Der Neue Merker

Kit Armstrong: Bachs Goldberg Variationen und ihre Vorläufer Live from the Concertgebouw Amsterdam, 13. März 2016 – Blu-ray UNITEL J.S. Bach: Goldberg Variations BWV988

Kit Armstrong: Bachs Goldberg Variationen und ihre Vorläufer

Live from the Concertgebouw Amsterdam, 13. März 2016 – Blu-ray UNITEL

J.S. Bach: Goldberg Variations BWV988

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Er sieht überhaupt nicht aus wie ein „Struwwelpeter“, doch für sein gleichnamiges Charakterstück für Violine und Klavier wurde Kit Armstrong dem dem Charlotte-V.-Bergen Preis der ASCAP Foundation ausgezeichnet. Legendenumwoben ist er schon jetzt, dieses Wunderkind, das mit fünf Jahren nicht nur zu komponieren begonnen hat, sondern auch Klavier zu spielen. Armstrong ist mit 13 Jahren von Alfred Brendel als Schüler angenommen worden, der ihn als „die größte musikalische Begabung, der ich je begegnet bin“ bezeichnet hat. Seinen Master in Mathematik hat der der heute gerade einmal 25-jährige an der Universität Paris VI so ganz nebstbei absolviert.

Die hier vorgestellte Blu-ray, eine wunderbar ruhige, ja einzigartig reife Interpretation nicht nur von Bachs berühmten Goldberg-Variationen, sonder auch von polyphoner Musik vor Bach ist Kit Armstrongs drittes Album nach der Debüt-CD „Bach-Ligeti-Armstrong“ und „Symphonic Scenes“ für Klavier mit Musik von Franz Liszt

Beobachtet man den schlanken, sehnig drahtigen, aber auch irgendwie zerbrechlich wirkenden Musiker aus Los Angeles auf dem riesigen Steinway in dieser Live Aufnahme aus dem Concertgebouw Amsterdam, so fallen sofort die immense metaphysische Konzentration und nach den ersten Takten ebenso ein quasi inneres Metronom auf. Armstrong beginnt sein Konzert mit „Hugh Ashton’s Ground“ von William Byrd. Es stammt aus der Sammlung „Lady Nevills Book“ für Virginal, einer damals weit verbreiteten Bauform der Cembalofamilie. Unmittelbar besticht, wie wichtig Armstrong der übergeordnete Bogen ist, der musikalische „Haupterzählstrang“, in den er die Verzierungen hineinhängt wie Girlanden auf ein stromleitendes Band. Langsam und bedächtig wählt er die Tempi, bisweilen scheint die Zeit still zu bleiben, ganz ohne nur einen Sekundenbruchteil lang an Spannung und inneren Zusammenhalt einbüßen zu müssen. Faszinierend, wie Armstrong aus dieser Grunddisposition heraus kleine Freiheiten modelliert, das polyphone Geäst durchsichtig und fein ziseliert wie „chinesische Grasschrift“. Ein klarer, aber stets elastischer Tonansatz sind sein Markenzeichen, die Kunst des präzisen Pedaleinsatzes versteht niemand besser als er. So werden bereits die jeweils sechs Variationen „Mein junges Leben hat ein End“ und „Erbarm dich mein, o Herre Gott“ von Pieterszoon Sweelinck sowie die 30 Variationen „Walsingham Bull“ von John Bull zu Paradebeispielen uneitlen, strukturbezogenen Klavierspiels. Dabei sind die traumwandlerische Musikalität des Vortrags, die spirituelle, ja kosmische Komponente seines Spiels das wahre Ereignis.

Das gilt genau so für den durch kanadischen Exzentriker Glenn Gould so berühmt gewordenen barocken Variationenzyklus von Johann Sebastian Bach, benannt nach dem russischen Gesandten am Dresdner Hof, Johann Gottlieb Goldberg. Armstrong beginnt die einleitende Aria völlig ruhig, aus dem Nichts kommend, sparsam geht er mit eigenen Duftmarken um. Viel wichtiger sind ihm das exakte Herausarbeiten der intimsten Modulationen der 30 Variationen, sowie die große übergeordnete dramaturgische Klammer all dieser „Allemanden, Couranten, Sarabanden, Giguen, Menuetten und anderen Galanterien“. Armstrongs Gesicht bewegt sich kaum, Emotionen flackern nur kurz und beiläufig auf, sind kaum ablesbar. Dafür bewegt sich sein Oberkörper geschmeidig zur Musik wie ein Schilfhalm im Wind, das Tänzerische und Tranceartige der genialen Komposition im Verlauf auch physisch verdeutlichend.

Die vorliegende Blu-ray legt somit Zeugnis ab über einen großen Konzertabend, der nicht durch virtuose Schaustellerei, sondern durch Verinnerlichung, wohlgesetzte Akzente und „zen-buddhistisches“ Fließen besticht.

Dr. Ingobert Waltenberger

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DVD LA FILLE DU PHARAON (Bolschoi Ballett)

DVD Cover  Ballett  La Fille du Pharaon

LA FILLE DU PHARAON
Ballett von Marius Petipa
Aufgezeichnet im Bolschoi Theater, Moskau
1 DVD, Label: BelAir

Ägypten ist immer gut – allerdings in unserer europäischen Vorstellungswelt vor allem in Großausstellungen und natürlich im Kino. Es als exotischer Hintergrund in einem Ballett zu sehen, überrascht im ersten Augenblick – aber ein Klassiker ist ein Klassiker, man muss ihn nehmen, wie er ist. Wobei die „Tochter des Pharao“ interessanterweise nie so berühmt wurde wie andere Schöpfungen des großen Petipa – und doch ist gerade dieses Ballett auch heute eine Moskauer Legende.

