Der Neue Merker

WAGNER: LOHENGRIN

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WAGNER: LOHENGRIN in 4K ULTRA HD, Deutsche Grammophon

Der Dresdner Lohengrin mit Netrebko und Beczala offiziell in herausragender technischer Qualität erschienen

Über den musikalischen und künstlerischen Rang dieser schon jetzt legendären Aufführung (in dieser Konstellation wird es Lohengrin wahrscheinlich nicht mehr geben) ist sehr viel geschrieben worden. Den Superlativen in der Presse vor allem über die Leistung des aus dem italienischen Fach kommenden Paars Anna Netrebko (Elsa) und Piotr Beczala (Titelheld) ist nichts mehr hinzuzufügen: Von „Lohen-Dream“, „Sternstunde“, „Schwahnsinn“ „Lohengrin Mirakel“ etc. war da die Rede. Nur so viel: Netrebko ist wie in allen anderen Fächern auch bei Wagner stilsicher, ihre Diktion der deutschen Sprache ist ohne Fehl und Tadel, die Verschmelzung von Spiel und Mimik mit musikalischer Aussage von berührender Kraft, ihr Gesang edel und leidenschaftlich, Phrasierung und Stimmfarben exquisit.   Als Vergleich einer Wagner-„Quereinsteigerin“ auf diesem Niveau fällt mir nur noch Victoria de los Angeles (Tannhäuser) ein. Hoffentlich kommt einmal die Isolde, von Bühnen-, Stimmtyp und der Fähigkeit, auch immense Orchestermassen spielerisch zu übertrumpfen (Aktschluss 1 Lohengrin), ist Netrebko nahezu prädestiniert dazu. Für Beczala, der einen herrlich silbrigen und frischen Lohengrin singt, ebenfalls von frappierender Textdeutlichkeit, dürfte es sich wohl eher um einen Ausflug in ein „exotisches“ Fach handeln. Dieser für mich derzeit weltbeste Tenor im italienischen Fach hat ebenfalls das ideale Timbre, von Stil und Durchschlagskraft her ist er aber kein Wagner-Tenor. Dennoch sind wir dankbar und neigen uns vor dieser höchst qualitativen Gesangsleistung. Die Restbesetzung mit Herlitzius, Zeppenfeld und Konieczny ist das beste, was der Markt derzeit zu bieten hat. Thielemann dirigiert kammermusikalisch durchhörbar, animiert die Dresdner Staatskapelle zu Wunderharfen-Spiel  und braucht mit 210 Minuten genau so lang wie Abbado in seiner Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern.

Historisch sei angemerkt, dass die Partitur vorwiegend in Dresden und Umgebung entstanden (Graupa bei Pirna) ist und Lohengrin wohl auch wie Rienzi, Der fliegende Holländer und Tannhäuser im Hoftheater Gottfried Sempers uraufgeführt worden wäre, hätte Wagner nicht infolge seiner Beteiligung am Dresdner Maiaufstand 1849 seine Karriere als Hofkapellmeister abrupt beenden müssen. Immerhin fand eine konzertante Aufführung des 1. Aktes 1848 unter der Stabführung des Komponisten zur 300-Jahr Feier des Bestehens der Dresdner Kapelle statt, wo das berühmte Wort von der „Dresdner Wunderharfe“ gefallen sein soll.

Wollen wir uns nun auf die filmische Umsetzung dieser Dresdner Aufführungsserie, mitgeschnitten in der Dresdener Semperoper vom 17. bis 29. Mai 2016, konzentrieren. Dieser Angabe im Booklet kann wohl entnommen werden, dass der nun publizierte Film nicht ident ist mit der TV-Übertragung derjenigen einzigen Aufführung, die bislang wohl so manchen CD-Brenner zum Glühen gebracht haben dürfte. Gefilmt wurde eine Produktion nach Christine Mielitz aus dem Jahr 1983. Herrlich altmodisch könnte man sagen, mit Schwan, dem Mittelalter nachempfundenen Kostümen und einem Hauch 80-er Jahr-Peinlichkeit sowie einer extrem statischen Personenregie. Im 2. Akt ist es dazu doch ziemlich dunkel. 

Video Director Tiziano Mancini bevorzugt einen harten raschen Schnittwechsel. Diese Montageweise steht optisch bisweilen dem ruhigen musikalischen Fluss der durchkomponierten Teile arg entgegen. Positiv ist, dass die Nahaufnahmen weder von Dauer noch Ästhetik her exzessiv ausfallen. Ihm gelingt insgesamt ein guter Mix aus Perspektivenwechsel, besonders gefallen die Aufnahmen aus Halbhöhe schräg auf die Protagonisten. Beeindruckend sind die Aufnahmen der Gesichter von Herlitzius (von archaischer Wucht wie einstens nur noch Varnay) und Netrebko, die wie großartige Seelenlandschaften die Musik deuten und in kraftvolle Bilder übersetzen.

Das alles ist jetzt in höchster technischer Qualität nacherlebbar. Das Zauberwort heißt 4K Ultra HD. Ultra HD (High Definition) ist ein neuer Auflösungs-Standard mit der vierfachen Anzahl an Pixeln gegenüber dem zur Zeit (noch) gängigen Full HD Format. 4K-Standard sieht eine Mindestauflösung von 3840×2160 Pixeln vor. Statt rund zwei Millionen Pixeln werden beim 4K-Standard gleich mehr als acht Millionen Bildpunkte geboten. Ein großer Vorteil der Ultra HD-Auflösung im Vergleich zur 2K-Auflösung ist die deutlich höhere Detailgenauigkeit, die vor allem dann zum Tragen kommt, wenn die Darstellung auf einem großen Bildschirm erfolgt. Allerdings braucht der Musikfreund dazu ein neues Allround-Gerät, die Blu-ray Player können dieses Format nicht bedienen. Ich habe mir einen solchen Player bei Erscheinen des Salzburger Figaro (Dirigent Dan Ettinger) angeschafft und bin damit nicht nur hochzufrieden, sondern überzeugt, dass sich dieses Format langfristig durchsetzen wird (obwohl schon 8K an den Fenstern klopft; wer da wohl noch qualitative Unterschiede wahrnehmen kann?). Selbstverständlich bietet die Deutsche Grammophon den Dresdner Lohengrin aber auch auf herkömmlichen DVDs (2) und im Blu-ray -Format an.

Allein schon Anna Netrebkos passionierter und prächtigst gesungener Elsa wegen lohnt sich die Anschaffung in der einen oder anderen Form. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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Rossini: SEMIRAMIDE (Antwerpen)

DVD Cover  Semiramide

Rossini: 
SEMIRAMIDE
Vlaamse Oper Antwerpen
Produktionsjahr: 2015
Dynamic (Naxos Deutschland GmbH)
2 DVDs, Spieldauer: 238 Minuten

Es gibt DVDs, nach denen greift man um der Werke willen – und bekommt dann noch eine überraschende Draufgabe. Im Fall der Rossini’schen „Semiramide“ aus Antwerpen noch eine Inszenierung, die es schafft, das heutige „Regietheater“ so weit zu treiben, dass man absolut nichts damit anfangen kann – und man nur die Sänger bewundert, die es auf sich nehmen, ein solches „Konzept“ zu realisieren…

Das Werk zuerst: einer der dramatischen Rossinis im „Große Oper“-Duktus, die ja die längste Zeit auf unseren Bühnen vernachlässigt wurden, weil Donizetti das Feld bestellte. Schon bevor die Bayerische Staatsoper ihre einigermaßen abstrakte Inszenierung von David Alden heraus brachte, die fest auf der Souveränität der Joyce DiDonato ruhte, kam die „Semiramide“ bei  der Vlaamse Opera (die in Antwerpen und Gent spielt, die Premiere war am 12. Dezember 2010 in Antwerpen) heraus. Ungekürzt – nun auf den zwei  DVDs kommen zwei Minuten weniger als vier Stunden dabei heraus.

