer ein Fall für sich, hier walten Intendanten, denen alles Konservative, Bewahrende, „Werktreue“ ein Greuel ist. So hat an der Bayerischen Staatsoper 2015 Roland Schwab (der als Protegé von Ruth Berghaus angepriesen wird) engagiert, um alles andere als Goethe zu beschwören.

Nein, bei ihm ist die Welt a priori ein apokalyptischer Trümmerhaufen und man braust im wahrsten Sinn des Wortes in einem Motorrad ins Geschehen. Keine Frage, spektakulär ist das schon, und der Regisseur bewegt die Massen, die Videobilder von Katastrophen und die grellen Assoziationen beängstigend, da werden Prospekte nicht geschont und nicht Maschinen…

Was sich zwischen Faust und Margherita abspielt, ist eine Spur ruhiger, von ironisierter Romantik im Ambiente (mit Blumen, die im Hintergrund schweben), aber diese Handlungssequenz ist bei Boito eher knapp gehalten. Das Ende im Irrenhaus, wenn Faust eine Harfe umarmt, liefert wieder die herausfordernden Bilder, die diese Inszenierung kennzeichnen: Ein Abend wie dieser befriedigt solcherart eine künstliche Lust am Sensationellen und Spektakulären.

Die beiden Männerrollen sind ohne Zweifel hochrangig besetzt, es gibt bloß Einwände, die sie nicht zu Idealbesetzungen machen. Joseph Calleja hat sicherlich eine der gegenwärtig schönsten Tenorstimmen. Sein Pech besteht darin, dass er nicht auch aussieht wie Jonas Kaufmann, also ohne den besonderen Reiz des Stars auf der Bühne steht, den unser optisches Zeitalter verlangt. Immerhin – was ihm als Darsteller fehlt, gibt er reich und reich als Sänger zurück.

René Pape gab in dieser Aufführung sein Rollendebut als Titelheld und war zwar (mit schräger Augenpartie) recht „teuflisch“ geschminkt, aber die wahre Ausstrahlung für gerade diese Rolle hat er nicht (dabei hat er sich anderswo, etwa als Berliner Gurnemanz, als hervorragender Schauspieler auch erwiesen). Der dämonische Titelheld ist auf unseren Bühnen wohl von der Persönlichkeit her überzeugender zu besetzen (etwa mit Erwin Schrott). Auch sollte Papes Stimme für diese Partie noch „schwärzer“ sein.

Bleibt die Margherita, und die schöne Lettin Kristine Opolais erfüllt nun viele Wünsche, die man heute an eine Protagonistin stellt – hinreißende Erscheinung, ein quellklarer Sopran, der nur bei angespannter Dramatik in der Höhe scharf wird. Sie ist interessant als das verschüchterte Bürgermädchen mit weißen Handschuhen. Die Verwandlung zur verstörten, zerstörten jungen Frau (die hier sehr schnell folgt), gelingt überzeugend.

Omer Meir Wellber kostete Boitos effektvolle Musik voll aus, und der Gesamteindruck des Abends ist – auch wenn man über die Inszenierung wieder einmal trefflich streiten kann – schlechtweg stark.

Renate Wagner

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Bayerische Staatsoper München, 2015

Arrigo Boito:

MEFISTOFELE

Musikalische Leitung   Omer Meir Wellber
Bayerisches Staatsorchester
Chor und Kinderchor der Bayerischen Staatsoper

Inszenierung   Roland Schwab
Bühne            Piero Vinciguerra
Kostüme        Renée Listerdal
Licht               Michael Bauer
Video              Lea Heutelbeck
Choreographie    Stefano Giannetti

Mefistofele     René Pape
Faust               Joseph Calleja
Margherita       Kristine Opolais
Marta               Heike Grötzinger
Wagner           Andrea Borghini
Elena               Karine Babajanyan
Pantalis           Rachael Wilson
Nerèo               Joshua Owen Mills

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Elgar: DREAM OF GERONTIUS (1968)

DVD Cover  Dream of Gerontius

Edward Elgar:
DREAM OF GERONTIUS
Aufnahme in der Canterbury Cathedral, 1968
Naxos, 2 DVDs
Gerontius,
100 min.  
Dokumentation über Sir Adrian Boult 60 min.

Es gibt viele Gründe, Musik auf DVD zu betrachten: Große Aufführungen in großen Besetzungen, wie sie „live“ selten zu erleben sind; Raritäten, die man im Alltag nicht kennenlernt; oder, wie hier, „Klassiker“ der Musikgeschichte, die einst glücklicherweise aufgenommen und solcherart bewahrt wurden.

Für die englische Kultur und auch für BBC war es zweifellos ein Großereignis, als Sir Adrian Boult am Pult des London Philharmonic Orchestra 1968  in der traditionsreichen Canterbury Cathedral eines der Großwerke der englischen Musik zur Aufführung brachte: „Dream Of Gerontius“ von Sir Edward Elgar (1857-1934), ein Oratorium, das auf einem 900zeiligen Text von Kardinal John Henry Newman beruht. Die Uraufführung 1900 hatte kein Geringerer als Wagner-Dirigent Hans Richter dirigiert. Es geht um das Sterben eines alten Mannes, dem Wandeln seiner Seele aus ihrem Körper, durch das Fegefeuer, bis er mit Hilfe eines Engels im Paradies landet – Elgar war Katholik.

Damals war es die beste Besetzung, die man bekommen konnte: der „Britten-Tenor“ Sir Peter Pears als Gerontius, die dunkle Qualitätsstimme von Dame Janet Baker mit ihrer Ausdrucksstärke als Engel und (der immer mit einer weißen Haarsträhne kokettierende) John Shirley-Quirk – drei ausgewiesene Oratoriensänger, die ihre Rollen dem Publikum nicht „vorspielen“, sondern durch ihre Stimmen interpretieren und dem ganzen Werk unendliche Würde verleihen.