Als Marius Petipa es 1862 schuf, hatten der Orientalismus, dabei vor allem die Ägyptomanie, ihre hohe Zeit, man suchte nach Pharaonengräber, schmuggelte Mumien (mit oder ohne Sarkophage), es war noch nicht das Land der endlosen Touristenströme, sondern eine geheimnisvolle Welt mit einer uralten Kultur. Théophile Gauthier, als Schriftsteller ein später Romantiker, bediente damals den Zeitgeist und schrieb  „Le Roman de la Momie“. Man nahm das Werk als Vorlage für das Ballett, und die Tochter des Pharao ist wahrlich nicht die einzige Mumie, die in der Phantasie der Nachwelt zum Leben erweckt wurde…

Das Moskauer Bolschoi-Ballett hat im Jahr 2000 den französischen Choreographen Pierre Lacotte beauftragt, den Klassiker zu revitalisieren, und er tat es ohne Modernisierungsversuche, auch ohne Angst davor, dass der mitteleuropäische Zuseher bei dieser Ausstattungsorgie schmunzelt – auch wenn er mehr als genügend Anlässe dafür findet.

Da kommt offenbar ein europäischer Reisender im Tropenanzug, mit Tropenhelm nach Ägypten, begleitet von einheimischen Arabern, im Hintergrund schimmern die Pyramiden, ein Sturm kommt auf… Die Herren schmauchen Opium – und schon geht es los. Das ist übrigens die Rahmenhandlung, wenn der Reisende, er heißt Lord Wilson, am Ende wieder erwacht, war alles eben nur ein Traum…

In diesem Traum tanzt auch irgendeinmal als komischer Effekt ein roter Affe, vor allem aber erscheint ein Sarkophag mit einer wirklich wunderschöne Dame, die heraus steigt: Es ist Pharaonentochter Aspicia, für die sich der Lord gleich in einen jungen alten Ägypter verwandelt, sonst gäbe es ja keine Liebesgeschichte.

Moskau heute baut dieses klassische Petipa-Ballett (er steckt in jedem Atemzug dieser Neufassung) auf eine seiner berühmtesten Ballerinen, Svetlana Zakharova, bei der sich technische Meisterschaft und Ausstrahlung so überzeugend treffen, und auf Sergei Filin, Chef des Bolschoi-Balletts und auch noch mit gut 40 ein überzeugender Principal Dancer.

Im übrigen ist es für den Betrachter witzig, ein Corps mit den üblichen Tutus, das ebenso aus einem der anderen klassischen Ballette kommen könnte, im ägytpischem Ambiente zu sehen – ein Tempel innen (man könnte „Aida“ darin spielen), desgleichen die eindrucksvolle Außenfront dieser monumentalen Anlagen, man hat Prospekte nicht geschont und nicht Maschinen…

Kurz, das klassische russische Ballett hat sich nach Ägypten verirrt und macht auch dort, was es immer macht. Und da man sich daran bekanntlich nicht sattsehen kann, legt man diese Pharaonentochter als unverwechselbare Erfahrung zu dem Zauber des großen, klassischen russischen Balletts.

Renate Wagner

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DVD Franco Faccio AMLETO

DVD Cover  Facccio  Hamlet

Franco Faccio:
AMLETO
Aufgenommen bei den Bregenzer Festspielen 2016
2 DVD
C Major (Naxos Deutschland GmbH) Unitel Classica

Es sei nicht nur eine Wiederentdeckung gewesen, sondern geradezu ein Coup, fand die Presse, als die Bregenzer Festspiele 2016 eine Oper an den Tag förderten, die ebenso vergessen war wie ihr Komponist – zumindest hierzulande.

Es war zweifellos der allmächtige Schatten von Giuseppe Verdi, der so viele seiner Zeitgenossen überstrahlte – nicht nur Arrigo Boito, der, selbst Komponist, für den Größeren als Librettist arbeitete, auch der lebenslange Boito-Freund Franco Faccio (1840-1891), der dem Meister wieder als Dirigent seiner Werke an der Scala dienen durfte.

Einen „Hamlet“ hätte Boito als Librettist später auch für Verdi schreiben können, aber es war Franco Faccio, der das Werk vertonte, das 1865 am Teatro Carlo Felice in Genua seine Uraufführung erlebte. Und dann unverdient in Vergessenheit geriet.

Dabei fesselt die Musik – natürlich im Verdi- und Verismo-Stil der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – von der ersten Minute an. Sie ist stark, stimmungsvoll, großartig zu singen und voll von dramatischen Farben. Paolo Carignani war dafür, am Pult der Wiener Symphoniker, ein idealer Dirigent.

Der Prager Philharmonischer Chor wurde von Regisseur Olivier Tambosi besonders gefordert, die an sich klar laufende Shakespeare-Handlung (in der Bühnenlösung von Frank Philipp Schlößmann, in den historisierenden Kostümen von Gesine Völlm) gewissermaßen surreal zu konterkarieren, so dass das Geschehen immer spannend, nie den Eindruck eines historischen Schinkens erweckt.

Der aus Brünn stammende tschechische Tenor Pavel Černoch, der im italienischen Repertoire ebenso zuhause ist wie im slawischen, bietet mit teils stählernem Timbre nicht nur gesanglich eine exzellente Leistung – er ist wahrlich der verstörte Prinz Shakespeares.

Als König läßt Claudio Sgura bezüglich seiner Erscheinung und seiner Stimmkraft keine Wünsche offen, nur etwas stimmliches Wabern stört dann doch. Zwei eindrucksvolle Damen: Die verführerische Mezzo-Mama (Dshamilja Kaiser als Gertrude) und der zarte rumänische Sopran (Iulia Maria Dan als Ophelia).

Dieser „Amleto“ zeigt, wie hochkarätig fündig man werden kann, wenn man im vernachlässigten italienischen Repertoire des 19. Jahrhunderts stöbert.

