Der Neue Merker

Bizet: LES PECHEURS DE PERLES (DVD, Met 2016)

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Georges Bizet: 
LES PECHEURS DE PERLES
Metropolitan Opera, 2016
DVD  ERATO  Warner Music

Es liegt wohl an „Carmen“, dem überwältigenden Welterfolg dieser Oper, und das wird auch so bleiben: „Carmen“ hat alles andere, das Georges Bizet für die Bühne schrieb, gleichsam weggefegt. Wenn überhaupt eine seiner anderen Opern (und das auch nur sehr gelegentlich) gespielt wird, sind es die „Perlenfischer“, ungeachtet dessen, dass man im Vergleich zur Camen-Musik nicht auf die Idee käme, es handelte sich um denselben Komponisten. Wo die andalusische Zigeunerin ein Exempel musikalischer Spritzigkeit und (bei aller hoch emotionaler Dramatik) doch Leichtigkeit ist, handelt es sich bei den „Perlenfischern“ von 1863 um ein Werk konzentrierter, schwelgerischer Romantik. Die paar bekannten Highlights, das Duett von Tenor und Bariton, das bald zu Beginn kommt („Au fond du Temple Saint“), oder die berühmte Tenorarie des Nadir („Je crois entendre encore“), haben Wunschkonzert-Charakter und werden meist bei Starauftritten geboten. Allerdings ist auch der Rest der Oper, wenn man romantische Grand Opera liebt (allerdings – wer gibt das heutzutage schon zu?), höchst hörens- und durchaus auch sehenswert.

Dennoch werden die „Perlenfischer“, die im exotischen Ambiente des damaligen „Ceylon“ spielen, selten aufgeführt, wohl auch, weil die zentrale Partie der Priesterin Leila, die sowohl von Nadir wie von Zurga geliebt wird, die ursprünglich enge Freunde sind, so schwer zu singen ist. Wenn nun ein Star wie Diana Damrau diese Rolle für sich wählt, dann ist die Met dabei.

Denn Met-Intendant Peter Gelb ist ein Direktor der Primadonnen. Er hat ein Riesenhaus zu füllen, und er weiß, dass das nicht ohne besondere Angebote geht. Wenn Anna Netrebko die Lady Macbeth singen will, setzt er die Oper für sie an. Er hat Renée Fleming, die sich nun auf weisem Rückzug befindet, alle Wünsche erfüllt. Er spielt für Kristine Opolais die Rusalka und das Trittico. Und er wird alles ins Repertoire nehmen, was Diana Damrau, eine der souveränsten Sängerinnen unserer Tage, sich wünscht – zumal ein Werk, das seit genau hundert Jahren (1916) nicht mehr am Haus zu sehen war. Dass Gelb dann dank der Besetzung aus dem Risiko des „Unbekannten“ einen veritablen Erfolg machte, der nun auf DVD überzeugend zu überprüfen ist – das war Intendantenglück.

Wobei Diana Damrau an der Met mit der Inszenierung entschieden mehr Glück hatte als im Theater an der Wien 2014, wo Regisseurin Lotte de Beer eine jener Umsetzungen wählte, bei denen das Originalwerk nicht mehr erkennbar ist und entsprechend kaputt geht (Filmaufnahmen in Sri Lanka für eine Fernseh-Reality-Show). Nun hat auch die britische Regisseurin Penny Woolcock ihre ursprünglich (schon 2010) für die English National Opera in London geschaffene Version nicht ausschließlich im historischen Ceylon angesetzt, und wenn Zurga im dritten Akt im T-Shirt, mit Uhr und vor verschmutzten Aktenschränken agiert, wird der Versuch, einst und jetzt zu verschmelzen, schon schmerzlich.

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Im allgemeinen aber verschwimmen die Grenzen zwischen einst und jetzt, man kann die gewaltigen Wasserprojektionen zwischendurch nicht nur als Tsunami-Zitat, sondern einfach als dramatische Stimmungen nehmen, und Diana Damrau darf im Sari ganz die schöne Priesterin, aber auch die liebende Frau sein – also das, was man konventionellerweise von den „Perlenfischern“ erwarten kann.

Die Damrau ist auch das Zentrum der Aufführung, so gut ihre Partner sind, ohne sie würde das Ganze nicht dermaßen funktionieren. Heute eine der bemerkenswertesten Sängerinnen – solche Spitzentöne hört man selten -, ist sie ein Wunder an Beherrschung einer immer schönen, großen, aller technischen Raffinessen fähigen Stimme. Sie überzeugt auch darstellerisch (nicht nur mit dem eleganten Wehen der Sari-Tücher), gibt so viel, dass die Dramatik der Geschichte geradezu vibriert. Ihre Chemie mit tenoralen Partnern funktioniert im allgemeinen wunderbar (hier wiederum sehr schön), und sie erfüllt bis ins Letzte diese Traumrolle, die natürlich nur für Sängerinnen wie sie geeignet ist, die alles können und sich vor nichts fürchten müssen. Tatsächlich braucht sie, nachdem sie Strauss (die Zerbinetta ist wohl Geschichte) hinter sich gelassen hat und von den Mozart-Mädchen zu den Damen vorgedrungen ist, solche Rollen. Es kann nicht immer nur Bellini und Lucia sein, obwohl ihr dramatischer Weg vermutlich zu den drei Donizetti-Königinnen führen wird (aber noch nicht).

Der Amerikaner Matthew Polenzani, der Met in den letzten zwei Jahrzehnten verbunden wie keinem anderen Haus und dort der „Tenor für alle Fälle“, der (außer Wagner) jegliches Repertoire singt, klingt und strahlt, wie man es von einem Tenor erwartet, hat die technische Souveränität für die Schwierigkeiten der Rolle, und er bringt Schmelz und glaubhafte Innigkeit in seine Beziehung zu Leila.

Mariusz Kwiecien, der am Anfang ein wenig trocken und angestrengt klingt, arbeitet sich in die Dramatik seiner Rolle hinein, man glaubt ihm die Brutalität im dritten Akt (da lässt ihn die Regisseurin aus verzweifelter Liebe fast zum Vergewaltiger werden), wendet sich aber dann überzeugend zum Edelmut – was die Baritone in der Oper eben alles zu leiden haben…

Wie auch in Wien sang Damrau-Gatte Nicolas Testé den Priester Nourabad (der diesmal wie ein solcher wirken durfte), und er ist ein mächtiger französischer Baß, der keine Protektion braucht.

Herrlich, wie der italienische Dirigent Gianandrea Noseda das Schwelgerische in Bizets Musik auskostet, aber auch die Dramatik hochpeitscht. Es ist im Ganzen ein mitreißendes Spektakel, nicht nur auf der Bühne und durch die Kraft der Interpreten, sondern auch aus dem Orchesterraum. Und wer gerne ein bisschen „alte Oper“ hat – der darf sich an der Musik erfreuen und an einer Aufführung, die ja doch ein wenig indisch (ceylonesisch…) aussieht. Wo bekommt man das heute außerhalb der New Yorker Met sonst noch geboten?

