Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: SAISONAUFTAKT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE MIT CHRISTIAN THIELEMANN UND NIKOLAJ ZNAIDER IM 1. SYMPHONIEKONZERT

Dresden /Semperoper: SAISONAUFTAKT DER SÄCHSISCHEN  STAATSKAPELLE MIT CHRISTIAN THIELEMANN UND NIKOLAJ ZNAIDER IM 1. SYMPHONIEKONZERT – 2.9.2017

Unter der Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann eröffnete die Sächsische Staatskapelle Dresden ihre neue Konzertsaison mit Max Bruchs frühem „Violinkonzert g‑Moll“ (op. 26) und der „1. Symphonie“ von Anton Bruckner. Es wurde ein Konzert der besonderen Feinheiten und Klangschönheit in unterschiedlichen Facetten.

Max Bruch und Anton Bruckner waren Zeitgenossen, aber ihre Karrieren und ihre Kompositionen hätten nicht unterschiedlicher sein können. Max Bruch schrieb sein 1. Violinkonzert im Alter von etwa 30 Jahren auf dem Zenit seines Könnens und setzte damit persönliche Maßstäbe, die er selbst nicht ein zweites Mal erreichen sollte. Bruckner musste lange um seine Anerkennung ringen. Die Uraufführung seiner ersten Symphonie in c‑Moll im Linzer Dom konnte lediglich als Achtungserfolg verbucht werden, und sein internationaler Durchbruch ließ noch Jahre auf sich warten.

Bei seiner Interpretation von Max Bruchs oft gespieltem, mitreißendem 1. Violinkonzert, dass seinerzeit so oft gespielt wurde, dass es der Komponist selbst kaum mehr erhören konnte und in einer Xenie ein Verbot desselben forderte, fügte Nikolaj Znaider, ein besonders geschätzter Gastsolist der Sächsischen Staatskapelle, ihr Capell-Virtuos der Saison 2011/12 und schon mehrfach Solist unter Christian Thielemann in den Dresdner Konzerten und auf Tournee, in diesem Konzert eine neue Farbe hinzu. Nach dem leisen, kaum merklichen und doch vernehmbaren Paukenwirbel in zartestem pianissimound dem lyrischen Hauptthema, vorgetragen von den Holzbläsern zu Beginn des als „Vorspiel“ bezeichneten 1. Satzes, begann Znaider, sofort präsent und mit feinstem, gefühlvollem Strich den Solopart, nicht nur mit allen technischen Finessen, sondern mit besonderem Feingefühl, romantisch im besten Sinne, was vor allem auch dem träumerischen, innigen 2. Satz mit seinem gesanglichen, elegischen Hauptthema und dem lyrischen Kantilenen-Spiel besonderen Reiz verlieh.

Seine wie selbstverständlich wirkende Virtuosität kam bei den mühelos gespielten, anspruchsvollen Doppelgriffenund der virtuosenPresto-Stretta zum Tragen, war aber nie Selbstzweck. Ganz anders als bei seinen sonst so kraftvoll-herzhaften Interpretationen ließ er feinstesPianissimo  über die Saiten gleiten, weich und schön, „wie aus einem Guss“ und ohne ins Sentimentale abzugleiten, denn wie es seinem Naturell entspricht, wehte auch ein leiser Hauch von der ihm eigenen Frische und Sachlichkeit verhalten über seine für ihn ungewöhnliche, überaus gefühlvolle Interpretation.

Thielemann beschränkte sich mit seiner temperamentvollen Orchesterbegleitung im Wesentlichen auf die Passagen, in denen die Solovioline schweigt, wie im vorwärtsdrängenden Orchestertutti (Un poco piu vivo) im 1. Satz. Beim Wechselspiel von Solovioline und Orchester – wie in der Reprise dieses Satzes – ging er immer mehr zu einer adäquaten feinsinnigen Orchesterbegleitung über bis zu einem einhelligen Zusammenwirken von Solist und Orchester, bei dem alle Beteiligten mit gleichem Atem dabei zu sein schienen, so fein und gefühlvoll auf beiden Seiten wie es nur sehr selten zu erreichen ist. Solist und Orchester waren eins und vollbrachten einen Hörgenuss der besonderen Art.