Dennoch wäre es heute unmöglich, ein Konzert einfach bloß so ruhig abzufilmen, wobei man damals ohnedies schon fortschrittlich genug war, die Glasfenster und Steinmetzarbeiten der Kathedrale in eindrucksvollen Schnitten „mitspielen“ zu lassen. Dennoch hat die Aufzeichnung eine meditative Ruhe, die dann immer wieder die Augen schließen und einfach nur zuhören lässt…

Es war dieser Veröffentlichung zweifellos ein Anliegen, eine zweite DVD mit einer einstündigen Dokumentation über Sir Adrian Boult (1889-1983) beizufügen, die 1989 von der BBC zum 100. Geburtstag des Dirigenten herausgebracht wurde. Boult ist ein bekannter, mit der BBC untrennbar verbundener Name, und obwohl sich seine Lebensdaten etwa mit Karajan decken, war er das gerade Gegenteil – ein Mann, der weder dauernd reisen noch seine „Karriere“ vorantreiben, sondern bloß mit konsequent mit einem Orchester zusammen arbeiten und hier hohe künstlerische Ergebnisse erzielen wollte. Abgesehen davon, dass sein patriotisches Gefühl so stark verankert war, dass die Pflege englischer Musik für ihn immer ein primäres Anliegen darstellte.

Der Film, der viele Gesprächspartner hat, darunter etwa auch André Previn und voran den Dirigenten Vernon Handley (1930-2008), einen Boult-Schüler, ist an sich eine übliche Dokumentation, die formal in den üblichen Pfaden verläuft. Fotos, Dokumente, O-Töne über Boult, er selbst mit Aussagen und beim Dirigieren.

Es ist die Geschichte eines über die Maßen musikalischen Menschen, Sohn einer Pianistin, der schon als Baby ganz besonders auf Musik reagierte und mit sechs Jahren den Wunsch äußerte, Wagners „Tannhäuser“ zu hören. Seit dem Alter von 10 Jahren führte er Tagebücher mit profunden musikalischen Erkenntnissen, die schon Zeichnungen enthalten, wie er (als Kind!) die Orchestermusiker positioniert hätte…

Über Oxford kam er nach Leipzig, wo er bei Arthur Nikisch studierte und von ihm so beeinflusst wurde, dass man ihn lange „a carbon copy of Nikisch“ nannte. „Lazy man as I am“, erklärte er, warum er vor allem mit den Fingern und nicht dem Handgelenk, nicht mit dem Ellbogen und schon gar nicht mit dem ganzen Arm dirigierte. Seine Ökonomie der Gestik hatte auch damit zu tun, dass er überhaupt kein Interesse daran hatte, dem Publikum den „Dirigenten“ vorzuspielen. Ein Dirigent sollte gehört, nicht gesehen werden, war sein Motto.

Im Ersten Weltkrieg untauglich (da trainierte er Soldaten daheim), hatte er 1914 sein Debut als professioneller Dirigent. Später war er für Diaghilew tätig (Ballett bedeutete ihm viel, seinen letzten Auftritt als über 90jähriger hatte er mit einem Ballett), die Tänzer wusste bei ihm, „they were safe“.  

Obwohl er ein Angebot in die USA hatte, übernahm er lieber den Birmingham Chor, später auch das Birmingham Orchester, dann wurde er Verantwortlicher für das Musikprogramm der BBC, wo er sehr viel Musik des 20. Jahrhunderts und natürlich britische Komponisten aufs Programm setzte. Intrigen schickten ihn mit 60 in Pension, er ging an einem Freitag, am Montag begann er mit dem London Philharmonic Orchestra. „I never liked free lance“, sagte er, „I like so see fresh things with the same people“. Sein Vertrauen in seine Musiker war so groß, dass er einmal eine Brahms-Symphonie vom Stand, ohne Probe, durchspielte… Es sei nicht „sein Brahms“, sagte er, „erkennen die Leute, die das sagen, nicht, dass sie einmal weg sein werden – und Brahms wird in alle Ewigkeit da sein?“

Man möge nicht so viele Details, sondern das Ganze im Auge haben, meinte Sir Adrian Boult einmal, er habe keine bestimmte „Technik“, was er könne, stünde jedem zur Verfügung. Dass es die „ultimate beauty of music“ sei, die die Menschheit heilen könne, ist eine große Aussage für einen Mann, der sein Künstlerleben in unprätentiöser Bescheidenheit führte und so viel für das englische Musikleben bedeutete.

Renate Wagner

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Edward Elgar
DREAM OF GERONTIUS

Janet Baker, Peter Pears, John Shirley-Quirk
London Philharmonic Choir
London Philharmonic Orchestra
Dirigent: Sir Adrian Boult

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Wagner: PARSIFAL (Berlin 2015)

DVD Cover  Parsifal

Richard Wagner: PARSIFAL
Aufgezeichnet im April 2015 im Schiller Theater, Berlin
2 DVDs, 252 min.
BelAir Classics

Jeder wahre Opernfreund möchte am liebsten überall sein. Früher war es – aus praktischen und finanziellen Gründen – fast unmöglich, den Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen. Mittlerweile gibt es DVDs, die es ermöglichen, in anderen Städten „in die Oper“ zu gehen, aufregende Inszenierungen zu sehen, großartige Besetzungen zu erleben. Gewiß, es ist nicht „live“, aber es ist bequem und ungleich billiger als „live“, und man genießt vielfach auch eine bessere Sicht als auf einem Opernplatz, weil die so genannten „TV Regisseure“, die für die Aufzeichnungen verantwortlich sind, meist sehr intelligente Konzepte zwischen Totale und dem Zoomen auf einzelne Darsteller entwickeln. Der „Parsifal“, der im April 2015 (damals von „mezzo“) im Ausweichquartier der Deutschen Staatsoper Unter den Linden, dem Berliner Schiller Theater, aufgenommen wurde, ist jedenfalls optisch ungemein spannend.

Er ist es auch szenisch, selbst wenn man weiß, dass echte Wagnerianer sich vermutlich die Haare raufen werden – aber daran haben sie sich in den letzten Jahrzehnten ohnedies schon gewöhnen müssen. Der Russe Dmitri Tcherniakov hat zwar schon den Beinamen eines „Enfant terrible“ erhalten, ist aber in seiner Umdeutung dieses Werks auch nicht viel schlimmer als mancher Kollege – jedenfalls kann man mit Interesse zusehen, was sich da tut.