Renate Wagner

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Gaetano Donizetti: ROBERTO DEVEREUX (Genua 2016)

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Gaetano Donizetti: ROBERTO DEVEREUX
Live aus dem Teatro Carlo Felice, Genua, 2016

DYNAMIC Blu-ray

Lektion in Belcanto der beinahe 70-jährigen Opernlegende Mariella Devia

Mariella Devia war zeitlebens ein geschätzter lyrischer Sopran, hat lange an der MET gesungen, bei vielen Festivals geglänzt und in den letzten 10 Jahren den Sprung ins dramatische Belcanto-Fach gewagt. Und das mit umwerfendem Erfolg. Norma (Rollendebut 2013) und die Donizetti „Tudor Opern“ Maria Stuarda, Anna Bolena und Elisabetta in Roberto Devereux sind nicht nur zum Markenzeichen von Mariella Devia geworden, sondern haben diese außerordentliche Sängerin jetzt im Spätsommer ihrer Karriere endgültig zur umjubelten Primadonna werden lassen.

Elisabetta in Roberto Devereux: Carnegie Hall 2014 (Rollendebüt), Madrid Teatro Real 2015 (DVD BelAir), Teatro Felice in Genua 2016 (Blu-ray Dynamik), Stationen des Belcanto-Wunders Devia, das dank medialer Aufmerksamkeit nun auch schon in zwei Versionen als Filmmitschnitt erhältlich ist.

In Genua hat Regisseur Alfonso Antoniozzi rund um die Diva des Abends einen simplen, aber wirkungsvollen Rahmen gebaut: Eine fünfstufige Bretterpawlatschen in der Mitte der Bühne mit wenigen Requisiten (Thron, Kandelaber, Vogelkäfig als Gefängnis), sechs Mimen und üppigen historischen Kostümen (Gianluca Falaschi) genügen, um das Liebesdrama zweier Frauen (Elisabeth und Sara) um Roberto Devereux plastisch erstehen zu lassen. Nach der Hinrichtung Robertos wegen Hochverrats verkündet Elisabetta den Thronverzicht, übergibt die Insignien ihrer Macht an ihren Neffen James, König von Schottland.

Mariella Devia kann in dieser genuesischen Produktion all ihre Trümpfe beeindruckend ausspielen. Ihre Stimme, die keinerlei Ermüdungserscheinung zeigt, aber auch nicht warm ist wie diejenige der wohl besten Elisabetta auf Tonträgern, nämlich Leyla Gencer (Neapel 1964), wartet dennoch mit einem Füllhorn an kräftigen Primärfarben, berauschend schönen Kuppeltönen und exakt und prägnant gesungenen Verzierungen auf. Herb und herrisch wie eine Infantin auf einem Gemälde von Velazquez, kann der Zuseher nicht nur staunen, wie Belcanto stilistisch einwandfrei zu singen ist, und zwar ohne Wenn und Aber  (es gibt keinen einzigen Schleifer, nicht eine einzige Intonationstrübung), sondern auch an den Zügen der alternden Königin den aussichtslosen Kampf um die Liebe eines jüngeren Mannes ablesen. Das berühmte Finale der Oper „Alma rea! Spietato core!“ und die Cavatine Vivi, ingrato“ geraten zur vokalen Apotheose, ein Trumpf der Gattung Oper allein dank des stimmlichen Raffinements der ligurischen Sängerin. 

Von Beverly Sills wurde die Rolle der Elisabetta als mörderisch bezeichnet und das ist sie wohl auch. Sie verlangt nicht nur alle Attribute eines leicht-verzierten Belcanto Gesangs, sondern auch dramatische Sprünge sondergleichen, also leichtgehende Höhen und eine massiv ausladende untere Lage. Devia wartet aber auch mit einer klugen Darstellung auf, die ohne zu outrieren oder der Stimme Groteskes abzutrotzen, einen modernen und humanen Charakter sowie eine greifbare Persönlichkeit wachsen lassen, psychologisch klar umrissen, königlich und vokal beherrscht bis zuletzt. Ob Umgarnen, Wut oder verletzte Resignation, alles dient  der Oper und der Rolle. Der umglaubliche Jubel am Ende der Aufführung bestätigt das seltene Niveau dieser historischen Rolleninterpretation.

Das Orchester und der Chor des Teatro Carlo Felice unter der Leitung von Francesco Lanzillotta haben nichts falsch gemacht, begeistern aber auch nicht sonderlich. Genauso verhält es sich für mich mit den Interpreten der anderen Partien. Die brave, etwas blasse Sara der Sonia Ganassi, der heldisch auftrumpfende, zu sehr brüllende Roberto Devereux des Stefan Pop, Allessandro Fantoni als Lord Cecil und Claudio Ottino als Sir Gualtiero Raleigh bleiben nicht nur wegen der teils zugegeben wenig dankbaren Rollen in der zweiten Reihe. Nur der Koreaner Mansoo Kim als gehörnter Nottingham erreicht mit edlem dunkel timbriertem Bariton und einer ausdruckssatten Interpretation die Klasse der Devia. 

Die technische Qualität des Mitschnitts ist zufriedenstellend, keineswegs brillant, die Kameraführung beim Schlussvorhang ziemlich grotesk, weil nur noch die dunklen Hinterköpfe des standig ovations spendenden Publikums zu sehen sind.

Fazit: Ein wichtiges Dokument einer großen, einzigartigen Gesangsleistung, die sich alle Liebhaber des Belcanto auf keinen Fall entgehen lassen sollten. Alternativ sind auch die diversen Rolleninterpretationen der Elisabetta durch Beverly Sills, Leyla Gencer, Monserrat Caballé oder Edita Gruberova zu empfehlen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Jean-Philippe Rameau: DARDANUS

DVD Dardanus

Jean-Philippe Rameau: DARDANUS 
Ensemble Pygmalion, Raphaël Pichon

harmonia mundi DVD, Blu-ray

Schrill-bunter live Mitschnitt aus Bordeaux April 2015

Die fünfaktigen meisterlichen tragédies lyriques Rameaus samt Prolog fristen zumindest auf französischen Bühnen schon längst kein Schattendasein mehr. Das Ensemble Pygmalion unter dem engagierten künstlerischen Leiter Raphaël Pichon, die schon eine vielbeachtete Gesamtaufnahme von Castor und Pollux vorgelegt hatten, steht im Zentrum dieser Neuinszenierung von Dardanus überwiegend in der ursprünglichen Version von 1739 als Ko-Produktion zwischen der Opéra National de Bordeaux und dem Chateau de Versailles Spectacles.

Der Librettist Charles-Antoine Le Clerc de la Bruère hat aus den spärlich überlieferten mythologischen Elementen (Dardanus – als sterblicher Nachkomme der Atlas Tochter Elektra und des Zeus dessen Lieblingsspross – war Ahnherr des trojanischen Herrschergeschlechts der Dardaniden) eine Tragödie mit lieto fine gebastelt. Der Hochzeit des Dardanus mit Iphise im fünften Akt gehen mannigfaltige Verwicklungen und Intrigen voran, gespickt durch getanzte Divertissments, große Chöre, auch Beschwörungs- Schlaf- und Sturmszenen und ein schreckliches Ungeheuer dürfen nicht fehlen. Übernatürliche Kräfte führen entscheidende Wendungen des Geschehens herbei. Dass diese Oper nach nur wenigen Ausführungen wieder abgesetzt wurde, war dem abstrusen Libretto und nicht der großartigen Musik geschuldet.