Der „ernste“ Rossini, den die Opernhäuser ja jahrzehntelang Pesaro überlassen haben, wird unterschätzt. 1823 uraufgeführt, nach einem Stück von Voltaire entstanden, ist unter „Semiramide“ die babylonische Königin gemeint (die wir in unserer Welt nie auf der Bühne sehen werden – es sei denn, die Met nimmt sich vielleicht einmal des Werks an…). Und diese sollte einer der besten Sängerinnen ihrer Zeit – Rossinis Gattin Isabella Colbran  die Möglichkeit geben, alles zu zeigen, was sie stimmlich konnte, nämlich ausgereiften virtuosen Koloraturgesang und die Konturierung eines wirklich dramatischen Schicksals mit Hilfe des Gesangs.

Denn Semiramide, die hier nicht mehr ganz jung ist, hat 15 Jahre davor ihren Gatten ermordet. Wenn sie nun einen Nachfolger ernennen soll, weiß sie nicht, dass der junge Arsace, den sie dafür ins Auge fasst, ihr eigener Sohn ist, den sie tot wähnte. Die Geschichte nimmt hoch dramatische Wendungen, in denen der Komplize der Königin, Assur, eine große Rolle spielt. Das Ende – als Arsace irrtümlich die Mutter anstelle von Assur tötet – ist so tragisch, wie eine Opera seria nur sein kann.

Und für die musikalische Umstezung hatte man nun mit dem damals schon greisen Alberto Zedda eine lebende Legende am Pult – er ist seither verstorben, und nach seinem Tod 6. März 2017 im Alter von 89 Jahren huldigte die Presse ihm als führenden Rossini-Experten, -Forscher und –Dirigenten unserer Zeit. Tatsächlich wird diese „Semiramide“ als eine von Zeddas letzten Arbeiten ihren besonderen Rang einnehmen. Wie er ohne billige Effekte die Dramatik und Tragik des Geschehens aus der Musik holt, wie die Musik „läuft“ und klingt, sich ballt und schwingt, das ist Rossini vom Feinsten.

Und hier ist der Ort, auch gleich die Sänger zu loben – die Griechin Myrto Papatanasiu mit effektvoller Blondhaarperücke, gertenschlank, ist mit ebenso schlanker Stimme (ein schwer zu fassendes Zwichenfach zwischen Sopran und Mezzo) eine interessante, souveräne Interpretin der Titelpartie, wobei noch nicht von der Inszenierung die Rede sein soll. Gemeinsam mit Ann Hallenberg, einer Expertin für alte Musik, die ihren Sohn Arsace mit wunderschönem Mezzo singt, erreichen sie vor allem in den Duetten wunderbare Wirkung. Der Österreicher Josef Wagner (scheußlich gewandet) ist der sonore Assur, Robert McPherson lässt als Idreno hören, dass Rossini auch Männern allerlei verrückte Verzierungen in die Kehle legt, die Nebenrollen halten alle das Niveau. Wäre es „nur“ eine CD, man könnte hier die Kritik hier ohne Einschränkungen beenden.

Aber man interessiert sich ja für Inszenierungen, und da lässt der Brite Nigel Lowery als Allround-Gestalter (Regie / Bühnenbild / Kostüme) einiges sehen, worüber man den Kopf schütteln kann. Warum die blonde Semiramide immer wieder eine Doppelgängerin erhält, bleibt ebenso unklar wie Assurs Bekleidung in ein langärmliges orangenfarbenes T-Shirt, das ihn in keiner Weise definiert. Dass die seltsamen Elemente der Dekoration von dem im Krieg zerbomben Palast Saddam Husseins inspiriert sein sollen, dass muss man gelesen haben, um es zu wissen, und letztendlich bringt es für die Optik des Abends, die hauptsächlich verstört, nichts. Wollte der Regisseur einfach nur eine nach Kriegsfolgen seelisch und faktisch zerstörte Welt zeigen? Man vollzieht es nicht nach: Man liest dankbar die deutschen Untertitel und weiß, wie sehr das, was man sieht, nichts mit dem zu tun hat, was die Sänger da singen und was als Handlung vorgesehen ist…

Aber die Musik, aber Zedda, aber die eindrucksvollen Sänger: Nicht nur Rossini-Fans werden wissen, was sie dennoch an dieser DVD haben.

Renate Wagner

 

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Rossini:

Semiramide

Melodramma tragico in zwei Akten
Libretto von Gaetano Rossi
Musik von Gioachino Rossini
Premiere in der Vlaamse Opera Antwerpen am 12. Dezember 2010
(Vlaamse Oper, Antwerpen, Gent/Belgien, 2011)
Studio: Dynamic (Naxos Deutschland GmbH)
2 DVDs, Spieldauer: 238 Minuten

Musikalische Leitung: Alberto Zedda
Symphonisches Orchester der Vlaamse Opera
Chor der Vlaamse Opera
Chorleitung: Yannis Pouspourikas

Inszenierung / Bühne / Kostüme: Nigel Lowery
Licht: Lothar Baumgarte

Semiramide: Myrtò Papatanasiu
Arsace: Ann Hallenberg
Assur: Josef Wagner
Idreno: Robert McPherson
Azema: Julianne Gearhart
Oroe: Igor Bakan
Mitrane: Eduardo Santamaria
L’ombra di Nino: Charles Dekeyser

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Richard Wagner: DAS LIEBESVERBOT (Madrid, 2016)

DVDCover  Liebesverbot

Richard Wagner:
DAS LIEBESVERBOT
Teatro Real, Madrid, 2016

1 DVD, 160 Minuten
Opus Arte (Naxos Deutschland GmbH)

Bei einleitender Musik, die man nicht für Richard Wagner halten würde, wüsste man es nicht besser, blickt der Komponist auf den Betrachter, schüttelt den Kopf angesichts der da erklingenden Rhythmen, verzieht auch mal das Gesicht (vielleicht über die ungewohnten Instrumente?), ist interaktiv-fröhlich da: Man darf als Betrachter der DVD mit Sicherheit annehmen, dass diese Pointe auch im Teatro Real angesichts der Live-Aufführung beim Erklingen der Ouvertüre stattfand.

In diesem Teatro Real kam nun (in Co-Produktion mit Londons Covent Garden und dem Teatro Colon in Buenos Aires, wo die Inszenierung später zu sehen sein wird) „Das Liebesverbot“ heraus, die kaum je gespielte frühe Oper von Richard Wagner.

Ein Bayreuther Bannspruch, Bannfluch kann ja nicht ewig währen und nicht für den Rest der Opernwelt verbindlich sein, selbst wenn „der Meister“ selbst ihn verfügt hat. Gut, am Grünen Hügel beginnt Wagner erst mit dem „Fliegenden Holländer“. Aber auch er brauchte seine Aufwärmphase, um das Handwerk zu lernen. Und da bietet das „Liebesverbot“ von 1834 bis 1836 (der junge Mann war Anfang 20) sehr erwünschtes Anschauungs- und Anhörungsmaterial.

Erstens das Libretto: Sich Shakespeares „Maß für Maß“ als Vorlage zu nehmen, war nicht ohne Risiko. Vielleicht hat Wagner die Handlung, die sich ja nur um Liebe, Erotik, körperliche Liebe und verlogene Puritaner dreht, von Wien nach Palermo versetzt, dass sie weit genug „vom Schuss“ war, um der Zensur nicht allzu sehr aufzufallen. Denn da ist schon in hohem Maße behandelt, was dann im „Tannhäuser“ als schwere Tragödie Gestalt gewann – der Eros (der ihn persönlich stets begleitet hat) und Wagners Protest gegen jegliche Einschränkungen. Ein politischer Kopf schon damals, mutig, und vermutlich rannte er mit diesem Werk nur deshalb so ins Leere, weil es nach der kläglich misslungenen Uraufführung in Magdeburg verschwand, also nicht weiter wahr genommen wurde. Und später wollte Wagner, in einem unfreundlichen Akt der Kindesweglegung (vermutlich hielt er es für eine Missgeburt), nichts mehr davon wissen. Aber vielleicht sagte seine spätere Selbstdefinition der Oper als „wunderlichen Jugendarbeit“ mehr, als er selbst ausdrücken wollte?