Die Gralsritter der „Parsifal“-Geschichte sind schon bei Richard Wagner heruntergekommen, keine Frage, aber so wie hier… Wiener Betrachter werden wohl an die „Gruft“ erinnert, das berühmteste Obdachlosenquartier der Stadt. So sieht es auf der Bühne aus, die Dmitri Tcherniakov sich selbst geschaffen hat. Holzbänke, beliebig zu stellen, auch im Kreisrund, und darauf eine echte Ansammlung von Elendsgestalten, nicht zuletzt durch die schäbigen Strickmützen charakterisiert (selbst Gurnezmanz trägt dann im letzten Akt eine solche).

Die manchmal endlos wirkende Gurnemanz-Erzählung zu Beginn ist ein Problem mancher „Parsifal“-Inszenierung – nicht hier, wo René Pape, den man ja bisher nicht eben als den überzeugendsten Darsteller erlebt hat, eine wirklich außerordentliche Leistung liefert. Dieser Gurnemanz, in schäbiger, dufflecoatartiger Jacke, erzählt seine  Geschichten mit so viel Temperament und Anteilnahme, dass nicht nur sein Lumpenproletariat ihm gefesselt zuhört, sondern auch das Publikum – zumal er die Vergangenheit mit einer Dia-Show erklärt, für die Tcherniakov auf die bekannten Fotos der „Parsifal“-Uraufführung von 1882 in Bayreuth zurückgreift…

So stark wie Gurnemanz ist auch Parsifal vom ersten Augenblick an, da er in dieses Asyl stolpert: Andreas Schager ist rothaarig und unbeholfen.  Mit Billig-Kleidung (Dschungel-T-Shirt, kurze Hosen) und einem Riesenrucksack erscheint er eigentlich einer von denen, die da herumlungern – und, weil der Regisseur immer noch was drauflegt, zieht er sich auch auf der Bühne um.

Sektenartig wird das Geschehen, wenn Amfortas auftaucht – der bullige Wolfgang Koch ist alles andere als eine „edle“ Erscheinung, eher ein Opfer der anderen, die etwas Vampirartiges gewinnen? Noch nie hat man (auf der DVD dazu in erschreckender Großaufnahme) die klaffende Bauchwunde so brutal riesig und blutig gesehen, samt dem „Abzapfen“ des Blutes… Wo ist man da?

Wo man im zweiten Akt ist, weiß man sofort: kein Klingsor-Schloß mit Zaubergarten, sondern eine Art Kindergarten, den sich Klingsor hält (Tómas Tómasson schafft es, ihn als verbissenen Kleinbürger geradezu komisch zu machen, von Bedrohlichkeit keine Spur): Ein Haufen junger und auch ganz kleiner Mädchen, mit Zöpfchen, Puppen, weißen Spitzenkrägelchen auf Blumenkleidchen, hopsend – ein erschreckender Anblick. So, wie Dmitri Tcherniakov im DVD-Booklet den Inhalt nacherzählt, ist Kundry bei ihm Klingsors Tochter (!), die älteste, die von ihm gequält und manipuliert wird: Anja Kampe wird von Minute zu Minute in dieser Rolle stärker, auch wenn sie immer ihre reizlose Kleidung (T-Shirt, Hose, Jacke) behält, auch wenn sie als Verführerin erscheinen soll, am Ende hat sie dann kurz ein blutiges weißes Hemd an. Und Parsifal? Der fürchtet sich vor der Mädelschar, nachdem er durch ein Fenster in Klingsors perversen privaten Kindergarten gekrochen ist, wie einer der „Boyz n the Hood“ duckt er sich in die Kapuze – bis er dann mit Kundry allein ist und Andreas Schager und Anja Kampe sich gegenseitig zu einer unglaublichen Chemie der Beziehung hochjubeln. Auch der Beginn des dritten Aktes (da ist die Gruft-Unterkunft noch schäbiger geworden) ist schwierig und wird hier dann durch das Trio Gurnezmanz-Kundry-Parsifal ungemein aufgeladen.

Freilich, an irgendetwas echt Religiöses bei dieser Sekte glaubt Dmitri Tcherniakov wirklich nicht: kein Karfreitagszauber, bei „Enthüllt den Gral“ passiert nichts, Titurel (Matthias Hölle), der im 1. Akt teils im Sarg, teils in schwarzem Ledermantel zu sehen war, wird als Leiche über die Bühne geschleppt – aber Erlösung ist hier für keinen vorgesehen: Die Leidenschaft, mit der Amfortas und Kundry einander in die Arme stürzen und sich nicht trennen wollen, provoziert Gurnemanz so, dass er ihr ein Messer in den Rücken rennt – und Parsifal trägt in seinen Armen feierlich ihre Leiche von der Bühne ab…

Was war das? Die Berliner Premiere erntete, wie die Zeitungsberichte versichern, ein Buhgewitter ohnegleichen, und geht man von Wagners inhaltlicher „Parsifal“-Substanz aus, hatte das wohl seine Berechtigung. Aber dass Dmitri Tcherniakov seine Underdog-Geschichte konsequent durchgezogen hat, dass Daniel Barenboim am Pult der Berliner Staatskapelle Wagner schwelgerisch und dramatisch zugleich nimmt und dass die Sängerriege, voran das Trio Kampe – Schager – Papé, per se mehr als sehenswert ist… das macht diesen Berliner „Parsifal“ schwer spannend und die DVD auch für Wagnerianer sehenswert. Man kann sich dann so schön an Details (etwa das Spielzeug, das Parsifal und Kundry mit sich herumschleppen) wütend diskutieren…

Renate Wagner

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Saverio Mercadante: FRANCESCA DA RIMINI (Martina Franca, 2016)

DVD Cover Mercadante

Saverio Mercadante:
FRANCESCA DA RIMINI 
42° Festival della Valle d’Itria, Martina Franca
Aufgenommen im Palazzo Ducale, Juli-August 2016

2 DVDs,  200 min., Dynamic (Naxos Deutschland GmbH)

Heutzutage klafft im italienischen Repertoire zwischen dem Trio Rossini / Donizetti / Bellini hier, Giuseppe Verdi dort, ein Loch. Zu ihrer Zeit wurde es nicht zuletzt von Saverio Mercadante (1795 – 1870) ausgefüllt, zu seiner Zeit enorm erfolgreich, von der Nachwelt vergessen, falls nicht das persönliche Interesse von Künstlern, der Unternehmungsgeist von Intendanten und letztendlich auch Zufall und Glück zusammen kommen.