Renate Wagner

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Franco Faccio
Amleto (Hamlet)
Oper in vier Akten (1865)
Libretto von Arrigo Boito
Kritische Ausgabe von Anthony Barrese

Musikalische Leitung    Paolo Carignani
Wiener Symphoniker
Prager Philharmonischer Chor    

Inszenierung        Olivier Tambosi
Bühne        Frank Philipp Schlößmann
Kostüme     Gesine Völlm

Amleto       Pavel Černoch
Claudio      Claudio Sgura
Polonio      Eduard Tsanga
Orazio        Sébastien Soulès
Marcello     Bartosz Urbanowicz
Laerte         Paul Schweinester
Ofelia         Iulia Maria Dan
Gertrude     Dshamilja Kaiser
Der Geist | Ein Priester  Gianluca Buratto
Ein Herold | Der König Gonzaga Jonathan Winell
Die Königin        Sabine Winter
Luciano | Erster Totengräber  Yasushi Hirano

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DVD: Hector Berlioz BEATRICE ET BENEDICT

DVD Cover  Berlioz  Beatrice und Benedikt

Hector Berlioz:
Beatrice et Benedict  
Aufnahme August 2016 aus dem Glyndebourne Opera Festival House
1 DVD Opus Arte

Im Gegensatz zu seinen Riesenopern ist „Beatrice et Benedict“ geradezu filigran: Hector Berlioz hat, um Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ zu einer Opera comique umzuschmelzen, stark gekürzt und vor allem seiner Musiksprache eine bei ihm selten zu hörende Lockerheit verliehen. Mit gesprochenen Passagen versehen, ist das Werk dennoch nicht allzu populär geworden – vielleicht, weil gerade die Leichtigkeit so evident schwer zu realisieren ist. Dergleichen ist allerdings bei Festivals gut aufgehoben, und 2016 hatte Glyndebourne den französischen Regisseur Laurent Pelly verpflichtet, das Werk auf die Bühne zu bringen.

Es ist formidable gelungen, wenngleich die englische Presse auch eine Menge Einwände hatte. Tatsächlich gibt es bei Pelly keinen Realismus, sondern ausschließlich Stil – und das in jeder Hinsicht. Die Ausstattung von Barbara de Limburg bringt Schachteln auf die Bühne, zuerst absolut riesige, aus deren aufgeklapptem Deckel die Choristen hervorlugen, dann kleinere, über einander gestapelte – in dieser Welt spielen sich die Liebeswirren gewissermaßen hüftenwackelnd und trippelnd ab: Es ist eine Welt in zarten Grau-Schattierungen, wobei die Mode an die fünfziger Jahre mit ihren schwingenden Röcken erinnert. Es herrscht komplette Künstlichkeit – und genau damit erreicht Pelly die ziselierte Komik seiner Produktion, auch, weil sich die Akteure dermaßen darauf einlassen, Lebendigkeit und Pointensicherheit vorzuführen – man denke nur an die köstliche Chorprobenszene.

Das Parlando von Gesang und Musik verlangt den Interpreten alles ab, und sie bieten es: die Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac, dunkle Locken, große Augen, geschmeidig-komisch, als Beatrice, und der Tenor Paul Appleby, in Uniform, als ihr Benedict, die raufen sich zusammen. Auch ein paar prächtige Nebenrollen, darunter Sophie Karthäuser, ganz Fünfziger-Jahre-Blondinchen, als Hero (sie darf ganz drollig ein Hochzeitskleid bewundern).

Pelly hat viele Franzosen besetzt, das alles läuft auch sprachlich wie am Schnürchen ab, und gleicherweise liefert das London Philharmonic Orchestra unter Antonello Manacorda lyrische Schönheit und flottes Parlando. Man kann sich von Herzen unterhalten.

Renate Wagner

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Hector Berlioz
„Béatrice et Bénédict“

Stéphanie d’Oustrac (Béatrice)
Paul Appleby (Bénédict)
Sophie Karthäuser (Héro)
Philippe Sly Claudio)
Lionel Lhote (Somarone)
Frédéric Caton (Don Pedro)
Katarina Bradic (Ursula)

Regie: Laurent Pelly
Ausstattung: Barbara de Limburg
Musikalische Leitung: Antonello Manacorda
London Philharmonic Orchestra
Glyndebourne Chorus

Aufnahme August 2016 aus dem Glyndebourne Opera Festival House

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DVD Nikolai Rimsky-Korsakov: DER GOLDENE HAHN

DVD Cover  Rimski Korsakow  The Golden Cockerlel

Nikolai Rimsky-Korsakov:
THE GOLDEN COCKEREL / DER GOLDENE HAHN
Mariinsky-II, St. Petersburg, 2014
1 DVD / 1 Blu-Ray in derselben Packung
BelAir Classiques Naxos

Unter den russischen Opern, die es immer wieder auf unsere Bühnen schaffen, ist auch der „Goldene Hahn“ von Nikolai Rimsky-Korsakov. Hierzulande nimmt man die Geschichte des Zaren, den ein Hahn vor seinen Feinden warnen soll, gut und gern als Politsatire. (Das hat man schon 1907, nach dem Entstehen des Werks, begriffen und es erst einmal verboten. Die Premiere fand, allerdings noch immer im Zarenreich, zwei Jahre später statt.)

Auch die Russen sehen natürlich die Satire, aber sie tun es witzig und unterschwellig, sie mixen sie ganz raffiniert mit dem Märchen aus alten Zeiten. Das zeigt eine Aufzeichnung der Aufführung, die Regisseur Anna Matison 2014 im so genannten Mariinsky-II, dem neuen Haus in St. Petersburg, herausbrachte, und die noch immer am Spielplan steht.

Ungeachtet ihres europäisch wirkenden Namens, kommt die noch junge Anna Matison (zur Zeit der Premiere war sie 31) aus Irkutsk und hat schon als Autorin und Filmemacherin Ruhm geerntet, bevor sie für den „Goldenen Hahn“ alles machte – Regie, Ausstattung und Wahl der computeranimierten Videos, die aber nicht penetrant, sondern im Dienst der diffusen Märchenhaftigkeit eingesetzt werden.

Anna Matison hat ein Zwischending aus Märchen und sanfter Parodie gewählt und gibt quasi einen zeitgemäßen Rahmen: Der titelgebene goldene Hahn, immer von einer hellen Frauenstimme gesungen, kommt in Gestalt von Kira Loginova auf die Bühne – ganz Mädchen von heute, ihr Rucksack ist ein schrill-gelber Hahn, und begeistert schießt sie Fotos mit ihrem Handy. Sie stolpert geradezu in die Welt eines parodierten gestrigen Russlands – da gibt es Riesenhüte, die quasi aus den goldenen Zwiebelkuppeln der orthodoxen Kathedralen bestehen…

Man ist in der Geschichte erst im Königspalast, dann am Schlachtfeld, schließlich in Freien, und die bunten Ideen, die gar nicht Sinn im Sinn von „sinnvoll“ machen müssen, purzeln szenisch nur so durcheinander.