Denn der Musik wegen ist die Vernachlässigung durchaus ungerechtfertigt. Immer wieder wird vom Einfluss der Opera Comique gesprochen, aber es sind doch der leichte Donizetti, der leichte Rossini, die sich hier als Vorbilder heranschleichen. Und wenn Wagner auch in allen Arien und Ensembles keinen „Ohrwurm“ geschaffen hat (was den Italienern ja immer mühelos gelingt), so merkt man doch seine Begabung und sein Können: Zwar verweigert er klassische Virtuosen-Arien, aber in der Stimmführung und vor allem in der temperamentvollen musikalischen Ausgestaltung der Handlung ist er schon sehr weit gekommen, zumal in einem unglaublich lockeren Habitus.  Dazu gibt es (allerdings nur vereinzelt) Stellen, wo es so sehr „wagnert“ im Sinn der Orchestersprache, die später für ihn typisch wurde, dass man keinen Zweifel hat: Dieser junge Komponist, der zögernd die Wege der anderen nachging, würde sie sehr bald verlassen und seine eigene, unverwechselbare Sprache finden.

Ob das „Liebesverbot“ auch so entzücken würde, hätte man auf DVD/BlueRay nicht die schlechtweg fabelhafte Aufführung vor sich, die Regisseur Kasper Holten mit unbändiger Lust an Jux und Tollerei geschaffen hat, man wäre vielleicht nicht ganz so begeistert. Wenn hier in grotesken Kostümen und einem abstrakt-komischen Bühnenbild (ob Straße, Bordell, Kloster, Gefängnis, alles da) eine tolle, geradezu anarchische Karneval-Atmosphäre geschaffen wird, gegen die die Polizei nur lächerlich vorgehen kann, hat der Abend auch jenes Quentchen Aufmüpfigkeit, das im Protest gegen das „Liebesverbot“ einfach drinnen sein muss. Wenn man es schon nicht wirklich ernst nimmt… irgendetwas daran ist ja doch nicht so lustig. Auch wenn das vom Statthalter Friedrich unter Todesdrohung verkündete Liebesverbot in einer Aufführung von heute gut und gern per Twitter verbreitet wird.

Holten hat mit Witz und seinem bekannten Theaterverstand seinen evidenten Spaß an der Sache auch auf die Darsteller übertragen. Dabei ist an erster Stelle (diese Nonne hat auch ein Handy!) Manuela Uhl als Isabella zu nennen. Auf deutschen Bühnen im dramatischen Wagner- und Strauss-Fach unterwegs, ist sie nicht nur stimmlich nicht überfordert, sondern auch darstellerisch entzückend – sie guckt so verschmitzt aus der Wäsche, dass man sie einfach lieben muss. Wobei ihr die Nonnen-Kollegin María Miró als Mariana an spitzbübischem Humor nicht nachsteht.

Der Bösewicht der Geschichte – mit Blinzeln auf spätere, starke Wagner-Charaktere – ist der wirklich grimmige Friedrich, der mit Christopher Maltman eine adäquate Besetzung erhielt, während der Rest des Ensembles (darstellerisch eine Pracht, da hat Kasper Holten ganze Arbeit geleistet) stimmlich nicht immer ganz den Erfordernissen entsprach. Es stört allerdings den Gesamteindruck nur geringfügig.

Am Ende landet dann noch (das deutsche Flugzeug wird im Hintergrund per Projektion gezeigt) Angela Merkel – Frisur, Jacke, Muttchen-Handhaltung, alles stimmt. Die Deutschen kommen. Und vielleicht begreifen die deutschen Theater auch, dass sie in dem nicht allzu dicht bestellten Feld der deutschen komischen Oper (wie viel Hochkarätiges haben wir schon über „Zar und Zimmermann“, „Martha“, „Die lustigen Weiber von Windsor“ hinaus?) ein neues Werk finden könnten. Sie müssen es nur sehr gut auf die Bühne bringen…

Ivor Bolton dirigiert den ungewohnten Wagner mit aller lockerer Spritzigkeit, auf tadellosem Niveau agierte der bewegliche Chor, da wurden musikalisch Wünsche erfüllt. Wagner-Freunde können sich freuen – und andere Opernfreunde natürlich auch.

Renate Wagner

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Richard Wagner
DAS LIEBESVERBOT

Teatro Real de Madrid
Premiere am 19. Februar 2016

Inszenierung: Kasper Holten

Musikalische Leitung: Ivor Bolton
Teatro Real Orchestra and Chorus

Isabella: Manuela Uhl
Friederich: Christopher Maltmann
Mariana: María Miró
Claudio: Ilker Arcayürek
Dorella: María Hinojosa
Luzio: Peter Lodahl
Brighella: Ante Jerkunica
Pontio: Francisco Vas
Danieli: Isaac Galàn
Angelo: David Jerusalem
Antonio: David Alegret

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Richard Wagner: TANNHÄUSER (Berlin 2014)

DVDCover  Tannhäuser  Berlin

Richard Wagner:
TANNHÄUSER 
Aufgezeichnet in Berlin, Schiller-Theater, 2014

Harmonia Mundi / BelAir, 2 DVDs

Die Kritiken nach der Berliner „Tannhäuser“-Premiere im April 2014, die die Staatsoper im Ausweichquartier Schiller-Theater herausbringen musste, waren großteils triumphal, und das versteht man, wenn man die Aufzeichnung sieht, die mezzo davon gemacht hat und die nun auf DVD / BlueRay erschienen ist.

Natürlich konnten sich einige Kritiker die Formulierung vom „Tanzhäuser“ nicht verkneifen, aber sie liegt nun tatsächlich auf der Hand: Wer Sasha Waltz als Regisseurin wählt, weiß, dass er die Choreographin, die sie in erster Linie ist, mitgeliefert bekommt. Und nicht nur im Venusberg, wo die Tänzer ja vorgesehen sind, sondern das ganze Werk hindurch. Wobei man oft auf eine Rhythmik in Wagners Musik gestoßen wird, die man sonst gar nicht wahr genommen hat… (ähnlich wie Wieland Wagner vor endlosen Zeiten die Musik im dritten Akt „Holländer“ als „G’strampften“ tanzen ließ).

Der Venusberg ist hier ein Tanz der Nackten, der in einem Auge stattfindet, genauer, in einer Pupille. Damit wird die  ganz eigenartige Ästhetik beschworen, an der Sasha Waltz (zusammen mit Pia Maier Schriever) auch als Bühnengestalterin beteiligt ist. Eine rein abstrakte Kreation, aus dem Venusberg-Auge geht es in die totale Schwärze, aus welcher Tannhäuser dann in einem Nebel auftaucht, wo er die jagdlich gekleidete Hofgesellschaft trifft. Die „teure Halle“ besteht aus einem aus Streifen bestehenden Vorhang, Akt drei schwelgt wieder in Nebel, diesmal in orangefarbenem.

Nichts an dieser Welt ist konkret, denn dort würde ja auch nicht bei jeder Gelegenheit getanzt – beim Einzug der Gäste, das Entsetzen über Tannhäusers Frevel äußert sich in hektischem Gezucke, und am Ende sind Pilger auch Tänzer, wilde Verzweiflung ist stellenweise angesagt. Der Anteil der Bewegungsdramaturgie ist überbordend, aber sie passt sich – in aller Abstraktion – an das Geschehen an.

So begibt sich die Führung der einzelnen Figuren ohne irgendeinen realen Zusammenhang, aber was Wagner an Emotionen vorgibt, ist stark genug. So wandelt sich Peter Seiffert von einem müden, alten Mann, der von Venus wirklich nichts mehr wissen will, zu einem sein Alter zwar nicht versteckenden, aber wie neu geborenen Liebhaber angesichts einer strahlenden Elisabeth: Sie im weißen, schwingenden Abendkleid, er im grauen Cutaway wirken wie ein Liebespaar, das gleich zur Hochzeit schreitet. Im dritten Akt kommt Tannhäuser als gebrochener Mann aus Rom zurück, das lange Haar speckig zurückgebunden, Mantel, Brille, Wanderstab, ein Gebrochener im Gammler-Look. Aber nicht nur die darstellerische Entwicklung ist bemerkenswert, sondern auch die Kraft, Ausdauer und Schönheit, mit der Seiffert den Tannhäuser ganz ohne Abstriche singt.