Znaider war in seiner Meisterschaft wiederum seinerseitseins mit seiner „Kreisler“ Guernerius del Gesu 1741, die ihm vom königlich Dänischen Theater als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wird, und mit Max Bruchs Meisterwerk, das ohne große Zäsuren zwischen den einzelnen Sätzen aus seinen Händen, der Violine, seinem Gefühl und Verstand „floss“. Man hat ihn in seiner Meisterschaft schon oft auf der Violine erlebt, aber bei diesem Violinkonzert setzte er neue Akzente. Er wuchs ein weiteres Mal über sich hinaus in einer bei ihm bisher noch nicht gewohnten lyrischen Art. Offenbar hatte er sich diese Musik ganz zu Eigen gemacht, sie verinnerlicht und in seine ganz persönlichen Gefühle aufgenommen.

Sehr zur Freude des begeisterten Publikums setzte Znaider mit einer Zugabe für Violine solo, „eine kleine Sarabande h-moll … von … Bach“, wie er etwas zögerlich, offenbar noch ganz in der Gedankenwelt von Bruchs Violinkonzert, ankündigte, noch ein „Sahnehäubchen“ auf seine außergewöhnliche und bei ihm ungewöhnliche Wiedergabe. Seidenweich, geschmeidig und klangschön flossen die melodischen Linien in echt barocker Mehrstimmigkeit ineinander, verbanden sich und trennten sich wieder. Entgegen der sonst mit den enormen technischen Schwierigkeiten „kämpfenden“ Interpretationen erlebte man hier einen klingenden Bach. Znaider setzte nicht nur dessen kompositorische Meisterschaft präzise um, sondern verwandelte sie in Klangschönheit.

Jede Melodie, jede Linie war klar zu erkennen, und doch verband sich alles zu einer klangvollen Einheit. Bei seiner überlegenen Technik konnte es sich Znaider leisten, auch noch viel Feingefühl und Zartheit innerhalb der strengen Grenzen der Kontrapunktik mitschwingen zu lassen. Die Violine „jubelte“ in den feinsten Tönen. So mag es damals zu Bachs Lebzeiten bei dem Geiger geklungen haben, dessen virtuoses Können Bach vermutlich zu seinen„Sonaten und Partiten für Violine solo“ veranlasst hat.

Mit Bruckners „1. Symphonie“ (revidierte Linzer Fassung von 1877) setzt Thielemann seine zyklische Erarbeitung aller Bruckner-Symphonien fort. Fast euphorisch, in straffem Tempo, sehr klar, durchdacht und emotionsgeladen verlieh er auch dieser Symphonie jenen packenden Reiz, der seine vorangegangen Bruckner-Interpretationen zu außergewöhnlichen Höhepunkten werden ließ.

Das sagenhaft feine Pianissimo über den leise „tappenden“ Bässen zu Beginn, das gut herausgearbeitete marschähnliche Hauptthema in den Violinen, das durch Hinzukommen weiterer Instrumente zum Fortissimo gesteigert wurde, die deutlich hervorgehobene Melodiestimme, äußerst präzise Einheitlichkeit der Streicher in technischer Ausführung und musikalischem Verständnis, saubere Bläser und das stimmige Zusammenwirken der einzelnen Instrumentengruppenließen die Aufführung zu einem grandiosen Ereignis werden. Hier kam es „auf die Sekunde“ an. Angespannt bis zur äußersten Konzentration steigerten sich Thielemann und die Musiker in die Musik hinein, gaben sich ganz aus, um die Symphonie so klar und durchsichtig und mit diversen Feinheiten bis in die geistigen Tiefen auszuloten und im Wechsel von temperamentgeladenen Passagen wie die Stürme des Lebens und der Natur und wiederbesänftigenden Partien übergangslos bis zum feurigen Finalsatz mit euphorischem Schluss zu gestalten und Bruckners spezifischem Wesen gerecht zu werden. Langes Schweigen – Bravo –stürmischer Beifall war wohl der schönste Dank des Publikums für dieses musikalische Ereignis.

Es war ein außergewöhnlich beeindruckender und packender Saisonauftakt, der vieles hoffen und erst recht erwarten lässt.

Ingrid Gerk

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