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DRESDEN: Semperoper: SONDERKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT EHRENDIRIGENT HERBERT BLOMSTEDT UND MARTIN HELMCHEN

Dresden / Semperoper: SONDERKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT EHRENDIRIGENT HERBERT BLOMSTEDT UND MARTIN HELMCHEN – 16. 12. 2017

Es war ein relativ kurzes, aber sehr nachhaltiges und festliches Konzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, das der unermüdliche Herbert Blomstedt an zwei Tagen dirigierte und das als Aufzeichnung am 2. Weihnachtsfeiertag im Hörfunk gesendet wird (26.12., 20.05 Uhr, mdr Kultur). War Blomstedt schon beim Symphoniekonzert der Staatskapelle im Juli dieses Jahres (2.7.2017) anlässlich seines 90. Geburtstages fit und agil, so war er es jetzt erst recht bei diesem Sonderkonzert.

Elastischen Schrittes betrat er die Bühne und „stand“ das gesamte Konzert im wahrsten Sinne des Wortes „durch“, während er bei dem damaligen Konzert mit Beethovens „Klavierkonzert Nr. 1 und Bruckners „Symphonie Nr. 4“(„Romantische“) verständlicherweise eine kleine Sitzgelegenheit bevorzugte, um dann das Konzert mit temperamentvollen Armbewegungen zu leiten.

Jetzt standen „nur“ zwei Werke von Wolfgang Amadeus Mozart in C-Dur auf dem Programm, das „Klavierkonzert C-Dur“ (KV 503) und die „Symphonie C-Dur (KV 551) „Jupiter“, wenn das kein optimistischer Bezug ist!

Der Solist in Mozarts Klavierkonzert war Martin Helmchen. Er gab schon viele Konzerte mit namhaften Orchestern, wie den Wiener Philharmonikern, den Berliner Philharmonikern, dem Orchestre de Paris, dem London Philharmonic Orchestra und vielen anderen, war Artist in Residence bei der Dresdner Philharmonie unter Michael Sanderling und gab jetzt sein Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle, wo er begeistert aufgenommen wurde.

Trotz seiner Jugend (* 1982) – im Verhältnis zu Blomstedts gesegnetem Alter – verfügt er über eine ungewöhnlich hohe musikalische Reife. Der Maestro und er bewegten sich auf gleicher „Wellenlänge“, zwei sehr schlicht erscheinende Menschen, fernab aller Äußerlichkeiten, denen es ausschließlich um die Musik geht. Sie verstehen sich als „Diener“ dieser Kunst.

Zu Helmchens Mentoren gehörte u. a. auch Alfred Brendel, mit dem ihn die Ernsthaftigkeit und das tiefe, selbstlose Versenken in die Musik verbindet. Mit brillantem, besonders klangvollem Anschlag und vollendeter Technik, die ihm nie Selbstzweck ist, nie vordergründig erscheint, vertiefte sich Helmchen ganz in Mozarts Musik. Seine versierte Technik ist für ihn das Fundament, auf dem er seinen Gedanken und musikalischen Empfindungen, dem „höheren Ziel der Musik“, das ihm ein Anliegen ist, Ausdruck verleiht.

Ohne veräußerlichte Effekte, wie man sie derzeit leider oft – zu oft – erlebt, geht der „Philosoph am Klavier“, wie er genannt wurde, konsequent seinen eigenen, sehr erfolgreichen Weg. Für ihn ist „Musik der schönste und höchste Ausdruck von etwas Unaussprechlichem“, „die Berührung mit etwas Transzendentem“, auch in Hinsicht auf eine christliche Orientierung. Er vertieft sich ganz in die Musik, lässt den Komponisten „sprechen“ und die aufmerksam Zuhörenden miterleben. Für sie ist sein Spiel „göttlich“ und eine „Offenbarung“, nicht nur ein Hörgenuss, sondern auch und vor allem ein geistiges und vergeistigtes Erleben. Das zu vermitteln, „was man nicht in Worte fassen, nur spüren und nachempfinden kann“, ist für ihn das höchste Ziel.

In seinem ganz persönlichen Stil, fernab aller Modeuntugenden, nicht „verkopft“, sondern verinnerlicht und den Intentionen des Komponisten nachspürend, baut er eine eigene, interne Welt mit persönlichem Bezug auf, lässt sich von der Musik inspirieren, hört in die Tiefe und lässt das alles die aufmerksamen Zuhörer miterleben. Er lässt die Musik „sprechen“, scheinbar selbstverständlich, aber es gehört viel „handwerkliches“ Geschick, eine ausgefeilte Technik und, neben musikalischem Empfinden auch eine intensive geistige „Auseinandersetzung“ mit dem Werk dazu.

Seine Interpretation ist logisch aufgebaut. Mit hoher Musikalität, gesundem musikalischem Empfinden, feinsinnig ausdrucksvollem Anschlag und selbstverständlicher Klarheit lotet er nicht nur alle Facetten des Werkes in schönen Kontrasten aus, von der großen Linie mit „massiven“ Passagen im kraftvollen Forte bis ins feinste, sensibel nachempfundene und liebevoll gestaltete Detail im Piano oder fast verhauchenden Pianissimo – stets mit Blick auf die großen inneren Zusammenhänge, in die sich auch die bravourös und sehr stilvoll im gleichen Sinne gestaltete Kadenz einfügte. Bei aller, nie vordergründigen Virtuosität geht in schöner Transparenz kein Detail verloren, auch nicht das kleinste, und es geht kein Ton verloren, auch nicht der leiseste.

Blomstedt sorgte für eine nicht unbedingt zurückhaltende Orchesterbegleitung, sondern ließ auch hier sein Temperament „spielen“, aber stets als guten Gegenpart im Dialog mit dem Solisten, dem er die nötigen Freiheiten für seine „Meditation“ mit Mozart ließ. Beide verstanden sich emotional, auch ohne äußerlichen Kontakt.

Das begeisterte Publikum ließ Helmchen nicht ohne Zugabe gehen, und er bedankte sich mit den Worten „noch einmal Mozart“ und einer ebenso feinsinnig und mit einigen sehr sinnvollen Verzierungen gespielten Zugabe des Salzburger Meisters.

Nach diesem intensiven Mozart-Erlebnis, war es gut, mit einer temperamentvollen, jugendlich frischen (!) Wiedergabe der „Jupiter-Symphonie“ bei Mozart zu bleiben. Blomstedt setzte forsche Akzente, ohne den Charakter des Werkes zu verändern. Er blieb Mozart treu. Die Streicher und Bläser musizierten mit Hingabe und Feingefühl. Es gab sehr feine, liebliche Passagen mit Charme und immer auch wieder Passagen, bei denen Blomstedts (jugendliches) Temperament durchkam.

Blomstedt dankte den Musikern der Staatskapelle, indem er jedem Streicher in seiner Nähe die Hand schüttelte, ging dann weit nach hinten ins Orchester, um sich bei einzelnen Bläsern zu bedanken und wiederholte noch einmal seinen Dank bei den Streichern. Es war Herzlichkeit auf beiden Seiten. Seinen Blumenstrauß schenkte er als charmanter Kavalier einer Geigerin als Stellvertreterin für das gesamte Orchester.

Ingrid Gerk

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