Der Neue Merker

DRESDEN/Semperoper: „DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL“ – einfach nur märchenhaft

Dresden / Semperoper: „DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL“ – EINFACH NUR MÄRCHENHAFT

– 15.5.2017

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Welch Entsetzen bei Blonde (Tuuli Takala), Pedrillo (Manuel Günther), Konstanze (Simona Šaturová) und Belmonte (Joel Prieto): der Fluchtversuch ist entdeckt – von Osmin (Dimitry Ivashchenko)! © Jochen Quast

Was neuerliche Inszenierungen und vor allem Bühnenbilder betrifft, scheint man schon wieder „zurückzurudern“ – sehr zur Freude des Publikums – weg von Tiefgarage und Affenplanet. Man denke nur an die gelungenen Inszenierungen von „Le Corsaire“ und „Falstaff“ an der Wiener Staatsoper. Jetzt kehrt so mancher Regisseur zurück zu schönen, farbigen Bühnenbildern, manchmal auch mit etwas zu viel des Guten, denn der Grat wirklich großer Theaterkunst ist schmal.

Mit der Neuinszenierung der „Entführung aus dem Serail“, dem Höhepunkt der Dresdner Mozart-Festtage an der Semperoper, Ostern 2017, stellt sich Michiel Dijkema erstmals an diesem Haus vor. Es ist seine bisher „konservativste“ Inszenierung, ein „Gemisch“ aus bilderbuchhaften Bühnenbildern, verhalten moderner Regie und auch versteckter Doppeldeutigkeit. Die in Personalunion entworfenen, fantasievollen Bühnenbilder wirken im ersten Moment sehr ansprechend, aber auch ein wenig naiv, so, wie sich Dijkema offenbar vorstellt, wie man sich zu Mozarts Zeiten den Orient vorgestellt haben mag.

Im 18. Jh. hatte die Wiener Gesellschaft Lust auf Exotisch-Orientalisches, auf fremde Kultur. Ein Blick in die Fremde, wie das osmanische Reich, war verlockend und versprach eine erfrischende Bereicherung der eigenen Lebensart. Das Exotische, das, fernab aller Realität und wirklicher Kenntnisse, durch Bilder, Berichte und Literatur Pseudowahrheiten vermittelte, bot, zuweilen in utopisch-träumerisches Licht getaucht, in märchenhafter Übertreibung, viel Stoff zum Träumen und für Opern, Festlichkeiten, Architektur, Porzellangestaltung usw. Auch Joseph Haydn komponierte exotische Stoffe. August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, ließ z. B. zur Hochzeit seines Sohnes mit einer habsburgischen Prinzessin einen Festakt in einem türkischen Zelt veranstalten.

In diesem Kontext gestaltete Dijkema seine Inszenierung, humorvoll und unterhaltsam, nicht ohne Übertreibungen und mitunter auch ein wenig oberflächlichen Gags, wie sie Kinder und Jugendlich lieben. Da werden bilderbuchartige Landschaftsteile hin- und hergeschoben, um das Bühnenbild zu beleben, schiebt sich ein Krokodil am Beginn und am Ende über die Bühne, spielen zwei „echte“ Kamele – mit menschlichen Beinen(!) – mit, muss sich der gestylte „Salonlöwe“ Belmonte erst einiger exotischer Tiere und Kleinlebewesen erwehren, bis er in ein Erd- und Schlammloch versinkt, erst vielleicht zur Tarnung oder weil er in den Erdboden versinken möchte, dann von Osmin hineingedrückt und schließlich, mit Blutegeln übersät, mühsam von Pedrillo wieder herausgezogen.

Da erscheinen die Haremsdamen beim Aufzug des Bassa Selim mit großem Gepränge im „goldenen“ Käfig, in den er später selbst hineinschlüpft, vermutlich, weil er sich in seinem Verhältnis zu Konstanze be- und gefangen fühlt, werden pomphaft viele Kerzenleuchter für ein „Candle-Light-Diner“, bei dem der Sultan Konstanzes Entscheidung fordert, aufgehängt, einer wie zur Drohung an einem Baum. Da schleppt Pedrillo eine Standuhr herbei, damit die Gongschläge bis 12 Uhr gehört werden können, tobt ein gewaltiges, nicht enden wollendes Gewitter beim Fluchtversuch der Europäer (Spanier) mit Blitz und Donner, bei dem Wand- und Kronleuchter im Zuschauerraum durch wiederholtes Aufflammen „mitwirken“ (das hatten wir schon einmal bei einer älteren Inszenierung des „Barbier von Sevilla“). Da schweben zum Schluss die beiden Damen mittels quer über die Bühne gespanntem Seil davon, um zu entfliehen und steigen die begnadigten Spanier schließlich über eine Leiter in ihr Boot auf einem „Hoch-Dock“, um davonzusegeln.

So ganz glücklich war man dabei aber dann doch nicht. Trotz immer wieder hübschen, immer wieder hin- und hergeschobenen idyllischen Bühnenbildern und der lebhaften Handlung fühlt sich da der anspruchsvolle Opernbesucher etwas unterfordert, selbst wenn im, in barocker Manier umwölkten Hintergrund-Himmel, durch sehr geschickte, opulente „Barock“-Beleuchtung (Fabio Antoci) vielsagende Bilder schemenhaft in antiquierten Orientvorstellungen vom arabischen Privatleben oder auch dramatisch-bedrohliche Bilder mit modernen Deutungsmöglichkeiten eingeblendet werden, um eine dramatische Wendung der Handlung anzudeuten, und witzige Gags eingestreut werden. Man kann sich nicht ganz der Vorstellung eines für Kinder und Jugendliche inszenierten Stückes erwehren. Den zahlreich erschienenen Jugendlichen hat es gefallen. Sie fanden sich auch nach der Pause wieder auf ihren Plätzen ein, verfolgten aufmerksam das Geschehen auf der Bühne und applaudierten am Ende kräftig – auch ein schöner Erfolg.

