Der Neue Merker

DRESDEN/Semperoper: 4. AUFFÜHRUNGSABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN

Dresden / Semperoper:  4. AUFFÜHRUNGSABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN –  7.7. 2017

Mit einem interessanten, sehr kontrastreichen Programm ihres 4. Aufführungsabends beschloss die Sächsische Staatskapelle Dresden die Konzertsaison 2016/17. Jede der drei aufgeführten Kompositionen hatte ihren eigenen Charakter, der sich stark von den beiden anderen Werken unterschied, und ihren eigenen Reiz.

Bereits das erste Stück, das „Adagio for Strings“ von Samuel Barber, der für Streichorchester arrangierte 2. Satz seines 1936 komponierten Streichquartettes Nr. 1 (op. 11), uraufgeführt 1938 in New York vom NBC Symphony Orchestra unter Arturo Toscanini, war  ein ungewöhnliches Klangerlebnis.

Am Pult stand der junge israelische Dirigent Lahav Shani, dessen Karriere 2013 mit dem Ersten Preis des Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbes in Bamberg begann. Er studierte in Tel Aviv und Berlin und dirigierte bereits namhafte Orchester, u. a. die Wiener Symphoniker und die Wiener Philharmoniker. Mit der Saison 2018 /19 übernimmt er die Position des Chefdirigenten des Rotterdams Philharmonisch Orkest.

Unter seiner erstaunlich reifen, von natürlicher Musikalität geprägten, Leitung begann Barbers  „Adagio for strings“ leise, sehr leise „wie ein langgestreckter Seufzer“. Danach „strömte“ die Musik stetig fließend in ungewohnter Metrik, nicht ohne innere Spannung, aber so, als wäre die Zeit aufgehoben, weiter bis zum Ende, das eigentlich keines ist – eine ungewöhnliche Komposition, die sich – ähnlich der Gregorianik – ohne große Kontraste, ohne eigentliches Ende wie auf einem bestimmten „Plateau“ bewegt, eine nachdenkliche, träumerische, vielleicht auch „traurige“ Musik, aber auch faszinierend und mit einer fast unbewussten Anziehungskraft.

Sie gilt als Barbers populärste Komposition und wurde wahrscheinlich gerade wegen ihres getragenen Duktus bei den Beerdigungen der USA-Präsidenten Roosevelt und Kennedy sowie bei den Beisetzungen von Grace Kelly und Rainier III. von Monaco sowie Albert Einstein gespielt und erklang zum Gedenken an die Opfer des 11. September 2001 am 13.9.2001 über  viele Radiostationen in Europa und zum ersten Jahrestag dieses erschütternden Ereignisses in New York. 

Ganz anders verhält es sich beim zweiten Werk des Abends, dem aus einem Cembalokonzert rekonstruierten „Konzert A‑Dur für Oboe d’amore, Streicher und Basso continuo“ (BWV 1055 R) von J. S. Bach, das in der streng geordneten Kompositionsweise von Polyphonie und Kontrapunkt, lebensfrohe, opulente Klangfreude entwickelt. Das Original – vermutlich aus der Köthener Zeit – gilt als verschollen, Bach schrieb es wahrscheinlich während seiner Leipziger Zeit für Cembalo um.

Er schätzte die Oboe d’amore wegen ihres warmen, der menschlichen Stimme verwandten, Klanges. Der Solist des Abends, Bernd Schober, Solooboist und Kammervirtuos der Sächsischen Staatskapelle, verstand es meisterhaft, diesem Klang mit seinem Farbenreichtum in den ausgeprägten Kantilenen des Soloparts und im Wechselspiel mit dem Orchester  nachzuspüren, in großen musikalischen Bögen Spannung aufzubauen und das dreisätzige, 14minütige Konzert in schönster Weise zum Klingen zu bringen. Wie könnte es bei Bach in so guter Interpretation anders sein, es war ein geistiger, ein musikalischer und ein Hörgenuss.

In starkem Kontrast dazu stand die „Symphonie Nr. 2 für Orchester“ von Kurt Weill, den wohl jeder als den Komponisten der „Dreigroschenoper“ kennt. Seine Instrumentalmusik ist hingegen weitgehend unbekannt, weil auch wesentlich seltener zu hören. Seine Symphonie forderte die Aufmerksamkeit mit herber, oft auch derber Tongebung, Rhythmik, lautstarkem Temperament und reichlich beschäftigter Pauke mit harten Paukenschlägen im Fortissimo, aber auch einigen feineren im Pianissimo. Ein klangvoller „Marsch“ der Bläser im 3. und letzten Satz, den die exzellenten Bläser der Kapelle mit Bravour umsetzten, schaffte eine gewisse „Klangoase“, die von einigen wenigen, von der Kapelle mit ihrem besonders feinfühligen Klangsinn gespielten, Passagen ergänzt wurde.

Ingrid Gerk

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