Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: SCHWANENSEE – eine etwas andere Version

Dresden / Semperoper: „SCHWANENSEE“ – EINE ETWAS ANDERE VERSION 10.3.2017

Es ist wohl das bekannteste und beliebteste abendfüllende Ballett überhaupt: „Schwanensee“ von P. I. Tschaikowsky, schon wegen seiner beiden „Weißen Bilder“, obwohl es auch bei anderen großen Handlungsballetten wie „Giselle“, „La Bayadère“ u. a. ein großangelegtes „Weißes Bild“ gibt.

Bei „Schwanensee“ ist es zum Inbegriff der klassischen Ballettkunst geworden. Kaum jemand kann sich dem optisch-ästhetischen Reiz entziehen, wenn die „Schwäne“ in klassischer Ballettformation auftreten (1. Akt, 2. Bild) oder in aufgelockerter, sehr natürlich anmutender Choreografie, fast an echte Schwäne erinnernd, aufgeregt um den See „flattern“ (2. Akt, 2. Bild). Fast jeder meint Handlung und Choreografie dieses Ballettes zu kennen. Was Wunder, dass es da seitens der Choreografen immer wieder Versuche gibt, beides etwas zu variieren, noch interessanter und spannender zu gestalten.

Aaron S. Watkin und Francine Watson Coleman modifizierten und erweiterten die gewohnte Handlung nach den originalen Quellen. Sie bauten eine „Vorgeschichte“ als Mise en scène (Watson Coleman) ein, in der Odette ihre wahre Herkunft und ihr Schicksal erzählt.  Odettes Mutter, eine gute Fee, erscheint mit ihrem Prinzen und auch die Großmutter, deren Tränen den (Schwanen-)See gebildet haben, als ihre Tochter, kurz nach Odettes Geburt verwitwet, Baron von Rotbart heiratete, der sie als böser Zauberer zugrunde richtete.

Für den Schluss, für den es je nach Inszenierung mehrere Varianten gibt, entweder einer von beiden, Siegfried oder Odette sterben, oder beide leben glücklich bis an ihr Lebensende, gibt es hier eine weitere Variante. Obwohl Siegfrieds Schwur durch die Verführung des  Schwarzen Schwanes gebrochen wurde und die Liebe dem Untergang geweiht zu sein scheint, vermag Rotbart das Band wahrer Liebe nicht zu zerreißen und die auf ewig füreinander Bestimmten zu trennen. Die Großmutter ruft sie in den See, der vom Ort der Tränen zum Ort der Liebe wird, „wo sie vereint sein können bis in alle Zeiten“.

Watkin verlegte bei seiner Inszenierung die Handlung nach Sachsen in ein Schloss, das an die spätgotische Albrechtsburg in Meißen (?) mit ihren neoromantischen Wandmalereien erinnert und sich in den, im wahrsten Sinne des Wortes märchenhaften, stimmigen Bühnenbildern von Arne Walther und stilvollen Kostümen von Erik Västhed zwischen Mittelalter und Romantik in künstlerisch abgestimmter Farbigkeit wiederspiegelt.

Einfach genial, wie sich im Bühnenvordergrund knochige, alte Baumstämme wie zu einem Spitzbogen eines gotischen Bauwerkes zusammenfügen und mit Blick in die Ferne zum Schwanensee, der mit Hilfe von Videoeffekten „bewegt“ erscheint, in die freie Natur übergehen, so dass ohne große Verwandlungen immer das passende Bühnenbild zur psychologisch durchdachten Handlung entsteht – ein Fest der Farben und Ästhetik, wie es der ursprünglichen Vorstellungswelt der Entstehungszeit entsprechen mag, denn nicht umsonst „flüchtete“ man damals in die Märchenwelt, die viele Möglichkeiten fantastischer Gestaltung bietet.

