Der Neue Merker

DUO ROSA „RETURN“ – Eine Liedreise von Luxemburg bis in die Dominikanische Republik

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DUO ROSA „RETURN“ – Eine Liedreise von Luxemburg bis in die Dominikanische Republik – Stephany Ortega bezaubert mit apart leuchtendem Sopran – ET’CETERA CD

Was für eine originelle Idee dieser in der dominikanischen Republik geborenen Koloratursopranistin, die in Luxemburg Gesang, Klavier und Chordirigieren studierte. Stephany Ortega hat nämlich für ihr erstes Album eine imaginäre Reiseroute zu ihren Wurzeln gewählt. Der Hörer checkt daher zu dieser musikalischen Promenade in Luxemburg ein. Da trifft er auf Camille Kerger, einen zeitgenössischen Luxemburger Komponisten, der für das Duo Rosa (zu Stephany Ortega gehört auch die belgische Pianistin Léna Kollmeier) das 10 Minuten einleitende Stück „Aller-Retour“ nach Texten von Jean Portante verfasst hat. Dem stilistischen Parforceritt auf den Spuren von Schoenbergs Brettl-Liedern folgt ein bunter Reigen an eher weniger als mehr bekannten lyrischen Kostbarkeiten von Frankreich über Spanien bis nach Lateinamerika. Spannend ist nicht zuletzt, welche Verbindungen und unsichtbare Einflüsse hier zwischen der musikalisch Alten und der Neuen Welt hörbar werden.

Das musikalische Gravitätszentrum des Ausflugs in exotischere Gefilde liegt eindeutig in Frankreich: Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré, Henri Duparc, Ernest Chausson und Claude Debussy entführen uns auf pastellfarbene, impressionistische Fluren, während Enrique Granados und Manuel de Falla der pfeffrig bis melancholischen spanischen Folkore tönende Denkmäler setzen. Freilich griffen auch französische Meister wie Saint-Saëns („Guitares et mandolines“) spanische Rhythmen auf. Joaquín Rodrigo und Fernando Obradors sind auf dem Album am häufigsten mit jeweils drei bzw. vier Titeln vertreten. Die können auf der Überfahrt nach Lateinamerika ausgekostet werden, bevor den Musikfreund die urwüchsig-bunteren musikalischen Sprachen von Heitor Villa-Lobos in Brasilien, María Grever in Mexiko, Astor Piazzola in Argentinien und Luis Rivera sowie Rafael Solano in der Dominikanischen Republik erfreuen. Das erlaubt einen kleinen sidestep zurück nach Frankreich, wo die meisten der spanischen und lateinamerikanischen Meister ihre Kunst perfektionierten.

Stephany Ortega nennt einen mädchenhaften, spezifisch exotisch timbrierten hohen Sopran à la Kathleen Battle ihr eigen. Nach oft (zu) geraden Tonansätzen folgt bisweilen ein sehr kurzes Vibrato. Ortegas Vortrag ist temperamentvoll, voller Emotion und Charme. Die Verzierungen gelingen durchwegs überaus präzise, die bruchlos geführte Stimme funktioniert in allen Lagen gleich gut. An einer besseren Textverständlichkeit und manchmal Intonation kann allerdings noch gearbeitet werden. Auch ein sparsamerer Einsatz von  Portamenti bei größeren Intervallen nach oben könnte bisweilen nicht schaden. Insgesamt lässt die neue CD mit einer ansprechenden Talentprobe einer vielversprechenden jungen Sängerin aufhorchen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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