Der Neue Merker

DRESDEN/Frauenkirche: WEIHNACHTSORATORIUM – einmal nicht von J.S. Bach, sondern von G.A. Homilius

Dresden/Frauenkirche: “WEIHNACHTSORATORIUM“ – EINMAL NICHT VON J. S. BACH, SONDERN G. A. HOMILIUS – 9. 12. 2016

Landauf, landab wird vor und kurz nach Weihnachten in Deutschland J. S. Bachs „Weihnachtsoratorium“ in den verschiedensten Zusammenstellungen der Kantaten aufgeführt und erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit. Warum aber immer nur das eine? Es gibt weitere interessante Weihnachtsmusik und auch -oratorien, wenn auch weniger umfangreiche, wie z. B. das von Camille Saint-Saëns oder von Gottfried August Homilius (1714-1785), dem einstigen Dresdener Frauenkirchen-Organisten und Kreuzkantor, der lange Zeit in Vergessenheit geriet, dessen Kompositionen aber seit seinem 300. Geburtstag in diesem Jahr wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt sind, sich immer wieder als positive Überraschung in die Herzen des Publikums „schleichen“ und sich allgemeiner Zustimmung und Beliebtheit erfreuen.

Dresdner Philharmonie und Phiharmonischer Chor Dresden wählten dieses „Weihnachtsoratorium“ als bekrönenden Höhepunkt und Abschluss ihres weihnachtlichen Konzertes in der Dresdner Frauenkirche. Zuvor aber überließen sie der Jugend das Podium, dem Philharmonischen Kinderchor Dresden, der auf Anregung des damaligen Chefdirigenten der Dresdner Philharmonie, Kurt Masur 1967 gegründet wurde und heute zu den bekanntesten und erfolgreichsten Kinderchören Deutschlands zählt.

 Da die meisten Jungen aus Dresden und Umgebung vor allem im Dresdner Kreuzchor und in dem, von einem ehemaligen Kruzianer gegründeten, Knabenchor Dresden singen, bleiben für den Philharmonischen Kinderchor nur sehr wenige Knabenstimmen, die naturgemäß den Gesamtklang kaum beeinflussen können, so dass der Klangcharakter des Chores, der den ersten Programmteil bestritt, dem eines Mädchenchores entspricht.

Während andächtig mit „Nun komm, der Heiden Heiland“ aus „Achtzehn Choräle von verschiedener Art (BWV 569) von J. S. Bach an der Orgel von Denny Wilke auf das Konzert eingestimmt wurde, zog der Philharmonische Kinderchor sehr diszipliniert und lautlos ein. Unter der Leitung von Gunter Berger, der beide Chöre leitet, sang er sehr sicher und tonrein a capella eine andere Vertonung dieses Themas in einem Satz von Michael Praetorius (1571-1621) und anschließend weitere A-capella-Sätze wie die Volksweise (vor 1850) „Maria durch ein Dornwald ging“ (Satz: Armin Knab) sowie „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ und – nach einigen geistlichen Kompositionen – „Der Mogenstern ist aufgegangen“ (beides im Satz von Praetorius).

Beim „Angelus ad Pastores ait“ von Claudio Monteverdi (1567-1643) aus „Sacre cantiuncuae liber primus“ bewiesen die jungen Sängerinnen und Sänger unter 18 Jahren, dass sie auch die polyphone Linienführung in mehrstimmigen Sätzen beherrschen. Der hohe musikalische Anspruch des Chores und seine professionelle Qualität ergeben sich aus seiner engen Anbindung an die Dresdner Philharmonie. Sein vielfältiges Repertoire reicht von der Renaissance bis zu Werken des 21. Jahrhunderts, einem besonderen Anliegen des Chores, das u. a. auch in der exakten Wiedergabe des „Magnificat“ von Javier Busto (*1949) und „Halleluja und Gloria“ von Rudolf Klein (1921-2011) zum Ausdruck kam. Ergänzt wurde das weihnachtliche Programm durch „Carol of the Bells“ von Mykola Leontvich (1877-1921).

Sehr schön verbanden sich die jungen Stimmen mit Orgel und Streichern der Dresdner Philharmonie bei „Laudate pueri Dominum“ von Michael Haydn (1737-1806), das kompositorisch den Werken seines berühmteren älteren Bruders Joseph Haydn nicht nachstand und die bisher streng geführten jungen Stimmen lockerer und gelöster erscheinen ließ. Es war gleichzeitig der eindrucksvolle Abschluss des 1. Teiles, dem der 2. Teil mit dem „Weihnachtsoratorium“ von Homilius folgte, getragen vom Philharmonischen Chor und der Dresdner Philharmonie sowie vier Solisten.

Homilius‘ Kompositionen sind weniger schwer auszuführen als die von Bach, aber sehr klang- und wirkungsvoll, weshalb sie seinerzeit sogar die Bachs an der Thomaskirche in Leipzig ablösten. Ihre unmittelbare Wirkung, die auf einer geschickten Verbindung und Vermischung von anspruchsvoller Musik und Volkstümlichkeit beruht, ist beachtlich. Sie ist sehr eingängig, bewegt Herz und Gemüt, gibt jedem etwas, ohne jemals fad zu wirken. Homilius verstand es, mit weniger Mitteln eine große klangliche Wirkung zu erreichen.

Die Philharmonie bildete mit ihren Streichern das sichere und klangschöne Fundament. Nur der dumpfe Klang des Horns wirkte irgendwie ungewohnt und wollte als „ständige Begleitung“ der beiden, von Benedikt Kristjánsson mit Engagement gesungenen, Tenor-Arien nicht so recht passen. Mit guter instrumentaler Begleitung konnte sich hingegen Tobias Berndt mit seiner noblen Stimme und perfekten Technik und Gestaltung bei der einzigen Bass-Arie entfalten. Mit schöner Stimme und Kondition sang auch Anna Palimina die mit Rezitativ, Accompagnato und großer Arie dominierende Sopranpartie, nur konnte man leider kein Wort verstehen, aber zum Glück waren die Texte im Programmheft abgedruckt. Die kurze Altpartie wurde von Ursula Hesse von den Steinen gesungen. Chor und Orchester gaben den nicht nur sehr sicheren und zuverlässigen, sondern auch klangschönen Rahmen.

Das aus 12 Nummern bestehende „Weihnachtsoratorium“ von Homilius mit dem üblichen Wechsel zwischen Soli und Chor, begleitet vom Orchester, ist nicht unmittelbar mit dem  hohen Niveau J. S. Bachs zu vergleichen. Es ist anders, entstammt einer anderen Zeit, aber es war interessant, dieses Werk kennenzulernen, das mit seiner ansprechenden Klangschönheit die Gemüter bewegen kann.

 Ingrid Gerk

 

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