Der Neue Merker

DRESDEN/Palais im Großen Garten: SONDERKONZERT AM GRÜNDUNGSTAG DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – LEIDER OHNE PETER SCHREIER

Dresden /Palais im Großen Garten:  SONDERKONZERT AM GRÜNDUNGSTAG DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – LEIDER OHNE PETER SCHREIER – 22.9.2017

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Die Sächsische Staatskapelle an ihrem Gründungstag beim Konzert im noch ruinösen Festsaal des Palais‘ im Großen Garten. Fotograf : Matthias Creutziger

Runde Geburtstage werden oft groß gefeiert, man kann aber auch die „kleinen“ feiern, wenn es sich um ein besonderes Ereignis handelt. Seit 2015 wird nun bei der  Sächsischen Staatskapelle Dresden jedes Jahr „Geburtstag“ gefeiert. Genau an dem Tag, an dem die Dresdner Hofkapelle 1548 gegründet wurde, aus der bei fortwährendem Bestehen die Sächsische Staatskapelle hervorgegangen ist, wird mit einem Sonderkonzert an dieses denkwürdige Ereignis erinnert. Im Prinzip wurden nur Name und Rechtsträgerschaft dieses Orchesters im Laufe der Zeit geändert, die Qualität und ihr guter Ruf blieben über die Jahrhunderte bestehen.

Diese Konzerte finden an den Orten statt, wo die Dresdner Hofkapelle einst wirkte. Nach Schlosskapelle und Semperoper wurde nun das Palais im Großen Garten als besonderer Aufführungsort gewählt, denn auch hier hatte die damalige Dresdner Hofkapelle ihren Wirkungsbereich, wo u. a. auch Richard Wagner und Robert Schumann als Dirigenten vor diesem Orchester standen.

Als besonderer Höhepunkt sollte und wollte Peter Schreier an diesem denkwürdigen Tag die Kapelle leiten. Seine zahlreichen Fans hatten sich sehr auf ein Wiedersehen mit ihrem Lieblingssänger und -dirigenten gefreut und mussten nun enttäuscht werden. Peter Schreier musste wegen kurzfristiger Erkrankung leider absagen, was er wohl selbst am meisten bedauert hat, denn Dirigieren ist seine große Leidenschaft.

Dankenswerterweise hatte der, ebenfalls der Staatskapelle sehr verbundene, Michail Jurowski die Leitung des Konzertes mit dem ursprünglichenProgrammübernommen, das der(Wieder‑)Entdeckung der Langsamkeit und dem Umgang mit dem Unvollendeten und Fragmentarischen gewidmet war.

Eröffnet wurde das Konzert mit „FestinaLente“, einer einsätzigen Komposition für Streichorchester und Harfe von Arvo Pärt, dem Capell-Compositeur dieser Saison. Erüberträgt darin das,aus dem Lateinischen stammende, sich auf das altgriechische Motto »Eile mit Weile« beziehende Sprichwort „festinalente“ auf die Form eines Proportionskanons. Dieses Sprichwort machte sich schon derrömische Kaiser Augustus zu eigen und Shakespeare legte es der Julia in den Mund, als er sie auf Romeos Worte: “ O lass uns fort von hier, ich bin in großer Eile“ antworteten ließ: „Wer hastig läuft, der fällt, drum eile nur mit Weile“.

 Bereits das Zeitmaß„Molto lento“ weist darauf hin, dass es sehr ruhig und bedachtsam in diesem Stück mit Zahlenspielen und Anlehnung an die Kompositionsweise der Barockzeit zugeht. Die „Ungleichheit des Gleichzeitigen“ wird tonal und mit ineinanderfließenden musikalischen Linien umgesetzt, denen das Orchester in kleiner, fast kammermusikalischer Besetzung klangreich nachspürte und den emotional und geistig ausgeglichenen, fast verträumten Charakter mit opulentem Klangrausch wirkungsvoll zur Geltung brachte.

