Der Neue Merker

DRESDEN/ Semperoper: LOHENGRIN – mit Netrebko & Beczala

DRESDEN/Semperoper: LOHENGRIN – 19. Mai 2016


Piotr Beczala, Anna Netrebko.  Foto : Sächsische Staatsoper

 Nun ist es also Realität: Anna Netrebko hat ihre erste Wagnerrolle gesungen, und es wurde ein fulminanter Erfolg mit der Elsa im „Lohengrin“ an der Semperoper Dresden unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann. Was an diesem Abend von der Netrebko zu sehen und noch mehr zu hören war, geriet zu einem phänomenalen, ja nahezu fantastischen Erlebnis. Anna hatte mit der Partie nicht die geringsten Probleme. Sie füllte sie mit ihrem leuchtenden, in der Mittellage klangvoll abschattierten und mit bester Technik geführten Sopran in jeder Phase aus und konnte im zweiten und dritten Akt auch großartige Attacken mit blendenden, immer resonanzvollen Höhen gestalten. Die Wagnerwelt ist seit gestern um einiges reicher geworden! Problemlos sollte Anna Netrebko die Eva in den „Meistersingern“ singen können, und ich wage gar zu behaupten, dass selbst die Sieglinde in ein oder zwei Jahren um die Ecke lugen sollte. Nach den Verdi-Rollen, die sie ja in der jüngeren Vergangenheit überwiegend sang, wurde Annas Wechsel in das lyrisch-dramatische Fach mit der Elsa nun nachhaltig offenbar. In diese Richtung sollte ihr Weg weiter gehen. Dass sie die Rolle mit einer intensiven Darstellung, treffender Mimik und großer Empathie angehen würde, konnte man erwarten und wurde dieser Hinsicht gar noch positiv überrascht…

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Anna Netrebko. Copyright: Daniel Koch

Auch ihr Partner Piotr Beczala gab als Lohengrin an diesem Abend sein Rollendebut, und es wurde ebenfalls ein großer Erfolg. Beide bekamen vom Dresdner Publikum frenetischen Applaus. Beczala singt den Schwanenritter mit seinem klangvollen Tenor bei guter Mittellage, auch mit etwas Italianitá, aber einige dramatischen Höhen, wie „dass zum Verrat…“ im 3. Akt und andere gerieten etwas eng. Neben der Netrebko wirkte Beczala auch nicht immer entsprechend durchschlagskräftig. Dass konnte er aber mit dem klangschönen lyrischen Timbre seines Tenors nahezu voll ausgleichen. Wenn man nur wenige Tage zuvor Klaus Florian Vogt in Berlin gehört hat, drängt sich natürlich der direkte Vergleich dieser beiden Weltklasse-Sänger auf, und es ist zu sagen, dass dieser, nachdem seine Stimme zuletzt im unteren Register breiter geworden ist, eine höhere stimmliche und auch darstellerische Präsenz hat. Beczala ging die Rolle zurückhaltender, vielleicht nobler an. Aber das sind alles Bewertungen im nahezu insignifikanten Bereich der wohl besten Rollenvertreter dieser Tage.

Einen weiteren Triumph feierte die in Dresden, ihrem Heimathaus, sehr beliebte Evelyn Herlitzius, die der Ortrud einen finsteren und gar bösen Anstrich gab und mit ihrem auch an den beiden hochdramatischen Stellen „Entweihte Götter…“ und „Fahr‘ heim…“ bestens ansprechenden Sopran tiefen Eindruck hinterließ. Ihre Stimme scheint, zumal in dieser ihr gut liegenden Rolle, etwas ruhiger geworden zu sein, wenn man an die etwas flatterhafte Gesangsweise in der Vergangenheit denken will. Georg Zeppenfeld dokumentierte als König Heinrich einmal mehr, dass er momentan zu den besten Wagnerbässen seiner Generation gehört und aufgrund seines Alters auf viele Jahre wohl so zu hören sein wird. Darstellerisch war er an diesem Abend eine absolute Autorität. Thomasz Konieczny war ein durchschlagskräftiger und absolut höhensicherer Telramund mit einer ebenfalls intensiven darstellerischen Leistung. Allein, sein bisweilen doch recht näselndes, manchmal gequetschtes  Timbre macht sich immer wieder bemerkbar, und es geht wohl über die Frage des Geschmacks hinaus, ob das ins Gewicht fällt oder nicht. An diesem Abend wurde einmal mehr klar, dass Konieczny ein klassischer Heldenbariton ist und damit für den Wotan, vor allem für den „Walküre“-Wotan, stimmlich nicht die beste Besetzung ist. Derek Welton sang einen klangschönen Heerrufer mit einem für die Rolle nahezu heldischem Format, ebenbürtig mit der übrigen Starbesetzung. Die Edlen waren bei Tom Martinsen, Simeon Esper, Matthias Henneberg und Tilmann Rönnebeck (der erst vor drei Wochen in Cottbus noch Philipp II. in „Don Carlo“ sang, siehe Rezension weiter unten) in guten Händen. Der Sächsische Staatsopernchor Dresden und die Herren des Sinfoniechores Dresden e.V. waren unter der Leitung von Jörn Hinnerk Andresen in glänzender Verfassung und wurden meist statisch choreografiert.

Von der Inszenierung dieses „Lohengrin“ durch die „frühe“ Christine Mielitz wurde an dieser Stelle schon viel geschrieben – sie erlebte gestern ihre 112. Aufführung nach der Premiere im Januar 1983! Wenn man ihren Stil in den letzten Jahren kennt, ist der fundamentale Wandel ihrer Ästhetik kaum nachvollziehbar. Wenn man einen Vergleich mit der bildenden Kunst machen will, so könnte man das mit dem frühen und späten Picasso vergleichen… In jedem Falle wurde hier ein „Lohengrin“ nach Wagners Regieanweisungen im Stile etwa eines August Everding oder Otto Schenk inszeniert.

Christian Thielemann am Pult seiner Wunderharfe, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, ließ einen „Lohengrin“ erklingen, der auf höchstem musikalischem Niveau den sängerischen Leistungen auf der Bühne entsprach. Schon das Vorspiel war an Feinheit und Transparenz, aber auch an Dynamik zur Steigerung in die Tutti kaum zu überbieten. Im  weiteren Verlauf erkannte man Thielemanns großes Verständnis für die Sänger, die er in beste Harmonie mit dem wunderbaren Klang, zumal der Streicher und Holzbläser, aus dem Graben brachte. Ein ganz großer Abend an der Semperoper!

Klaus Billand aus Dresden

 

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