Leider ist dem Regisseur Michel Fau und seinem Bühnenbildner Emmanuel Charles nichts anderes eingefallen, als das Rameau’sche Meisterwerk „inspiriert von Ludwig XV.“ in zuckerlbunte schrille barockisierende Kulissen mit Blümchen und Knospen sowie dazu passende Kostüme (David Belugou) zu packen. Kein Klischee und keine optische Überfrachtung werden in dieser surreal überhöhten Deutung ausgelassen. Das kann man mögen, für mich ist das Kitsch pur. Die Zugaben des Choreographen Christopher Williams sind ebenso nichts weniger als originell. Was aber am meisten ärgert, ist die schlechte Bildqualität trotz Blu-ray und eine Bildregie bar jeder Fantasie.

Bleibt die durchaus beachtliche musikalische Seite der Aufführung, die neben den ausgezeichneten Sangesleistungen von Karina Gauvin als Venus und der Gaëlle Arquez als Iphise insgesamt gediegen ausfällt. Reinoud van Mechelen als Dardanus, Florian Sempey als Anténor, Nahuel di Pierò als Teucer und Isménor, sowie Katherine Watson, Ètienne Bazola und Giullaume Gutiérrez in kleineren Rollen singen stilistisch untadelig, ohne wirklich die ganz großen Gefühle oder Theaterzauber zu evozieren. Raphaël Pichon dirigiert das heterogene Stück mit den hochkomplexen rhythmischen Vorgaben transparent durchsichtig und historisch korrekt. Mit den musikdramatischen Finessen der Referenzaufnahme dieser Oper unter Mark Minkowski (1998 Maison Radio France mit Delunch, Gens, Naouri, Kožená, Ainsley) kann er nicht mithalten.

Fazit: Für diejenigen im Publikum, die der exzentrischen überladenen Optik und Ästhetik der Aufführung etwas abgewinnen können, ist das Video sicherlich eine Empfehlung wert. Wer jedoch primär an der Musik von Dardanus interessiert ist, sollte auch der Tonqualität wegen zu der nach wie vor unübertroffenen Einspielung unter Mark Minkowski und den Musiciens du Louvre greifen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Wolfgang Amadeus Mozart: LE NOZZE DI FIGARO, Salzburger Festspiele 2015 EuroArts

Wolfgang Amadeus Mozart: LE NOZZE DI FIGARO, Salzburger Festspiele 2015 EuroArts

High-Definition Sensation: Erste Oper in 4K Ultra HD 

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Der Mitschnitt einer szenisch geglückten, musikalisch gediegenen Aufführung von „Le nozze di Figaro“ von den Salzburger Festspielen 2015 in der Regie von Sven-Eric Bechtolf ist soeben – als Oper überhaupt zum ersten Mal in der Tonträgergeschichte – im Format Ultra HD Blu-ray in 4K-Auflösung mit DTS 5.0 Surround-Sounds und einer PCM 2.0 Tonspur im Handel erschienen. Niemand muss Ingenieur sein, um die qualitativen Vorzüge dieser Opernaufführung zu Hause genießen zu können, vorausgesetzt, er verfügt über einen Allroundplayer mit 4K Ultra HD Funktion.  Die UHD Blu-ray ist überdies mit einem digitalen Opernführer ausgestattet, der vor allem spritzige Kommentare des Regisseurs Sven-Eric Bechtolf enthält. Die Pop-up Fenster in Form antiquierter Buchseiten am linken und rechten unteren Bildschirmrand sind aber gewöhnungsbedürftig. 

Um es gleich vorwegzunehmen, der Sprung von Blu-ray zu 4K Ultra HD ist nicht ein qualitativer Quantensprung in der gleichen Dimension wie von der normalen DVD zur Blu-ray. Aber dennoch eine hochinteressante evolutionäre Weiterentwicklung, der Erfolg zu wünschen ist. Wenn noch dazu die Filmregie (Tiziano Mancini) stimmt und eine Aufführung gefilmt wurde, die ein kluges ästhetisches Bühnenkonzept samt grandiosen Kostümen (Mark Bouman) mit durchwegs guten Sängerleistungen verknüpft, dann ist so einen Neuerung wirklich ein Grund zum Feiern. Das machen ja auch die Protagonisten am Schluss des vierten Aktes im Glashaus des Grafen….

Dabei ist das genreartig putzige Bühnenkonzept von Alex Eales alles andere als einfach auf Film zu bannen. In den ersten drei Akten und Bechtolfs Regie sind verschiedene Konstellationen des  hyperrealen englischen Landhauses aus den 20-er Jahren à la „Ebener Erde und Erster Stock“ von Nestroy als Aufschnitte mit simultanen Spielebenen zu sehen. Von Figaros Schlafzimmer, Bad, Treppenhaus, gräflichem Gemach, Weinkeller bis zum Speisesaal, „Downton Abbey“ pur für die Opernbühne adaptiert und nun wieder ins TV zurücktransferiert. Wie bei der Salzburger „Cavalleria rusticana“ und „Bajazzo“ mit Jonas Kaufmann kann dieses Konzept aufgrund der raschen Schnitte und der szenischen Überfrachtung den Zuschauer (anfangs) überfordern und von der Musik ablenken. Für  einen vom Schauspiel kommenden Regisseur wie Bechtolf bietet diese Idee allerdings eine ideale Spielwiese, seine Sicht der Personen, ihr Zu- und Gegeneinander, ihre Liebe, Sehnsüchte und Ängste in dramatische Miniaturen zu gießen. Bechtolf wertet Nebenfiguren wie Barbarina oder den Gärtner dramaturgisch auf, und löst das verflochtene Kuddelmuddel des Personals im Stück als zeitlose Parabel menschlicher Affekte und erotischer Irrungen und Wirrungen virtuos auf. Ewiges Welttheater über Fragen der Generationen, von Macht und deren Missbrauch, der Geschlechter zueinander, von Arm und Reich, Diener und Herren. Da darf schamlos durchs Schlüsselloch geschaut, intrigiert, verkleidet, geflirtet, bezirzt und geliebt werden. Die „Bösen“ (der Graf, Marcellina) sind dabei gar nicht so schlimm wie sie scheinen, die Guten auch nicht ganz von Berechnung und Opportunismus frei.

