Der Neue Merker

DRESDENS MILITÄRHISTORISCHES MUSEUM GEHT NEUE WEGE

Dresdens Militärhistorisches Museum geht neue Wege, 15.03.2014

von Ursula Wiegand

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Jedenfalls bei einem Wochenende in Dresden. Erste Tat: morgens von der Waldschlösschenbrücke am rechten Elbufer Richtung Altstadt spazieren.

Schloss Lingner bei Dresden, 2
Schloss Lingner bei Dresden. Foto: Ursula Wiegand

Die Elbschlösser strahlen bereits im Sonnenschein, nur ihren Weinbergen fehlt noch das frische Grün. Dagegen liegt die Frauenkirche im Gegenlicht und wirkt fast wie ein Scherenschnitt. Erst allmählich wird sie klarer erkennbar.

Dresden, Frauenkirche im Gegenlicht
Dresden, Frauenkirche im Gegenlicht. Foto: Ursula Wiegand

Eine kleine Fähre kreuzt gerade den Fluss. Die Sächsische Dampfschifffahrt mit der Rekordzahl von neun historischen Schaufelraddampfern hat aber noch weitgehend Winterpause. Seit dem 12. März gibt es zwar schon eine Schlösserfahrt um die Mittagszeit sowie einige Stadttouren bis zum Blauen Wunder. Ab 11. April startet die Weiße Flotte dann mit Volldampf in die Vorsaison.

Frauenkirche, Blick vom Hausmannsturm
Frauenkirche, Blick vom Hausmannsturm. Foto: Ursula Wiegand

So gesehen, bietet sich ein Streifzug durch die Altstadt und ein Gang zum sanierten Residenzschloss an, um dort auf den Hausmannsturm zu steigen. Über die Dächer geht der Blick auf die Frauenkirche. Allein dabei sollte es jedoch nicht bleiben. Also Hineingehen ins Gotteshaus und drinnen einer Orgelandacht beiwohnen
(werktäglich um 12.00 Uhr) oder eine der hochkarätig besetzten Geistlichen Sonntagsmusiken besuchen (nächste Termine: 24.03., 14.04. und 28.04., jeweils um 15.00 Uhr).

Auch ein Museumsparcours hat viel für sich. Da aber Dresden 56 höchst unterschiedliche Museen besitzt, fällt die Auswahl schwer. Mal wieder in der Gemäldegalerie die Sixtinische Madonna anhimmeln? Oder erneut vorm Grünen Gewölbe Schlange stehen, um die Preziosen August des Starken und seiner Nachfolger zu bestaunen und anschließend seine Porzellansammlung im Zwinger?

Dresden, Albertinum-Fassade
Dresden, Albertinum-Fassade. Foto: Ursula Wiegand

Kunstsinnige lockt überdies das vor vier Jahren drinnen neu gestaltete Albertinum. Da zur Zeit überall der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 ein großes Thema ist, begeht das Albertinum dieses düstere 100jährige „Jubiläum“ mit einer Otto Dix Ausstellung vom 5. April bis 13. Juli. Keiner seiner Zeitgenossen hat so wie er die Schrecken des Krieges in seinen Werken dargestellt und angeprangert.

Militärhistorisches Museum mit Libeskind-Keil, 1
Militärhistorisches Museum mit Libeskind-Keil. Foto: Ursula Wiegand

Solche europaweit gepflegten Erinnerungen an 1914 – aber auch die noch größeren Schrecken des Zweiten Weltkriegs – animieren zunächst kaum zu einem Gang durch das Militärhistorische Museum (MHM), eines der modernsten historischen Museen Deutschlands. Doch gerade dieses Museum, inzwischen in Händen der Deutschen Bundeswehr, liefert Denkanstöße en masse.

Daher sind es nicht nur die über 10.000 Exponate auf 13.000 qm Fläche, die den Besuch lohnenswert machen. Vielmehr ist es der neue, ganz andere Ansatz, der dieses Militärmuseum zu etwas Besonderem macht.

Denn hier geht es nicht um eine Waffenschau inklusive klammheimlicher Kriegsglorifizierung. Hier geht es vielmehr um die Kulturgeschichte der Gewalt, die allenthalben Unheil und Leid erzeugt. Indirekt ein deutlicher Friedensappell.

Schon die veränderte Fassade rüttelt auf. Aus dem lang gestreckten klassizistischen Bau ragt neben dem Säulenportal ein schräg himmelwärts gerichtetes transparentes Dreieck heraus, der „Libeskind-Keil“, das Fanal des von Stararchitekt Daniel Libeskind konzipierten asymmetrischen Erweiterungsbaus. Anders betrachtet, bohrt sich der Keil im 40,1 Grad-Winkel – den Streuungswinkel der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 nachempfindend – in den historischen Arsenalbau von 1897. Ein Pfahl im Fleisch jedweder Gewaltverherrlichung. Von der Seite gesehen, wirkt er fast wie ein Flügel.