So entwickelt sich die komische Geschichte vom Zaren, der von dem absolut schrägen Astrologen den Hahn bekommt, der ihn vor Feinden schützen soll, von der schönen Königin, die er heiratet – bis der Astrologe den Wunsch, den er frei hat, dahingehend formuliert, diese Dame besitzen zu wollen. Und es ist alles nicht wahr, nur ein Märchen, in dem man auch parabelartig, aber hier nie belehrend, ein paar typische Verhaltensweisen zeigen kann.

Die Russen hatten sich für diese Aufführung Aida Garifullina aus Wien zurückgeholt, die diese Königin von Shemakha so unglaublich blond, verführerisch und reizvoll im kurzen roten Kleidchen spielte und sang, dass das Märchen noch eine sexy Ebene erhielt. Daneben Vladimir Feliauer als Zar Dodon, Andrei Popov in aller Überdrehtheit als Astrologe und eine stimmige Besetzung.

Valery Gergiev ist überall auf der Welt, er ist auch noch in seinem heimatlichen Haus, und natürlich der richtige Mann für diese so komische, so lustige, so exotisch, klanglich scheinbar so ansprechende und dabei raffinierte Oper. Es gab andere Interpretationen des Werks, es verträgt viele, aber diese ist besonders schön, weil sie so viel Humor hat – und so „russisch“ ist.

Renate Wagner

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Nikolai Rimsky-Korsakov:
THE GOLDEN COCKEREL / DER GOLDENE HAHN

Musikalischer Leiter und Dirigent: Valery Gergiev
Mariinsky Orchester und Chor
Inszenierung und Kostüme: Anna Matison
Szenenbildner: Anna Matison und Sergei Novikov

Vladimir Feliauer… Zar Dodon
Aida Garifullina… Königin von Shemakha
Andrei Popov… Der Astrologe
Andrei Ilyushnikov… Zarewitsch Guidon
Vladislav Sulimsky… Zarewitsch Afron
Elena Vitman… Amelfa
Andrej Serov… General Polkan
Kira Loginova… Goldener Hahn

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DVD Camille Saint Saens: SAMSON UND DALILA

DVD Cover  Saint Sanes  Samson und Dalila

Camille Saint Saens:
SAMSON UND DALILA
Badisches Staatstheater Karlsruhe, 2010
1 DVD, Arthaus Musik

Vielleicht ist es unsere gnadenlose Welt, in der Alter nicht als Qualität zählt, sondern weggeschoben wird: Jedenfalls kann der argentinische Tenor José Cura, derzeit Mitte 50, nicht mehr damit rechnen, in der Kaufmann-Oberliga gehandelt zu werden, wenngleich ihn Thielemann (obzwar als Einspringer) etwa als Othello nach Salzburg holte. Aber Cura hatte immer besondere Ambitionen, die über das bloße Singen hinaus gingen.

So hat er sich des öfteren als Dirigent versucht, für das Prager Symphonieorchester ist er nicht nur „Artist in Residence“ mit zwei Konzertprogrammen pro Jahr, er stellt sich in diesem Rahmen auch als Komponist vor (mit seinem Werk „Modus“ im Oktober 2017). Als Sänger wählte Projekte, die für ihn unüblich schienen: So hat er in Monte Carlo Wagners „Tannhäuser“ in der französischen Fassung (!) auf französisch gesungen. Er hat schon vor einiger Zeit begonnen, zu inszenieren und gleichzeitig auszustatten, und nächstes Jahr wird er in Monte Carlo, als sein eigener Regisseur und Ausstatter, seinen ersten Peter Grimes singen. Die vorliegende DVD zeigt seinen ambitionierten Versuch, 2010 im Badischen Staatstheater Karlsruhe „Samson und Dalila“ von Saint Saens auf die Bühne zu bringen und dabei selbst die Hauptrolle zu verkörpern. Dabei zeigt er, dass er kein Bilderstürmer ist – und dass er sein Handwerk versteht.

Er braucht für seinen „Samson“ keinen historisierenden Rahmen, sondern schuf sich eine heutige Szenerie (wie es heutzutage üblich ist, um das hinzu zu fügen): Was man an Gestängen, Leitern und Kränen sieht, definiert sich wohl als Ölbohranlage im Nahen Osten, zumal Feuer aus Ölfässern lodert, dazu Menschen im Alltagsgewand (nur ein paar Damenkleider wehen lang und weiß). An sich sehr zeitgemäß, aber nicht unbedingt a priori einleuchtend für eine biblische Geschichte. Da er sie aber so kraftvoll-brutal hinstellt wie hier, gewinnt das Ganze einige Überzeugungskraft, wenn auch das religiöse Element in den Hintergrund tritt. Jedenfalls beschwört der Regisseur Cura keine Exzesse, die das Geschehen stören würden, und wenn er Ideen einbringt (die Kinder der Philister und Hebräer spielen miteinander), sind sie zumindest nicht uneinsichtig.

Außerdem inszenierte Cura, mit wildem Bart und Langhaar, stimmlich ein starker, kraftvoller und schon von der Persönlichkeit her überzeugender Samson, mit seiner schönen Dalila überzeugende Interaktion, und die reizvolle Russin Julia Gertseva lässt da einen wirklich überzeugenden Mezzo leuchten. Der während der Liebesszene in einem Vorhangschleier gefangene Samson wird dann in einem Sack schauerlich behandelt, und Cura schont ihn nicht, das erinnert an zeitgemäße Folter. Am Ende „brennt“ die ganze Bühne…

Der Holländer Jochem Hochstenbach, Karlsruhes Erster Kapellmeister, packt das reizvolle Werk überzeugend an, große Oper, exotisches Kolorit, musikalisch reich konturierte Zeichnung der Titelfiguren – das stimmt. Für Karlsruhe und Cura-Freunde ein großer Abend, für alle anderen ein durchaus interessanter Beitrag zur „Samson“-Rezeption.