In Wien erinnert man sich, von Mercadante seine vielleicht berühmteste Oper, „Il Giuramento“, gerade einmal, 1979 konzertant in der Staatsoper gehört zu haben – und vielleicht ist das Ereignis auch nur gegenwärtig, weil Placido Domingo damals mit von der Partie war. Von den an die 60 Opern, die der Komponist in seinem Leben geschrieben hat, wissen unsere Opernhäuser nichts mehr.

Umso größter letztendlich die Aufmerksamkeit, die das Festival della Valle d’Itria in Martina Franca letzten Sommer mit einer Mercadante-Uraufführung (!) erringen konnte. Denn die von ihm 1831 komponierte, für Madrid gedachte und aus vielen Gründen nie aufgeführte Oper „Francesca da Rimini“ ist vor ein paar Jahren durch Zufall wieder aufgetaucht. Man fand in Madrid das Autograf des Werks, und da Mercadante (in Altamura bei Bari geboren) als der „große Komponist Apuliens“ gilt, erstaunt es nicht, dass das apulische Paradefestival nur zu gern die Uraufführung brachte, nachdem die Salzburger Festspiele Abstand genommen hatten…

Immerhin traten zwei italienische Größen mit internationaler Reputation für das Werk an: der zwischen New York und Zürich so viel beschäftigte Fabio Luisi, der immer noch Zeit findet, als Musikdirektor des Festivals zu fungieren, ging mit spürbarer Lust an das Pult des Orchestra Internazionale d’Italia, um auf Mercadantes Musik aufmerksam zu machen, die weit über Bellini hinausgeht und schon mehr von Verdi hat (der ihm viel verdankt), kompakte Dramatik, gewaltige Chor- und Ensembleszenen und Arien und Duette, die technisch so schwierig sind, dass man die Ohren aufsperrt.

Die Geschichte von Francesca, die ihren Gatten mit dessen Bruder Paolo betrogen hat, ist durch Dante unsterblich und unzählige Male vertont worden (auch durch Rachmaninov, gerade eben gleichfalls als DVD erschienen). Pier Luigi Pizzi erzählt die Geschichte, verlässt sich aber in hohem Maße auf das Ambiente und auf die vorzüglichen Sängerinnen des Liebespaares. Die Freilichtaufführung fand im Hof des Palazzo Ducale von Martina Franca statt, der Pizzi (wie stets sein eigener Ausstatter) als Ambiente genügte, zumal er einen verlässlichen Mitspieler hatte: den Wind, der dort angeblich immer weht.

Ein paar schwarze Stoffbahnen und die Gewänder der Protagonisten: die stete Bewegung scheint mit der Musik zu gehen, die Figuren werden auch in kluger Farbdramaturgie charakterisiert: Francesca in Rot, Paolo (eine Hosenrolle) in Blau, dazu kommen noch Gatte (in Gelb) und Vater (in Lila), der Chor (aus Cluj-Napoca hergeholt, in Weiß und in Schwarz gekleidet) sowie Tänzer, die (Choreographie: Gheorghe Iancu) zwar eher konventionell springen und schreiten, aber sich in eine Aufführung zusammen fügen, die dem Geschehen Leidenschaft, Glaubhaftigkeit und durchaus auch die ihm gebührende Würde gibt.

Wunderbar sind zwei junge Sängerinnen, die in Mexiko geborene Leonor Bonilla, die mit der riesigen Rolle der Francesca die Chance ergriff, nachdrücklich auf sich und ihren impetuosen Sopran aufmerksam zu machen und gleichzeitig ihre liebliche Erscheinung auszuspielen. Sie tut es im edelsten Wettstreit gesanglicher Pracht mit der ergreifend intensiven Japanerin Aya Wakizono als Paolo, die ihren Mezzo leuchten ließ. Der erste Auftritt gehörte dem eifersüchtigen Ehemann, wobei der Türke Mert Süngü nicht ganz so souverän erklang, wie die beiden Damen, Antonio Di Matteo setzte seinen gaumigen Baß für Guido, den Vater, ein.

Man wäre gerne live dabei gewesen – betrachtet man allerdings die wehenden Gewänder, hätte man wahrscheinlich auch im Juli bei so viel Wind einigermaßen gefroren…

Renate Wagner

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Saverio Mercadante

FRANCESCA DA RIMINI

Regie und Ausstattung: Pier Luigi Pizzi
Choreographie: Gheorghe Iancu
Dirigent: Fabio Luisi
Orchestra Internazionale d’Italia
Cluj-Napoca Philharmonic Orchestra
Transylvania State Philharmonic Choir

Francesca – Leonor Bonilla
Paolo – Aya Wakizono
Lanciotto – Merto Süngü
Guido – Antonio Di Matteo
Isaura – Larisa Martinez
Guelfo – Ivan Ayon Rivas

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Sergei Rachmaninov: TROIKA (Brüssel, 2015)

DVD Cover Troika

Sergei Rachmaninov
TROIKA

Bel Air Classics, 2 DVDs, 185 min.

Die Idee war von großem Reiz, vor allem, weil Sergei Rachmaninov ja kein häufiger Gast auf unseren Bühnen ist. Drei Opern von ihm sind erhalten („Monna Vanna“ nach einem einst berühmten Theaterstück von Maeterlinck hat er nie vollendet), und alle rangieren unter dem Damoklesschwert der „Kurzoper“, mit denen das Repertoire im allgemeinen (die Ausnahme ist natürlich die „Cavalleria“ /  „Bajazzo“-Paarung) so wenig anfangen kann.