Militärhistorisches Museum, Libeskind-Keil seitlich
Militärhistorisches Museum, Libeskind-Keil seitlich. Foto: Ursula Wiegand

Im Altbau sind die Exponate chronologisch geordnet, von 1300 bis in die Neuzeit. Der Rundgang beginnt im Erdgeschoss mit der Ausstellung „Spätmittelalter bis 1914“, unterteilt in die Epochen 1300-1500, 1500–1806 und 1806–1914. Das erste Kabinett widmet sich der „Gewalt im Mittelalter“. Über das Söldner- und Landsknechtswesen und die Bauernkriege geht es weiter zum Dreißigjährigen Krieg, den Türkenkriegen und den Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts. Das alles genau zu betrachten und die Erklärungen zu lesen, würde wohl Wochen dauern, zumal mich der so andersartige, aber perfekt integrierte Libeskind-Anbau mit seinen Exponaten mehr interessiert.

Militärhistorisches Museum, Blick aus dem Libeskind-Keil, 1
Militärhistorisches Museum, Blick aus dem Libeskind-Keil. Foto: Ursula Wiegand

Dieser Rundgang durch den vertikal gegliederten, geschossübergreifenden Gebäudeteil startet anders als üblich im 4. Stockwerk mit dem sog. Dresden Blick. Von einer offenen, raffiniert „vergitterten“ Veranda – mit dünnen Drähten als Schutz gegen Tauben – schauen die Besucher bis zur Altstadt. In der Ferne zeichnet sich im Elbe-Dunst die Frauenkirche ab, deren 10jähriges Wiederaufbau-Jubiläum im nächsten Jahr gefeiert wird.

Libeskind, der einen Großteil seiner Familie in Ausschwitz verlor, weist mit diesem Dresden Blick nach eigenen Worten „auf das Neue, das positive Leben dieser Stadt, ihre Wiederauferstehung“ hin. Nun hinunter gehend lauten die Themen „Krieg und Gedächtnis“, „Politik und Gewalt“. Der Einfluss des Militärs auf Sprache, Musik, Mode und Spiele wird ebenfalls untersucht.

Militärhistorisches Museum, Tierpräparate, 2
Militärhistorisches Museum, Tierpräparate. Foto: Ursula Wiegand

„Tiere im Krieg“, ihre Aufgabe, ihr Leid und ihre Symbolkraft – auch das ist ein neuer Gedanke. Dem stattlichen Elefanten folgen u.a. ein Dromedar, ein Löwe, ein Pferd mit Primitiv-Gasmaske, ein Schaf mit nur noch drei Beinen und ein Hund mit Sprengstoffpaket unterm Bauch.

Staatskarosse von Charles de Gaulle
Staatskarosse von Charles de Gaulle. Foto: Ursula Wiegand

Neben dieser außergewöhnlichen Tier-Gala hat sich noch anderes in meinem Gedächtnis besonders festgesetzt: Der blank polierte, aber doch relativ bescheidene Staatswagen des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle im Gegensatz zur protzigen Nobelkarosse, die sich die DDR-Regierungschefs leisteten.

Militärhistorisches Museum, Sojus-Kapsel
Militärhistorisches Museum, Sojus-Kapsel. Foto: Ursula Wiegand

Die Astronauten in den sowjetischen Sojus-Raumschiffen, entwickelt in den 1960’er Jahren, hatten wesentlich weniger Platz. Eine Sojus-Raumkapsel ist hier zu sehen und auf der früheren  „westlichen Seite“ ein Starfighter-Schleudersitz.

Starfighter-Schleudersitz von 1970
Starfighter-Schleudersitz von 1970. Foto: Ursula Wiegand

„Witwenmacher“ wurde er zynisch genannt, gingen doch von den 916 Kampfjets 253 verloren. 110 Piloten büßten beim Absturz ihr Leben ein. In Friedenszeiten!

Zusätzliche Denkanstöße bietet die bis 8. April laufende Sonderausstellung „Schuhe von Toten – Dresden und die Shoa“.

Die 60 Schuhe von Menschen, die im Konzentrationslager Majdanek in Lublin umgebracht wurden, sind allerdings in der Dauerausstellung geblieben. Stattdessen vertiefen sich die Besucher in die Schriftstücke und Fotos, Zeugnisse zerstörter Leben. Von den Schuhen erzählt jedoch das Gedicht einer Zwölfjährigen, die solche Schuhe im KZ Majdanek sortieren musste und später dort selbst umkam.

Gedicht - Schuhe von Toten
Gedicht – Schuhe von Toten. Foto: Ursula Wiegand

Ihr Gedicht haben die Mithäftlinge auswendig gelernt, bei der Gerichtsverhandlung gegen die Lagerkommandanten (1975-81) wurde es bekannt und niedergeschrieben. Dem „Warum“ dieses Mädchens stellt sich das Militärhistorische Museum. Denn diese verzweifelte Frage eines Kindes ist nach wie vor aktuell.

Öffnungszeiten des MHM täglich außer Mittwoch von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr, montags bis 21.00 Uhr. Adresse: Olbrichtplatz 2,  01099 Dresden (Neustadt).

Empfehlenswert ist auch das im Parterre befindliche Restaurant „Zeitlos“. Dort wird mit überwiegend regionalen Produkten frisch und lecker gekocht. (U.W.)

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