Sängerisch ist die Welt in diesem Figaro in Ordnung. Mit Ausnahme von Carlos Chausson als Don Bartolo und Ann Murray als Marcellina ist es eine durchwegs junge Besetzung. Allesamt filmreif, singen und spielen sie nicht nur ihre Rollen, Arien und Ensembles voller Passion und schauspielerischer Finesse, sondern bilden wirklich so etwas wie ein aufeinander abgestimmtes Ganzes. Mozart ist sicherlich ein Komponist, für den es genug erste Sängerinnen und Sänger gibt. Dass aber nicht alle guten Sänger heute über ein markantes Timbre oder eine einzigartige Bühnenpräsenz verfügen, ist auch kein Geheimnis mehr. Ich verstehe allerdings nicht ganz, warum das Grafenpaar und Figaro und Susanna derzeit oftmals von denselben Interpreten wahlweise gesungen werden. Da gibt es doch einen wesentlichen Fachunterschied. Ein Kavaliersbariton à la Graf oder Don Giovanni ist eben klanglich kein Leporello oder Figaro. Eberhard Wächter, Cesare Siepi oder Fischer-Dieskau wäre es nicht in den Sinn gekommen, zu den Dienerfiguren zu wechseln. Ebenso sind Erich Kunz oder Walter Berry beim Figaro geblieben. So gut Luca Pisaroni vom Typ her die Rolle des Grafen erfüllt, als Figaro hat er mir besser gefallen. Adam Plachetka ist daneben ein schon fast raumsprengender Figaro, prächtigst bei Stimme und ideal die Balance zwischen Rebell und Duckmäuser erfüllend. Anett Fritsch ist eine sehr attraktive, moderne Gräfin, die ihren Part tadellos singt. Eine klassische Figaro-Gräfin ist sie aber nicht, dafür fehlen etliche Dezibel und in der Mittellage die nötige Fülle. Martina Jankovà ist stimmlich eine Idealbesetzung als Susanna, voller Charme und quirliger Tatkraft. Margarita Gritskova bringt für den Cherubino sowohl Ausstrahlung als auch den forschen Ton mit. Paul Schweinester darf als große Zukunftshoffnung gelten. Was er aus der undankbaren Rolle des Don Basilio macht, ist wirklich in jeder Hinsicht außerordentlich. Außerdem hat der Mann eine immense Bühnenpräsenz. Christina Gansch als Barbarina spielt den frühreifen Tollpatsch, Eric Anstine einen attraktiven Gärtner und Franz Supper einen kreuzbraven Don Curzio.

Die Wiener Philharmoniker klingen prächtig wie eh und je, allerdings kann Dirigent Dan Ettinger nicht immer die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben wahren. Das ist ein musikalisches (vielleicht auch schlagtechnisches) Manko, das besonders in manchen Ensembles erheblich stört.

Fazit: Diese Veröffentlichung von ‚Le nozze di Figaro‘ könnte ein Vorreiter auf dem Klassikmarkt der audiovisuellen Produktionen sein. Die Aufführung ist szenisch kurzweilig und sängerisch erfreulich. Ein weiterer Meilenstein in der Figaro-Rezeption, einem immerhin 230 Jahre alten Stück ohne jeglicher Patina. Die Aufführung ist auch als normale Blu-ray Disc erhältlich.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Giuseppe Verdi: AIDA – Teatro Regio Torino, Oktober 2015, UNITEL Blu-ray. Nicht exemplarische Dutzendaufführung

Giuseppe Verdi: AIDA – Teatro Regio Torino, Oktober 2015, UNITEL Blu-ray

Nicht exemplarische Dutzendaufführung

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Jüngst hatte ich in der CD-Kolumne anlässlich der Veröffentlichung eines italienischen Mitschnitts einer Opernrarität von Giovanni Paisiello die grundlegende Frage nach der künstlerischen Rechtfertigung der Veröffentlichung von (Opern)Aufführungen gestellt. Ein ganz wesentlicher Faktor dabei muss doch der Ausnahmecharakter bzw. eine exemplarische Gesamtleistung (Regie, Bühnenbild, Besetzung) sein. Und das gilt besonders bei sehr häufig aufgeführten Opern wie beispielsweise der Aida Giuseppe Verdis.

Der vorliegende Mitschnitt aus Turin in einem historisierenden Ägypten-Pappmaschee-Ambiente (Bühnenbild und Kostüme Carlo Diappi) bietet auch sängerdarstellerisch nur biedere Rampentheater-Hausmannkost. Ich möchte gar nicht in Abrede stellen, dass man so einen Abend live bei entsprechender Laune durchaus genießen kann, als Zeugnis einer wie auch immer gearteten Exemplarität ist die Aufführung untauglich. Dies nicht nur im Vergleich zum herausragenden akustischen Erbe dieser Oper auf Tonträgern. Auch im Wettbewerb mit filmischen Aida-Konkurrenzprodukten aus jüngerer Zeit zeigt sich, dass etwa die einzige wirkliche Stimme von Weltformat der Aufführung, Anita Rachvelishvili als Amneris, in einer besseren Konstellation schon auf DVD vertreten ist (mit Carlo Colombara, Fabio Sartori, Matti Salminen, Chiara Isotton, La Scala Choir, La Scala Orchestra, Zubin Mehta 2015). Vom tapferen, aber ungeschliffen singenden Marco Berti als Radames gibt es sogar schon zwei Aida-Videodokumente (mit Andrea Ulbrich, Ambrogio Maestri, Roberto Tagliavini, Arena di Verona, Daniel Oren, 2012 und aus Brüssel immerhin in einer Robert Wilson Produktion aus dem Jahr 2007).

Kristin Lewis, die auch bei Domingos Fussballstadien-Aida mit von der Partie sein wird, singt eine in der Mittellage funktionierende Aida, in der Höhe klingt die Stimme dünn, intonationsunsicher und bisweilen scharf. Die beiden Bässe, Giacomo Prestia als Ramfis und In-Sung Sim als König verfügen über sonore, sehr ansprechende Stimmen, die beiden Rollen sind aber für den Gesamterfolg einer Aida-Aufführung nicht ausschlaggebend. Marc S. Doss als Amonasro ist rollendeckend. Allenfalls kann anhand dieser Produktion noch nachvollzogen werden, dass das Turiner Opernhaus über ein erstklassiges Orchester verfügt, dessen Qualitäten von Dirigenten Gianandrea Noseda allerdings nicht wirklich bis zum Letzten gefordert werden. Der Chor kommt über ein vibratoreiches Mittelmaß nicht hinaus.

Die filmische Umsetzung der ohnedies statischen Aufführung ist schablonenhaft langweilig. Ich frage mich, für welche Zielgruppe diese neue Aida-Videoproduktion (von denen es ohnedies schon über zwei Dutzend bessere und auch einige wenige schlechtere am Markt gibt) gedacht ist? Keine Empfehlung.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Alessandro Scarlatti: LA GLORIA DI PRIMAVERA; PBP Pure Audio Blu-ray Disc Barocker Frühling bringt gute Laune ins Wohnzimmer – Weltersteinspielung

Alessandro Scarlatti: LA GLORIA DI PRIMAVERA; PBP Pure Audio Blu-ray Disc

Barocker Frühling bringt gute Laune ins Wohnzimmer – Weltersteinspielung

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Herbstblues? Kalt und neblig draußen? Da kann die neue Aufnahme eines der renommiertesten Barockensembles der USA mit einer alle Sinne belebenden Live-Aufnahme der buslang nie gespielten Serenade von Allessandro Scarlatti über den Triumph des Frühlings mit Sicherheit aushelfen. Für welch aristokratisch prächtiges vokales Fest sorgen Altmeister Nicholas McGegan und sein fein aufspielendes Ensemble Philharmonia Baroque Orchestra&Chor aus San Francisco. Eine wahre akustische Wellness-Kur, zu der auch ein homogenes stilsicheres Sängerensemble nach Kräften beisteuert. Neben Jupiter (Douglas Williams) treten in der im Oktober 2015 in der Congregational Church Berkely mitgeschnittenen Aufführung die vier Jahreszeiten (Frühling Diana Moore Mezzo), Sommer (Suzana Ograjensek, Sopran), Herbst Clint van der Linde (Countertenbor) und Winter (Nicholas Phan, Bassbariton) auf. 