Zwei sehr attraktive Frauen beherrschen das Bild, zu Beginn und am Ende die schlanke, optisch und stimmlich Sinnlichkeit ausstrahlende Marina Prudenskaya, dazwischen die jugendlich-stürmische Elisabeth der Ann Peterson, die im dritten Akt eine Studie der Gebrochenheit liefert, die jener Tannhäusers adäquat ist.

Wie bereits erwähnt haben schon die Kostüme (Bernd Skodzig), in welchen die Männergesellschaft auftritt, das leicht (nicht schwer) Parodistische angedeutet, wie die Wartburg-Welt (keine Wartburg, keine Welt…) um den diskreten Landgrafen (René Pape) erscheint, keine überprofilierte Schar, deren Bravheit ein Wolfram (Peter Mattei) vertritt, der trotz Verzweiflung im dritten Akt noch Krawatte trägt.

Sollte man nun Konzeptionelles hinter all dem analysieren wollen, käme man vermutlich nicht weit, aber das Formale hat Sasha Waltz zu äußerst tragfähiger Qualität gebracht. Es ist immer noch Tannhäuser, auch wenn er Tanzhäuser ist, und selbstverständlich tragen da Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin Entscheidendes dazu bei. Das ist akustisch prachtvoll, wenn es erlaubt ist, diese Musik in ihrer aufgefächerten Pracht einfach genießen zu wollen. Und, wie gesagt – die Aufführung als Ganzes bietet Ansatzpunkte zur Diskussion, die sich auf hohem Niveau bewegen.

Renate Wagner

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Richard Wagner  (1813 – 1883)

Tannhäuser

Große romantische Oper in drei Aufzügen | Text und Musik von Richard Wagner | Dresdner Fassung unter Einbeziehung des »Bacchanals« (1. Akt, 1. Szene) der Pariser Fassung (1861)

Gesamtaufnahme der Staatsoper im Schiller Theater
Berlin, 04/2014

Dirigent: Daniel Barenboim
Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor Berlin
Chorleitung: Martin Wright

Regie und Choreographie: Sasha Waltz
Kostüme: Bernd Skodzig
Bühnenbild: Pia Maier Schriever, Sasha Waltz
Licht: David Finn
Video; Vincent Bataillon

Tannhäuser – Peter Seiffert
Wolfram von Eschenbach – Peter Mattei
Walther von der Vogelweide – Peter Sonn
Hermann, Landgraf – René Pape
Biterolf – Tobias Schabel
Heinrich der Schreiber – Jürgen Sacher
Reinmar von Zweter – Jan Martiník
Elisabeth – Ann Peterson
Venus – Marina Prudenskaya
Hirtenknabe – Sónia Grané

Harmonia Mundi / BelAir, 2 DVDs, 11/2015
Sprache: Deutsch
Spieldauer: 192 Minuten

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Giuseppe Verdi: UN BALLO IN MASCHERA – Bayerische Staatsoper München live 3.-9.3.2016, C-Major Blu-ray

Giuseppe Verdi: UN BALLO IN MASCHERA – Bayerische Staatsoper München live 3.-9.3.2016, C-Major Blu-ray

Beczala und Harteros sorgen für Weltklasse in banalem Dutzendregietheater 

0814337013950

Mitten auf der Bühne steht ein bürgerliches Bett, gar fein mit Linnen bezogen. Das war es denn auch schon mit dem Einheitsbühnenbild (Heike Scheele). Ach ja und das Bett spiegelt sich an der Decke und da liegt auch noch eine Puppe des toten Riccardo, Kopf nach unten, Mund sperrangelweit offen, drin. Dazwischen eine Wendeltreppe nach oben, auf der fallweise Ulrica herumgeistert und final Riccardo nach oben abtritt, seine Doppelgänger aus Stoff am Boden und dem Bett liegend hinter sich lassend. 

In einem solchen Ambiente kann man ein Dutzend Operetten aufführen, dann fielen mir noch „The Turn of the Screw“, „Arabella“ oder „Macbeth“ ein, wenn man unbedingt einen „Küchenfreudianismus“ in Szene setzen will. Regisseur Johannes Erath setzt seinen „Ballo“ in den Dreißigern“ an, das gesamte Bühnenpersonal ist schwarz-weiß gekleidet (Kostüme Gesine Völlm) , meistens in Frack und Fliege, dazwischen dürfen auch blaue China-Morgenmäntel nicht fehlen, das weiße Spitzenkleid Amelias im Finale nicht ausgenommen. Im Booklet erklärt Malte Krasting (Dramaturg): Es geht in der Oper „um Menschen, die ihr ganzes Leben hinter Masken verbringen. Nicht nur im Finale ist ein Maskenball, sondern das ganze Stück. Jeder spielt zu jeder Zeit einen bestimmte Rolle Verstellung auf Schritt und Tritt.“

Krasting geht aber weiter und legt den Maskenball als eine schwarze Farce an, ein Requiem von Beginn an, die Hauptfiguren wandeln wie untote Tote, blass und distant, hübsch anzusehende Zombies im glatt schicken Dekor. Das kann man natürlich so sehen, zwingend und überzeugend ist das allerdings nicht. Das Herumgestakse von Sängern auf einem schwankenden Bett ist sowieso alles andere als schön anzusehen. Als ein gültiger Regieeinfall der Personenführung mag angehen, dass Oscar hier als alter ego Riccardos konzipiert ist, meist mit Riccardos „sprechender“ Puppe in der Hand. 

Gott sei Dank sind die sängerischen Leistungen überwiegend top und der musikalische Part insgesamt überaus erfreulich. Für mich allen voran Piotr Beczala als dünnschnauzerbewehrtem Dandy Riccardo. Ideal sowohl von Stimme als auch vom Typ her, wie einstens di Stefano das war. Beczala allein bringt die Bühne zum Vibrieren, er ragt als pralle Figur heraus. Ein das Schicksal herausfordernder leerer Lebemann, in seiner Exaltiertheit voller Trauer, in seinem Leichtsinn des Todes Fesseln immer fester ziehend. Dieser Riccardo wird zu einem Prototypen des unbewussten „Mordes, den jeder begeht, an sich selbst oder an anderen“. Ein kömodiantischer Tristan, der seine Isolde, Amelia eher als Projektion begreift als wirklich liebt. Wenn Beczala auf der Bühne steht, dann spürt man jene packende Energie, die schäumende Kraft und das Leben mit vollen Zügen verbrauchende Intensität, die verständlich macht, warum diese Oper in ihrer Emphase so tief wirkt.

Anja Harteros beweist in ihrem Rollendebüt wieder einmal, was für eine formidable Verdi-Sängerin sie ist. In diesem Maskenball der Camouflage, der vernichtenden Langeweile singt sie voll dunkler Glut. Voll Wissen um das Unvermeidliche wirft sie ihren jugendlich dramatischen Sopran in die melodischen Stürme ihrer Arien, Duette und Ensembles. Eine Pythia ist diese Amelia, eine düstere Botin, die dem Schicksal nichts entgegenzusetzen weiß. Bevor sie ihrem ungeliebten Mann Renato erwürgt, bevor sie Selbstmord begeht, geht ihr auch schon wieder die Energie aus. Rein vokal ist Harteros‘ Amelia bravourös, wunderbare Kuppeltöne, eine satte Tiefe und die nötige Agilität sind Voraussetzungen einer mustergültigen Interpretation. Allein das hohe C gerät wie bei Tebaldi etwas kurz. 

Renato ist bei George Petean gut aufgehoben. Mit noblem hellem Bariton phrasiert und singt er stilistisch comme il faut. George Peteans Renato ist der Prototyp eines hingebungsvollen Vasallen, ein gehörnter Hofnarr, dessen Rache ungewollt tödlich ist. Seine Akolyten Samuel und Tom (charakterstark Anatoli Sivko, Scott Conner) bringen jenes Gift, das dem „Beamten“ Renato abgeht. Rein vokal ist er weniger Gegenspieler Riccardos, als das die Partitur glauben ließe. Ein vom Schicksal und Pflichtbewusstsein Getriebener, ein feiger Blinder.