Aus den drei Rachmaninov Stücken „Aleko“, „The Miserly Knight“ (Der geizige Ritter) und „Francesca da Rimini“ nun (erstmals in der Operngeschichte) ein Bühnen-Trio zu machen, oder vielmehr eine „Troika“, was noch interessanter klingt, war eine fabelhafte Idee 2015 in Brüssel, wo ohnedies Notstand herrschte: Während das Haupthaus, das Theatre de la Monnaie, renoviert wurde, war man auf der Suche nach einer Ausweichspielstätte. Und tatsächlich, das „Theatre National“ war ein interessanter und passender Rahmen für eine Produktion, die normale Operngewohnheiten hinter sich ließ (wenn man nicht gerade an Robert Wilson denkt…)

Man kann aus der Not eine Tugend machen. Ein Einheitsbühnenbild für drei Werke, auch noch eine (bei geringen Variationen) im Grunde einheitliche Ästhetik, aller inhaltlicher Unterschiede zum Trotz. Eine Treppe ist – außer für Sänger, denen das singende Leben treppauf, treppab nicht wirklich erleichtert wird – szenisch oft eine gute Idee, zumal wenn die Regie auf strenge Stilisierung ausgerichtet ist und man diese Treppen zwischendurch  irrational schimmern oder quasi wellenartig fließen lassen kann.

Das war der Zugang der Dänin Kirsten Dehlholm, die auch als Performance- und Medienkünstlerin bekannt ist, als solche eine eigene Compaganie, „Hotel Pro Forma“  leitet, und mit ihnen diese Idee des optisch bestimmten Gesamtkunstwerks vor die akkurate szenische Umsetzung der Inhalte (zweimal zu einer Puschkin-Vorlag, einmal Dante) gestellt hat. Gemeinsam mit einer weiblichen Crew (Maja Ziska für die Bühnenbilder, Manon Kündig für die oft abenteuerlichen Kostüme, die mehr auf Schock als auf Geschmack setzen) bietet sie vor allem absurd-surreale Schauwerte. Im Mittelteil des Abends spielen dann auch Videosequenzen eine große Rolle.

Wilson wurde erwähnt, seine gemessene Bewegungschoreographie greift auch hier, und wie bei Wilson wird das Publikum gespalten sein, in jene, die sich von einer fast meditativen Betrachtung des Irrationalen gefangen nehmen lassen, und jenen, die – zweifellos zu Recht, diese Werke sind als „Opern“ mit starker Handlung gedacht – Bühnenhandlung reklamieren. Aber, wie die Kritik schrieb, in Brüssel ist man bekannt dafür, „abenteuerliche“ Interpretationen zu bevorzugen (was der interessierte Opernfreund mitverfolgen kann, da immer wieder Produktionen des Monnaie, nachdem sie abgespielt sind, kurze Zeit als Streams zugänglich gemacht werden).

Musikalisch hat man diese griffigen, russisch-romantischen Werke dem jungen russischen Dirigenten Mikhail Tatamikov aus St. Petersburg anvertraut, der – im ersten und letzten Stück mit dem Orchester hoch vor der Treppen-Bühne gelagert – die Musik so dicht webt, dass sie das Schiff ist, auf der das seltsame Boot dieser Inszenierung beruhigt segeln kann.

Auch wenn man von der Handlung nicht viel mitbekommt und die Sänger allein durch die Kostüme wie Kunstfiguren durch das Geschehen tapsten, so ragte doch unter den durchwegs russischen Sängern Anna Nechaeva hervor. Auch wenn nicht jede Anna „die nächste große Anna“ ist, beeindruckte sie stimmlich in „Aleko“ als die ungetreue Ehefrau des Titelhelden und im letzten Stück als Francesca.

Im ersten Stück ist Kostas Smoriginas der betrogene Titelheld, im zweiten begegnet man in der Rolle des geizigen alten Vaters den einst auch auf unseren Bühnen zu hörenden Sergeï Leiferkus, dem sein feindlicher Sohn in Gestalt von Dmitry Golovnin künstlerisch wacker zur Seite steht. Sergey Semishkur ist sowohl für „Aleko“ wie als Paolo in „Francesca da Rimini“ für die jungen Liebhaber zuständig. Und das Publikum an den Bildschirmen daheim muss sich wie jenes in Brüssel entscheiden, ob man sich hingerissen in diese seltsame Welt fallen lässt oder nur den Kopf schüttelt. Immerhin, die Musik siegt auf ganzer Linie.

Renate Wagner

P.S.  Die DVD hat neben französischen und flämischen nur englische Untertitel.

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Sergei Rachmaninov

TROIKA

Brüssel, Juni 2015

Dirigent: Mikhail Tatarnikov
Brussels La Monnaie – De Munt Opera Chor und Orchester
Regie: Kirsten Dehlholm
Bühnenbild: Maja Ziska
Kostüme: Manon Kündig

ALEKO
Aleko – Kostas Smoriginas
Young gipsy – Sergey Semishkur
Old gipsy – Alexander Vassiliev
Zemfira – Anna Nechaeva
Gipsy woman – Yaroslava Kozina

 THE MISERLY KNIGHT
Baron – Sergei Leiferkus
Albert – Dmitry Golovnin
The Duke – Ilya Silchukov
Money lender – Alexander Kravets
Servant – Alexander Vassiliev

FRANCESCA DA RIMINI
Lanceotto Malatesta – Dimitris Tiliakos
Francesca – Anna Nechaeva
Paolo – Sergey Semishkur
Virgil’s shade – Alexander Vassiliev
Dante – Dmitry Golovnin

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Franz Lehar: DER GRAF VON LUXEMBURG

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Franz Lehar:
DER GRAF VON LUXEMBURG 
Operettenfilm 1972

Arthaus Music DVD

Eberhard Wächter und Lilian Sukis charmieren als Traumpaar der Operette

Wer hätte das gedacht: Die Operette lebt. Zumindest auf Zelluloid. Und das dank einiger sorgfältig produzierter Fernsehproduktionen der 70-er Jahre, wie etwa Der Opernball, Die Zirkusprinzessin, Paganini, Zigeunerliebe, Die Dollarprinzessin oder eben des luxuriös besetzten Graf von Luxemburg in der mitreissenden Regie von Wolfgang Glück. Allesamt kürzlich erscheinen beim Label  Arthaus music. Die Fernsehfassung hat kein geringerer als Hugo Wiener selbst eingerichtet.