Nicholas McGegan hat mit dieser Einspielung dem Publikum und wohl auch sich selbst ein Geschenk anlässlich des Jubiläums seiner 30-jährigen Zusammenarbeit mit dem Philharmonia Baroque Orchestra gemacht. Die Aufnahme wurde auf CD schon am 8. April 2016, am Tag genau 300 Jahre nach der Uraufführung in Neapel herausgebracht. Nun folgt die klangtechnisch raffiniertere Blu-ray. Die in absoluter high definition, 5 channel surround Technik realisierte Einspielung spielt alle akustischen Stückerln.

Eine barocke Serenade ist eine Mischform aus Kantate und Opera seria, reicher instrumentiert als eine Kantate, kommt  aber mit weniger Personal als eine klassische Oper aus. Die Serenade „La Gloria di Primavera“ wurde aus Anlass der Geburt des Erzherzogs Leopold Johann, dem Erben des Kaisers Karl VI. geschrieben. Unglücklicherweise starb der musikalisch so glorios gehuldigte Prinz einige Monate nach der Geburt und Scarlattis allegorisches Werk verschwand nach drei Aufführungen in der Versenkung. 

Die vier personifizierten Jahreszeiten singen von der Donau, dem Reichsadler und Frieden. Da sich die vier streiten, wer denn bedeutender für die Geburt des Kronprinzen gewesen sein, wird Jupiter als Schiedsrichter aufgerufen. Der entscheidet sich für den Frühling. Jupiter evoziert final ein kommendes Goldenes Zeitalter. Für den heutigen Hörer ist diese „Handlung“ oder besser Huldigung nebensächlich. Man hört und staunt über den Reichtum an musikalischer Invention der dreiteiligen Arien, der Vielfalt der Rhythmen, der farbenfrohen Instrumentierung. Die Grundstimmung ist feierlich, lautmalerische Naturstimmungen wie das Fließen der Donau, Sturm oder der Gesang einer Nachtigall kontrastieren mit festlichen Chören.

Die Sängerinnen und Sänger evozieren barocke Pracht, allesamt stilsicher und mit wenig Vibrato, runden, technisch makellosen Stimmen. Die Damen haben in Bezug auf Wohlklang und Individualität aber um eine Nasenlänge den Vortritt. In den Ensembles mischen sich die Stimmen allerdings zu großer Homogenität. Für Freunde von Barockmusik ist diese Aufnahme ein Muss. Allerdings vermisst man bei der Blu-ray Version gegenüber der CD ein Booklet, das Aufschluss über Werk und Sänger gibt. Als einzige Info erhält man hier eine magere Liste der Tracks. Das tut aber der Qualität der Musik keinen Abbruch. Mit dieser Aufnahme holen Sie sich ein Stück herzerwärmenden Frühling ins Wohnzimmer.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Opera Gala live from Baden-Baden 2016, SONY Blu-Ray Konzert mit Kaufmann, Harteros, Gubanova und Terfel

Opera Gala live from Baden-Baden 2016, SONY Blu-Ray 

Konzert mit Kaufmann, Harteros, Gubanova und Terfel

VÖ: 18.11.

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Also es gibt (für mich) ja nur wenige objektive Gründe, so einen Readers Digest Verschnitt an Populärem und Superpopulärem mit sogenannten Stars mögen zu sollen. Die übliche Mischung aus Tosca, Carmen und Land des Lächelns wird in diesem Mitschnitt ja gar um Highlights aus Tannhäuser, Mefistofele, Faust, Otello, Un ballo in maschera, Cavalleria rusticana, Adrianna Lecouvreur, Don Carlo und L‘amico Fritz ergänzt, um sich final auf Fiddler on the Roof und Nino Rota zu stürzen. Künstlerisch ist ein solches Pasticcio oder musikalisches Restlessen sowieso höchst fragwürdig. Jetzt wollen wir einmal sehen und hören, ob die sängerischen Leistungen die nähere Befassung lohnen?

Die in türkisblau gewandete Anja Harteros beginnt mit einer noch recht steif vorgetragenen Einsingübung namens Hallenarie. Allerdings steigert sich Harteros immens und singt wirklich mustergültig „Morró, ma prima grazia“ aus Verdis Maskenball. Dass ihr Verdi besser als Wagner liegt, zeigt Harteros auch im Duett aus Otello, das sie mit Jonas Kaufmann bestreitet. Kaufmann stellt sich hier in einer Rolle vor, die er bald an der Covent Garden Oper in London zu singen gedenkt. Und dieser Tenor ist es auch, der das Konzert mitunter zum Ereignis werden lässt. Schon sein Auftritt mit „E lucevan le stelle“ aus dem dritten Akt Tosca zeigt ihn in absoluter Bestform, mit berückenden Piani, einer unglaublichen Intensität des Vortrags und eben jenem gewissen Etwas, das gerade eine Puccini-Oper zu einer unvergesslichen Sache werden lässt. 

Weniger berauschend ist die Tatsache, dass als Mezzo mit Ekaterina Gubanova ein kurzer, nicht wirklich dramatischer Mezzo engagiert worden ist, die zwar mit einer sehr schön timbrierten Mittellage aufwarten kann, aber weder in den oberen noch unteren Registern memorable Eindrücke hinterlässt. Das ist mir aber immer noch lieber als der schon arg abgesungene, schlimm tremolierende Bassbariton von Bryn Terfel. Terfel ist zweifelsohne von der Bühnenpräsenz und dem schauspielerischen Talent her der bemerkenswerteste aus der Quadriga. Ihn rettet als Bösewicht vom Dienst eben genau dieses unwiderstehliche Augendrehen als Mefisto oder Scarpia, das zwar knapp an der Parodie entlangschrammt, aber eben dennoch in der Nahaufnahme Eindruck schindet. Die einst mächtige Stimme bröselt vor allem in der unteren Mittellage bedenklich, stilistisch war Terfel ja schon immer auf der gröberen Seite. Das kann man mögen, ich muss das wirklich nicht haben. 

Ekaterina Gubanova müht sich als Santuzza im Duett mit Kaufmann und Dramatik, unterliegt aber vokal recht rasch. Für die Fürstin Boullion in Cileas Adriana Lecouvreur fehlt ihr die ausladende Tiefe und die nötige Stimmgewalt. Wer die Cossotto oder die Obrasztsova in dieser Rolle im Ohr hat, wird wohl so wie ich ziemlich enttäuscht gewesen sein. Zumal ihr mit Jonas Kaufmann ein Maurizio in Bestform zur Seite stand, der den besten Rollenvertretern auf Augenhöhe begegnen kann.

Bei den Ausschnittren aus Don Carlo mit der Philipp-Arie von Terfel und Ebolis „O don fatale“ ragt nur die stilistisch vollendete Arie der Elisabetta „Tu che le vanitá conoscesti del mondo“ der Anja Harteros hervor. Diese Sängerin ist es auch, die mit der Rarität „Son Pochi fiori“ aus Mascagnis „L‘amico Fritz“ ein wenig aus dem Wunschkonzert-Allerlei ausbricht.

Im Zugabenteil singt Kaufmann noch die Schnulze „Parla piu piano“ von Nino Rota , bevor sich die drei in ein wüst als Trio zurechtgezimmertes „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Franz Lehars „Land des Lächelns“ stürzen.