Nach einer etwas längeren Umbaupause folgte die „Uraufführung“ einer „Sinfoniaconcertante A-Dur“von W. A. Mozart, vervollständigt und adaptiert von Jeffrey Ching, einem englischen Komponisten chinesischer Abstammung, der sie2016 als Auftragswerk der Lady Music Fellowship zur Goldenen Hochzeit von Kenneth and Nelly Fung verfasste. Ching kombinierte das„Allegro (KV Anh. 104 (320), das „Adagio E-Dur“ (KV 261) und das „Rondo. Allegro” (KV Anh. 72 (464)und verband und ergänzte alles mit eigenenKlängen. So entstand eine Verbindung von europäischem immateriellem Kulturgut und fernöstlicher Sicht – für Ching kein Problem, für Mozartliebhaber aber vielleicht ein Stilbruch, der die innere Harmonie stört.

Von den deutschen oder österreichischen Komponisten wagt kaum jemand, mit Mozart respektlos umzugehen, ihn ergänzen oder gar „verbessern“ zu wollen oder mit ihm kompositorisch zu „spielen“. Ching“vervollständigte“ die Teile aus seiner Sicht mit eigenen, für Mozart atypischen, eher modern oder fast romantisch anmutenden Passagen und adaptierte die Teile zu einem „Tripelkonzert“ für größeres Orchester.

Das aus Matthias Wollong, Violine, Norbert Anger, Violoncello (beide auch Solisten des Bayreuther Festspielorchesters) und Sebastian Herberg, Viola, bestehende Solistentrio sowie die Staatskapelle boten die Komposition dennoch mit ihrer Gewissenhaftigkeit und Hingabe „wie aus einem Guss“. Die „Kadenz“ zu dritt war, engsprechend der traditionsgemäß üblichen künstlerischen Freiheit, sehr modern tönend angelegt, aber von den drei Musikern klangvoll und im Einklang gespielt. Es gab sehr schöne Cellopassagen mit „singendem“ Ton, die MozartsGenialität entgegenkamen und von Viola und Violine aufgenommen wurden und wenig später eine schöne Solo-Violinen-Passage, in die die Bratsche und danach das Cello einstimmten. Das Ganze endete mit einem sehr temperamentvollen Schluss.

Ching, der auch anwesend war, hat den Charakter von Mozarts Musik aus seiner Sichtversachlicht und in die Jetztzeit transferiert. Bei der frischen, vitalen Wiedergabe „setzte sich“ aber – wie könnte es anders sein – Mozart immer wieder „durch“ und „behielt den Sieg“. Er ist nun einmal nicht zu toppen, auch wenn es, flüchtig betrachtet, mitunter so scheinen mag und erin Verkennung seiner Genialität als nur leicht und heiter und technisch weniger schwierig betrachtet wird. Kein Geringerer als Peter Schreier brachte es auf den Punkt, als er aus eigener Erfahrung berichtete, wie sehr Mozarts Genialität immer deutlicher wird, je mehr und intensiver man sich mit seiner Musik beschäftigt.

Franz Schuberthat mit seiner „Sinfonie Nr. 7 h‑Moll“ (D 759), der„Unvollendeten“, die glücklicherweise noch niemand „vollendet“ hat, ein Werk hinterlassen, das vielleicht wegen seiner Entstehung Rätsel aufgibt, aber immer wieder stark berührt. Sie erschien unter Jurowskis Leitung ebenfalls in die Jetztzeit geholt als großangelegte Sinfonie der Romantik (die sie ihrer Entstehungszeit nach auch ist, aber mit Schuberts Mentalität doch in eine andere Richtung tendiert) mit – wie jetzt allgemein üblich – unverhältnismäßig lauter und sehr harter Pauke, die beinahe verselbständigt erscheinend, der Sinfonie mit ihrer sensiblen, wehmütigen Stimmung einen anderen Charakter verlieh. Es fehlte zunächst die organische Verbindung zwischen der Pauke, die sich erst später in den Gesamtklang einfügte, und dem „übrigen“ Orchester, das mit edlem, feinnervigem Spiel den Intentionen und Emotionen Schuberts nachspürte.

Das Publikum war auch mit dieser „kleinen Unstimmigkeit“ von dem Werk begeistert, weshalb Michail Jurowski mit freundlichen Worten eine Orchesterzugabe ankündigte, die mit gelöster Heiterkeit gespielte „Gavotte“ aus der „Sinfonie classique“ von Sergej Prokofjew

Ingrid Gerk

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