Der Neue Merker

Dresden / Semperoper: UMJUBELTES KLAVIERREZITAL DES KAPELL-VIRTUOSEN DENIS MATSUEV

Dresden / Semperoper:  UMJUBELTES KLAVIERREZITAL DES KAPELL-VIRTUOSEN DENIS MATSUEV – 8.10.2017

Er kam, sah und siegte –  Denis Matsuev, der Capell-Virtos der Sächsischen Staatskapelle Dresden in dieser Konzertsaison. Spätestens seit er am 17. Juni dieses Jahres beim Open-Air-Konzert der Staatskapelle, „Klassik Picknickt“, für den erkrankten Lang Lang eingesprungen war, ist er in Dresden bekannt und so beliebt, dass die Dresdner und Gäste der Stadt die Semperoper bis in den letzten Rang füllten – in letzter Zeit eine Seltenheit bei Soloabenden und Matineen. Seit er beim Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau den 1. Preis erhielt, stehen ihm die Türen der großen Konzertsäle weit offen.

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Denis Matsuev vertieft sich in die Intentionen des Komponisten. Copyright by Matthias Creutziger

Die Bühne der Semperoper betrat er resoluten Schrittes, verneigte sich kurz, setzte sich ans Klavier und fing sofort mit seinem Spiel gedanklich die Atmosphäre „Am Kamin“ im 1. Teil „Januar“ der „Jahreszeiten“ (op. 37) von Pjotr I. Tschaikowsky ein. Wer denkt bei den „Jahreszeiten“ nicht an Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ oder Joseph Haydns berühmtes Oratorium? Schon aus diesem Grunde war es erfreulich, diesem, im Konzertsaal kaum zu hörenden Zyklus für Klavier zu begegnen.

Bei Tschaikowskys Streifzug durch das Jahr ging Matsuev auf die Spezifik eines jeden der 12 Charakterstücke ein, deren Bezeichnungen einem Monat entsprechen und damit Programm sind, ob nun im „Februar“ mit dem ausgelassenen „Karneval“, dem „März“ mit dem „Lied der Lerche“, … dem „Juni“ mit der „Barkarole“, … dem „September“ mit der „Jagd“ usw. bis hin zum „Dezember“ mit „Weihnachten“, den er mit einem fröhlichen musikalischen „Schwänzchen“ ausklingen ließ, ein wenig schalkhaft, vielleicht eine überlegene Geste im Rückblick auf das etwas biedere, zugrunde liegende Programm für einen Kalenderzyklus, das nicht Tschaikowskys Idee entsprach, sondern dem Wunsch seines Verlegers.

Wie sehr sich Matsuev in Gedanken und Musik jedes Stückes vertieft, das er gerade in intensiver Gestaltung zwischen Energie und Sensibilität unter seinen Händen entstehen lässt, ist nicht zuletzt auch an seinem Gesichtsausdruck abzulesen, in dem sich seine Gedanken und Emotionen jedes Details wiederspiegeln.

Äußerlich betrachtet, erinnert er in Mimik und Gestaltung an den legendären Emil Gilels, aber er ist Matsuev, eine eigenständige, starke künstlerische Persönlichkeit. Er vertieft sich ganz in jede Musik, mit der er die Gedankenwelt des Komponisten aufleben und neu erleben lässt, sie in die Gegenwart holt, ohne die charakteristischen Eigenschaften der Komposition und die Persönlichkeit des Komponisten zu vernachlässigen. Seine Anschlagskultur reicht vom kraftvoll-kernigen Forte und Fortissimo ohne Härten bis zum feinfühligen, klingenden Piano und Pianissimo. Sein Spiel reicht von extremer Virtuosität bis zu feinnervigem Gefühl. Selbst bei großer Virtuosität mit blitzschnellen Passagen in sich übersteigerndem Tempo ist sein temperamentvolles Spiel von bestechender Transparenz, da geht kein Ton verloren.

Er ist kein Freund von längeren Pausen, weder zwischen den einzelnen Sätzen, noch zwischen den Stücken, und seien sie auch sehr unterschiedlicher Natur. Er geht „gleich zu Sache“, aber vor Ludwig van Beethovens „Sonate Nr. 31 AsDur“ (op. 110) legte er doch eine längere Besinnungspause ein und wartete in Ehrerbietung geraume Zeit. Das andachtsvoll und mucksmäuschenstill lauschende Publikum – man hätte die berühmte Stecknadel zu Boden fallen hören können – sog jeden Ton seiner intensiven Interpretation ein. Am Ende flammte Jubel auf. Das Publikum bedankte sich mit stürmischem Applaus.

Als kleines, feines „Intermezzo“, das wie eine Brücke zwischen vergeistigter Beethoven-Interpretation und höchster Virtuosität erschien, spielte Matsuev die „Méditation“ (op. 72 Nr. 5) von P. I. Tschaikowsky.

Danach war er ganz in seinem speziellen Element bei der „Sonate Nr. 7 BDur (op. 83) von Sergej Prokofjews. Er „durchlebte“ auch diese Musik und das Publikum konnte ihm mühelos folgen. Bei aller „überschäumenden“ Virtuosität zeigte er auch hier großes Verständnis für das Werk. In opulentem Klangrausch, mit technischen „Hexenkünsten“ trieb er die Virtuosität auf die Spitze. Es war musikalische „Schwerstarbeit“, nach der er abrupt die Bühne verließ, … aber er kam wieder und ließ sich nicht lange um Zugaben bitten.

Bereitwillig setzte er sich wieder an den Flügel für die 1. Zugabe und ließ mit Anatoli Ljadow (1855–1914) „liebliche Glöckchen erklingen“, mit der 2. Zugabe Sibelius‘ Klänge „fließend“ über die Tasten gleiten, widmete sich noch einmal L. v. Beethoven bei der 3. Zugabe und frönte schließlich mit der 4. Zugabe seinen beiden großen Leidenschaften. Auf Edvard Grieg, seinem Lieblingskomponisten, baute er seine jazzige Improvisation auf, mit der er noch einmal seine enorme Virtuosität Revue passieren ließ.

Bei ihm hatte auch die „Morgenstund‘ Gold im Mund“ bzw. der Vormittag „Gold“ in Kopf und Händen. Selbst die Reihe von Zugaben zeigte noch einmal seine Vielseitigkeit vom feinsten nuancierten Spiel über vergeistigtes Vertiefen in Beethovens Werk bis zu extremer Virtuosität mit furiosem Glissando, dem (volkstümlichen) Inbegriff pianistischen Könnens.

Ingrid Gerk

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