Die Badische Staatskapelle unter Marco Armiliato begleitet so gut es in einem solchen Rahmen eben geht. Das Publikum ist es zufrieden und tobt vor Begeisterung, wie auch bei solchen Anlässen gang und gäbe. Ganz humorig ist es zu beobachten, wie die Künstler hinter den Kulissen miteinander umgehen und blödeln.

Wem vor solchen Konzerten nicht von vornherein aus Langweile das Gähnen kommt, also seinen oder ihren Liebling in dem Konzert noch dazu mit der einen oder andern Rollenrarität hören möchte und dies in akustisch optimaler Form, der kann ja – Technik sei Dank – die etwas unliebsameren Tracks noch immer überspringen. Kaufmann und Harteros bieten ja doch einiges, was das Opernherz durchaus höher schlagen lassen kann.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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Giusepppe Verdi: Otello

DVD Otello Met

Giusepppe Verdi: Otello

MET 17.10.2015

SONY Blu-ray

Antonenko, Yoncheva,  Lučić; Yannick Nézet-Séguin 

In (angenehm) konventioneller Regie und stimmungsvoll spannungsgeladenem Ambiente geht der neue MET Otello in der Produktion  von Broadway Regisseur Bartlett Sher über die Bühne. Durchsichtige Kunststoffwände stilisieren Räume. Das optische Markenzeichen  sind assoziative Projektionen der Naturgewalten Himmel und Wasser in den Farben blau, rot, gelb mit weißen Schlieren zur Verdeutlichung von Gewitter und Sturm. Die fabelhafte Lichtregie (Donald Holder) mit ihren beeindruckenden chiaroscuro-Effekten erinnert bisweilen an Arbeiten von Günther SchneiderSiemssen. In diesem einfachen Set, aber dennoch durch die wuchtigen 19. Jahrhundert Kostüme in grau, magenta und schwarz (Catherine Zuber) opulent wirkenden Szenerie findet der Regisseur zu einer schlüssigen Personenregie, die Geschichte wird schnörkellos ohne Wenn und Aber erzählt. Den Sängern bleibt genügend „Bewegungsraum“, um in einem darstellerisch intensiven Miteinander auch musikalisch reüssieren zu können.

Was besonders auffällt, dass im Vergleich zu anderen Arbeiten Otello langsamer das Gift der Intrige trinkt, zu sehr hängt er an seiner Desdemona. Final erwürgt er sie nicht, sondern erstickt sie mit seinem Polster. Allerdings wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie eine Frau, nachdem sie erwürgt oder erstickt ist, nochmals singen kann, um dann doch noch zu sterben. Solche physiologisch spannende Fragen kann man sich ja auch etwa beim Maskenball stellen….

Die musikalische Seite ist, was Orchester und Chor der Metropolitan Opera betrifft, dank des großartigen Dirigats durch den designierten musikalischen Chef des Hauses, Yannich Nézet-Séguin, bestens geraten. Habe ich bei seinem Mozart-Zyklus aus Baden-Baden so manchen Vorbehalt, so scheint ihm Verdi schlichtweg besser zu liegen. Nézet-Séguin atmet und lebt mit der Bühne, die Kommunikation funktioniert bestens und das bei hoher Gestaltungskraft und präzisen Vorgaben zur musikalischen Umsetzung der Partitur. Alle Beteiligten, aber auch das Publikum scheinen den sympathischen Dirigenten zu lieben. Ovationen und Umarmungen am Ende der Vorstellung sind dessen untrüglicher Ausdruck.

Die künstlerische „Infrastruktur“ der MET gehört insgesamt nach wie vor zu den besten der Welt, mich frappiert stets, ob live oder aus der Konserve, die herausragende klangliche Qualität und rhythmische Präzision des Orchesters. Die komplexen Temporelationen und finessenreiche Instrumentierung des Otello kommen da erst so recht zur Geltung. Ein Meisterwerk findet hier seine meisterliche artistische Realisierung.

Das Sängertrio Otello, Desdemona und Iago ist mit Aleksandrs Antonenko, Sony Yoncheva und Željko Lučić herausragend bis gut besetzt. 

Ich beginne mit Sonya Yoncheva in der heiklen Rolle des Desdemona, die die geschlossenste und faszinierendste Gesamtleistung der Vorstellung bietet. Ihr lyrischer, bestens in der „Maske“ verankerter Sopran ist ein Schatzkasten an Klangfarben, ein  Stimmungskaleidoskop menschlicher Affekte mit unendlich scheinenden Wandlungsmöglichkeiten, Obertonreichtum und Schattierungsvermögen. Von Timbre, Technik und Phrasierung her gehört Yoncheva heute zu den wohl bemerkenswertesten Sängerinnen ihrer Generation  weltweit. Ihr unverwechselbares Stimmmaterial und Singen am Wort macht sie heute zu einer der besten Vertreterinnen im italienischen lyrisch-romantischen Fach, wie dies einstens etwa die junge Freni oder Scotto waren. Yoncheva intoniert lupenrein und gestaltet die musikalischen Bögen mit bruchlos geführter Stimme stilsicher und aus dem Sinn des Texts heraus. Diese Einheit aus Darstellung und Gesang, präziser musikalischer Umsetzung und qualitätsvollem Stimmcharakter lassen das Publikum fasziniert innehalten. Nicht zuletzt sieht Yoncheva umwerfend gut aus, wie sie etwa im dritten Akt mit langer blutroter Robe im Duett mit Iago um ihre Ehre ringt. Ihre Desdemona ist eine stolze, aber in ihrer Liebe verletzbare Frau, die die vertrackten Gedanken ihres zu siedender Eifersucht aufgepeitschten Gatten nicht deuten kann und daran scheitert. 

Der litauische Heldentenor Aleksandrs Antonenko ist als Otello eine respektable Möglichkeit, zu den besten seines Fachs gehört er nicht. In der Mittellage klingt seine Stimme angenehm baritonal dunkel, in der Höhe durchdringend metallisch und zu Schärfen und Intonationstrübungen neigend. Modulationsfähigkeit und Farbenpalette könnten ausgeprägter sein. Dies gesagt, bietet Antonenko dennoch eine eindringliche Studie des vor Eifersucht Verblendeten. Im Verlauf des Vorstellung generiert er an Dringlichkeit und Intensität des Vortrags, darstellerisch bleibt er der Rolle nichts schuldig. Sein Otello ist kein grauslicher Machoflottengeneral oder perverser Brutalo, sondern ein Liebender, der unmerklich in seinen Wahn schlittert und dem engen obsessiven Bild von Blut, Fluch und Verrat nicht mehr entkommt. Bis zuletzt lässt Antonenko immer einen Funke des Zweifelns und des Innehaltens spüren, so als ob immer wieder kurz die Ratio die Oberhand gewinnen würde und das Offensichtliche (nämlich die Treue seiner Frau) dem Neurotischen doch noch das Wasser abgraben könnte. Hier zeigt Antonenko hohen psychologischen Feinsinn, im finalen „Niun mi tema“ bleiben keine Wünsche offen.

