Der Neue Merker

DRESDEN/Semperoper: MANON – zum letzten Mal Kenneth McMillans Ballett

Dresden / Semperoper: ZUM LETZTEN MAL: KENNETH MC MILLANS BALLET „MANON“ – 13.10.2017

Es war zwar kein schwarzer, aber ein trauriger Freitag, der 13. Ohne abergläubisch zu sein, erfüllt es doch mit einiger Wehmut, dass das Ballett „Manon“ von der Bühne der Semperoper nach nicht einmal ganz 2 Jahren (Premiere: 7.11.2015) schon wieder vom Spielplan verschwindet. „Das ist das Los des Schönen dieser Welt“, um es mit Friedrich Schiller zu sagen. Angesichts der zahlreich im Parkett und auf den Rängen erschienenen Jugendlichen, die immer wieder begeistert applaudierten, fällt der Abschied besonders schwer.

Choreografie und Inszenierung des britischen Tanzdramatikers Kenneth McMillan (1929-1992), der es verstand, die hochemotionale tragische Liebe zwischen zwei jungen Menschen, Manon Lescaut, der „Unschuld vom Lande“, die eine jähe Veränderung erfährt, und dem jungen Studenten Des Grieux, der die Leidenschaft kennenlernt, eine Liebe, die mit zarten Gefühlen beginnt und in wilder Leidenschaft, Verzweiflung und trostloser Ausweglosigkeit endet, zur Musik von Jules Massenet in die Sprache des klassischen Balletts umzusetzen und damit ein Meisterwerk des narrativen Ballettrepertoires zu schaffen, beeindrucken und bewegen immer wieder von neuem, so lebensnah, ergreifend und emotional aufgeladen schildert er die Geschichte mit den Ausdrucksmöglichkeiten des Tanzes.

Die romantischen Bühnenbilder und stilvollen Kostüme schuf Peter Farmer einst für die Wiener Staatsoper, aber sie erscheinen auch für die Bühne der Semperoper wie geschaffen. Mit verhältnismäßig wenig technischen Mitteln, entsprechend der guten, alten Theatertradition aus Holz, „Pappe“ und illusionistischer Bühnenmalerei, zeichnen sie ein Sittenbild der Entstehungszeit des Romans bzw. vergleichsweise auch der Oper. Mit wenigen, nur den unbedingt erforderlichen Requisiten entfaltet die Choreografie die Handlung und erreicht das Publikum durch die unterschiedlichen Charaktere.

Mit sehr sensiblen, feinfühligen Klängen stimmte die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Leitung von David Coleman auf die Liebesgeschichte ein und steigerte im Verlauf der Handlung die musikalische „Untermalung“, auf die Martin Yates die Musik Massenets mit seiner Orchestrierung und seinem Arrangement reduziert hat, bis zu dramatischen Gefühlsausbrüchen in entsprechender Vehemenz und Lautstärke in sich zuspitzenden Situationen, aber nie vordergründig oder aufdringlich, immer in völliger Übereinstimmung mit den Bewegungen der Tanzenden, wobei das Orchester die etwas plakative, auf das Ballett zugeschnittene Fassung veredelt.

Die Premierenbesetzung der beiden Protagonisten ist längst Vergangenheit – der unvergleichliche Jiří Bubeníček verabschiedete sich von dieser Partie und dem Dresdner Semperoper Ballett schon mit der 2. Vorstellung und wendet sich nun choreografischer Tätigkeit zu, und Melissa Hamilton ging wieder zurück nach London -, aber die derzeitige Besetzung vermochte in ihrer etwas anderen Art ebenfalls zu überzeugen.

Václav Lamparter gestaltete die Rolle des Des Grieux sehr natürlich als junger, anständiger Theologiestudent mit lauteren Absichten, der durch die Schönheit Manons verführt, aus Liebe allmählich in den Sog der morbiden Gesellschaft gerät, alle seine Vorstellungen von Anstand und Ehre über Bord wirft und schließlich sogar zum Mörder wird, um seine geliebte Manon aus den „Klauen“ eines lüsternen Aufsehers zu befreien. Er wirkt wirklich jung und aufrichtig, meisterte die Hebefiguren und bildete mit Chiara Scarrone als Manon ein junges, „schönes Paar“ und einen sinnfälligen Gegensatz zu einer Gesellschaft, bei der Sitte und Moral keine große Rolle spielen.