Renate Wagner

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Camille Saint Saens:
SAMSON UND DALILA

Musikalische Leitung …Jochem Hochstenbach
Regie und Ausstattung…José Cura
Chor…Ulrich Wagner
Badische Staatskapelle
Badischer Staatsopernchor 

Dalila… Julia Gertseva
Samson…José Cura
Oberpriester des Dagon…Stefan Stoll
Abimelech, Befehlshaber der Philister…Lukas Schmid
Der alte Hebräer…Ulrich Schneider (Stimme) /Walter Schreyeck (Darsteller)
Kriegsbote…Andreas Heidecker
Erster Philister…Sebastian Haake
Zweiter Philister…Alexander de Paula

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W.A. MOZART: DIE ZAUBERFLÖTE

DVD Mozart

W.A. MOZART: DIE ZAUBERFLÖTE  – Accademia Teatro alla Scala live 21.9.2016; major 2 DVDs

Die Zauberflöte so frisch, keck, lebendig und herzzerreissend wie am ersten Tag. Dank Regisseur Peter Stein, Bühnenbildner Ferdinand Woegerbauer und Dirigent Ádám Fischer war die Zauberflöte 2016 an der Scala als buchstäblich märchenhaftes Singspiel mit einem vor jugendlicher Emphase nur so überschäumenden Ensemble und Orchester zu erleben. Einmal muss die Zauberflöte keine umgedeutete Opera seria oder Lehrstunde in political correctness, kein um Dialoge amputiertes Stück oder purer philosophischer K(r)ampf sein. Die Zauberflöte mit den Studentinnen und Studenten der Accademia der Mailänder Scala, die nicht nur das bemerkenswerte Solistenensemble bilden, sondern auch den Chor und das Orchester bevölkern und die Bühnenmaschinerie bedienen, wird hier zur Freude eines vielleicht kindischen Publikums so gespielt, wie es in der Partitur und den Regieanweisungen steht, samt aller Dialoge inklusive.    

Wir wissen, alle zehn ausverkauften Vorstellungen waren ein großer Erfolg beim Publikum. Journalisten jubelten in der Mehrzahl und jetzt ist auch die „Konserve“ erhältlich. Sie ist nicht nur Zeuge eines geglückten Experiments, sondern bereitet ein ungetrübtes Opernvergnügen. Allen voran ist das einem unverbrauchten und höchst engagierten Ensemble zu verdanken. Ich habe schon lange nicht mehr so temperamentvolle und vitale Oper gesehen wie hier. Es ist sicherlich nicht alles perfekt an den sanglichen Leistungen. Das Damentrio klingt dem Vibrato und der wilden Leidenschaft wegen eher nach Götterdämmerungs-Nornen als Dienerinnen der Königin der Nacht. Auch brauchen Tamino und die Königin etwas Zeit zum Einsingen, um voll dabei zu sein. Aber, aber… 

Es ist eine Pamina wie aus dem Bilderbuch zu erleben. Fatma Said kann es in jeder Hinsicht mit den Besten und Größten im lyrischen Fach aufnehmen. Ein cremig einschmeichelndes Luxustimbre à la Lucia Popp, ein ausgewachsener dramaturgischer Instinkt, eine hohe Bühnenpräsenz und untadelige Phrasierung. Ihr Tamino ist nicht weniger interessant. Martin Piskorski verfügt über einen dramatisch und dunkel, beinahe baritonal klingenden Tenor. Der Farbenreichtum seiner auch artikulatorisch bestens geschulten Stimme ist riesig. So vermag dieses grandiose österreichische Gesangstalent den Bogen der immens schwierigen Partie vom Lyrischen bis zu den dramatischen Ausbrüchen absolut rollendeckend zu spannen. Über die weitere Entwicklung dieses Tenors darf man gespannt sein. Auch Till von Orlowsky als Papageno reüssiert. Mit seinem saftigen Bassbariton und seiner Spielfreude, seinem Geschick, eine Bühnenfigur aus Fleisch und Blut zu formen. Die Königin der Nacht, Yasmin Özkan, singt mit lupenreiner Intonation, was ja an sich schon exzeptionell ist, aber eben auch mit einem dramatischen Aplomb comme il faut und wie wir es lieben. Ausdrückliches Lob gebührt ebenso dem wohllautenden, in der Tiefe noch ausbaufähigen Bass von Martin Summer und der entzückenden Papagena von Theresa Zisser.

Peter Steins Verdienst ist es vor allem, mit den jungen Kräften offenbar intensivst an den Rollen und ihrem Verhältnis zueinander gearbeitet zu haben. Das ist besonders an den Dialogen zu merken, die allesamt völlig akzentfrei gesprochen werden und das Stück in einen volkstümlichen Bretterbudenzauber tauchen. Dazu trägt die Szenerie bei, die mit allem aufwarten kann, was der Zauberflöte an Exotismen zu eigen ist: eine grüne giftige Schlange, Blitz und Gewitter, Tempel und Löwen, Baströckchen und Federpürzel. 

Ádám Fischer holt aus dem Orchester, den Sängerinnen und Sängern, dem Chor alles und noch mehr heraus. Er dirigiert einen lebendigen, vorwärtsdrängenden, quicklebendigen Mozart. Das Ensemble singt und agiert auf der Bühne, auf der die Callas, die Tebaldi  und die Caballé ihre größten Triumphe gefeiert haben, wirklich so, als ginge es um ihr Leben. Das ist unmittelbar faszinierend und packend. Ich habe ähnlich intensive Mozart-Vorstellungen in den Pariser Banlieues (Bobigny) erlebt, wo die Atéliers der Pariser Oper tolle Talentproben (inklusive Regie und Dirigat) abgaben. Allerdings gehören, wie wir das nun seit dem gelungenen Versuch der Mailänder Scala wissen, solche Aufführungen auf die Bühne der Haupthäuser gehievt. Auch der Werkstattcharakter und das Mischen der noch Lernenden mit außerordentlichen Profis wie Stein oder Fischer ist eine gute Sache. Jetzt also auf DVD nachzuerleben. Eine unbedingte Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

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W. A. MOZART REQUIEM: Reitkunst und Sakralmusik

DVD Pferdeballett

W. A. MOZART REQUIEM: Reitkunst und Sakralmusik – UNITEL Bluray – Live Felsenreitschule Salzburg Jänner 2017

Erscheinungsdatum: 25.8.2017

Marc Minkowski, Chef der Musiciens du Louvre, hat seit jungen Tagen in Le Bec Hellouin (Normandie) einen Kindheitstraum, und den hat er sich in Salzburg erfüllt: Mozart und Pferde. Gemeinsam mit dem Reiter, Regisseur und Choreograph Bartabas und der Académie équestre nationale du domaine de Versailles kam es nach einem ersten Versuch 2015 mit Mozarts „Davide penitente“ erneut zum Versuch einer künstlerischen Allianz zwischen  Reitkunst und Sakralmusik: Ein „Rossballett“ à la Spanische Hofreitschule also an einem historisch prädestinierten Aufführungsort, der Felsenreitschule, im 17. Jahrhundert als Arbeitsstätte für die Pferde des Fürsterzbischofs errichtet.