Bariton-Könner Željko Lučić bietet als Iago eine geniale Mischung aus Shakespeare und Verdi.  Lučić liefert eine charismatische Charakterstudie der besondern Art, sein Iago ist an maliziöser Kraft, diabolischer Verführung und unbändiger Karrieregeilheit nicht zu überbieten. Rein stimmlich hat er nicht seinen besten Abend, manchmal klingt sein sonst so kerniger viriler Bariton belegt und stumpf. Dennoch insgesamt eine adäquate Leistung.

Von den kleineren Rollen möchte ich noch Jennifer Johnson Cano als Emilia hervorheben, die mit üppigem prächtigem Mezzo und feminin fürsorglicher Attitüde den Schwindel aufdeckt und sich mutig nicht von den Einschüchterungsversuchen des Iago aufhalten lässt. Leider können Dimitri Pittas als Cassio und Chad Shelton als Roderigo so ganz und gar nicht auf Augenhöhe mit dem Leading Trio mithalten, ihre Tenöre klingen angestrengt bis überfordert. Die kleine Rolle des Lodovico ist mit Günther Groissböck luxuriös besetzt. Jeff Mattsey lässt mit schönem Material als Montano aufhorchen.

Die filmische Umsetzung ist gediegen, die Kameraführung hat den Spagat aus wenigen Ausrichtungen aus der Volle und zahlreichen zwingenden Details in Großaufnahme brillant gemeistert. Der Film ist besonders wegen Yonchevas Desdemona und Yannick Nézet-Ségiuns Dirigat zu empfehlen. Die hohe technische Qualität von Bild in HD kommt auf der Blu-ray Version auch beim Ton vorzüglich zur Geltung.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Umberto Giordano: ANDREA CHENIER London 2015

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Umberto Giordano:
ANDREA CHENIER  
London 2015
Live im Royal Opera House Covent Garden 29.1.2015
Warner Blu-ray
Mitreissendes Sängertrio in einer rundum gelungenen Produktion

Selten fällt es mir leicht, bei einer “Fernsehoper” am Ball zu bleiben. Bei dieser gediegen naturalistischen David McVicar Produktion aus London war ich aber von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt von einer historischen, mit viel Liebe zum Detail gestalteten Szenerie und drei Sängern, die uneitel und intensiv mir einen der aufregendsten Opernabende in diesem Jahr beschert haben.

Jonas Kaufmann, dessen Debüt in der Rolle des Revolutionspoeten Andrea Chenier mitzuerleben ist, Eva-Maria Westbroek als Maddalena und Željko Lučić als Gérard bieten ganz großes Sängertheater allererster Güte. Mit einer schauspielerischen Leichtigkeit sondergleichen und großen herrlichen Stimmen entführen diese drei Künstler am Zenit ihres Könnens in ein Opernarkadien, das nur noch in großen Ausnahmemomenten existiert. Ungestört von Regieexzessen und absurd scheußlichen Szenerien kann Oper pur genossen werden. Dazu gehört auch, dass Dirigent Antonio Pappano mit dem hervorragend disponierten Orchester des Royal Opera Hauses Covent Garden die Partitur ernst nimmt und bei großem dramatischem Bogen instrumentale Details hören lässt, die mir noch auf keiner anderen Aufnahme aufgefallen sind. Besser kann man diese veristische Musik nicht gestalten, mit der Bühne herrscht durchwegs eitel Harmonie. Was für eine Opernpranke dieser Dirigent doch entwickelt hat.

In historischen Kostümen (Jenny Tiramani) und einem hochästhetischen Set, in dem sich derselbe Raum raffiniert vom Château de Coigny ins Café Hottot Paris, später den Sitzungssaal des Revolutionstribunals und final den Innenhof des Gefängnisses St. Lazare verwandelt (Robert Jones) setzt David McVicar, wie er dies schon bei Adriana Lecouvreur mit Jonas Kaufmann und Angela Gheorghiu so exzellent vorgeführt hat, seine Karten voll auf eine ausgeklügelte Personenregie. Man spürt, wie intensiv der Regisseur mit den Protagonisten an den Charakterprofilen aller Darsteller bis hin zum Chor gearbeitet hat, letztlich münden aber alle minutiös aufeinander abgestimmten Details in den großen Erzählfluss einer guten Geschichte (Libretto Luigi Illica), die auch ohne regietheaterliches Beiwerk fasziniert.

Željko Lučić als Gérard gestaltet seine Wandlung vom Revoluzzer in Adels Diensten bis hin zum autoritären Lüstling und Denunzianten aus Eifersucht sowie dem Geständnis der Falschaussage vor dem Revolutionstribunal auch stimmlich so souverän, dass keine Wünsche offen bleiben. Sein Gesicht ist wie eine Landschaft aller widerstreitenden Gefühle, die er durchmisst. Von der Anlage her ist dieser Gérard wohl der komplexeste Charakter der Oper. Mit der Arie „Nemico della patria“ vermag Željko Lučić einen kraftvollen Höhepunkt im dritten Akt zu setzen.

Dichter haben es in Revolutionszeiten bekanntlich nicht leicht und schon gar nicht, wenn sie sich in eine Adelige verlieben. Jonas Kaufmann als André Chenier setzt schon vom ersten „Un dì all’azzurro spazio“ auf einen männlich markanten Ton, sicher ein wenig verträumt und eher im Salon als auf der Barrikade zu Hause, aber dennoch ein Realo, der sich den politischen Fragen seiner Zeit stellt auch auf die Gefahr aller Konsequenzen bis zum Schafott hin. Die Triebfeder ist sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit, der auch die Stimme zum Glühen bringt. Wie er die Handlung allein durch seine Präsenz trägt und im „Come un bel dí di Maggio“ samt Schlussduett für vokalen Glanz und entäußerte Passion bürgt, das muss man gehört haben. Glorios. Jonas Kaufmann fühlt sich in dieser Rolle merklich wohl wie der Fisch im Wasser. Auch schauspielerisch passt ihm diese Rolle wie ein Handschuh. Rein stimmlich liegt ihm der Spagat zwischen poetischer Introspektion und spektakulärer Emphase bestens. Das hohe C sitzt wie geschmiert.

Da ist es kein Wunder, dass auch seine Sopranpartnerin Eva-Maria Westbroek in der Rolle der Maddalena zu absoluter Höchstform aufläuft. Sie bringt für mich mit der Maddalena die überzeugendste Leistung in ihrer bislang höchst bemerkenswerten Karriere. Aktion, Stimmfarben und Ausdruck gehen bei Westbroek mit dem Charakter der Rolle einher, als Maddalena klingt sie bisweilen so betörend wie einstens Tebaldi. Das Zusammenspiel mit „ihren Männern“ Chenier und Gérard legt frei, dass diese Oper eben mehr ist als eine Aneinanderreihung italienischer Opernhits. Ich finde sogar, dass Andrea Chenier in der dramaturgisch auf kurze vier Akte geschneiderte Verknappung auch in der Innenspannung besonders gelungen ist.

Zu Andrea Chenier gehören neben den drei Hauptrollen noch drei eigenprofilierte weibliche Sängerinnen in den Partien der Gräfin Coigny, der Bersi und der Madelon. Mit Rosalind Plowright, Denyce Graves und der Südtirolerin Elena Zilio konnte Covent Garden dafür drei von Typ und Stimme her ideale Interpretinnen vorweisen.