Die Oper enthält aber wesentlich mehr Brisanz. Die durch Mozarts Musik noch immer berührende Emotionalität der Oper bleibt „auf der Strecke“. Die komplexe Struktur und dramatische Tiefe der Oper wird nur bedingt berührt. Es ist eben doch nicht so einfach, publikumswirksam zu inszenieren und gleichzeitig ein hohes Niveau zu wahren. Bunt ist nicht gleich bunt und gefällig nicht immer auch Kunst, denn gerade die heitere Kunst ist schwer zu machen.

Zu den aufwändigen Kostümen im Barockstil von Claudia Damm und Jula Reindell, die in ihrer exotischen Farbenfreude auch künstlerischen Ansprüchen genügen, müssen die Akteure plumpe Stiefel mit den berühmten türkischen Spitzen tragen, die ihnen einen tapsigen Gang verleihen, was lustig wirken soll, aber vorwiegend jüngere Leute amüsiert. Man muss die Inszenierung schon sehr genau hinterfragen und die Bühne aufmerksam beobachten, um die nicht vordergründigen Botschaften zu erkennen.

Die Regie kommt auch hier nicht ohne reichlich Gewalt aus. Osmin drangsaliert bei jeder Gelegenheit den augenfällig schwächeren Pedrillo und lässt am Ende noch vor dem Urteil des Pascha in sadistischer Vorfreude alle möglichen Foltereinrichtungen und Gerätschaften vom Militär herbeischaffen, um die Gefangenen, deren Fluchtversuch durch Verrat fehlgeschlagen ist, im wahrsten Sinne des Wortes vorbereitend „schmoren“ zu lassen, bis ihm Bassa Selim mit seiner Entscheidung im humanistischen Sinn, ohne daraus Nutzen für sich selbst zu ziehen, sondern mit Verzicht, die Freude verdirbt. – Ende gut – alles gut? Rache auf dem Gnadenweg niedergeschlagen – ein utopischer Wunschtraum der Menschheit, eine unerwartete Wendung, eine Hoffnung auf eine bessere Welt – oder sinnt nicht Osmin seiner Tradition verfallen, aus seiner Sicht gedemütigt, enttäuscht und empört, auf Rache? Er ist ideell noch nicht soweit.

Während alle anderen Mozart-Opern an der Semperoper in Originalsprache (italienisch) gesungen werden, wird sein Singspiel, die „Entführung“ deutsch gesungen (auch in Originalsprache) mit deutschen und englischen Übertiteln. Bei den eingeblendeten deutschen Texten beschränkt man sich auf die Arien, wobei wegen der ausländischen Sängerinnen und Sänger auch ein Einblenden der gesprochenen Texte angebracht wäre.

Genau 4 Wochen nach der Premiere (15.4.2017) war noch die Premierenbesetzung zu erleben, bevor andere Sängerinnen und Sänger die Rollen übernehmen. Wie so oft bei neuen Inszenierungen lenkt auch hier die sehr abwechslungsreiche Handlung vom musikalischen Teil ab, was auch vorteilhaft sein kann, aber man ist ständig mit der Bühne beschäftigt, obwohl doch diese Oper ihre „Daseinsberechtigung“ in unserer Zeit vor allem der Musik Mozarts mit den bekannten „Ohrwurm“-Arien, wie Konstanzes „Martern-Arie“, Blondes „Welche Wonne, welche Lust“, Pedrillos „Auf zum Kampfe“ und der exotisch klingenden Janitscharen-Musik verdankt.

Dafür, dass diese Arien auch wie solche wirkten, sorgten die beiden Damen. Simona Šaturova, die mit der Partie der Konstanze ihr Hausdebüt in Dresden gab, konzentrierte sich vor allem auf die Bewältigung der technischen Schwierigkeiten, spannte große musikalische Bögen und meisterte die vielfältigen Koloraturen. Tuuli Takala (Junges Ensemble) verlieh der Blonden die nötige Vitalität. Sie hatte das Herz auf dem rechten Fleck und die Partie in ihrer ausdrucksfähigen Stimme.

Seiner Rolle als Diener gemäß, blieb Manuel Günther darstellerisch und gesanglich etwas zurückhaltend, doch noch zurückhaltender agierte und sang sein Herr, Joel Prieto  als Belmonte. Er war nicht die zentrale Gestalt, die man eigentlich von dieser Rolle erwartet. Dem dienstbeflissenen Haremswächter, Gärtner und sonstigem Aufseher Osmin verlieh Dimitry Ivashchenko eine gute, „rundliche“ Gestalt im passenden Kostüm und gute Sprechstimme. Beim Gesang verlegte er sich, wenn es um die problematische Tiefe ging, zuweilen auf sehr leise Töne, die der Gestalt des sonst so gefürchteten Wächters mit den Argos-Augen eher Zurückhaltung und auch ein bisschen menschliche Schwäche verliehen.

Der Sächsische Staatsopernchor Dresden in der Einstudierung von Cornelius Volke sang sehr zuverlässig und unterstrich die Aufführung musikalisch und darstellerisch mit seiner Gegenwart. Die Sächsische Staatskapelle Dresden musizierte mit Leichtigkeit und wie selbstverständlicher, echt Mozartscher Spielfreude unter der Leitung von Christopher Moulds. Zwischen Orchester und Bühne ergab sich ein glückliches Zusammenspiel.

 

Ingrid Gerk

 

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