Díe Rolle des Pagen Oscar (Sofia Fomina mit lyrisch rund leuchtendem Sopran) ist hier so etwas wie ein zweiter Riccardo. Im dritten Akt zieht sie ihre Perücke ab, und küsst als Frau Renato. Sie mutiert zum Mädel, Hosenrolle over. Na ja, Regietheater eben, über das sich keiner mehr wundert. 

Einzig Ulrika (Okka von der Damerau) enttäuscht stimmlich allzu hellem Mezzo. Eine gar blasse Wahrsagerin ohne Dämonie, ist sie eher beste Freundin aus dem Jenseits als Schicksalskünderin. 

Dirigent Zubin Mehta hat den richtigen Verdi-Dreh, Orchester und Chor der Bayerischen Staatsoper klingen luxuriös, offenbar wurde da richtig intensiv geprobt. Zwischendurch fällt die Spannungskurve bisweilen ab, manche Tempi sind eher breit gewählt.

Fazit: Eine prächtig musizierte Aufführung, die lange nachhallt. Der Regisseur ist seiner eigenen Ideenfalle erlegen. Intellektuelle Stimmigkeit und Logik ergeben noch kein schlüssiges packendes Theater. Da reicht der Griff in die Mottenkiste des Regietheaters einfach nicht.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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Arrigo Boito: MEFISTOFELE (München 2015)

DVD Cover  Mefistofele

Arrigo Boito: MEFISTOFELE
Bayerische Staatsoper, München 2015
1 Disc, 140 Minuten,
C Major (Naxos Deutschland GmbH)

Arrigo Boito, der Mann der selbst ein so herausragender Komponist war und sich als Librettist in den Dienst des Größeren, von Giuseppe Verdi, stellte – das ist schon eine besondere Persönlichkeit der Musikgeschichte. Von seinen eigenen Opern hat nur „Mefistofele“ überlebt, 1868 erfolglos an der Scala uraufgeführt, nach Umarbeitung (Faust wurde nun vom Bariton zum Tenor) 1875 in Bologna ein Erfolg. Diese Zweitfassung hat sich durchgesetzt, denn auch in unseren Tagen kehrt diese musikalisch ungemein reizvolle Goethe-Vertonung zwischen Verdi und Wagner, Verismo und Romantik, immer wieder auf unsere Bühnen zurück.

Inszenierungen in München sind (wie auch in Brüssel) immer ein Fall für sich, hier walten Intendanten, denen alles Konservative, Bewahrende, „Werktreue“ ein Greuel ist. So hat an der Bayerischen Staatsoper 2015 Roland Schwab (der als Protegé von Ruth Berghaus angepriesen wird) engagiert, um alles andere als Goethe zu beschwören.

Nein, bei ihm ist die Welt a priori ein apokalyptischer Trümmerhaufen und man braust im wahrsten Sinn des Wortes in einem Motorrad ins Geschehen. Keine Frage, spektakulär ist das schon, und der Regisseur bewegt die Massen, die Videobilder von Katastrophen und die grellen Assoziationen beängstigend, da werden Prospekte nicht geschont und nicht Maschinen…

Was sich zwischen Faust und Margherita abspielt, ist eine Spur ruhiger, von ironisierter Romantik im Ambiente (mit Blumen, die im Hintergrund schweben), aber diese Handlungssequenz ist bei Boito eher knapp gehalten. Das Ende im Irrenhaus, wenn Faust eine Harfe umarmt, liefert wieder die herausfordernden Bilder, die diese Inszenierung kennzeichnen: Ein Abend wie dieser befriedigt solcherart eine künstliche Lust am Sensationellen und Spektakulären.

Die beiden Männerrollen sind ohne Zweifel hochrangig besetzt, es gibt bloß Einwände, die sie nicht zu Idealbesetzungen machen. Joseph Calleja hat sicherlich eine der gegenwärtig schönsten Tenorstimmen. Sein Pech besteht darin, dass er nicht auch aussieht wie Jonas Kaufmann, also ohne den besonderen Reiz des Stars auf der Bühne steht, den unser optisches Zeitalter verlangt. Immerhin – was ihm als Darsteller fehlt, gibt er reich und reich als Sänger zurück.

René Pape gab in dieser Aufführung sein Rollendebut als Titelheld und war zwar (mit schräger Augenpartie) recht „teuflisch“ geschminkt, aber die wahre Ausstrahlung für gerade diese Rolle hat er nicht (dabei hat er sich anderswo, etwa als Berliner Gurnemanz, als hervorragender Schauspieler auch erwiesen). Der dämonische Titelheld ist auf unseren Bühnen wohl von der Persönlichkeit her überzeugender zu besetzen (etwa mit Erwin Schrott). Auch sollte Papes Stimme für diese Partie noch „schwärzer“ sein.

Bleibt die Margherita, und die schöne Lettin Kristine Opolais erfüllt nun viele Wünsche, die man heute an eine Protagonistin stellt – hinreißende Erscheinung, ein quellklarer Sopran, der nur bei angespannter Dramatik in der Höhe scharf wird. Sie ist interessant als das verschüchterte Bürgermädchen mit weißen Handschuhen. Die Verwandlung zur verstörten, zerstörten jungen Frau (die hier sehr schnell folgt), gelingt überzeugend.

Omer Meir Wellber kostete Boitos effektvolle Musik voll aus, und der Gesamteindruck des Abends ist – auch wenn man über die Inszenierung wieder einmal trefflich streiten kann – schlechtweg stark.

Renate Wagner

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Bayerische Staatsoper München, 2015

Arrigo Boito:

MEFISTOFELE

Musikalische Leitung   Omer Meir Wellber
Bayerisches Staatsorchester
Chor und Kinderchor der Bayerischen Staatsoper

Inszenierung   Roland Schwab
Bühne            Piero Vinciguerra
Kostüme        Renée Listerdal
Licht               Michael Bauer
Video              Lea Heutelbeck
Choreographie    Stefano Giannetti

Mefistofele     René Pape
Faust               Joseph Calleja
Margherita       Kristine Opolais
Marta               Heike Grötzinger
Wagner           Andrea Borghini
Elena               Karine Babajanyan
Pantalis           Rachael Wilson
Nerèo               Joshua Owen Mills

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Elgar: DREAM OF GERONTIUS (1968)

DVD Cover  Dream of Gerontius

Edward Elgar:
DREAM OF GERONTIUS
Aufnahme in der Canterbury Cathedral, 1968
Naxos, 2 DVDs
Gerontius,
100 min.  
Dokumentation über Sir Adrian Boult 60 min.

Es gibt viele Gründe, Musik auf DVD zu betrachten: Große Aufführungen in großen Besetzungen, wie sie „live“ selten zu erleben sind; Raritäten, die man im Alltag nicht kennenlernt; oder, wie hier, „Klassiker“ der Musikgeschichte, die einst glücklicherweise aufgenommen und solcherart bewahrt wurden.

Für die englische Kultur und auch für BBC war es zweifellos ein Großereignis, als Sir Adrian Boult am Pult des London Philharmonic Orchestra 1968  in der traditionsreichen Canterbury Cathedral eines der Großwerke der englischen Musik zur Aufführung brachte: „Dream Of Gerontius“ von Sir Edward Elgar (1857-1934), ein Oratorium, das auf einem 900zeiligen Text von Kardinal John Henry Newman beruht. Die Uraufführung 1900 hatte kein Geringerer als Wagner-Dirigent Hans Richter dirigiert. Es geht um das Sterben eines alten Mannes, dem Wandeln seiner Seele aus ihrem Körper, durch das Fegefeuer, bis er mit Hilfe eines Engels im Paradies landet – Elgar war Katholik.