Eine Salonoperette der Sonderklasse ist dieser Graf von Luxemburg geworden, die es nach der Uraufführung im Theater an der Wien unter der Leitung von Robert Stolz auf sage und schreibe 300 Aufführungen en suite brachte. Musikalisch lässt die Aufführung mit dem Symphonie Orchester Kurt Graunke München unter der beschwingt eleganten Stabführung von Walter Goldschmidt keine Wünsche offen. Die sehr wienerische Besetzung mit der litauischen Diva Lilian Sukis als I-Tüpferl bietet im Genre Operette alles, was großes romantisches Hollywood Kino konnte und kann. Die Liebesgeschichte samt Heiratssachen rund um das Paar René Graf von Luxemburg/ Angèle Didier und sein komisches Pendant Armand Brissard/ Juliette Vermont gaben sowohl dem reifen Lehar als auch der meisterlichen Regie genug Anlass, um Komik mit laszivem qui pro quo sowie Volksszenen à la Boheme mit einer eigentlich knallharten Story zum Thema Liebe und Moneten zu verbinden.

Eberhard Wächter als das holde Geschlecht umgarnender Lebemann und adeliger Titelheld ist die Rolle des Grafen von Luxemburg wie auf den Leib geschrieben. Einen  erotisch betrörenderen und männlich ausdrucksstärkeren Sänger wie Wächter hat es wahrscheinlich sowieso nie auf der Opernbühne gegeben. Dazu noch mit einem Prachtkavaliersbariton gesegnet, den er leider nicht immer sonderlich gepflegt hat, ist Eberhard Wächter die Inkarnation eines Verführers.  Da kann schon einmal eine Scheinehe gegen 100.000 Francs mit der Cabarettsängerin Angèle Didier zu einem Happy End kommen, der Gräfin Stasa Kokozow (köstlich Jane Tilden) sei Dank. Der in die Jahre gekommene Fürst Basil Basilowitsch mit Johannistrieben muss da trotz aller Intrigen und rechtlicher Finessen final das Nachsehen haben. Erich Kunz liefert hier eine seiner berühmten Charakterstudien, auch stimmlich wird er seinem Legendenstatus gerecht. In der Sopranhauptrolle glänzt die umwerfend gut aussehende Lilian Sukis. Silbrig leuchtet ihr Sopran, raffiniert changiert ihre Farbpalette zwischen Seide und Samt. Prächtig blühen die Höhen auf, in der Mittellage und der elegant eingebundenen Tiefe bietet Lukis alles an Zwischentönen und Nuancen wie einst nur die große Elisabeth Schwarzkopf das konnte. Schauspielerisch und als Persönlichkeit steht sie dem edlen Baron Wächter in  nichts nach. Wie da zwei Luxuswesen einander bezirzen, gurren und umschmeicheln, Scheingefechte austragen und sich in die Arme sinken, lässt den Operettenhimmel im Morgenlicht erstrahlen. 

Das „Buffopaar“ ist mit Peter Fröhlich und Helga Papouschek gut besetzt. Fröhlich vermittelt als aufstrebender Maler Armand Brissard aber wenig Montmartre-Flair, sondern wirkt eher wie ein wohlerzogener braver Döblingler. Als Notar Pélégrin liefert Kurt Sowinetz ein Kabinettstück, ebenso eindringlich agieren Georg Corten als Pawlowitch und Kurt Zips als Mentschikoff, ihrerseits Vasallen des Fürsten.

Die filmische Umsetzung ist gekonnt, viele Großaufnahmen der Protagonisten erinnern an die Ästhetik der 40-er Jahre. Bei der Ausstattung und den Kostümen lassen sich die mittlerweile kultigen 70-er Jahre nicht verleugnen. Das wirkt teils komisch, teils freaky oder einfach hyper-retro. Die belegten Brötchen des Atelierfestes von Armand Brissard sind genau so wenig Jahrhundertwende wie die schwarze strassbesetzte Robe von Angèle Didier bei ebendiesem Anlass. Die Kameraführung (Heinz Pehlke, Jürgen Jürges) lässt das gesamte Arsenal an Einstellungen auffahren, sie ist besonders in den kleinen Details präzise und damit den meisten heutigen Opernmitschnitten haushoch überlegen. 

Fazit: Musikalisch die bislang unübertroffene Referenzaufnahme dieser schönen Lehar Operette, die in hochästhetischen Bildern für das Fernsehen adaptiert mit genialen Sänger- und Schauspielleistungen ein hohes Hör- und Sehvergnügen bereitet. Wer sich an der optisch leicht antiquierten Ausstattung nicht den Zahn ausbeisst, wird an dieser DVD seine große Freude finden. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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Giuseppe Verdi: I DUE FOSCARI (London, 2014)

DVD Cover  I Due Foscari

Giuseppe Verdi: 
I DUE FOSCARI
Royal Opera House Covent Garden, London, 2014
Opus arte

Ein Star ist ein Star ist ein Star, er kann auch weltweit die Spielpläne der Opernhäuser beeinflussen. Beispiele dafür gibt es viele, ob die Netrebko, die Garanca, die Damrau oder Jonas Kaufmann eine Rolle neu ins Repertoire genommen haben  –  sie werden sie dann nach und nach in der ganzen Welt zeigen. Besonders gilt das für Placido Domingo, der auch immer sehr für die Dokumentation seiner Leistungen sorgt. Sein Einstieg ins Bariton-Fach mit dem Simon Boccanagra beispielsweise ist dreimal (!) auf DVD zu bewundern ist (New York, London, Mailand).

2012 hat Domingo (als 140. Rolle seines Lebens!) den alten Foscari in Verdis selten gespieltem Frühwerk von 1844, „I due Foscari“ (der 31jährige Komponist griff damals nach einem extrem düsteren, tragischen Stoff) in seinem „eigenen“ Theater in Los Angeles erstmals gesungen. Es folgten Aufführungen in Valencia, Wien, London sowie an der Mailänder Scala. In Barcelona und Madrid wurde das Werk konzertant gegeben, und auch die Salzburger Festspiele werden im Sommer 2017 zwei konzertante Aufführungen des Werks für Domingo ansetzen.

