Der Neue Merker

DÜSSELDORF/ Deutsche Oper am Rhein: WOZZECK. Neuinszenierung

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein: Berg: WOZZECK   am 25.10.17

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Bo Skovhus als Wozzeck. Copyright: Karl Forster für Deutsche Oper am Rhein

STEFAN HERHEIM, ein Star unter den Regisseuren, konnte für die Düsseldorfer Oper gewonnen werden, Berg´s Wozzeck zu inszenieren. Und ihm glückt eine hochintelligente Deutung, die in jeder Phase des Stücks den Regiemeister erkennen lässt. (Bühne und Kostüme: CHRISTOF HETZER).

Herheim verlegt die Handlung ins Nordamerika der Todesstrafe. Man ist zu Beginn der Stückes Zeuge der Hinrichtung Wozzecks. Das Wachpersonal der Todeszellen verwandelt sich in die Einzelrollen von Büchners Drama. Teils grotesk überzogen, teils romantisch überzeichnet, dann wieder klaustrophobisch jongliert die Inszenierung mit neuen Schwerpunktsetzungen stilsicher einem Ende entgegen, bei dem jeder Opfer und Täter zugleich ist. Marie´s Kind lebt nur in deren Psychose, das Messer ist allgegenwärtig, die Kindergeneration tritt nur semikonzertant auf. Doktor und Hauptmann, ja selbst Wozzeck iniziieren immer wieder neue Todestänze.

Man könnte lediglich einwenden, dass bei dieser Neudeutung das Übersexualisierte sich abnutzt, die Klimax des einen Mordes verloren geht, aber vielleicht geht es Herheim genau darum, die Einzeltat zu nivellieren. Dadurch gerät die Inszenierung bei aller Direktheit und Spielfreude der Akteure weniger emotional als rational.

Das Personal verausgabt sich darstellerisch und wirft sich grandios in die Szenen.

Das gilt -wie eigentlich immer- für den Wozzeck von BO SKOVHUS. Er zeichnet einen ambivalenten Charakter, Täter und Opfer, Spieler und Bespielter. Szenisch eine große Leistung, stimmlich jedoch muss man die mangelnde Mittellage und nicht mehr vorhandene Tiefe, die die Partie durchaus fordert, attestieren. Dort kann sein Bariton keine Resonanzen entwickeln und klingt ausgetrocknet und fahl, während die Höhe Virilität und Strahlkraft behält.

Vokal übertrumpfen ihn daher die Mitspieler: allen voran die in jeder Lage lyrisch wohlklingende Marie von CAMILLA NYLUND, die spielend die großen Sprünge meistert und sich auch beim Sprechgesang nie schont. Wie sie Ihren Körper der Männerrunde preisgibt, zeugt von großer Spielfreude und Hingabe.
Wunderbar ebenfalls der auch sängerisch tänzelnde Tenor MATTHIAS KLINKs, der dem Hauptmann Raffinesse und Witz gibt und in der schweren Partie überlegen bleibt. SAMI LUTTINEN ist ein Bilderbuchdoktor. Selten hat man einen so auftrumpfenden, schwarzen Bassisten in der Rolle vernommen, der oben und unten sogar noch Reserven zu haben scheint und dabei auch die Ironie seiner Partie augenzwinckernd präsentiert. Ebenfalls erstklassig dann gleich der zweite Bass das Abends, der erste Handwerksbursch von THORSTEN GRÜMBEL, dem DIMITRI VARGIN als Kollege potent sekundiert. Als verhärmte Wachfrau ist Margret zu erleben, überzeugend gesungen und gespielt von KATARZYNA KUNCIO. CORNEL FREY strahlt tenoral als etwas mystisches Wozzeck-Alter Ego  Andres. FLORIAN SIMON weitet seine Narr-Rolle spielerisch nachhaltig aus. Einzig CORBY WELCH  bleibt als Tambourmajor seltsam blaß und auch vokal eher wattig als dominant.

Der Chor summt im Männerlager eher kontrolliert als stimmungsgebend, die Damen werden nur zum kurzen Einsatz in der Wirtshausszene bemüht.

Alles wirkt sehr akribisch musikalisch einstudiert, auch das Orchester, die Düsseldorfer Symphoniker, zeigen eine bestens geprobte und kundige Leistung. Von AXEL KOBER am Pult würde man sich bei aller Stringenz etwas mehr südliche (wiener) Lässigkeit wünschen, auch den Mut, das letzte große Zwischenspiel klanglich zu zelebrieren.
Aber so passen Szene und Musik im Vermeiden jedes Sentiments gut zusammen und es gelingt eine stimmig- runde Aufführung.

Blamabel ist der Publikumszuspruch zu nennen. Die Vorstellung war schlecht besucht und so konnte sich auch beim Applaus nicht wirklich Stimmung entwickeln.
Diese Aufführung hat auch überregional mehr Interesse verdient.

Christian Konz

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