Mozarts Requiem und die genuin eigene Körperlichkeit von dressierten Pferden, deren natürliche Ausdruckskraft, geht das zusammen? Irgendwie ästhetisch ist das streng formale Schreiten, Traben und Galoppieren der hellen prächtigen Lusitano Pferde schon. Spektakulär: Der auf Hochglanz gestriegelter Rappe des Chefs darf sich im Scheinwerferkegel wie wild wälzen und auf dem Rücken alle Viere von sich strecken. Mit Mozarts Musik hat das alles allerdings nichts zu tun. Die gebotene Show ist sicherlich das Beispiel einer eleganten und stilistisch beeindruckenden konzeptuellen Visualisierung, aber nur eine von vielen Möglichkeiten, irgendwie assoziativ Musik mit Bewegung in Einklang bringen zu wollen. Ein Versuch, der allerdings weder für die an diesem Abend gebotene Musik noch für das „Rossballett“ erhellend wirkt.

Mich persönlich hat das Zusehen der filmisch gut festgehaltenen Aufführung sogar befremdet, es war wie zwei völlig verschiedenen, nicht zusammenhängenden Artefakten gleichzeitig folgen zu wollen: Einerseits der musikalisch guten Wiedergabe von Mozarts frühem „Miserere für Alt, Tenor, Bass und Orgel“, des Requiems in D-Moll und des späten Chorsatzes „Ave verum corpus“ (dazu erklingt noch einleitend Georg Friedrich Händels „The Ways of Zion do Mourn“ HWV 264 aus „Funeral Anthem for Queen Caroline“, das Mozart nach Minkowskis Ansicht im Introitus zitiert), andererseits der artifiziellen Choreographie von Mensch und Tier alle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Was hören wir? Der französische Altmeister Marc Minkowski hat mit dem hervorragenden im zweiten Rang der Arkaden platzierten Salzburger Bachchor (Einstudierung Alois Glassner) und seinem Originalklangensemble Les Musiciens du Louvre flüssige, bühnendramatisch und emotional tief empfundene Wiedergaben realisiert. Wie gewohnt, artikulieren seine Getreuen im Orchester akzentuiert und aufpeitschend, bisweilen leider nicht ohne Schärfen. Zwischen den Sätzen gibt es regiebedingt kurze Pausen, was der Spannung abträglich ist. Dazu gesellt sich ein nicht ganz einheitliches Solistenquartett: Während für Genia Kühmeiers lyrisch exquisiten Sopran nur Superlative und höchste Bewunderung (selbst der Himmel muss da zu Tränen gerührt sein) gelten, liegt die Tessitura des Requiems sowohl für den höhenlastigen Mezzo von Elisabeth Kulman und den Bariton Charles Dekeyser zu tief. Julien Behr bringt einen gut fokussierten, kompakten lyrischen Tenor mit ins Spiel, allerdings neigt er in der Höhe zu Versteifung, was zu so manch eng geführter Phrase führt.

Was sehen wir? An dieser Stelle muss wieder daran erinnert werden, dass ein Film eben kein Bühnen-Live Erlebnis ist, sondern das bietet, was Kamera, Schnitt und Editor zeigen wollen. Zu Beginn etwa Herrn Bartabas mit nacktem Oberkörper auf seinem Rappen „Soutine“, in schwarz gewandet, den Kopf mit einem Tuch verhüllt, die Arme weit ausgebreitet wie Pegasus im Flug. Die Sequenzen wechseln optisch von Szene zu Szene und folgen generell der Kadenz und dem dramaturgischen Gehalt der Musik. Reiterinnen mit langem Haar scheinen wie tot auf den Rücken der Schimmel zu liegen, beim „Te decet hymnus“ richten sie sich auf, Haar übers Gesicht, die Arme einem knapp-statischen Bewegungskanon folgend weit von sich gestreckt. Zum Kyrie nimmt der Reiterblock an Fahrt auf, weibliche Todesengel mit schwarzen Spitzhauben traben in verschlungenen Pfaden, tanzen in zwei Dreiergruppen, werden schließlich von einem „Pas de deux“ abgelöst. Artifiziell, hochästhetische Bilder prägen den Ablauf: Im „Lacrymosa“ liegen die Reiterinnen mit dem Kopf nach hinten Rücken an Rücken mit dem Pferd, später kommen Choristen auf die Bühne, von den Pferden umkreist. Zum „Agnus Dei“ schließlich galoppieren drei Skelette mit Flügeln und gefalteten Händen im Kreis.

Dennoch: Allzu glatt und gelackt präsentiert sich das Pferdeballett. Schöne Bilder mit schönen Menschen und schönem Getier. Die außermusikalische Botschaft (gibt es eine?) will und will sich nicht kristallisieren. Fazit: Eine musikalisch gediegene Aufführung von Musik des Salzburger Meisters mit einer geschmäcklerischen und vom Konzept her kaum überzeugenden Bebilderung durch ein exquisites frz. Pferdeensemble. Wohl eher was für eingefleischte Pferdenarren unter den Klassikliebhabern.