Damals war es die beste Besetzung, die man bekommen konnte: der „Britten-Tenor“ Sir Peter Pears als Gerontius, die dunkle Qualitätsstimme von Dame Janet Baker mit ihrer Ausdrucksstärke als Engel und (der immer mit einer weißen Haarsträhne kokettierende) John Shirley-Quirk – drei ausgewiesene Oratoriensänger, die ihre Rollen dem Publikum nicht „vorspielen“, sondern durch ihre Stimmen interpretieren und dem ganzen Werk unendliche Würde verleihen.

Dennoch wäre es heute unmöglich, ein Konzert einfach bloß so ruhig abzufilmen, wobei man damals ohnedies schon fortschrittlich genug war, die Glasfenster und Steinmetzarbeiten der Kathedrale in eindrucksvollen Schnitten „mitspielen“ zu lassen. Dennoch hat die Aufzeichnung eine meditative Ruhe, die dann immer wieder die Augen schließen und einfach nur zuhören lässt…

Es war dieser Veröffentlichung zweifellos ein Anliegen, eine zweite DVD mit einer einstündigen Dokumentation über Sir Adrian Boult (1889-1983) beizufügen, die 1989 von der BBC zum 100. Geburtstag des Dirigenten herausgebracht wurde. Boult ist ein bekannter, mit der BBC untrennbar verbundener Name, und obwohl sich seine Lebensdaten etwa mit Karajan decken, war er das gerade Gegenteil – ein Mann, der weder dauernd reisen noch seine „Karriere“ vorantreiben, sondern bloß mit konsequent mit einem Orchester zusammen arbeiten und hier hohe künstlerische Ergebnisse erzielen wollte. Abgesehen davon, dass sein patriotisches Gefühl so stark verankert war, dass die Pflege englischer Musik für ihn immer ein primäres Anliegen darstellte.

Der Film, der viele Gesprächspartner hat, darunter etwa auch André Previn und voran den Dirigenten Vernon Handley (1930-2008), einen Boult-Schüler, ist an sich eine übliche Dokumentation, die formal in den üblichen Pfaden verläuft. Fotos, Dokumente, O-Töne über Boult, er selbst mit Aussagen und beim Dirigieren.

Es ist die Geschichte eines über die Maßen musikalischen Menschen, Sohn einer Pianistin, der schon als Baby ganz besonders auf Musik reagierte und mit sechs Jahren den Wunsch äußerte, Wagners „Tannhäuser“ zu hören. Seit dem Alter von 10 Jahren führte er Tagebücher mit profunden musikalischen Erkenntnissen, die schon Zeichnungen enthalten, wie er (als Kind!) die Orchestermusiker positioniert hätte…

Über Oxford kam er nach Leipzig, wo er bei Arthur Nikisch studierte und von ihm so beeinflusst wurde, dass man ihn lange „a carbon copy of Nikisch“ nannte. „Lazy man as I am“, erklärte er, warum er vor allem mit den Fingern und nicht dem Handgelenk, nicht mit dem Ellbogen und schon gar nicht mit dem ganzen Arm dirigierte. Seine Ökonomie der Gestik hatte auch damit zu tun, dass er überhaupt kein Interesse daran hatte, dem Publikum den „Dirigenten“ vorzuspielen. Ein Dirigent sollte gehört, nicht gesehen werden, war sein Motto.

Im Ersten Weltkrieg untauglich (da trainierte er Soldaten daheim), hatte er 1914 sein Debut als professioneller Dirigent. Später war er für Diaghilew tätig (Ballett bedeutete ihm viel, seinen letzten Auftritt als über 90jähriger hatte er mit einem Ballett), die Tänzer wusste bei ihm, „they were safe“.  

Obwohl er ein Angebot in die USA hatte, übernahm er lieber den Birmingham Chor, später auch das Birmingham Orchester, dann wurde er Verantwortlicher für das Musikprogramm der BBC, wo er sehr viel Musik des 20. Jahrhunderts und natürlich britische Komponisten aufs Programm setzte. Intrigen schickten ihn mit 60 in Pension, er ging an einem Freitag, am Montag begann er mit dem London Philharmonic Orchestra. „I never liked free lance“, sagte er, „I like so see fresh things with the same people“. Sein Vertrauen in seine Musiker war so groß, dass er einmal eine Brahms-Symphonie vom Stand, ohne Probe, durchspielte… Es sei nicht „sein Brahms“, sagte er, „erkennen die Leute, die das sagen, nicht, dass sie einmal weg sein werden – und Brahms wird in alle Ewigkeit da sein?“

Man möge nicht so viele Details, sondern das Ganze im Auge haben, meinte Sir Adrian Boult einmal, er habe keine bestimmte „Technik“, was er könne, stünde jedem zur Verfügung. Dass es die „ultimate beauty of music“ sei, die die Menschheit heilen könne, ist eine große Aussage für einen Mann, der sein Künstlerleben in unprätentiöser Bescheidenheit führte und so viel für das englische Musikleben bedeutete.

Renate Wagner

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Edward Elgar
DREAM OF GERONTIUS

Janet Baker, Peter Pears, John Shirley-Quirk
London Philharmonic Choir
London Philharmonic Orchestra
Dirigent: Sir Adrian Boult

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Wagner: PARSIFAL (Berlin 2015)

DVD Cover  Parsifal

Richard Wagner: PARSIFAL
Aufgezeichnet im April 2015 im Schiller Theater, Berlin
2 DVDs, 252 min.
BelAir Classics

Jeder wahre Opernfreund möchte am liebsten überall sein. Früher war es – aus praktischen und finanziellen Gründen – fast unmöglich, den Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen. Mittlerweile gibt es DVDs, die es ermöglichen, in anderen Städten „in die Oper“ zu gehen, aufregende Inszenierungen zu sehen, großartige Besetzungen zu erleben. Gewiß, es ist nicht „live“, aber es ist bequem und ungleich billiger als „live“, und man genießt vielfach auch eine bessere Sicht als auf einem Opernplatz, weil die so genannten „TV Regisseure“, die für die Aufzeichnungen verantwortlich sind, meist sehr intelligente Konzepte zwischen Totale und dem Zoomen auf einzelne Darsteller entwickeln. Der „Parsifal“, der im April 2015 (damals von „mezzo“) im Ausweichquartier der Deutschen Staatsoper Unter den Linden, dem Berliner Schiller Theater, aufgenommen wurde, ist jedenfalls optisch ungemein spannend.

Er ist es auch szenisch, selbst wenn man weiß, dass echte Wagnerianer sich vermutlich die Haare raufen werden – aber daran haben sie sich in den letzten Jahrzehnten ohnedies schon gewöhnen müssen. Der Russe Dmitri Tcherniakov hat zwar schon den Beinamen eines „Enfant terrible“ erhalten, ist aber in seiner Umdeutung dieses Werks auch nicht viel schlimmer als mancher Kollege – jedenfalls kann man mit Interesse zusehen, was sich da tut.

Die Gralsritter der „Parsifal“-Geschichte sind schon bei Richard Wagner heruntergekommen, keine Frage, aber so wie hier… Wiener Betrachter werden wohl an die „Gruft“ erinnert, das berühmteste Obdachlosenquartier der Stadt. So sieht es auf der Bühne aus, die Dmitri Tcherniakov sich selbst geschaffen hat. Holzbänke, beliebig zu stellen, auch im Kreisrund, und darauf eine echte Ansammlung von Elendsgestalten, nicht zuletzt durch die schäbigen Strickmützen charakterisiert (selbst Gurnezmanz trägt dann im letzten Akt eine solche).

Die manchmal endlos wirkende Gurnemanz-Erzählung zu Beginn ist ein Problem mancher „Parsifal“-Inszenierung – nicht hier, wo René Pape, den man ja bisher nicht eben als den überzeugendsten Darsteller erlebt hat, eine wirklich außerordentliche Leistung liefert. Dieser Gurnemanz, in schäbiger, dufflecoatartiger Jacke, erzählt seine  Geschichten mit so viel Temperament und Anteilnahme, dass nicht nur sein Lumpenproletariat ihm gefesselt zuhört, sondern auch das Publikum – zumal er die Vergangenheit mit einer Dia-Show erklärt, für die Tcherniakov auf die bekannten Fotos der „Parsifal“-Uraufführung von 1882 in Bayreuth zurückgreift…

So stark wie Gurnemanz ist auch Parsifal vom ersten Augenblick an, da er in dieses Asyl stolpert: Andreas Schager ist rothaarig und unbeholfen.  Mit Billig-Kleidung (Dschungel-T-Shirt, kurze Hosen) und einem Riesenrucksack erscheint er eigentlich einer von denen, die da herumlungern – und, weil der Regisseur immer noch was drauflegt, zieht er sich auch auf der Bühne um.