Auf DVD kann man die Domingo-Performance nun in der Londoner Aufführung vom Oktober 2014 sehen, wobei fast alle Theater (bis auf die Scala) bereit waren, jene Produktion von Regisseur Thaddeus Strassberger zu übernehmen, die für Los Angeles geschaffen wurde und dann, obwohl ihre szenische Überzeugungskraft (halb historisch, halb noch „modernen“ Effekten schielend) gering war, auch in Valencia und Wien und dann eben auch in London gezeigt wurde. Aber es ist auch schwer, die ziemlich krude Handlung vernünftig  zu entwickeln – Placido Domingo als alter Doge von Venedig muss seinen eigenen Sohn verurteilen, die leidenschaftliche Schwiegertochter wütet dagegen.

Das bietet dem alten Herrn mit dem wirren weißen Haar, der historische fürstliche Kostüme mit so viel Würde trägt, eine Menge dramatischer Möglichkeiten, ohne ihn zu überfordern, leidenschaftlich zerrissen in Szenen mit Schwiegertochter, Sohn und vor Gericht, bis zum Tod im Wahnsinn… Leider war Domingo an dem Londoner Abend, der damals in die Kinos kam und dann auf DVD gepresst wurde, nicht am Gipfel seiner Möglichkeiten, etwas angestrengt klingend, wenn auch von seiner Technik lebend (man hat ihn später in anderen Verdi-Bariton-Rollen wesentlich besser gehört, etwa als Nabucco an der Met oder Macbeth in Wien). Aber dass er seinen Fans diese Aufnahme wert ist – das ist keine Frage.

Die wirklich großen Rollen haben hier der Tenor und der Sopran, und Francesco Meli ist an diesem Abend prächtig und strahlend in Form. Und Maria Agresta, deren Karriere in den letzten Jahren enorm an Fahrt aufgenommen hat, kommt mit der sehr schwierigen Rolle der Lucrezia ausgezeichnet zurecht, obwohl sie zu jenen „überdramatischen“ Partien gehört, die Verdi in seiner Jugend schuf, um seinen Sopranen später weniger Attacke und weniger Schwierigkeiten abzuverlangen. Maurizio Muraro ergänzte als Baß das durchaus eindrucksvolle Sänger-Quartett.

Komplett wird die Überzeugungskraft der Aufnahme schließlich durch den dynamischen Antonio Pappano am Pult – und man darf nicht vergessen: Das alles findet für Domingo statt. Er pflastert seinen künstlerischen Weg mit Belegen seiner Leistungen, die ihn überleben werden.

Renate Wagner

Giuseppe Verdi:
I Due Foscari

Regie: Thaddeus Strassberger
Dirigent: Antonio Pappano
Orchestra of the Royal Opera House
Royal Opera Chorus

Placido Domingo (Francesco Foscari)
Francesco Meli (Jacopo Foscari)
Maria Agresta (Lucrezia Contarini)
Maurizio Muraro (Jacopo Loredano)
Samuel Sakker (Barbarigo)
Rachel Kelly (Pisana)
Lee Hickenbottom (Fante)

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Walter Braunfels: ULENSPIEGEL (DVD, Linz 2014)

DVD Ulenspiegel

Walter Braunfels:
ULENSPIEGEL
Aufgeführt in der Linzer Tabakfabrik anlässlich des Brucknerfestes 2014
CAPRICCIO

Auch Walter Braunfels (1882-1954) gehört, obwohl er – ein verfemter „Halbjude“ – das Glück hatte, das Dritte Reich zu überleben, zu jenen Komponisten, die aus ihrer Karriere und aus ihrem Schaffen gerissen wurden. Zwischen 1905 und dem Zweiten Weltkrieg hat er zahlreiche Opern geschaffen, deren Wiederentdeckung ansteht. „Die Vögel“ kamen bereits gelegentlich zur Aufführung (u.a. 1999 an der Wiener Volksoper), der „Ulenspiegel“ nach dem seinerzeit sehr bekannten Roman von Charles de Coster, 1913 in Stuttgart uraufgeführt, musste bis 2011 warten, dass er in Gera wieder einmal das Licht einer Bühne erblickte.

Besonders eindrucksvoll war dann die nächste Produktion des Werks, die 2014 in Linz anlässlich des Bruckner-Festes herausgebracht wurde und die nun auf DVD zu betrachten ist. Damals hatte Werner Steinmetz im Auftrag der Produzenten eine Fassung für Kammerorchester erstellt, die vom Israel Chamber Orchestra unter Martin Sieghart realisiert wurde, ohne dass man das Gefühl gehabt hätte, eine „kleine“ Version des Werks zu hören.

Die Geschichte spielt an sich in und um Gent in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als der Herzog von Alba im Auftrag von König Philipp II. von Spanien als Statthalter gnadenlos regierte. „Terror in Gent“ hatte in der Linzer Tabakfabrik (der ehemalige Prestigebau der Nazis bietet ein echte Hallenambiente, das auch in der Aufzeichnung zu spüren ist) keinerlei historischen Anstrich – Ulenspiegel bewegt sich hier in einer Welt der Wohnwägen, der alten Autos, der Unterprivilegierten, aber gegen die wird ja genau so brutal vorgegangen wie einst gegen die einheimische Bevölkerung: „Terror in Gent“ hat also ganz aktuellen Charakter, „die Spanier sind da, Gnade uns Gott“ kann man ohne weiteres in diese Welt „übersetzen“, und das gibt der Inszenierung von Roland Schwab jede Glaubwürdigkeit. Diese Oper führt im Grunde in einen Kampfschauplatz, Brutalität, Folter und Hinrichtungen beherrschen diese Welt.

Braunfels ist in seiner Musik noch der Erbe der Tonalität, obwohl er sich in seiner Expressivität jenseits jeder Gefälligkeit befindet, und das gilt auch für die Aufführung, die in ihrem düsteren Umriß solcherart im Grunde umso eindrucksvoller wird.