Dr. Ingobert Waltenberger

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WAGNER: LOHENGRIN

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WAGNER: LOHENGRIN in 4K ULTRA HD, Deutsche Grammophon

Der Dresdner Lohengrin mit Netrebko und Beczala offiziell in herausragender technischer Qualität erschienen

Über den musikalischen und künstlerischen Rang dieser schon jetzt legendären Aufführung (in dieser Konstellation wird es Lohengrin wahrscheinlich nicht mehr geben) ist sehr viel geschrieben worden. Den Superlativen in der Presse vor allem über die Leistung des aus dem italienischen Fach kommenden Paars Anna Netrebko (Elsa) und Piotr Beczala (Titelheld) ist nichts mehr hinzuzufügen: Von „Lohen-Dream“, „Sternstunde“, „Schwahnsinn“ „Lohengrin Mirakel“ etc. war da die Rede. Nur so viel: Netrebko ist wie in allen anderen Fächern auch bei Wagner stilsicher, ihre Diktion der deutschen Sprache ist ohne Fehl und Tadel, die Verschmelzung von Spiel und Mimik mit musikalischer Aussage von berührender Kraft, ihr Gesang edel und leidenschaftlich, Phrasierung und Stimmfarben exquisit.   Als Vergleich einer Wagner-„Quereinsteigerin“ auf diesem Niveau fällt mir nur noch Victoria de los Angeles (Tannhäuser) ein. Hoffentlich kommt einmal die Isolde, von Bühnen-, Stimmtyp und der Fähigkeit, auch immense Orchestermassen spielerisch zu übertrumpfen (Aktschluss 1 Lohengrin), ist Netrebko nahezu prädestiniert dazu. Für Beczala, der einen herrlich silbrigen und frischen Lohengrin singt, ebenfalls von frappierender Textdeutlichkeit, dürfte es sich wohl eher um einen Ausflug in ein „exotisches“ Fach handeln. Dieser für mich derzeit weltbeste Tenor im italienischen Fach hat ebenfalls das ideale Timbre, von Stil und Durchschlagskraft her ist er aber kein Wagner-Tenor. Dennoch sind wir dankbar und neigen uns vor dieser höchst qualitativen Gesangsleistung. Die Restbesetzung mit Herlitzius, Zeppenfeld und Konieczny ist das beste, was der Markt derzeit zu bieten hat. Thielemann dirigiert kammermusikalisch durchhörbar, animiert die Dresdner Staatskapelle zu Wunderharfen-Spiel  und braucht mit 210 Minuten genau so lang wie Abbado in seiner Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern.

Historisch sei angemerkt, dass die Partitur vorwiegend in Dresden und Umgebung entstanden (Graupa bei Pirna) ist und Lohengrin wohl auch wie Rienzi, Der fliegende Holländer und Tannhäuser im Hoftheater Gottfried Sempers uraufgeführt worden wäre, hätte Wagner nicht infolge seiner Beteiligung am Dresdner Maiaufstand 1849 seine Karriere als Hofkapellmeister abrupt beenden müssen. Immerhin fand eine konzertante Aufführung des 1. Aktes 1848 unter der Stabführung des Komponisten zur 300-Jahr Feier des Bestehens der Dresdner Kapelle statt, wo das berühmte Wort von der „Dresdner Wunderharfe“ gefallen sein soll.

Wollen wir uns nun auf die filmische Umsetzung dieser Dresdner Aufführungsserie, mitgeschnitten in der Dresdener Semperoper vom 17. bis 29. Mai 2016, konzentrieren. Dieser Angabe im Booklet kann wohl entnommen werden, dass der nun publizierte Film nicht ident ist mit der TV-Übertragung derjenigen einzigen Aufführung, die bislang wohl so manchen CD-Brenner zum Glühen gebracht haben dürfte. Gefilmt wurde eine Produktion nach Christine Mielitz aus dem Jahr 1983. Herrlich altmodisch könnte man sagen, mit Schwan, dem Mittelalter nachempfundenen Kostümen und einem Hauch 80-er Jahr-Peinlichkeit sowie einer extrem statischen Personenregie. Im 2. Akt ist es dazu doch ziemlich dunkel. 

Video Director Tiziano Mancini bevorzugt einen harten raschen Schnittwechsel. Diese Montageweise steht optisch bisweilen dem ruhigen musikalischen Fluss der durchkomponierten Teile arg entgegen. Positiv ist, dass die Nahaufnahmen weder von Dauer noch Ästhetik her exzessiv ausfallen. Ihm gelingt insgesamt ein guter Mix aus Perspektivenwechsel, besonders gefallen die Aufnahmen aus Halbhöhe schräg auf die Protagonisten. Beeindruckend sind die Aufnahmen der Gesichter von Herlitzius (von archaischer Wucht wie einstens nur noch Varnay) und Netrebko, die wie großartige Seelenlandschaften die Musik deuten und in kraftvolle Bilder übersetzen.

Das alles ist jetzt in höchster technischer Qualität nacherlebbar. Das Zauberwort heißt 4K Ultra HD. Ultra HD (High Definition) ist ein neuer Auflösungs-Standard mit der vierfachen Anzahl an Pixeln gegenüber dem zur Zeit (noch) gängigen Full HD Format. 4K-Standard sieht eine Mindestauflösung von 3840×2160 Pixeln vor. Statt rund zwei Millionen Pixeln werden beim 4K-Standard gleich mehr als acht Millionen Bildpunkte geboten. Ein großer Vorteil der Ultra HD-Auflösung im Vergleich zur 2K-Auflösung ist die deutlich höhere Detailgenauigkeit, die vor allem dann zum Tragen kommt, wenn die Darstellung auf einem großen Bildschirm erfolgt. Allerdings braucht der Musikfreund dazu ein neues Allround-Gerät, die Blu-ray Player können dieses Format nicht bedienen. Ich habe mir einen solchen Player bei Erscheinen des Salzburger Figaro (Dirigent Dan Ettinger) angeschafft und bin damit nicht nur hochzufrieden, sondern überzeugt, dass sich dieses Format langfristig durchsetzen wird (obwohl schon 8K an den Fenstern klopft; wer da wohl noch qualitative Unterschiede wahrnehmen kann?). Selbstverständlich bietet die Deutsche Grammophon den Dresdner Lohengrin aber auch auf herkömmlichen DVDs (2) und im Blu-ray -Format an.