Sektenartig wird das Geschehen, wenn Amfortas auftaucht – der bullige Wolfgang Koch ist alles andere als eine „edle“ Erscheinung, eher ein Opfer der anderen, die etwas Vampirartiges gewinnen? Noch nie hat man (auf der DVD dazu in erschreckender Großaufnahme) die klaffende Bauchwunde so brutal riesig und blutig gesehen, samt dem „Abzapfen“ des Blutes… Wo ist man da?

Wo man im zweiten Akt ist, weiß man sofort: kein Klingsor-Schloß mit Zaubergarten, sondern eine Art Kindergarten, den sich Klingsor hält (Tómas Tómasson schafft es, ihn als verbissenen Kleinbürger geradezu komisch zu machen, von Bedrohlichkeit keine Spur): Ein Haufen junger und auch ganz kleiner Mädchen, mit Zöpfchen, Puppen, weißen Spitzenkrägelchen auf Blumenkleidchen, hopsend – ein erschreckender Anblick. So, wie Dmitri Tcherniakov im DVD-Booklet den Inhalt nacherzählt, ist Kundry bei ihm Klingsors Tochter (!), die älteste, die von ihm gequält und manipuliert wird: Anja Kampe wird von Minute zu Minute in dieser Rolle stärker, auch wenn sie immer ihre reizlose Kleidung (T-Shirt, Hose, Jacke) behält, auch wenn sie als Verführerin erscheinen soll, am Ende hat sie dann kurz ein blutiges weißes Hemd an. Und Parsifal? Der fürchtet sich vor der Mädelschar, nachdem er durch ein Fenster in Klingsors perversen privaten Kindergarten gekrochen ist, wie einer der „Boyz n the Hood“ duckt er sich in die Kapuze – bis er dann mit Kundry allein ist und Andreas Schager und Anja Kampe sich gegenseitig zu einer unglaublichen Chemie der Beziehung hochjubeln. Auch der Beginn des dritten Aktes (da ist die Gruft-Unterkunft noch schäbiger geworden) ist schwierig und wird hier dann durch das Trio Gurnezmanz-Kundry-Parsifal ungemein aufgeladen.

Freilich, an irgendetwas echt Religiöses bei dieser Sekte glaubt Dmitri Tcherniakov wirklich nicht: kein Karfreitagszauber, bei „Enthüllt den Gral“ passiert nichts, Titurel (Matthias Hölle), der im 1. Akt teils im Sarg, teils in schwarzem Ledermantel zu sehen war, wird als Leiche über die Bühne geschleppt – aber Erlösung ist hier für keinen vorgesehen: Die Leidenschaft, mit der Amfortas und Kundry einander in die Arme stürzen und sich nicht trennen wollen, provoziert Gurnemanz so, dass er ihr ein Messer in den Rücken rennt – und Parsifal trägt in seinen Armen feierlich ihre Leiche von der Bühne ab…

Was war das? Die Berliner Premiere erntete, wie die Zeitungsberichte versichern, ein Buhgewitter ohnegleichen, und geht man von Wagners inhaltlicher „Parsifal“-Substanz aus, hatte das wohl seine Berechtigung. Aber dass Dmitri Tcherniakov seine Underdog-Geschichte konsequent durchgezogen hat, dass Daniel Barenboim am Pult der Berliner Staatskapelle Wagner schwelgerisch und dramatisch zugleich nimmt und dass die Sängerriege, voran das Trio Kampe – Schager – Papé, per se mehr als sehenswert ist… das macht diesen Berliner „Parsifal“ schwer spannend und die DVD auch für Wagnerianer sehenswert. Man kann sich dann so schön an Details (etwa das Spielzeug, das Parsifal und Kundry mit sich herumschleppen) wütend diskutieren…

Renate Wagner

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Saverio Mercadante: FRANCESCA DA RIMINI (Martina Franca, 2016)

DVD Cover Mercadante

Saverio Mercadante:
FRANCESCA DA RIMINI 
42° Festival della Valle d’Itria, Martina Franca
Aufgenommen im Palazzo Ducale, Juli-August 2016

2 DVDs,  200 min., Dynamic (Naxos Deutschland GmbH)

Heutzutage klafft im italienischen Repertoire zwischen dem Trio Rossini / Donizetti / Bellini hier, Giuseppe Verdi dort, ein Loch. Zu ihrer Zeit wurde es nicht zuletzt von Saverio Mercadante (1795 – 1870) ausgefüllt, zu seiner Zeit enorm erfolgreich, von der Nachwelt vergessen, falls nicht das persönliche Interesse von Künstlern, der Unternehmungsgeist von Intendanten und letztendlich auch Zufall und Glück zusammen kommen.

In Wien erinnert man sich, von Mercadante seine vielleicht berühmteste Oper, „Il Giuramento“, gerade einmal, 1979 konzertant in der Staatsoper gehört zu haben – und vielleicht ist das Ereignis auch nur gegenwärtig, weil Placido Domingo damals mit von der Partie war. Von den an die 60 Opern, die der Komponist in seinem Leben geschrieben hat, wissen unsere Opernhäuser nichts mehr.

Umso größter letztendlich die Aufmerksamkeit, die das Festival della Valle d’Itria in Martina Franca letzten Sommer mit einer Mercadante-Uraufführung (!) erringen konnte. Denn die von ihm 1831 komponierte, für Madrid gedachte und aus vielen Gründen nie aufgeführte Oper „Francesca da Rimini“ ist vor ein paar Jahren durch Zufall wieder aufgetaucht. Man fand in Madrid das Autograf des Werks, und da Mercadante (in Altamura bei Bari geboren) als der „große Komponist Apuliens“ gilt, erstaunt es nicht, dass das apulische Paradefestival nur zu gern die Uraufführung brachte, nachdem die Salzburger Festspiele Abstand genommen hatten…

Immerhin traten zwei italienische Größen mit internationaler Reputation für das Werk an: der zwischen New York und Zürich so viel beschäftigte Fabio Luisi, der immer noch Zeit findet, als Musikdirektor des Festivals zu fungieren, ging mit spürbarer Lust an das Pult des Orchestra Internazionale d’Italia, um auf Mercadantes Musik aufmerksam zu machen, die weit über Bellini hinausgeht und schon mehr von Verdi hat (der ihm viel verdankt), kompakte Dramatik, gewaltige Chor- und Ensembleszenen und Arien und Duette, die technisch so schwierig sind, dass man die Ohren aufsperrt.

Die Geschichte von Francesca, die ihren Gatten mit dessen Bruder Paolo betrogen hat, ist durch Dante unsterblich und unzählige Male vertont worden (auch durch Rachmaninov, gerade eben gleichfalls als DVD erschienen). Pier Luigi Pizzi erzählt die Geschichte, verlässt sich aber in hohem Maße auf das Ambiente und auf die vorzüglichen Sängerinnen des Liebespaares. Die Freilichtaufführung fand im Hof des Palazzo Ducale von Martina Franca statt, der Pizzi (wie stets sein eigener Ausstatter) als Ambiente genügte, zumal er einen verlässlichen Mitspieler hatte: den Wind, der dort angeblich immer weht.

Ein paar schwarze Stoffbahnen und die Gewänder der Protagonisten: die stete Bewegung scheint mit der Musik zu gehen, die Figuren werden auch in kluger Farbdramaturgie charakterisiert: Francesca in Rot, Paolo (eine Hosenrolle) in Blau, dazu kommen noch Gatte (in Gelb) und Vater (in Lila), der Chor (aus Cluj-Napoca hergeholt, in Weiß und in Schwarz gekleidet) sowie Tänzer, die (Choreographie: Gheorghe Iancu) zwar eher konventionell springen und schreiten, aber sich in eine Aufführung zusammen fügen, die dem Geschehen Leidenschaft, Glaubhaftigkeit und durchaus auch die ihm gebührende Würde gibt.