In gekonnter Weise werden Lichteffekte (Wieland Müller-Haslinger) und geschickte Projektionen (Bastian Trieb) einbezogen, die die Handlung beleben, aufregend und spannend machen – nichts von „verstaubtem“ Ballett-Arrangement. Wenn sich im ersten Bild bereits die fliegenden Schwäne per Video am Himmel zeigen, werden die Gedanken unwillkürlich auf das Kommende gelenkt, oder wenn sich im 2. Bild, halb Natur, halb märchenhafte Handlung, aus der untergehenden Sonne das Schwanenmädchen Odette erhebt, ist das nicht nur Theater, sondern auch, sich aus dem Anblick der Natur entwickelnde, Fantasie. Andererseits kündet später eine rote Erscheinung am Horizont bedrohlich das Erscheinen Rotbarts an.

Watkin, Walther, Västhed, Müller-Haslinger und Trieb ist es gelungen, alle Erwartungen an den „Rahmen“ einer großen Ballettaufführung zu erfüllen und gleichzeitig die traditionellen Formen im heutigen Sinne weiterzuentwickeln, um einen eindrucksvollen Ballettabend zu gestalten.

Da sieht man auch gern über kleine Ungenauigkeiten bei den Tanzenden hinweg, wenn z. B. eine Formation noch nicht hundertprozentig konform ausgerichtet ist, aber jede einzelne Tänzerin ihre Partie beherrscht und mit Anmut umsetzt.

Neben den großen Schwanenmädchen (Kanako Fujimoto, Aidan Gibson, Mariavittoria Muscettola) tanzten im 2. Bild die Jungen Schwanenmädchen (Ilaria Ghironi, Jenny Laudadio, Jia Sun und Natsuki Yamada) sehr hübsch und mit ganzem Einsatz ihren berühmten „Tanz der kleinen Schwäne“, den fast jeder kennt, auch wenn er sonst nicht viel mit Ballett im Sinn hat.

Seit der Premiere (21.11.2009) sind einige Jahre vergangen, haben die Tänzerinnen und Tänzer mehrmals gewechselt. Die bekannten Spitzentänzer haben aus „Alters“gründen oder um ihre persönliche Karriere weiterzuverfolgen, die Companie verlassen. Jetzt rückt eine neue Generation nach, die mit hartem Training und starkem Willen den hohen Ansprüchen gerecht zu werden versucht und sich noch bis zur letzten Vollendung weiterentwickeln kann.

In „Personalunion“ von weißem (Odette) und schwarzem Schwan (Odile) bewältigte Alice Mariani alle Schwierigkeiten überzeugend und mit guter Körperhaltung. In den Hebefiguren und im Pas de deux mit Thomas Bieszka, der seinerseits seiner Rolle als Prinz Siegfried gerecht wurde, schwebte sie leicht in die Höhe und in so manche gekonnte Figur hinein. Als schwarzer Schwan tanzte sie exakt. Man hätte sich lediglich noch mehr impulsive Verführungskünste vorstellen können, aber sie zeigte sehr schöne, schnelle Pirouetten in schier endloser Folge – eine beachtliche Leistung. Bieszka folgte als Siegfried ihrem Beispiel und schloss ebenfalls eine lange Folge von Pirouetten an, wenn auch nicht ganz in dem von ihr gezeigten rasanten Tempo. Er zeigte schöne Sprünge – was macht da eine kleine Ungenauigkeit beim Aufsetzen aus.

„Sein“ bester Freund wurde von Václav Lamparter verkörpert. Mit entsprechender Vehemenz tanzte Gareth Haw den bösen Zauberer alias Baron von Rotbart, und ebenfalls in einer (wesentlich kleineren) „Doppelrolle“, wenn auch in ganz anderer Weise, gestaltete Carola Schwab als bewährte Charakterdarstellerin die verwitwete Fürstin und Prinzenmutter sowie Odettes Großmutter.

Aus der Vielzahl der Tänzerinnen und Tänzer des Corps de Ballet des Semperoper Ballett und des Gastelevenprogrammes der Palucca Hochschule für Tanz Dresden können hier nur einige genannt werden, obwohl sich alle für ihre Rolle sehr engagierten.