Zart und mit zerbrechlicher Leichtigkeit tanzte Chiara Scarrone die Manon, geschmeidig bis in die Finger- bzw. Zehenspitzen. Leicht wie eine Feder schwebte sie in die Hebefiguren, u. a. mit gekonnten „Schraubendrehungen“, und kontinuierlich „fließenden“ Übergängen zwischen den einzelnen Figuren, um am Ende gebrechlich und ausgezehrt, Mitleid erregend und weniger schön (vielleicht etwas übertrieben), in Amerika noch einmal das Aufsehen eines Aufsehers (Robin Strona) zu erregen, der sie mit aggressiver Begehrlichkeit quält, und, nachdem ihr Leben in Halluzinationen noch einmal Revue passiert (gekonnte Beleuchtung von John B. Read), einen erbarmenswerten Tod zu erleiden. Sie erfüllte ihre Rolle mit Menschlichkeit. Ihre Stärke war die „Schwäche“ gegenüber Liebe, erotischen Verlockungen, Glanz und Glamour und auch äußeren Gewalten von Mensch und Natur, denen sie nur ihre Zartheit und Schönheit entgegenzusetzen hatte.

Zugegeben, so intensiv und bezwingend, so ausdrucksstark und mit tänzerischen und ausdrucksstarken Glanzleistungen wie die Premierenbesetzung konnten beide nicht sein, aber sie überzeugten durch die Verkörperung ihrer Partien als junges, unschuldiges Paar, das in die Fänge der Gesellschaft mit ihren Verlockungen, aber auch brutalem Egoismus gerät und bis zum Schluss trotz aller anderswirkenden Handlungen das unschuldig liebende Paar bleibt.

Jón Vallejo vertiefte sich als Manons Bruder in die Rolle eines zwiespältigen Gesellen, der, um zu Reichtum zu gelangen, alles tut, keine Skrupel kennt, selbst seine Schwester „verschachert“ und auf Madames Fest in ihrem „Hotel particulier“, wo alle Mädchen käuflich sind, eine köstliche Szene als Betrunkener „hinlegt“ (so wie er öfters gekonnt „fällt“), z. B. auch, wenn er später erschossen wird. Seine Geliebte in Gestalt von Alice Mariani bestach auf ebenfalls diesem Ball mit ihrem tänzerischen Können solistisch und im Pas de deux mit ihm.

Als Madame machte Rebecca Haw eine gute, im doppelten Sinne sehr anständige Figur mit einiger Noblesse. Der reiche Monsieur G. M. wurde überlegen und „großspurig“ von dem großen, schlanken Raphaël Coumes-Maquet verkörpert, und Houston Thomas zeigte sein Können als Bettlerkönig und Hauptmann.

Die, die Handlung unterstützenden, Charakterrollen lagen in den Händen und Füßen bewährter Companie-Mitglieder: Carola Schwab als Wirtin und später als Hafenbewohnerin, Ralf Arndt als alter Lebemann und Hans-Detlef Vogel als alter Gönner.

Mitglieder des Semperoper Ballett, des Elevenprogrammes mit der Palucca Hochschule für Tanz Dresden und der Komparserie beteiligten sich mit viel Engagement an den, die Haupthandlung unterstreichenden, ergänzenden und bereichernden, sehr lebendigen Volks- und anderen Szenen. Sie stellten die Kurtisanen, Dirnen, Gönner, Bettler und Bettlerinnen, Wachmänner, Bürgerinnen, Garnisonssoldaten, Schauspielerinnen, Dienstmädchen, Kutscher, Reisende, Lakaien, Diener, Edelleute, Dorfarbeiter und Kinder, ein Großaufgebot an Mitwirkenden, die sich intensiv am Geschehen beteiligten. Oft fanden neben der Haupthandlung kleine, humorvolle oder sehr ernste Begebenheiten als Nebenhandlungen statt, bis ins Detail durchdacht.

Die Handlung, ihre vor allem die Emotionalität des brisanten Stoffes unterstreichende, Umsetzung durch die Mittel und Möglichkeiten des Tanzes, die ansehnlichen Leistungen der Tanzenden, das ausdrucksvolle musikalische Fundament durch die Sächsische Staatskapelle und last but not least die in jeder Situation den eindrucksvollen Rahmen bildende Bühnengestaltung sowie die stilvollen Kostüme verschmolzen auch an diesem, leider letzten Abend zu einer faszinierenden Einheit.

Ingrid Gerk

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