Till ist hier kein Schalk, das Geschehen ist nicht lustig, und Marc Horus geht den Weg zum Widerstandskämpfer (für den sich sein Vater geopfert hat) höchst überzeugend. Gar nicht lieblich, aber besonders ergreifend ist Christa Ratzenböck als seine Nele. Stark wirkt Joachim Goltz als Profoss, der Vertreter der ungerechten Macht. Die restlichen Darsteller und der Chor fügen sich in ein dichtes Gesamtbild.

Das ist freilich kein Werk, das man in den DVD-Player schiebt, um sich einen „gemütlichen Opernabend“ zu machen: Aber wer sich für das Genre an sich und zumal für Unbekanntes interessiert, der wird hier gut bedient sein.

Renate Wagner

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Walter Braunfels
Ulenspiegel

Till Ulenspiegel…Marc Horus
Nele… Christa Ratzenböck
Profoss…Joachim Goltz ·
Klas…Hans Peter Scheidegger
Jost / Schuster…Andreas Jankowitsch
Bürgermeister / 1. Ablasspriester…Tomas Kovacic
Schreiner / Arkebusier…Martin Summer

Dirigent:  Martin Sieghart 
Israel Chamber Orchestra
EntArteOpera Chorus
Regie: Roland Schwab
Ausstattung: Susanne Thomasberger
Eine Co-Produktion der EntArte Opera mit dem Internationalen Brucknerfest Linz 2014

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Arnold Schönberg: GURRE-LIEDER (DVD, Amsterdam 2014)

DVD  Gurrelieder

Arnold Schönberg:
GURRE-LIEDER
für Soli,Chor & Orchester (Bühnenversion)
Szenische Weltpremiere im Het Muziektheater, Amsterdam, am 2. September 2014
Opus Arte, 2016

Wir sind gewöhnt, den Gurre-Liedern, Arnold Schönbergs großem „romantischen“ Werk (keine Angst hier vor den „neuen Tönen“, für die dieser Komponist steht!) im Konzertsaal zu begegnen. Doch es ist abendfüllend, es beschäftigt mehrere Sänger, es hat eine Handlung, und man konnte zweifellos versuchen, es als Geschichte auf die Bühne zu bringen, wie es 2014 überzeugend genug in Amsterdam geschehen ist, um das Ergebnis auch auf DVD zu bannen. Es war tatsächlich die„Szenische Uraufführung“ des Werks über den dänischen König Waldemar, seine Liebe zu Tove, deren Ermordung und sein wahnsinniges Rasen gegen Gott…

Pierre Audi hat sich für die szenische Aufführung natürlich nicht für ein historisierendes Ambiente entschieden. Keine königliche Welt, wie es einem alten dänischen Märchen (Jens Peter Jacobsen schrieb die tragische Geschichte aus dem Mittelalter nieder) zukäme, sondern die Optik grotesk-heutig, schäbig-häßlich, eine Halle aus Beton (Christof Hetzer), wo ein „Sprecher“ in Gestalt von Sunnyi Melles (im Herrenanzug und mit Strohhut) vor das Publikum hinspringt und den leicht surrealen, leicht grotesken Ton anschlägt, der dann den Abend durchzieht. Hier geht es um Liebe und Verlust, um Psychologie und Mystik.

Ein verzweifelter Mann von Anfang an, hockt Waldemar (der beeindruckende Burkhard Fritz) sehr unköniglich, verworren, verwahrlost (im T-Shirt) auf seinem Bett, umgurrt von der noblen Tove (Emily Magee). Und schon kommt der Engel mit den großen schwarzen Flügeln (Anna Larsson) als Todesverkünder (Toves Tod wird nur berichtet). Dann schwer zu ortende Figuren, ein Bauer (Markus Marquardt), ein Narr (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in Weiß, erscheint in einer Art Ballon), viel szenisches Chaos, in dem sich auch Soldaten tummeln – schließlich fordert der verzweifelte König ja Gott heraus und will mit einer Armee Toves Tod rächen.

Pierre Audi hat allerdings mehr die verzweifelte Stimmung als eine logisch nachvollziehbare Handlung bebildert, aber das turbulente Geschehen trägt nicht nur die Handlung, sondern auch den Betrachter fort. Auch das Live-Publikum ist, wie die Aufzeichnung zeigt, in stürmischen Applaus ausgebrochen.

Wie man weiß, ist vor allem der Orchesteraufwand, den Schönberg getrieben hat (und man hört es auch!), gigantisch: 120 Musiker, gestellt vom Niuederländischen Philharmonischen Orchester, mit denen Dirigent Marc Albrecht jenen romantisch-impressionistischen, man kann auch sagen jugendstilartig-vergoldeten Klangrausch entfesselt, für den das Werk berühmt ist, unterstützt auch von einer gewaltigen Chorschar. Der musikalischen Macht dieser Post-Wagner-Welt kann man sich nicht entziehen.

Man würde sich nicht wundern, wenn es künftig mehr Versuche gäbe, Schönbergs Werk als Oper zu begreifen (auch wenn man weiß, dass er selbst gegen eine Bühnenrealisierung war…)  – Schreker, Zemlinsky, Korngold sind „in“, warum auch nicht hier reizvolle Musik mit einer Handlung szenisch verquicken? Dieser sehenswerte erste Versuch aus Amsterdam beweist jedenfalls eindrucksvoll, dass es sich lohnt.

Renate Wagner

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Gurrelieder

Für Soli, Chor und Orchester
Text: Jens Peter Jacobsen
Deutsche Übertragung: Robert Franz Arnold
Musik: Arnold Schönberg
Szenische Weltpremiere im Het Muziektheater am 2. September 2014
De Nederlandse Opera

Inszenierung …Pierre Audi
Bühne und Kostüme …Christof Hetzer
Musikalische Leitung …Marc Albrecht
Nederlands Philharmonisch Orkest
Koor van De Nationale Opera
KammerChor des ChorForum Essen

Waldemar …Burkhard Fritz
Tove …Emily Magee
Waldtaube …Anna Larsson
Bauer …Markus Marquardt
Klaus Narr …Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Sprecher …Sunnyi Melles

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