Als Bräute für Prinz Siegfried präsentierten sich mit sehr anmutigen Tänzen und beachtlichen Leistungen in immer sehr ansprechenden „Bildern“: die zierliche, grazile Kanako Fujimoto als Ungarische Prinzessin mit zwei synchron tanzenden Begleit-Paaren von jeweils Hofdame und Hofherr (Zarina Stahnke, Ayaha Tsunaki, Joseph Hernandez, Francesco Pio Ricci), Susanna Santoro als Aragonische Prinzessin mit ihren vier Caballeros (Johannes Goldbach, Joseph Gray, Milán Madar, Casy Ouzounis), Jenny Laudadio als Neapolitanische Prinzessin und die temperamentvolle Duosi Zhu als russische Prinzessin mit ihren sechs Hofdamen.

Die musikalische Leitung lag in den Händen von Benjamin Pope, der auf große Lautstärke setzte, was bei den Qualitäten der Sächsische Staatskapelle Dresden und der guten Akustik der Semperoper durchaus nicht nötig gewesen wäre und oft in schroffem Widerspruch zu der feinsinnigen Inszenierung und den anmutigen Bewegungen der Tanzenden stand. Nach einem wunderbar auf die Sensibilität dieser zauberhaften Märchenwelt einstimmenden Beginn mit feinsten Bläsern wurde der besondere Klang der Kapelle, der auch hin und wieder zu vernehmen war, und die zauberhafte Umsetzung der Handlung in Bühnenbild und Tanz „vergröbert“, eine Dramatik, die mitunter gar nicht vorhanden war, hineingelegt und forciert.

So „drehte“ Pope gleich im ersten Bild „auf“ – zu den anmutigen höfischen Tänzen und gemessenen Bewegungen der Agierenden im Schloss. Hier wäre etwas weniger an Lautstärke sehr viel mehr an Wirkung gewesen. Tschaikowskys Musik ist nicht nur temperamentvoll russisch, sondern auch sehr feinsinnig und sensibel.

Die sehr einfühlsamen und technisch gekonnten, sehr umfangreichen Violinsoli (Roland Staumer) unterstrichen hingegen die anmutigen Tänze und leicht dramatische Entwicklung der Handlung mit entsprechendem „Feeling“, gekonnten Doppelgriffen und schönen Kantilenen. Sie bildeten oft eine ideale Einheit mit dem Tanz. Vier echte Trompeter aus dem Orchester stimmten auf der Bühne auf den prächtigen Ball im Schloss ein, bei dem Siegfried eine Braut aus den irdischen Prinzessinnen wählen soll (2. Akt, 1. Bild).

Ursprünglich hatte Watkin nur vor, das 2. Bild des 2. Aktes zu choreografieren, aber die Musik Tschaikowskys und die Choreografien von Iwanow und Petipa haben ihn so inspiriert, dass er weit mehr selbst choreografierte, wobei vom Original das 2. Bild des 1. Aktes nach Lew Iwanow und im 1. Bild des 2. Aktes der Schwarze Schwan und der Pas de troix nach Marius Petipa erhalten blieben. Er lockerte vieles auf und ließ seine Choreografie aus dem Fluss der Musik heraus entstehen, machte vieles natürlicher und romantischer, um eine Fassung zu erstellen, mit der sich die Menschen von heute identifizieren können.

Sehr wirkungsvoll ist die Idee, mit acht schwarzen, von Rotbart angeführten Schwänen, die zur Musik der Weißen Schwäne plötzlich auf dem Ball erscheinen, das Fest dynamisch „aufzumischen“ und so die Täuschung perfekt zu machen.

„In Zeiten, in denen viele Menschen von existentiellen Sorgen betroffen sind“, wollte Watkin „den Dresdnern ein Theatererlebnis bieten, das sie für den Moment der Vorstellung in den Zauber einer anderen Welt eintauchen lässt“ mit dem Ziel einer „mit einem gewissen Respekt vor der Tradition verbundenen und trotzdem aktuell erscheinenden Interpretation“, was ihm voll und ganz gelungen ist.

Ingrid Gerk

 

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