Fazit: Dieser Andrea Chenier kann als neue Referenz gelten und ist zudem in der filmischen Umsetzung (Jonathan Haswell) und vom audiophilen Anspruch her untadelig. Hoffentlich entschließt man sich dazu, neben den audiovisuellen Versionen eine reine Audiofassung in Blu-ray zu publizieren.

Dr. Ingobert Waltenberger

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NORMA – Gran Teatre de Liceu Barcelona 2015

 norma kl Vincenzo Bellini: NORMA – Gran Teatre de Liceu Barcelona 2015 / Cmajor Blu-ray Disc (BD) 

Norma in Barcelona, wer denkt da nicht an die legendäre Montserrat Caballé, die in den frühen siebziger Jahren die wahrscheinlich stimmschönste und stilistisch umwerfendste Interpretin dieser Rolle in der auf Tonträgern verfolgbaren Musikgeschichte war. Tempi passati, wir schreiben 2015 und wie sieht es nun mit den stimmlichen Leistungen einer Besetzung aus, die vielerorts gerühmt und nach der Aufführung stürmisch gefeiert wurde?

Zur Einheitsszenerie: Das Produktionsteam rund um den amerikanischen Regisseur Kevin Newbury (Bühne David Korins, Kostüme Jessica Jahn) konzentrierte sich (laut Booklet) auf die“ epischen, mythischen Aspekte“ mit den der Oper inhärenten „Opfer- und Sühneritualen“. Mit optischen Anspielungen der Kostüme auf die Fantasy Welt „Games of Thrones“ stellt die Szene eine Art Lagerhalle aus Holz mit Stiersymbolen, an der Wand hängenden Armbrüsten und Riesenschiebetüren als Fenster zum Außen dar. Rustikaler könnte man sagen, Norma im Luxusstadel. Auch diverse geschmäcklerische Versatzstücke wie ein waagrecht schwebender Baum, Holzrampen oder ein Holzpferd sehen eher nach einer Bemusterung für nostalgische Waren aus dem ländlichen Raum aus, denn wie ein gallischer Druidenhain. Die gewollte Aktualisierung des Zeigens von zwei Gruppen von Menschen unterschiedlichen Glaubens aus verschiedenen Kulturen, die auf engstem Raum zusammenleben müssen und einem aus dieser Situation resultierenden Kreislauf der Gewalt findet visuell keine Entsprechung. Die Personenregie ist statisch und veranschaulicht nicht die Beziehungsebene der Protagonisten. Die altbacken wirkenden Tableaus laufen zwar nicht der Handlung zuwider, könnten aber auch einer Produktion des 19. Jahrhunderts entstammen.

Die Aufführung einer Norma steht und fällt mit der Besetzung der Titelpartie. Ich kann mich neben Caballé noch gut an Scotto oder Bumbry in Wien erinnern, die teilweise auch ihre Probleme mit der Tessitura hatten, aber doch mit ihren insgesamt großartigen Leistungen Eingang in die Annalen der Interpretationsgeschichte gefunden haben. In Barcelona hat man die Titelpartie mit Sondra Radvanovsky besetzt, einem Spinto, der in Verdi-Rollen weltweit reüssiert und an der Met Ruhm durch die Interpretation der drei Tudor Königinnen von Donizetti (Anna Bolena, Maria Stuarda, Elisabetta in Roberto Devereux) erlangt hat. Die US-Sopranistin singt die Norma achtbar, ist aber weit davon entfernt, eine Idealbesetzung zu sein. Nach schwersten Verdi Rollen die filigrane und doch dramatische Rolle der Norma anzugehen, ist ein Risiko. Wie clever von Anna Netrebko, die Finger von dieser Partie gelassen zu haben. Sondra Radvanovsky kann die Rolle singen und sie kann auch mit einigen schönen Piani brillieren, die gedeckt in der Kuppel liegen. Der Arienhit „Casta diva“ gelingt sehr gut. Der rezitativische Auftritt im 1. Akt hingegen klingt angestrengt, der Zuseher gewinnt in den Nahaufnahmen einen Eindruck davon, welche Schwerarbeit Singen sein kann. Außerhalb der Komfortzonen weist der Sopran ein kurzes Vibrato/ einen Klirrfaktor auf, was den langen Legatobögen dieser Oper abträglich ist. In der Mittellage hat Radvanovsky bisweilen hörbare Mühe mit der Intonation. Die instrumental und sehr breit geführte Stimme rutscht in den hohen Lagen ganz nach vorne, was zu unschönen Schärfen führ und stimmtechnische Probleme offenbart. Die an Verdi-Rollen geschulte Dramatik beeindruckt in den großen Bögen und den emotionalen Ausbrüchen, dafür wirken die kleinen Verzierungen, Fiorituren und Koloraturen allzu schwer und „gearbeitet“. An vokale Norma-Qualitätsmerkmale wie „raffinert“ und „schwebend“ ist da nicht zu denken. Sondra Radvanovsky hinterlässt somit trotz der an sich integren künstlerischen Qualität einen zwiespältigen Eindruck, wiewohl letztlich jeder selbst für sich entscheiden muss, was und wie er diese Oper hören möchte. Timbres sind bekanntlich Geschmacksache, die technischen Einwände lassen sich jedoch dadurch nicht aus der Welt schaffen.

Radvanovsky zur Seite Ekaterina Gubanova als Adalgisa. Eine warm strömende Mittellage und eine gute Höhe lassen dieser Gegenspielerin Normas sofort Sympathien zufließen. Allerdings hebt sich ihre kleinvolumigere Stimme klanglich zu wenig von derjenigen der Sängerin der Hauptrolle ab. Dem großen berühmten sehr gut gesungenen Duett „Mira, o Norma“ nimmt das vom kontrastierenden und rivalisierenden Reiz eines auch stimmlich höchste eindringlich komponierten Wettkampfes.

Als großes Atout der Aufführung kann Gregory Kunde in der Corelli und Vickers-Partie des Pollione gerühmt werden. Gregorys Kunde bereits edelpatinierter Tenor ist derzeit wohl ideal für diese zwischen den Fächern angesiedelte Rolle. Jemand, der innerhalb einer Woche den Otello von Rossini und von Verdi mit derselben hohen stilistischen Sicherheit und technischen Selbstverständlichkeit singen kann, muss ja wohl als Idealbesetzung für diese höllisch schwere Belcanto Partie mit gehörigem heldischem Aplomb sein. Und ja, er ist grandios voin der ersten bis zur letzten Note und sicherlich der beste Pollione, den ich je gehört habe. Raymond Aceto als Oroveso hat es mit seinem unruhig geführten Bass schon schwerer, zu überzeugen. Dennoch bietet er eine gediegene Leistung.

Dirigent Renato Polumbo führt mit sicherer Hand durch alle Klippen der Partitur, vermag aber dem Symphonieorchester des Gran Teatre de Liceu mit allzu breiten Tempi kaum Spannung abzugewinnen. Der Österreicher Peter Burian hat den exzellenten Chor dieses wohl berühmtesten spanischen Opernhauses trefflich einstudiert.

Dennoch darf sich der Musikfreund schon kritisch fragen, warum beinahe jede Produktion eines größeren Opernhauses ungeachtet des Repertoirewerts und des Rangs einer Produktion gefilmt und dann veröffentlicht werden muss.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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