Allein schon Anna Netrebkos passionierter und prächtigst gesungener Elsa wegen lohnt sich die Anschaffung in der einen oder anderen Form. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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Rossini: SEMIRAMIDE (Antwerpen)

DVD Cover  Semiramide

Rossini: 
SEMIRAMIDE
Vlaamse Oper Antwerpen
Produktionsjahr: 2015
Dynamic (Naxos Deutschland GmbH)
2 DVDs, Spieldauer: 238 Minuten

Es gibt DVDs, nach denen greift man um der Werke willen – und bekommt dann noch eine überraschende Draufgabe. Im Fall der Rossini’schen „Semiramide“ aus Antwerpen noch eine Inszenierung, die es schafft, das heutige „Regietheater“ so weit zu treiben, dass man absolut nichts damit anfangen kann – und man nur die Sänger bewundert, die es auf sich nehmen, ein solches „Konzept“ zu realisieren…

Das Werk zuerst: einer der dramatischen Rossinis im „Große Oper“-Duktus, die ja die längste Zeit auf unseren Bühnen vernachlässigt wurden, weil Donizetti das Feld bestellte. Schon bevor die Bayerische Staatsoper ihre einigermaßen abstrakte Inszenierung von David Alden heraus brachte, die fest auf der Souveränität der Joyce DiDonato ruhte, kam die „Semiramide“ bei  der Vlaamse Opera (die in Antwerpen und Gent spielt, die Premiere war am 12. Dezember 2010 in Antwerpen) heraus. Ungekürzt – nun auf den zwei  DVDs kommen zwei Minuten weniger als vier Stunden dabei heraus.

Der „ernste“ Rossini, den die Opernhäuser ja jahrzehntelang Pesaro überlassen haben, wird unterschätzt. 1823 uraufgeführt, nach einem Stück von Voltaire entstanden, ist unter „Semiramide“ die babylonische Königin gemeint (die wir in unserer Welt nie auf der Bühne sehen werden – es sei denn, die Met nimmt sich vielleicht einmal des Werks an…). Und diese sollte einer der besten Sängerinnen ihrer Zeit – Rossinis Gattin Isabella Colbran  die Möglichkeit geben, alles zu zeigen, was sie stimmlich konnte, nämlich ausgereiften virtuosen Koloraturgesang und die Konturierung eines wirklich dramatischen Schicksals mit Hilfe des Gesangs.

Denn Semiramide, die hier nicht mehr ganz jung ist, hat 15 Jahre davor ihren Gatten ermordet. Wenn sie nun einen Nachfolger ernennen soll, weiß sie nicht, dass der junge Arsace, den sie dafür ins Auge fasst, ihr eigener Sohn ist, den sie tot wähnte. Die Geschichte nimmt hoch dramatische Wendungen, in denen der Komplize der Königin, Assur, eine große Rolle spielt. Das Ende – als Arsace irrtümlich die Mutter anstelle von Assur tötet – ist so tragisch, wie eine Opera seria nur sein kann.

Und für die musikalische Umstezung hatte man nun mit dem damals schon greisen Alberto Zedda eine lebende Legende am Pult – er ist seither verstorben, und nach seinem Tod 6. März 2017 im Alter von 89 Jahren huldigte die Presse ihm als führenden Rossini-Experten, -Forscher und –Dirigenten unserer Zeit. Tatsächlich wird diese „Semiramide“ als eine von Zeddas letzten Arbeiten ihren besonderen Rang einnehmen. Wie er ohne billige Effekte die Dramatik und Tragik des Geschehens aus der Musik holt, wie die Musik „läuft“ und klingt, sich ballt und schwingt, das ist Rossini vom Feinsten.

Und hier ist der Ort, auch gleich die Sänger zu loben – die Griechin Myrto Papatanasiu mit effektvoller Blondhaarperücke, gertenschlank, ist mit ebenso schlanker Stimme (ein schwer zu fassendes Zwichenfach zwischen Sopran und Mezzo) eine interessante, souveräne Interpretin der Titelpartie, wobei noch nicht von der Inszenierung die Rede sein soll. Gemeinsam mit Ann Hallenberg, einer Expertin für alte Musik, die ihren Sohn Arsace mit wunderschönem Mezzo singt, erreichen sie vor allem in den Duetten wunderbare Wirkung. Der Österreicher Josef Wagner (scheußlich gewandet) ist der sonore Assur, Robert McPherson lässt als Idreno hören, dass Rossini auch Männern allerlei verrückte Verzierungen in die Kehle legt, die Nebenrollen halten alle das Niveau. Wäre es „nur“ eine CD, man könnte hier die Kritik hier ohne Einschränkungen beenden.

Aber man interessiert sich ja für Inszenierungen, und da lässt der Brite Nigel Lowery als Allround-Gestalter (Regie / Bühnenbild / Kostüme) einiges sehen, worüber man den Kopf schütteln kann. Warum die blonde Semiramide immer wieder eine Doppelgängerin erhält, bleibt ebenso unklar wie Assurs Bekleidung in ein langärmliges orangenfarbenes T-Shirt, das ihn in keiner Weise definiert. Dass die seltsamen Elemente der Dekoration von dem im Krieg zerbomben Palast Saddam Husseins inspiriert sein sollen, dass muss man gelesen haben, um es zu wissen, und letztendlich bringt es für die Optik des Abends, die hauptsächlich verstört, nichts. Wollte der Regisseur einfach nur eine nach Kriegsfolgen seelisch und faktisch zerstörte Welt zeigen? Man vollzieht es nicht nach: Man liest dankbar die deutschen Untertitel und weiß, wie sehr das, was man sieht, nichts mit dem zu tun hat, was die Sänger da singen und was als Handlung vorgesehen ist…

Aber die Musik, aber Zedda, aber die eindrucksvollen Sänger: Nicht nur Rossini-Fans werden wissen, was sie dennoch an dieser DVD haben.

Renate Wagner

 

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Rossini:

Semiramide

Melodramma tragico in zwei Akten
Libretto von Gaetano Rossi
Musik von Gioachino Rossini
Premiere in der Vlaamse Opera Antwerpen am 12. Dezember 2010
(Vlaamse Oper, Antwerpen, Gent/Belgien, 2011)
Studio: Dynamic (Naxos Deutschland GmbH)
2 DVDs, Spieldauer: 238 Minuten

Musikalische Leitung: Alberto Zedda
Symphonisches Orchester der Vlaamse Opera
Chor der Vlaamse Opera
Chorleitung: Yannis Pouspourikas

Inszenierung / Bühne / Kostüme: Nigel Lowery
Licht: Lothar Baumgarte

Semiramide: Myrtò Papatanasiu
Arsace: Ann Hallenberg
Assur: Josef Wagner
Idreno: Robert McPherson
Azema: Julianne Gearhart
Oroe: Igor Bakan
Mitrane: Eduardo Santamaria
L’ombra di Nino: Charles Dekeyser

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