Wunderbar sind zwei junge Sängerinnen, die in Mexiko geborene Leonor Bonilla, die mit der riesigen Rolle der Francesca die Chance ergriff, nachdrücklich auf sich und ihren impetuosen Sopran aufmerksam zu machen und gleichzeitig ihre liebliche Erscheinung auszuspielen. Sie tut es im edelsten Wettstreit gesanglicher Pracht mit der ergreifend intensiven Japanerin Aya Wakizono als Paolo, die ihren Mezzo leuchten ließ. Der erste Auftritt gehörte dem eifersüchtigen Ehemann, wobei der Türke Mert Süngü nicht ganz so souverän erklang, wie die beiden Damen, Antonio Di Matteo setzte seinen gaumigen Baß für Guido, den Vater, ein.

Man wäre gerne live dabei gewesen – betrachtet man allerdings die wehenden Gewänder, hätte man wahrscheinlich auch im Juli bei so viel Wind einigermaßen gefroren…

Renate Wagner

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Saverio Mercadante

FRANCESCA DA RIMINI

Regie und Ausstattung: Pier Luigi Pizzi
Choreographie: Gheorghe Iancu
Dirigent: Fabio Luisi
Orchestra Internazionale d’Italia
Cluj-Napoca Philharmonic Orchestra
Transylvania State Philharmonic Choir

Francesca – Leonor Bonilla
Paolo – Aya Wakizono
Lanciotto – Merto Süngü
Guido – Antonio Di Matteo
Isaura – Larisa Martinez
Guelfo – Ivan Ayon Rivas

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Sergei Rachmaninov: TROIKA (Brüssel, 2015)

DVD Cover Troika

Sergei Rachmaninov
TROIKA

Bel Air Classics, 2 DVDs, 185 min.

Die Idee war von großem Reiz, vor allem, weil Sergei Rachmaninov ja kein häufiger Gast auf unseren Bühnen ist. Drei Opern von ihm sind erhalten („Monna Vanna“ nach einem einst berühmten Theaterstück von Maeterlinck hat er nie vollendet), und alle rangieren unter dem Damoklesschwert der „Kurzoper“, mit denen das Repertoire im allgemeinen (die Ausnahme ist natürlich die „Cavalleria“ /  „Bajazzo“-Paarung) so wenig anfangen kann.

Aus den drei Rachmaninov Stücken „Aleko“, „The Miserly Knight“ (Der geizige Ritter) und „Francesca da Rimini“ nun (erstmals in der Operngeschichte) ein Bühnen-Trio zu machen, oder vielmehr eine „Troika“, was noch interessanter klingt, war eine fabelhafte Idee 2015 in Brüssel, wo ohnedies Notstand herrschte: Während das Haupthaus, das Theatre de la Monnaie, renoviert wurde, war man auf der Suche nach einer Ausweichspielstätte. Und tatsächlich, das „Theatre National“ war ein interessanter und passender Rahmen für eine Produktion, die normale Operngewohnheiten hinter sich ließ (wenn man nicht gerade an Robert Wilson denkt…)

Man kann aus der Not eine Tugend machen. Ein Einheitsbühnenbild für drei Werke, auch noch eine (bei geringen Variationen) im Grunde einheitliche Ästhetik, aller inhaltlicher Unterschiede zum Trotz. Eine Treppe ist – außer für Sänger, denen das singende Leben treppauf, treppab nicht wirklich erleichtert wird – szenisch oft eine gute Idee, zumal wenn die Regie auf strenge Stilisierung ausgerichtet ist und man diese Treppen zwischendurch  irrational schimmern oder quasi wellenartig fließen lassen kann.

Das war der Zugang der Dänin Kirsten Dehlholm, die auch als Performance- und Medienkünstlerin bekannt ist, als solche eine eigene Compaganie, „Hotel Pro Forma“  leitet, und mit ihnen diese Idee des optisch bestimmten Gesamtkunstwerks vor die akkurate szenische Umsetzung der Inhalte (zweimal zu einer Puschkin-Vorlag, einmal Dante) gestellt hat. Gemeinsam mit einer weiblichen Crew (Maja Ziska für die Bühnenbilder, Manon Kündig für die oft abenteuerlichen Kostüme, die mehr auf Schock als auf Geschmack setzen) bietet sie vor allem absurd-surreale Schauwerte. Im Mittelteil des Abends spielen dann auch Videosequenzen eine große Rolle.

Wilson wurde erwähnt, seine gemessene Bewegungschoreographie greift auch hier, und wie bei Wilson wird das Publikum gespalten sein, in jene, die sich von einer fast meditativen Betrachtung des Irrationalen gefangen nehmen lassen, und jenen, die – zweifellos zu Recht, diese Werke sind als „Opern“ mit starker Handlung gedacht – Bühnenhandlung reklamieren. Aber, wie die Kritik schrieb, in Brüssel ist man bekannt dafür, „abenteuerliche“ Interpretationen zu bevorzugen (was der interessierte Opernfreund mitverfolgen kann, da immer wieder Produktionen des Monnaie, nachdem sie abgespielt sind, kurze Zeit als Streams zugänglich gemacht werden).

Musikalisch hat man diese griffigen, russisch-romantischen Werke dem jungen russischen Dirigenten Mikhail Tatamikov aus St. Petersburg anvertraut, der – im ersten und letzten Stück mit dem Orchester hoch vor der Treppen-Bühne gelagert – die Musik so dicht webt, dass sie das Schiff ist, auf der das seltsame Boot dieser Inszenierung beruhigt segeln kann.

Auch wenn man von der Handlung nicht viel mitbekommt und die Sänger allein durch die Kostüme wie Kunstfiguren durch das Geschehen tapsten, so ragte doch unter den durchwegs russischen Sängern Anna Nechaeva hervor. Auch wenn nicht jede Anna „die nächste große Anna“ ist, beeindruckte sie stimmlich in „Aleko“ als die ungetreue Ehefrau des Titelhelden und im letzten Stück als Francesca.

Im ersten Stück ist Kostas Smoriginas der betrogene Titelheld, im zweiten begegnet man in der Rolle des geizigen alten Vaters den einst auch auf unseren Bühnen zu hörenden Sergeï Leiferkus, dem sein feindlicher Sohn in Gestalt von Dmitry Golovnin künstlerisch wacker zur Seite steht. Sergey Semishkur ist sowohl für „Aleko“ wie als Paolo in „Francesca da Rimini“ für die jungen Liebhaber zuständig. Und das Publikum an den Bildschirmen daheim muss sich wie jenes in Brüssel entscheiden, ob man sich hingerissen in diese seltsame Welt fallen lässt oder nur den Kopf schüttelt. Immerhin, die Musik siegt auf ganzer Linie.

Renate Wagner

P.S.  Die DVD hat neben französischen und flämischen nur englische Untertitel.

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Sergei Rachmaninov

TROIKA

Brüssel, Juni 2015

Dirigent: Mikhail Tatarnikov
Brussels La Monnaie – De Munt Opera Chor und Orchester
Regie: Kirsten Dehlholm
Bühnenbild: Maja Ziska
Kostüme: Manon Kündig

ALEKO
Aleko – Kostas Smoriginas
Young gipsy – Sergey Semishkur
Old gipsy – Alexander Vassiliev
Zemfira – Anna Nechaeva
Gipsy woman – Yaroslava Kozina

 THE MISERLY KNIGHT
Baron – Sergei Leiferkus
Albert – Dmitry Golovnin
The Duke – Ilya Silchukov
Money lender – Alexander Kravets
Servant – Alexander Vassiliev

FRANCESCA DA RIMINI
Lanceotto Malatesta – Dimitris Tiliakos
Francesca – Anna Nechaeva
Paolo – Sergey Semishkur
Virgil’s shade – Alexander Vassiliev
Dante – Dmitry Golovnin

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